Laternenpfähle, Hühner, Weinberge

Am 2. September 2019 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein kleines Porträt über Wolfram Lotz, in dem die Journalistin Theresa Hein den Autoren im Elsass besucht.

Gerade hat Sebastian Hartmanns am Deutschen Theater Lotz‘ neues Stück, das Theatergedicht Die Politiker zur Aufführung gebracht, es geht in dem Porträt aber auch um das Misstrauen gegenüber dem großen Erfolg mit dem Stück Die lächerliche Finsternis und dem Schreiben überhaupt: Ein Zustand, der Wolfram Lotz auf die Idee brachte, ein so genanntes „Totaltagebuch“ zu führen:

Als Lotz im Elsass ankam, 2017, nahm er sich vor, ein Tagebuch zu schreiben, auch
ein bisschen, weil er nicht wusste, was er sonst schreiben sollte. Ein „Totaltagebuch“ wurde es. Lotz stand um acht Uhr morgens auf und schrieb Laternenpfähle, Hühner, Weinberge in das Tagebuch, und alles, was ihm dazu einfiel, mit einer Pause für die Familie am Nachmittag, eine „Wahnsinns-Struktur“, sagt er, „die brauche ich aber einfach. Ich bin jetzt nicht total irre geworden dabei, aber gegen Ende wurde es schwierig“, das gebe er zu. „Irgendwann wusste ich nicht mehr, was ich schon geschrieben hatte und was nicht, oder wem ich was erzählt hatte. Oder was ich jetzt eigentlich geschrieben und was ich nur gedacht habe.“

Stand 2019 gilt das Totaltagebuch als gelöscht: Lotz gibt an, es selbst vernichtet zu haben. Dass es jetzt nun doch als Buch erscheint, erklärt der Verlag mit der Tatsache, dass zumindest ein Teil des Textes in Form einer E-Mail vorliegt, die Wolfram Lotz an einen Freund geschickt habe.

Und nun ist die Heilige Schrift also da, Band 1 jedenfalls. Schwer wiegen die über 900 Seiten in der Hand, luftig typografisch gestaltet kommt dagegen das Äußere daher. Und wagt man sich hinein in das Riesenwerk, gerät man unversehens ins, ja, Schmökern: Kurze Absätze, wenig Interpunktion, Schlag auf Schlag, Hakenschlag auf Hakenschlag lässt sich die Spur von Wolfram Lotz‘ Gedankengängen verfolgen.

Zu Beginn ist es auch die Form selbst, um diese Gedanken kreisen: Soll das Tagebuch womöglich ins Internet gestellt, ein Blog werden? Die technischen Hürden lassen den Autor davor zurückschrecken. Und so ist die Heilige Schrift jetzt ein Blog in Buchform geworden. Ein Twitterfeed ohne Twitter, kurioses Gegenstück etwa zu Jan Böhmermanns Twitter-Tagebuch der Jahre 2009-2020, das der Verlag Kiepenheuer & Witsch 2021 in einer edlen Hardcover-Ausgabe unter dem Titel Gefolgt von niemandem, dem du folgst herausbrachte, oder zu Stefanie Sargnagels Statusmeldungen, die Wolfram Lotz witzigerweise an einer Stelle in seinem Tagebuch liest („schreibmäßig eine Art Buttermaschine“).

Darüber hinaus wächst sich die Heiligen Schrift mit dem zeitlichen Abstand des Jahres 2022 als ein Zeitdokument aus, in dem etwa Feuilleton-Debatten wie der Streit um das Eugen-Gomringer-Gedicht an der Hauswand der Alice-Salomon-Hochschule, politische Dramen wie der Absturz von Martin Schulz, aber auch Fernsehsendungen und Alltagsklatsch konserviert werden. Hier begibt sich Wolfram Lotz zuweilen auf das Terrain von Walter Kempowski, der in seinem Buch Bloomsday ’97 einen Tag lang durch die 37 Kanäle seines Fernsehers zappte und hemmungslos mitschrieb, was vor ihm flimmerte.

