Dunkle Zahlen – Das Lesetagebuch (1/4)

Eine „wilde und manchmal fantastische Erzählung“, ein „schillerndes Mosaik“, ein Roman „so unberechenbar wie die Geschichte selbst“: So wurde Matthias Senkels neuer Roman Dunkle Zahlen in der Frühjahrsvorschau des Verlags Matthes & Seitz Berlin beworben. In Leipzig war man angetan: „Eine anarchische Hommage an den Unernst“ befand die Jury und setzte das Buch auf Nominierungsliste für den Preis der Buchmesse. Für Lothar Müller war in der Süddeutschen Zeitung der Fall klar: Dunkle Zahlen sei nichts weniger als „eines der witzigsten, übermütigsten Experimente in der Gegenwartsliteratur“.

Grund genug, genauer hinzuschauen. Und da Dunkle Zahlen mit etwas unter 500 Seiten ein durchaus ausladender Roman ist, soll dies in den kommenden Wochen in der Form eines Lesetagebuchs geschehen, einer Form, die schon einmal Anwendung fand bei Thomas Pynchons komplexem Cyberspace-Roman Bleeding Edge. Angelegt ist das Lesetagebuch auf vier Teile, der erste Teil behandelt die Seiten 1-113.

Zack, Zack, gebe ich ihre Zahlen ein und tippe, zack, zack noch ein paar dazu, dann läuft die GLM heißer – so viel verstehe ich immerhin von den wundersamen Werken unserer Altvorderen.

Weißer Umschlag, schwarzer Titel, keine Autorenangabe: Kryptisch, „wie ein Rebus“ (Lothar Müller) präsentiert sich die äußere Aufmachung von Dunkle Zahlen. Allein die Rückseite verzeichnet Autor und Verlag, liefert einen kurzen Klappentext sowie einen Blurb von Olga Martynova: „Eine Parabel, die auch vor der Zukunft warnt“. Parabel? Schon ein erster Wink zur möglichen Rezeption? Aber erst einmal das Buch aufgeschlagen – und da folgt auch schon die zweite Irritation: Unvermittelt beginnt ein Textabsatz, in dem ein gewisser Motja von zwei Annuschkas darum gebeten wird, Teewasser für eine größere Gesellschaft aufzusetzen – was er auch prompt tut, indem er in eine nicht genauer definierte Maschine mit dem Namen GLM zwei Zahlen eingibt, worauf diese heißzulaufen beginnt. Die nächste Seite zeigt einen schwarzen Bildschirm mit ein paar Zeilen russischem Programmcode und der Erklärung, dass es sich hier um den Startbildschirm der Literaturmaschine GLM-3 handelt, die quasi auf Knopfdruck „das unvollendete Poem Dunkle Zahlen“ ausspuckt. Und wirklich: Jetzt erst folgen Titelseite, Verlagsangabe sowie der Vermerk „Deutsch von Matthias Senkel“, weiters ein Inhaltsverzeichnis in der Anmutung eines Schaltkreises, und das erste Kapitel „MSMP#01“, das in Moskau am 27. Mai 1985 einsetzt.

