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Das STILL Magazin hat große Pläne: Zusätzlich zur Print-Ausgabe des Foto- und Literaturmagazins soll als nächstes eine digitale Plattform entstehen, die den Magazingedanken ins Netz trägt. Marc Holzenbecher, einer der Herausgeber von STILL, erzählt, was genau der Plan ist.

Was wird bei einem digitalen STILL Magazin anders werden? Wird es z.B. Beiträge geben, die nur digital denkbar sind?

Ja, natürlich eröffnet uns das die Möglichkeit, andere Beiträge zu publizieren als in Print. Audioformate, digitale Literatur, Bewegtbilder in der Fotografie. Aber vielmehr wird es das Magazin selbst werden, das digital gedacht wird. „We are constantly evolving our format. In the future we want to open up the structure even more, future issues—same as some works in it—may not be completed or ‚closed‘ at the time of publication. What we are looking for is a format that enables us to rearrange and continue completing issues after their release.“ Statt einer Kopie der Printausgabe in Form eines E-Books oder einer statischen PDF wird das digitale STILL ein flexibles Archiv und Labor zugleich, ein Format, das den Arbeiten vergangener Ausgaben ein Weiterleben und eine Weiterentwicklung erlaubt. Ein lebendiges, anpassungsfähiges Magazin, das—weniger endgültig als in Tinte auf Papier—auch work in progress abbilden kann.

Es ist eine STILL-Drama-Ausgabe in Planung. Soll es, wenn es nach euch geht, weitere Bücher geben?

Die Resonanz auf unser erstes Buch, an dem wir gerade arbeiten, ist herausragend. STILL Drama ist als Beginn einer Serie gedacht und sofern es uns (finanziell) möglich ist, wird es weitere Ausgaben geben!

Was habt ihr in den letzten drei Jahren über das Magazin-Machen gelernt?

Zuzuhören, wach zu sein. Gutes braucht Zeit und Geduld.

Um die Pläne für ein digitales STILL-Magazin in die Wirklichkeit umzusetzen, haben die Herausgeber eine Kickstarter-Kampagne ins Leben gerufen, die gerade auf den letzten Metern ist. Hier kann noch gespendet werden.

Bachmannpreis 2016: Miesmuscheln und Super Mario’s Mushroom Kingdom

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Klagenfurt macht sich warm: Kurz vor dem Start des Jubiläums-Bewerbs eine kleine Linkrundschau zu den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur.

Stefanie Sargnagel, die Kandidatin, von der zur Zeit alle sprechen, hat bereits Anfang Juni in der taz das definitive Bachmannpreis-Interview gegeben: 49 Fragen mit Antworten wie „Ich kann nicht mehr“, „Diese Frage allein macht mich psychisch fertig“, aber auch schon einem kleinen Ausblick darauf, was man bei ihrer Lesung erwarten darf:

Es ist ein Fließtext, den ich zwei Nächte vor der Abgabe geschrieben hab. Er ist ganz anders als Statusmeldungen, weil dazwischen immer: „Dann hab ich das gemacht. Dann bin ich da hingegangen. Der Himmel war grau.“ und sowas kommt.

Als eigentliche Sensation dieses Jahr muss allerdings gelten, dass es der Bachmann-Preis nun endlich auf Facebook und Twitter geschafft hat. Hier wurde die geneigte Crowd bisher vor allem mit bunten Texttafeln angefüttert, die ein Best-Of (oder, je nach Geschmack, Worst-Of) aus 40 Jahren Kritikerbegründungen sammelten. Schönstes Material findet sich da natürlich bei Daniela Strigl, etwa diese meisterhaft lapidare Spitze:

Ansonsten kann man sich durch die Bücherregale der Kandidatinnen und Kandidaten klicken (eher mäßig spannend: Bei Astrid Sozio steht ein SZ-Edition-Band verkehrt herum im Regal, Kandidat Tomer Gardi macht beinahe ein Selfie, Bastian Schneider ist Bibliothek-Suhrkamp-Fan, Sascha Macht besitzt ein lustiges Sparschwein) und, ganz aktuell, Stimmen zur Einschätzung des Wettbewerbs nachlesen („Was war Ihr Impuls, sich für das Wettlesen um den Bachmannpreis zu bewerben?“). Hier räumt Sascha Macht ganz klar ab: Seine glänzende Beschreibung des Wettlesens als „Super Mario’s Mushroom Kingdom der deutschsprachigen Literatur“ hat schon jetzt das Zeug, den von Valerie Fritsch und Ronja von Rönne im letzten Jahr geprägten, viel zitierten Spruch von den „Hunger Games des Literaturbetriebs“ abzulösen.