Dass die 912 Seiten der Heiligen Schrift durchweg leicht und entspannt zu lesen sind, wäre aber trotz des beeindruckenden Durchhaltewillens des Autoren übertrieben: Oft gerät Wolfram Lotz ins Schimpfen, wütet gegen unliebsame Kolleginnen und Kollegen oder ärgert sich über seine Umgebung. Dann vertraut er dem Tagebuch aber auch wieder die erhebend schöne, stille Momente an, etwa wenn er seine Kinder beim Spielen beobachtet oder Freunde trifft, die er lange nicht mehr gesehen hat.

Und da stößt dann auch das Tagebuch an seine Grenzen: Einer der berührendsten Momente in der Heiligen Schrift ist ein Treffen von Wolfram Lotz und Dorothee Elmiger in Zürich, bei dem der Autor sofort realisiert: „Ich werde das Gespräch hier mit Dorothee nicht aufschreiben, das ist sofort klar/Das soll zwischen uns bleiben, so interessant und schön wie es ist“.

Wolfram Lotz: Heilige Schrift I. S. Fischer Verlag, 912 Seiten, 34 €

Als nächstes wird sich Wolfram Lotz übrigens wieder einer ganz anderen Form widmen: Für die nächste Ausgabe Lesereihe Meine drei lyrischen Ichs am 5. Mai in München ist er mit neuen Gedichten angekündigt.

Stacheldrahtzaun, Drachenstahlhaut

Bettina Wilperts neuer Roman Herumtreiberinnen ist ein Ereignis: Auf drei Zeitebenen erzählt er von Tyrannei, Frauenhass und darüber, was das „Wegsperren“ mit Menschen macht.

Wie schon Nichts, was uns passiert überzeugt auch dieser Roman durch seine genaue, fast strenge Komposition: Während sich die Schlinge um seine Protagonistinnen zunehmend enger zieht, wechselt er virtuos die Ebenen, jede davon wirkt authentisch, ist akribisch recherchiert und auf ihre eigene Weise mitreißend geschrieben.

Es beginnt mit einer lockeren Sommererzählung in der DDR der frühen achtziger Jahre. Die 17-jährige Manja und ihre beste Freundin Maxie schwänzen die Schule, träumen in den Tag hinein, Maxie vom Weltraum, Manja vom Ausreißen. Nicht zufällig teilt sich Manjas Freundin ihren Vornamen mit Maxie Wander, einer österreichischen Schriftstellerin, die in der DDR den berühmten Interview-Roman Guten Morgen, du Schöne veröffentlicht hat: Die durchweg aus der Ich-Perspektive wiedergegebene Handlung hat ebenfalls etwas Dokumentarisches, als hätte Bettina Wilpert reale Person porträtiert: Fiktive Protokollliteratur, gewissermaßen. Dieser kurze erste Teil des Romans endet indes abrupt: Manja wird von der Volkspolizei verhaftet, nachdem sie mit dem mosambikanischen Vertragsarbeiter Manuel in dessen Wohnheim im Bett erwischt wurde und findet sich auf der venerologischen Station in einem Backsteingebäude in der Leipziger Lerchenstraße wieder.

Die Tripperburg heiße nicht umsonst Tripperburg, sagte sie, der Mann nickte. Ich stehe unter Verdacht, eine Geschlechtskrankheit zu haben, man würde mich gleich untersuchen auf Gonorrhoe und Streptokokken und so weiter, alles was solche wie ich eben hätten. Was Untersuchung bedeutete, erklärten sie mir nicht. Sie sagte: Laut Paragrafen soundso sei es gesetzeswidrig, Geschlechtskrankheiten zu verbreiten; ein Luftzug brachte einen Geruch in den Raum, der mich an Birnen erinnerte. Alle Geschlechtspartner von mir müssten ebenso untersucht werden, bekämen eine Vorladung, ich solle ihre Namen nennen, für ihre Gesundheit. Ich sagte nichts. Appellieren hilft bei der nichts, meinte die Frau zu dem jungen Mann gewandt, als könnte ich sie nicht hören. Ich wiederholte, ich hatte noch nie Geschlechtsverkehr. Sie seufzten, sie legten den Stift auf das Blatt, legten das Blatt in einen Ordner, klappten den Ordner zu. Sie führten mich in einen anderen Raum, ich fror unter dem grauen Kittel.