Die metafiktionalen Zeichen sind gesetzt: Wir sollen es hier also mit einem computergenerierten Roman in russischer Sprache zu tun haben, der von Matthias Senkel lediglich ins Deutsche übertragen wurde. Eine ziemliche Volte zur Eröffnung! Dafür ist man im ersten Kapitel gleich mitten im Geschehen: Es sind sieben Stunden bis zur Eröffnung der zweiten Internationalen Spartakiade der jungen Programmierer in Moskau, und der Vorsitzende Dmitri Sowakow muss sich mit der unangenehmen Geheimdienstlerin Jewhenija Swetljatschenko herumschlagen, die eine nicht so ganz saubere Abhöraktion zu planen scheint. Ein kurzes Stimmungsbild – dann ist das Kapitel schon wieder zu Ende und wir springen ins Leningrad des Jahres 1948. Hier treffen wir auf den jungen Leonid Ptuschkow, einen wissbegierigen Schüler, der in seinem Notizheft mathematische Operationen improvisiert. Diese lassen Sergei Alexejewitsch Lebedew, Leiter eines örtlichen Labors, aufhorchen und alle Hebel in Bewegung setzen: Dieser Junge braucht einen Studienplatz in Moskau! Zurück im Jahr 1985 muss Mireya Fuentes, die Dolmetscherin des kubanischen Teams der Programmierer-Spartakiade feststellen, dass die Kader-Auswahl zwar in Moskau gelandet, aber aus unbekannten Gründen mit sofortiger Wirkung unter Quarantäne gestellt wurde. Da aufgrund der Zeitverschiebung niemand in Kuba zu erreichen ist und die Zeit drängt, beginnt sie, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Eingeschoben wird nun ein erneuter Rückblick in die Jugend der Geheimdienst-Majorin Jewhenija Swetljatschenko, die sich in einer vorerst nicht näher bezeichneten „nordrussischen Industriesiedlung“ ihre Sporen verdient, nachdem sie schon in ihrer Kindheit ausgeprägten detektivischen Spürsinn bei der Klärung von Nachbarschaftsstreitigkeiten an den Tag gelegt hat. Von Dmitri Sowakow erfahren wir ebenfalls mehr: Dieser arbeitet, bevor er Vorsitzender der Programmier-Spartakiade wurde, an experimentellen Stadtentwicklungsmodellen, die der herrschenden Parteilinie aber zu progressiv erscheinen. In der Konsequenz sieht sich auch Dmitri in die Provinz verschlagen, namentlich einem Arbeitslager, in dem im Akkord Rechenoperationen „für Forschung, Produktion und Verwaltung“ des Landes durchgeführt werden. Dmitris Aufgabe ist es, diese Prozesse zu optimieren und das Lager auf eine bevorstehende Automatisierung der Rechenleistung vorzubereiten. Nach einem enzyklopädieartigen Einschub über den Begriff der „dunklen Zahlen“ und ihre Bedeutungen richtet sich der Fokus wieder auf Leonid Ptuschkow, der mittlerweile am Institut für Angewandte Mathematik in Moskau studiert, wo er sämtliche Komilitoninnen und Komilitonen mit seinem Können überflügelt. Aus dem bequemen Studentenleben reißt ihn jäh ein Einberufungsbescheid – er muss fortan seine mathematische Begabung der Armee zur Verfügung stellen. Kurz bevor er sich zum unfreiwilligen Dauereinsatz verpflichtet sieht, wird er jedoch durch einen Unfall, der ihn für einige Zeit ans Krankenbett fesselt, aus dem Spiel genommen.

Die Hauptfiguren scheinen gesetzt: So ist zumindest zu hoffen, denn schon jetzt fällt es schwer, den Überblick über die verschiedenen Handlungsebenen zu behalten, die Matthias Senkel einführt. Ob und wie diese zusammengeführt werden, ist zu diesem Punkt völlig offen. Die Sowjetunion der fünfziger und achtziger Jahre schildert Senkel mit einem Auge fürs Detail, das intensive Recherche vermuten lässt. Voraussetzungsreich ist sein Schreiben allerdings auch – Begriffe wie „Komsomol“ oder Anspielungen auf das zeithistorische Alltagsgeschehen werden nicht näher erklärt oder kommentiert. Hinzu kommt, dass man Matthias Senkel als Erzähler auch nicht trauen kann: Unversehens montiert er nach Leonid Ptuschkows Studentenjahren nämlich nun das Kapitel „Nachwort“ ein, mitnichten ein Nachwort des Romans, sondern der Schluss einer Biografie über die auf genialische Weise ausgedachte Dichterfigur Gavriil Efimovič Teterevkin (1812-1841), dessen unollendetes Hauptwerk eine Art früher Quellcode für einen Proto-Computer ist, ein „eiserner Golem“, der, so der Plan des Dichters, auf Knopfdruck die gesamte Welt erzählen soll…

Fortsetzung folgt! Der zweite Teil des Dunkle Zahlen Lesetagebuchs erscheint am 22. Februar 2018. Neuigkeiten auch auf Twitter und bei Facebook.