Autorinnen und Autoren bewerben sich auf Preise und Wettbewerbe aller Art, denn das ist ihre Natur. Wer jedoch zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur eingeladen ist, der weiß, dass er ins Fernsehen kommen wird – und das Fernsehen übt seit jeher eine besondere, nämlich ganz und gar unerklärliche und völlig irrsinnige Faszination auf Autorinnen und Autoren aus. Man könnte aber auch jenen berühmten Satz paraphrasieren, den Peter Hacks einst an Ronald M. Schernikau schrieb: „Falls Sie vorhaben, ein großer Dichter zu werden, müssen Sie nach Klagenfurt; es allein stellt Ihnen – auf seine entsetzliche Weise – die Fragen des Jahrhunderts.“ (Dass Hacks dabei in Wahrheit die DDR meinte, sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden – jedoch spricht ja heutzutage nichts dagegen, dass sich so ein starker Satz durchaus auch für andere Bedeutungszusammenhänge eignet.) Wie zwanghaft man es auch dreht und wendet: Klagenfurt ist und bleibt das Super Mario’s Mushroom Kingdom der deutschsprachigen Literatur. Wir müssen immer dorthin gehen, wo wir nie gewesen sind, wo wir niemals hin wollen oder wo wir schon einmal waren, aber uns nicht mehr daran erinnern können.

Was bleibt sonst noch zu sagen? Anlässlich des 90. Geburtstags von Ingeborg Bachmann und eines immer noch in Teilen recht käsfüßigen Literaturbetriebs vielleicht noch, dass die Werke des „Literaturstars“ aus Klagenfurt (Pressemeldung) nun auch digital im Piper Verlag erscheinen werden. Und Twitterer, aufgepasst: FM4 lobt dieses Jahr erstmals einen Preis für die besten Tweets aus – den „Bacherlmannpreis“ kann gewinnen, wer im Bewerbszeitraum mit dem richtigen Hashtag (#tddl oder #tddl16) in 140 Zeichen kommentiert, Preis sind zwei Eintrittskarten für das Frequency-Festival.

Ungetüme in der Provinz

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Komplex, ausufernd, verschlungen: Der Fuchs von Nis-Momme Stockmann ist einer der ungewöhnlichsten Romane dieses Frühjahrs.

Außerdem ist Stockmann der einzige Autor unter vierzig, der in diesem Jahr für für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist – Grund genug, einen Blick in das 720-seitige Ungetüm zu werfen. Um Ungetüme geht es tatsächlich auch in Der Fuchs relativ oft. Die babylonische Sagenwelt um Tiamat, Abzu und Marduk, die brutal die Herrschaft um den Kosmos ausfechten, bildet den mythisch-rätselhaften Unterboden für eine Geschichte, die eigentlich hauptsächlich in der tiefsten schleswig-holsteinischen Provinz der frühen neunziger Jahre spielt. An der lässt Finn, der Erzähler, kein gutes Haar: Ein Alltag, geprägt von Gewalt und Alkoholismus, wer nicht in das vorgefertigte Bild der Spießbürger passt, wird passend gemacht oder gnadenlos ausgegrenzt. Aber plötzlich geschehen seltsame Dinge, Menschen verschwinden, ein abgetrennter Arm taucht auf, und ein seltsames, kreisförmiges Zeichen scheint irgendwie mit allem in Verbindung zu stehen. Finn, seine Clique und die geheimnisvolle Katja begeben sich auf Spurensuche. Hier ist Der Fuchs Jugendroman, Abenteuerroman, fast Stephen-King-Material in seiner epischen, sich sorgfältig ausbreitenden Erzählweise. Wäre da nicht der dritte Erzählstrang, die eigentliche Gegenwartsebene des Romans, in der es tatsächlich zu einem unerhörten Ereignis gekommen ist: Der Ort Thule, in dem Finn und seine Freunde auch mit Anfang dreißig noch hängen geblieben sind, wurde von einer alles verschlingenden Überschwemmung heimgesucht. Nichts weniger als einen Weltuntergang inszeniert Nis-Momme Stockmann (übrigens vom Fach her Dramatiker) hier, und wie Finn mit immer stärker verschwimmendem Blick auf das Geschehen versucht, die Oberhand über die komplette Auflösung aller vertrauten Zusammenhänge zu behalten, ist ihm virtuos gelungen. Der Romantext fächert sich zwischenzeitlich in bis zu sieben parallel notierte Ebenen auf, schweift ab, rückt wieder zusammen – bleibt aber immer, auch bei einem verwegenen Umfang, gut lesbar, ohne komplett auszufasern. Bei einem guten Lesetempo ist das Buch in einer Woche zu schaffen – das gilt nicht für viele Wälzer dieser Größenordnung. Ob die Jury in Leipzig sich auch so leichtgetan hat? Nächste Woche wissen wir mehr.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs. Rowohlt Verlag 2016, 720 Seiten, 24,95 €