Im zweiten Teil des Romans folgt zunächst ein Sprung ins Jahr 2001, wo Robin, die nächste Hauptfigur, die wir auf ihrem Weg begleiten werden, die Ereignisse des 11. September und den Einmarsch der USA in Afghanistan erlebt. Es ist nur ein kurzer, aber einschneidender Augenblick der Politisierung für Robin, das nächste Mal treffen wir sie erst 2015 wieder, als sie sich mit der Situation der vor dem Krieg in Syrien Geflüchteten zu beschäftigen beginnt.

Doch zuvor zieht Bettina Wilpert noch eine weitere Zeitebene in den Roman ein, und der Fokus schwenkt auf das Frühjahr 1945: Lilo ist die Tochter kommunistischer Widerstandskämpfer, deren Zelle aufgeflogen ist, wird nach dem Prozess von ihrer Familie getrennt und durchläuft eine Gefängnisodyssee, die sie schließlich in dasselbe Gebäude in der Lerchenstraße führt, wo auch knapp vierzig Jahre später Manja einsitzt.

Herumtreiberinnen sind drei Romane in einem – und das auf nur knapp 260 Seiten. Tief beeindruckend schafft es Bettina Wilpert, den Wegen ihrer drei sehr unterschiedlichen Hauptfiguren zu folgen und erzählt leidenschaftlich vom Schrecken des Naziregimes, den grauen achtziger Jahren in der DDR und einer Gegenwart, in der Robin zwischen Tinder-Matches und Büro-Alltag langsam die wechselhafte Geschichte des Gebäudes in der Lerchenstraße entdeckt.

Dieses ist nämlich, mittlerweile haben wir 2016, nun saniert und zu einer Unterkunft für geflüchtete Menschen umfunktioniert worden; Robin, die, obwohl mit ihrem Studium in Sozialer Arbeit unzufrieden, auf Jobsuche war, arbeitet in der Verwaltung und entdeckt bei Kellerarbeiten bergeweise Akten aus der DDR-Zeit.

Manjas Erlebnisse in dem von Stacheldraht eingefassten Backsteingebäude der venerologischen Station („auf der Mauer sehen wir Stacheldrahtzaun und denken: Drachenstahlhaut“, heißt es einmal), die in den drei Zeitebenen des Romans die Mitte einnehmen, sind auch so etwas wie das Herzstück von Herumtreiberinnen. Auch ist nur dieser Teil durchweg aus der Ich-Perspektive erzählt, was die Ungerechtigkeiten, die Manja widerfahren, beim Lesen noch näherkommen lässt – seien es die sadistischen, aus medizinischer Sicht unnötigen Morgenuntersuchungen, denen sich jede Insassin unterziehen muss, oder die brutale Hackordnung der Gefangenen untereinander. Es wird immer klarer, dass der vorgebliche Grund, der Schutz der Gesellschaft vor Geschlechtskrankheiten, nur mehr Mittel zum Zweck ist, unerwünschte oder abweichlerische Frauen wegzusperren und sie für ihr Zuwiderhandeln gegen die staatliche Ordnung zu bestrafen. Am frappantesten wird das bei der Geschichte Marions, einer Mitgefangenen deutlich, die als Edelprostituierte zunächst von der Stasi als nützliche Informantin eingesetzt wird, dann aber eine weitere Zusammenarbeit verweigert und ebenfalls in der Lerchenstraße zwangseingewiesen wird.