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Ich habe den Krieg mitgebracht

Warsan Shire (via Instagram)

Die Neue Rundschau lädt in ihrer neuesten Ausgabe zur Entdeckung der somalisch-britischen Lyrikern Warsan Shire auf Deutsch ein.

Bekannt wurde Warsan Shire durch ihre Mitwirkung bei Beyoncés Multimedia-Album Lemonade im Jahr 2016: Sämtliche Exemplare ihres ersten Chapbook-Gedichtbands Teaching My Mother How To Give Birth waren wenige Stunden nach der Veröffentlichung restlos ausverkauft: Der zu Lemonade produzierte Film enthielt zahlreiche Zitate daraus. Der nächste Band Extreme Girlhood ist gerade in Vorbereitung. Warsan Shire veröffentlicht auch über Bandcamp: Das Audiobook Warsan Shire Versus Melancholy (The Seven Stages Of Being Lonely) kann man sich für 6 £ herunterladen.

Ihre Texte beschäftigen sich mit den Themen Gewalt, Migration und Weiblichkeit und entwickeln eine große Wucht, sind melancholisch und voller Grausamkeit und bringen die Absurdität von Krieg und Flucht auf den Punkt. In den von Hans-Jürgen Balmes für die Neue Rundschau ausgewählten und übersetzten Texten klingt das so, und das ist ein kleines Ereignis: „Ich glaube, ich habe den Krieg mitgebracht/auf meiner Haut, ein Schleier/um meinen Schädel, Zeug unter meinen Nägeln.“ Oder so:

Ja, ich glaube, Zuhause hat mich ausgespuckt, Stromausfall und Ausgangssperre wie eine Zunge gegen lockere Zähne. Gott weiß, wie schwer es ist, über den Tag zu sprechen, an dem dich deine eigene Stadt am Haar zerrt und zieht, vorbei am alten Gefängnis, am Schultor, vorbei an den brennenden Rümpfen, auf Pfählen gehisst wie Fahnen. Wenn ich andere wie mich treffe, erkenne ich deren Sehnsucht ihr Vermissen die Erinnerung von Asche auf ihren Gesichtern. Erst wenn es ein Haifischmaul ist, verlässt man sein Zuhause. Ich trage die alte Hymne schon so lange im Mund, es ist kein Platz mehr für ein anderes Lied eine andere Zunge eine andere Sprache. Ich kenne eine Scham, die einen verhüllt und vollständig verschlingt, Allah Ceebta, ich brach zusammen und verschlang im Airport-Hotel meinen Pass. Ich bin völlig angeschwollen von einer Sprache, die zu vergessen ich mir nicht leisten kann.

Außerdem in der Auswahl enthalten: Die Texte „Der erste Kuss deiner Mutter“ („Your Mother’s First Kiss“), „Das Haus“ („The House“) und „In der Liebe wie im Krieg“ („In Love And War“). Die beiden letztgenannten sind mit einer Einführung von Sharon Dodua Otoo auch auf hundertvierzehn.de zu lesen.

Einige Originaltexte, darunter „Souvenir“ und „Gespräche über Zuhause (aus dem Abschiebe-Zentrum)“, aus denen hier zitiert wurde, kann man bei Lyrikline nachlesen und von Warsan Shire selbst eingesprochen hören. Die Neue Rundschau 3/2017 ist im Fischer Verlag erschienen, hat 272 Seiten und kostet 15 €.

Servus aus München

Der hochroth Verlag hat sich ein ganz eigenes Konzept überlegt, um als unabhängiger Lyrik-Verlag auf sich aufmerksam zu machen: Statt einem zentralen Verlagssitz gibt es sogenannte „Dependancen“, die sich mittlerweile schon bis Paris erstreckt haben.

Ganz neu in der Familie ist jetzt hochroth München. Die Dependance tritt mit zwei Bänden an: Felix Schiller, der in „regionale konflikte“ Körper und Geografie verschaltet („wo im großen körper ruht unruhe im kleinen?“) sowie Daniel Bayerstorfer, dessen „Gegenklaviere“ zwischen Shanghai und Venedig dem Klassischen nachspüren. Toll die Gestaltung der in Handmanufaktur hergestellten und nummerierten Bände: Ist es bei Felix Schiller eine Landkarte, die analog den Gedichten die Orte des Geschehens mitliefert, zieht sich bei Daniel Bayerstorfer eine Schallwelle durch das Buch, mal dichter, mal weitläufiger, die den musikalischen Gestus bildlich einfängt.