Nis-Momme Stockmann stellt seinem Roman auf der Leipziger Buchmesse im Rahmen von „Leipzig liest“ am 18. März 2016 um 19 Uhr in den Cammerspielen Leipzig vor.

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Süßes Schlachthaus, mon amour

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Sascha Macht scheut in seinem Debüt auch die skurrilsten Einfälle nicht – ein Roman wie ein Wimmelbild.

Ein Autor schickt seinen Protagonisten auf eine Reise: Einmal quer über seine Heimatinsel muss der siebzehnjährige Bruno Hidalgo. Diese Insel ist in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach US-amerikanischen Atombombentests aus dem Meer aufgetaucht und seitdem Schauplatz utopischer Weltentwürfe aller Art. Sascha Macht hat es sichtlich genossen, seinen munter sprudelnden Ideenstrom auf diese fiktive Insel auszugießen: Es gibt Schlösser, Wälder, Canyons, Seen, Sumpfgebiete und Savannen. Generäle, Revolutionäre, Monarchisten, Hippies und Fabeltiere tummeln sich hier, in Dörfchen, Siedlungen, Großstädten.

Dass es da mitunter etwas eng werden kann, ist nicht nur Folge von Sascha Machts überbordendem Einfallsreichtum, sondern gleichzeitig Triebfeder für den Fortgang der Handlung: Bruno Hidalgo begegnet auf seiner Reise ständig Gestalten, die seine Geschicke in eine neue Richtung lenken. Ein aussätziger Preuße, ein durchtriebener Mexikaner und schließlich das südafrikanisch-nordirische Filmregisseur-Pärchen Johnny und Sylvie inklusive deren Sohn Liam. Vage erkennbar wird, dass seine Reise zeitlich mit einem Staatsstreich zusammenfällt, der die politische Ordnung auf der Insel über den Haufen wirft. Sein persönliches Ziel ist aber eigentlich der Besuch der Filmfestspiele in der Hauptstadt, was er, soviel kann man verraten, schließlich auch erreichen wird.

Überhaupt sind die Filme, spezieller: Horrorfilme, denen Bruno Hidalgo sich voll und ganz verschrieben hat, ein schönes Leitmotiv in diesem sämtliche Grenzen sprengenden Roman. Über zwanzig – natürlich fiktive – Regisseure und deren Oeuvre hat Sascha Macht eingebaut, teilweise mit elaborierten Lebensläufen und herrlichen Filmtiteln wie Kontrabassisten – Ledermenschen – Fleischhauer, Bulbin der Zetrümmerer, Schöne Körper, rote Nächte, blinde Würmer oder Süßes Schlachthaus, mon amour.

Sascha Macht: Der Krieg im Garten des Königs der Toten. DuMont Buchverlag, 272 Seiten, 19,99 €

Sascha Macht hat auf der Leipziger Buchmesse geradezu einen Lesemarathon vor sich: Am 17.3. in der Moritzbastei, am 18.3. zweimal auf der Buchmesse und abends im Deutschen Literaturinstitut sowie am 20.3. noch einmal auf der Buchmesse.

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Im Autoscooter der Geschichte

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In der kleinen, feinen Volte-Reihe aus dem Hause Spector Books liegt jetzt der vierte Band vor: Francis Neniks Doppelte Biografieführung fügt sich auf ganz eigene Weise in das Konzept der Herausgeber ein.