Es sind kleine Binnenerzählungen wie diese, die Bettina Wilpert besonders gut gelingen: Auch in der Zeitebene um Lieselotte Kramer, der Tochter des kommunistischen Widerstandskämpfers, die sich zäh darum bemüht, auch politisch tätig werden zu dürfen und erst ganz am Ende ihrer Geschichte in der Lerchenstraße inhaftiert wird, verarbeitet Wilpert zahlreiche, Alltagsepisoden, die ein faszinierendes Kolorit Leipzigs in der Zeit des Zweiten Weltkriegs bilden.

Da empfand Lilo zum ersten Mal Wut auf die Eltern – und die Nazis. Sie war zehn und wurde nach wie vor nicht ernst genommen und in die Geheimnisse der Erwachsenen eingeweiht. Wann würde die Mutter sie endlich als Gleichberechtigte behandeln? Sie war sauer auf ihren Vater, dass er vor ihnen geflohen war. Sie verstand immer mehr von Politik, durchschaute noch nicht alles, wusste immerhin, dass die Nazis ihr ihren Vater genommen hatten, diese Schweine. Wenn sie nun SA-Männern auf der Straße begegnete, strafte sie sie mit bösen Blicken, aber im Gewusel auf dem Bürgersteig fielen die drei Kinder, die allein unterwegs waren, nicht auf.

Nach Nichts, was uns passiert ist Bettina Wilpert mit Herumtreiberinnen ist ein weiterer, äußerst bemerkenswerter Roman gelungen. Er wirft Schlaglichter auf Zeiten politischen Widerstands, grausame staatliche Willkür und nicht zuletzt die wechselhafte Geschichte ein und desselben Gebäudes in der Lerchenstraße als Ort, an dem sich niemand gerne aufhält.

Bettina Wilpert: Herumtreiberinnen. Verbrecher Verlag, 266 Seiten, 25 €

Das Leben, nichts als buntbemalte Pappe

Sascha Macht meldet sich nach Der Krieg im Garten des Königs der Toten mit seinem zweiten Roman zurück. Spyderling ist in vielerlei Hinsicht eine Steigerung des Debüts: Noch länger, noch postmoderner, noch gewagter.

Es geht um einen geheimnisumwobenen Brettspielautoren. Aber es geht auch um die tragische Geschichte der Republik Moldau und ihrer abtrünnigen Provinz Transnistrien. Und die nicht minder aberwitzige Geschichte der Hauptfigur Daytona Sepulveda, aus deren Perspektive sich die Handlung Schicht für Schicht entfaltet und, nun ja, spinnwebenartig ausbreitet und verzweigt.

Daytona Sepulveda ist in Arizona aufgewachsen. Ihren Vornamen verdankt sie der Autobegeisterung ihres Vaters, er bezieht sich auf die berühmte Motorsport-Rennstrecke in Florida. Ihr Nachname verweist auf die südamerikanische Herkunft ihrer Familie; zugleich ist er auch ein metatextueller Verweis auf den berühmten chilenischen Autoren gleichen Namens, der 2020, noch zu Beginn der Pandemie an einer Covid-Erkrankung in Spanien gestorbenen Luis Sepúlveda. Mittlerweile in Leipzig ansässig, könnte sie, gäbe es sie wirklich, Sascha Macht dort durchaus getroffen haben: Er lebt seit seinem Studium am Deutschen Literaturinstitut hier. Sepulveda ist eine der großen Hoffnungen der Brettspielwelt: Zu ihren ersten Erfolgen zählen Spiele wie Conca d’Oro, ein Spiel über die Entstehung und den Aufstieg der sizilianischen Mafia im goldenen Becken um Palermo, und The Troubles, eine Nordirlandkonflikt-Simulation; aktuell arbeitet sie an ihrem neuen Projekt, das sich um einen Motorradclub mit dem Namen „Devil‘s Dice Motorcycle Club“ dreht. Sie kommt nur schwer voran, und zu allem Überfluss plagt sie sich mit Selbstzweifeln:

Ein Brettspiel – was ist das überhaupt? Ich bin der Meinung: so etwas wie komprimierte Wirklichkeit. Oder anders ausgedrückt: eine Rückschau in die Vergangenheit, ein Umgang mit der Gegenwart, ein Blick in die Zukunft. Oder anders ausgedrückt: das Leben in seiner Fülle und Komplexität, verarbeitet in bunt bemalter Pappe. Das Brettspiel veranschaulicht, macht vertraut und, ja, vereinfacht auch, meistens, leider. Es bietet uns Mittel und Wege. Nur wofür? Das ist die Frage.

Im Laufe des Romans werden noch zahlreiche weitere – natürlich sämtlich fiktive – Brettspiele erwähnt und extensiv beschrieben werden: Über Superhelden zur Zeit der Weimarer Republik, eine Käserei, in der es drunter und drüber geht, den Wiener Kongress, aber um 300 Jahre in die Zukunft versetzt, und einige mehr. Dieser Einblick in eine Subkultur, die nach völlig eigenen Regeln zu funktionieren scheint und starke Nerd-Züge trägt, hat Sascha Macht sichtlich Spaß gemacht. Aber sie kann auch als eine Parallele zum Literaturbetrieb gesehen werden: Es gibt große und kleine, ja, auch hier heißen sie ja: Verlage, erfolgreiche Starautoren und die jungen Wilden, zu denen sich Sepulveda noch zählen kann. Auch die Praxis der Autorenförderung und Stipendienvergabe ähnelt, zumindest nach Darstellung des Romans, witzigerweise stark derjenigen des Literaturbetriebs.

Und hier dringen wir nun langsam zum Ausgangspunkt vor: Zusammen mit sieben anderen Vertreter*innen ihrer Zunft hat Daytona Sepulveda die Einladung zum Aufenthalt in der moldauischen Villa des berühmten Brettspiel-Autoren Spyderling erhalten. Keiner kennt ihn – keiner weiß, wie er aussieht – ein Thomas Pynchon der Brettspielszene, gewissermaßen. Seine Spiele sind von einer verstörenden Genialität: Sie treiben ihre Spieler an den Rand des Wahnsinns, und, eine Spezialität Spyderlings: Sie können nicht in Gruppen, sondern ausschließlich allein, also von einer Teilnehmer*in gespielt werden.

Während Daytona sich mit ihren Mit-Stipendiat*innen bekannt macht, namentlich Ronny Gebauer, Johanna van Tavantar, Arno Picardo, Elke von Manteuffel, Clark Nygård, King Trakto Sherpa, und, jüngster der Gruppe und als Wunderkind geltende Campbell Campbell, stellt sich nicht nur bei der Leser*in langsam eine gewisse Erwartungshaltung ein: Worum dreht sich ihr Aufenthalt in der monumental-düsteren Villa mitten im Wald eigentlich genau? Wird der mysteriöse Spyderling wohl persönlich auftauchen und zu seinen Adepten sprechen? Diese Frage rückt auch für die Handelnden mehr und mehr in den Vordergrund. Während aber ein Teil der Autor*innengruppe sich an der ausgezeichneten Verpflegung labt und die Vorzüge von Swimmingpool, Kamin- und Rauchzimmer (natürlich mit Spielsammlung) auskostet, ist es vor allem an Daytona, sich auf Spurensuche zu begeben. Hier wird Spyderling zum Detektivinnenroman: Daytona sammelt Hinweise, durchstreift den verwinkelten Garten des ausufernden Grundstücks und versucht, Eintritt in das dritte, laut Auskunft dem Hausherren vorbehaltene Geschoss der Villa zu erlangen. Vergeblich.

Auf der Verlagswebseite liest Sascha Macht selbst einen kurzen Auszug aus dem Roman.