Beide Bände sind unter hochroth.eu zu bestellen und kosten 8 €

Wo die Tramschienen liegen, funkelt es

Sie versucht sich, für etwas zu interessieren. Aber immer, wenn sie sich für etwas interessiert, muss sie an das All denken.

Ist’s Lyrik? Ist’s Prosa? Man konnte Judith Kellers Texte in der Anthologie Lyrik von Jetzt 3 — Babelsprech lesen, in der BELLA triste, in der Edit und beim Literaturwettbewerb New German Fiction, dokumentiert in Veröffentlichungen von Readux Books und dem Verlag Matthes & Seitz. Und ein wenig ist ihre erste lange Buchveröffentlichung, die jetzt in der edition spoken script des Verlags Der gesunde Menschenversand erschienen ist und die simple Gattungsbezeichnung „Geschichten“ trägt, eine Mischung aus allem bisher Dagewesenen: Einige der Kurz- und Kürzesttexte finden sich bereits in ihrem Beitrag, den sie 2010 in der BELLA triste veröffentlicht hat, neu ist nun die Komposition, die die Texte in ein Narrativ bringt, allen voran der jedes der sieben Kapitel mit dem selben Titel abschließende Text „Die höchste Zeit“. Er beschreibt in deutlich surreal gezeichneten Szenen, Stück für Stück, wie eine namenlose Frau, die bereits einen langen Weg hinter sich hat, über Autobahnbrücken, dann durch eine Stadt, offenbar Zürich, hinunter zum See geht. Es ist Nacht, „ein Klimpern liegt über der Stadt, und da, wo die Tramschienen liegen, funkelt es“, sie beobachtet Schwäne, begegnet Polizisten, Bankern und Teenagern, dabei liegt eine unbestimmte Aufbruchsstimmung in der Luft, etwas Großes steht bevor. Selten ist auf so wenig Raum so viel verhandelt worden. Tipp!

Judith Keller: Die Fragwürdigen. Der gesunde Menschenversand, 148 Seiten, 18,50 €

Hallo Bahia!

Eine Plattform, ein Netzwerk, ein Archiv, und im Mittelpunkt die Übersetzung von Texten: Das ist die Edition Bahia. Im Interview stellen sich Clara Sondermann, Karl Clemens Kübler und Peter Wolff aus dem Gründerteam vor.

Was ist euer Wunsch für die Edition Bahia?

Karl Clemens: Unser Projekt ist ein Webportal, auf dem Übersetzer übersetzte Texte auf Deutsch vorstellen können, um neuen Autoren aus der ganzen Welt im deutschsprachigen Raum ein zentrales Medium zu geben und ihre Texte bekannt zu machen. Bahia ist eine Website, die zum Lesen einlädt. Auszüge aus Romanen, kurze Formen und Essays sollen kurz von den Übersetzern vorgestellt und sozusagen als Promotion für den oder die noch unbekannte AutorIn zugänglich gemacht werden. So sollen interessierte Leser, Übersetzer, Autoren und im besten Fall Verlage an einem schönen Ort im Internet zusammengebracht werden. Bahia soll einen Raum schaffen, in dem Übersetzung als eigene Kunstform wahrgenommen wird.

Das heißt, es gibt so einen Raum bisher noch nicht?