Dem Volte-Konzept liegt, wie gleich beim ersten Band, Wolfram Lotz‘ Monologen (hier besprochen), ins Auge sprang, folgendes Vorhaben zugrunde: Texte zu veröffentlichen, die sich keinem eindeutigen Genre zuordnen lassen, etwas Neues probieren und dabei eine ziemliche Portion Eigensinn mitbringen. Sehr gelobt wurde Heike Geißlers Prosa-Reportage Saisonarbeit über die Arbeitsbedingungen beim Internetgiganten Amazon; für begeisterte Reaktionen sorgte die Print-Ausgabe von Lebensgroßer Newsticker aus der Feder von mikrotext-Erfolgsautor Aboud Saeed.

Nun Francis Nenik: Der Band, der nun erschienen ist, versammelt Geschichten von vergessenen Schriftstellern, wobei die ersten beiden Episoden (über Nicholas Moore, Ivan Blatný und Edward Vincent Swart) zwangsläufig zu Fingerübungen verblassen, wenn die raumgreifende Biografie des DDR-Schriftstellers Hasso Grabner beginnt. Hier legt Nenik ein atemberaubendes erzählerisches Talent an den Tag und schickt seine Hauptfigur durch die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Schelmenroman en miniature? Könnte sein – wenn nicht alles wahr wäre, wie die Danksagungen am Ende des Bandes belegen. Grabner erhält in frühen Jahren seine kommunistische Prägung, agitiert Arbeiter in Leipzig, gerät in den Wirren des Zweiten Weltkriegs auf die griechische Insel Korfu, wird mehr oder weniger unfreiwillig mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, hilft nach seiner Befreiung aus dem KZ dem Aufbau des neuen Deutschland in der sowjetisch besetzten Zone, während er nebenbei ein Fernstudium am Leipziger Literaturinstitut absolviert. Dabei eckt er aber immer wieder an, wird strafversetzt, muss von vorne anfangen und bleibt doch seinen kommunistischen Wurzeln bis ans Ende treu.

Nenik erzählt diese wundersame Irrfahrt durch die Geschichte, bei der man sich bisweilen wie im Autoscooter hin- und hergeworfen fühlt, mit einer unerhörten Spritzigkeit: Mal führt er einen fiktiven Dialog mit der personifizierten Geschichte, dann tritt „Frau Futur“ auf oder seine Figuren beschimpfen sich in einem bestechend heutigen Deutsch gegenseitig als „Ärsche“.

Interessant genug, dass dieser Autor bislang kaum von sich reden gemacht hat: Laut Verlagsangaben betreibt er einen Bauernhof in der Nähe von Leipzig und schreibt in seiner Freizeit. Bislang sind neben einigen wenigen Zeitschriftenbeiträgen der experimentelle Roman XO und eine Kurzgeschichtensammlung, die aus Alliterationen besteht, erschienen. Was er wohl als nächstes vorhat? Schwer zu sagen. Aber mit Sicherheit wird es eine faustdicke Überraschung.

Francis Nenik: Doppelte Biografieführung. Spector Books, 2016, 300 Seiten, 14 €

Hallo, weißes Blatt

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Alan Mills ist ein guatemaltekischer Schriftsteller, der nach eigener Aussage das Gedichteschreiben eingestellt hat, nachdem er Twitter entdeckte.

Bei mikrotext sind jetzt, als seine erste deutsche Veröffentlichung überhaupt, gesammelte Tweets von Alan Mills unter dem Titel Die Subkultur der Träume erschienen – ein minimalistisches Mammutwerk von über 700 Seiten. Alan Mills‘ Tweets sind komisch, seltsam und von einer geheimnisvollen Schönheit. Zum Jahreswechsel hier eine Auswahl.

Ich möchte auf eine Party gehen, wo mich niemand kennt. Etwas Spaß haben. Gehen, ohne dass jemand weiß, ob er mich gesehen oder nur geträumt hat.

Vielleicht wollte Kafka nur „La Cucaracha“ tanzen.

Wir sind alle das Monster unter dem Bett von jemand anderem.

Hallo weißes Blatt, ich glaube, ich habe hier etwas für dich.

Es reicht aus, einen Leser zu haben. Erfinde ihn.

Meine Schiffe verbrennen nicht, weil sie aus Feuer sind.

Die weiße Seite ist rassistisch.