Clara: Es gibt so viele Übersetzungen, die nicht gesehen werden. An denen lange gearbeitet wurde, mitunter auch im Rahmen von Werkstätten. Es ist nicht leicht, diese Texte als noch nicht etablierte Übersetzerin an Verlage zu vermitteln. Programme vom Deutschen Übersetzerfonds helfen dabei sehr. Dennoch ist es so: Wenn das so genannte „Alleinstellungsmerkmal“ eines Textes in einer Mail an die von Einsendungen überfluteten Lektorinnen nicht binnen weniger Minuten ausgemacht werden kann ist, besteht das Risiko, dass etwas Gutes in der Versenkung verschwindet. Ich möchte weder jammern noch verallgemeinern; ganz im Gegenteil habe ich gleich viel Verständnis für beide Seiten und könnte viele Gegenbeispiele anführen. Doch warum nicht einen dritten Raum schaffen, der dieser Marktspannung nicht ausgetzt ist. Es gibt sehr viel zwischen Suhrkamp-Übersetzerin ohne Nebenjobs und dem Übersetzer, der ein halbes Jahr lang ein erstes Gedicht übersetzt (und auch von den beiden möchten wir natürlich Einsendungen!).

Natürlich sind wir uns auch der Tatsache bewusst, dem unterbezahlten Übersetzen von Literatur damit nichts entgegensetzen zu können. Es ist natürlich prekär, doch wenn schon so viel Arbeit in einer Übersetzung steckt, die meist auch nicht bezahlt wurde, verdienen Text und Übersetzer doch Sichtbarkeit mit der Aussicht, am Ende von den richtigen Menschen gefunden zu werden.

Es gibt bei Bahia auch einen festen Bildteil. Wie fügt sich dieser in die Idee ein?

Peter: Was ich generell mit den Fotobeiträgen erreichen will, ist derselbe Austausch. Da man als Fotograf natürlich keinen Übersetzer braucht, könnte die Übersetzung darin liegen, dass der Fotograf nicht in seinem Umfeld ist, sondern im Ausland. Kristin ist ja z.B. Deutsche und fotografiert in Rio.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, das Ganze im Internet stattfinden zu lassen?

Karl Clemens: Peter Wolff und ich hatten vor längerem die Idee, gemeinsam eine Publikation zu machen. Er ist Fotograf und ich mache so Sachen mit Text. Irgendwann kamen wir darauf, dass es eigentlich schon genug Magazine gibt, die schön aussehen und auch irgendwie gute Texte bieten. Seit 2015 etwa beschäftige ich mich intensiver mit dem Thema Übersetzung und wollte dem seither eigenes Gewicht geben. Zu uns stießen dann Clara und Alex und wir kamen übereins, dass wir unseren Raum lieber im Internet aufbauen wollen.

Clara: Ich finde, es kann nicht genug schöne Magazine geben. Aber dass Bahia eine Website ist, macht es einfacher, mehr Beiträge zusammenzubringen. Und uns interessiert natürlich auch, was andere machen! Bei Treffen von Übersetzern kriegt man das schon mit, aber das ist uns zu wenig. Wir möchten mitbekommen können, woran die anderen arbeiten.

Gibt es schon ähnliche Projekte in anderen Ländern, plant ihr Kooperationen?

Karl Clemens: So weit sind wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber wir sind in jedem Fall offen für Kooperation.

Auf bahiabahia.de ist am 22. Juli das erste Material online gegangen: Eine Übersetzung von Max Czollek, der Gedichte von Adi Keissar aus dem Hebräischen übertragen hat, ein Fotobeitrag aus Rio de Janeiro von Kristin Bethge sowie die Dokumentation eines Übersetzungsprozesses zwischen Elisabeth Bauer und Nikita Safonov.

Voten für die HOTLIST

Bei PROSANOVA 2017 war sie eine der drei Kandidaten für den Ingebach-Borgmann-Preis der Literaturpreise: Die HOTLIST, die die besten Bücher aus unabhängigen Verlagen präsentiert, geht in eine neue Runde.

Auf der Wettbewerbsseite können ab sofort per Publikumsvoting aus dreißig Kandidaten drei bestimmt werden, die unter die besten zehn kommen sollen – die restlichen sieben werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt. Die spannendsten Kandidaten: Maren Kames mit Halb Taube Halb Pfau aus dem Secession Verlag, die bei Kookbooks erschienene Lyrik-Anthologie all dies hier, Majestät, ist deins, Brigitta Falkners lyrische Graphic Novel Strategien der Wirtsfindung, die vor kurzem bei Matthes & Seitz erschienen ist; unter den Newcomern dieses Mal: ars vivendi aus Cadolzburg mit dem letzten Band einer aufwändigen Neuübersetzung aller Shakespeare-Dramen und GolubBooks aus Karlsruhe mit Srdjan Srdićs aus dem Serbischen übersetzten Kurzgeschichtenband Espirando.

Das Besondere: Der Preis, gegründet von einer kleinen Gruppe von Independent-Verlegern im Jahr 2009 als Gegenveranstaltung zum Deutschen Buchpreis, dient als Aufmerksamkeits-Generator für unabhängige Verlage überhaupt. Deshalb sind auf der Webseite auch alle 184 Kandidaten zum diesjährigen Wettbewerb abrufbar, was einen schönen Katalog der aktuellen Buchproduktion jenseits der großen Konzerne ergibt.

Die Preisverleihung findet übrigens im Rahmen der Frankfurter Buchmesse am Messefreitag im Literaturhaus Frankfurt statt. Und wer die HOTLIST unterstützen will, kann hier Mitglied des Förderkreises werden.

Parlando forte, bitte punktgenau

Wenn Fitzcarraldo am Amazonas auf die Kautschuk-Visionen von Henry Ford trifft, wenn die Bühne von einer spiegelnden Oberfläche aus flüssigem Altöl überzogen wird, wenn ein Zug erst ungebremst durch eine Eislandschaft und dann in ein Hotel rast, dann ist man mittendrin in der Welt von Thomas Köcks Klimatrilogie.

Die Stücke, die sie umfasst, sind in den letzten drei Jahren entstanden, das wohl bekannteste, paradies fluten, hatte Aufführungen bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, in Mainz, München, Stuttgart und Berlin, das neueste, paradies spielen, wird im Dezember im Nationaltheater Mannheim zum ersten Mal zu sehen sein.

Jetzt ist die Klimatrilogie auch als Buch in der spectaculum-Reihe des Suhrkamp Verlags erschienen – ein kleiner Ritterschlag für den Autor, aber auch eine gute Nachricht für Leserinne und Leser: Denn so sehr Stücke wie paradies fluten, jüngst als Gastspiel bei Autorentheatertagen im Deutschen Theater Berlin zu sehen, durch bildgewaltige Inszenierungen beeindrucken, ist Thomas Köck auch ein Autor, bei dem sich der genaue Blick auf den Text lohnt.

Wie die Tochter in paradies fluten mit den Eltern abrechnet, wie Ben und Maggie in paradies hungern per Telefon aneinander vorbei und sich dabei in Rage reden, wie die Passagiere im „ewigen ice der spätmoderne“ sich erst Worte und dann Gepäckstücke an den Kopf werfen: All das formuliert Köck mit einem Gefühl für Rhythmik, Timing und Humor, das auch beim Lesen großen Spaß macht.

Auch die tieferen Schichten der Texte lassen sich durch das Nachlesen noch besser ausloten: Gesellschaftliche Theorie, Analyse der Globalisierung und Beobachtungen aus dem Zentrum des Spätkapitalismus laufen in den Stücken der Klimatrilogie immer mit – unterschwellig oder ganz konkret, wie in paradies spielen, das eine Brandkatastrophe unter chinesischen Billig-Textilarbeitskräften im italienischen Prato im Jahr 2013 verarbeitet.

Natürlich sollte man sich Thomas Köcks Stücke auch weiterhin im Theater ansehen – hier eine Auswahl der nächsten Termine: Seit dem 23. Juni ist paradies fluten in einer neuen Inszenierung im Münchner Volkstheater zu sehen, am 9. September folgt eine weitere Inszenierung im Akademietheater Wien. Die Uraufführung von paradies spielen findet im Dezember im Nationaltheater Mannheim statt.

Ein Telefoninterview mit Thomas Köck anlässlich der Autorentheatertage 2017 kann man sich auf der Webseite des Deutschen Theaters anhören.

Thomas Köck: Klimatrilogie. paradies fluten/paradies hungern/paradies spielen. Suhrkamp Verlag, 314 Seiten, 18 €