Ein Gedicht muss so künstlich wirken wie eine Rose aus Kristall. Aber es muss sich so lebendig anfühlen wie ein warmes Schweineherz.

Wenn ihr genau darauf achtet, seid ihr gerade inmitten des Buches.

Träumen die Schafe von elektrischen Schriftstellern?

Seien wir Hyperrealisten, versuchen wir das Unsichtbare.

Mein Plan B ist genauso wie Plan A, bloß mit gerösteten Maiskolben.

Dies sind meine Hirngespinste. Wenn sie euch nicht gefallen, habe ich andere.

Die weiße Seite ist ein Entwurf für eine Wolke.

Träumen die Haushaltsgeräte von Schriftstellern, die bügeln können?

Könnten alle, die nicht Borges sind, bitte mal die Hand heben?

Das Leben ist das, was passiert, während man nicht den Ulysses liest.

Jeder Tweet ist autobiografisch für den Leser.

Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an den Berg.

Als ich einen Zirkus gründete, rasierte sich die Frau mit Bart.

Ich habe ein Leben wie im Film, aber es ist eine Raubkopie.

Ich habe die Negative meines Gehirns entwickelt: Es ist eine weiße Seite geworden.

Was die Wolke dichtet

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„Es wird wehtun“; „es wird nicht ganz zu kontrollieren sein“: Eingangs Warnungen, wie sich selbst zugesprochen, wussten doch weder Andreas Bülhoff, Martina Hefter, Georg Leß, Katharina Schultens noch Charlotte Warsen so ganz genau, worauf sie sich mit diesem Projekt einließen.

Das Ergebnis mehrerer Workshops, auf dem sich Coding, Poesie und Proben für eine Performance miteinander verschränkten, konnte am 22. November im Berliner Theaterdiscounter begutachtet werden: Dichter unter Hypnose, unter einem Moskitonetz aneinandergekuschelt, dazwischen großflächig Projektionen mit Tanzszenen und Rabenflug und wie zufällig herumliegende Auberginen.

Nun steht – unter Einbeziehung der Performance im Theaterdiscounter und Beteiligung des anwesenden Publikums (so konnten etwa Audiosamples live vor Ort eingesprochen und Chats geführt werden) eine erste Version von Cloudpoesie – Dichtung für die vernetzte Gesellschaft als hybrides E-Book bereit, das gemeinsam vom KOOK-Verein und dem Digitalverlag mikrotext herausgegeben wird.

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Animation: Andreas Töpfer

Und das ist eine echte Augen- und Ohrenweide. Wunderbar verspielte Kurzgedichte („protagon, verzeih“), repetitive experimentelle Textmassen wechseln sich ab mit gewitzten GIF-Animationen aus der digitalen Feder Andreas Töpfers; im Zentrum des Ganzen ein Musical mit Ungeheuern, in dem Gartenroboter Gesänge zu der Frage anstimmen, „warum das Ungeheuer sie schlägt“ – ein derart lustvoller kreativer Overkill kann einem schon einmal die Sprache rauben. Und das klingt dann so: „Wentkräff deren und warkellenener Loger und rene Pass oden A.M., nobote nichteräte anch satundere nach zu inforgume Gras weln sch zu hen S. Menachen von bren Icht den 9 unges kom”)“. Wer will, kann mit Audiosamples das Medium wechseln oder sich durch behutsam gesetzte Hyperlinks gleich wieder in das große Referenzsystem des Internets katapultieren lassen, wo etwa Diagramme zur Theorie des Uncanny Valley lauern. Die Textsorten changieren währenddessen fröhlich vom Kinderreim zur Spielanleitung mit Safeword und mittelalterlichen Rezeptanweisungen, die auf Plinius verweisen; eine Form, ein äußeres Raster scheint immer wieder durch (etwa begonnene Aufzählungen), um aber gleich darauf wieder lustvoll verworfen zu werden.

Ein hemmungsloser, anarchischer Spaß ist hier gelungen, der das Zeug hat, das Feld der Gegenwartslyrik um eine ganze Wagenladung neuer Impulse zu bereichern. Übrigens: Das E-Book war in seiner ersten Version, soviel Geheimniskrämerei muss sein, nur am Abend der Performance erhältlich. Eine bearbeitete Version soll aber in Kürze auf einschlägigem Wege erhältlich sein.