Sascha Macht nimmt sich viel Zeit für die Hintergrundgeschichten seiner Protagonist*innen. Großen Raum nimmt auch die Vorgeschichte der Hauptfigur ein: So hat Daytona Sepulveda in Brettspielkreisen den Spitznamen „Die Verschwundene“, seit sie sich mit zwei Freundinnen auf einer Reise im Urwald von El Salvador verirrt und als einzige zurückgekehrt ist. Als zusätzlichen Creepiness-Faktor reichert Sascha Macht diese Geschichte mit realen Versatzstücken des Verschwindens der niederländischen Touristinnen Kris Kremers und Lisanne Froon an, die im Jahr 2014 Urwald von Panama verschwanden, und von denen, ganz ähnlich wie es bei Daytona der Fall war, in einer später aufgefundenen Digitalkamera rätselhafte Aufnahmen auftauchten, die Hobbydetektive in Internetforen bis heute auswerten.

Zwei Ereignisse bringen die Handlung, als sie sich langsam ohne Aussicht auf Auflösung zu verlaufen droht, noch einmal auf Trab: Ein fröhlicher Ausflug in die moldauische Hauptstadt Chisinau inklusive abgedrehter Segway-Tour durch das Stadtzentrum mutiert zu einer alkohol- und drogengeschwängerten Partynacht mit der Band Taxi Terreur & The Hitlerbabies. Aufgrund der Verkettung verschiedener Umstände, die ein halluzinogener Trip Daytonas nicht leichter nachrekonstruierbar macht, schließt sich die Band der Autor*innengruppe auf ihrer Rückfahrt in Spyderlings Anwesen an, wo unter anderem die Suche nach einem sowjetischen Weinlager in unterirdischen Katakomben unterhalb des Gartengrundstücks in Angriff genommen wird. Aber auch ein ganz besonderes Spiel, das auf einmal wie aus dem Nichts auftaucht, zieht nach und nach alle Anwesenden in Bann, Maunstein, eine Art Mischung aus Science-Fiction, Horror und absurder Space-Oper. Für ganze Passagen wandelt sich der Roman nun zu einer originalgetreuen Wiedergabe des Spielinhalts, den sich die Mitspieler*innen mal mehr, mal weniger regelgetreu gegenseitig vortragen.

Spyderling ist ein großer Lesespaß, der der Leser*in aber einiges abverlangt: Geschult an Vorbildern wie Roberto Bolaño, dessen Roman Das dritte Reich zu den großen Beispielen der Brettspiel-Literatur zählt, fährt Sascha Macht stilistisch ein reiches Angebot auf: Seitenlange Aufzählungen, Erklärungen und Ausführungen zu minimalen Handlungsdetails, die jeden Rahmen sprengen und ein nihilistischer Verweisfuror, der aus dem Lehrbuch des postmodernen Schreibens stammen könnte. Trotzdem ist Sascha Macht nicht nur ein Epigone seiner großen Vorbilder: Seine bunte Truppe schildert er mit viel Sympathie für ihre abseitigen Lebensentwürfe und einer klugen Rückkopplungs-Schleife auf den eigenen Betrieb. Und nicht zuletzt ist die Hauptfigur Daytona Sepulveda der perfekter Anker des Romans: Mit ihrer Vorgeschichte wächst sie der Leser*in sofort ans Herz (und wird wohl als eine der schillerndsten Hauptfiguren der jüngeren deutschsprachigen Literatur im Gedächtnis bleiben), als Detektivin ist sie gleichzeitig der rote Faden, den dieses seitenstarke Buch dringend braucht, in dem man sich sonst heillos verlöre – oder zumindest um den Verstand gebracht würde: Eben als wäre er ein Spiel von Spyderling.

Sascha Macht: Spyderling, DuMont Buchverlag, 480 Seiten, 25 €

Lebenszeichen aus Leipzig

Ironie des Schicksals: Am Tag der Absage der Buchmesse erreicht mich ein Brief von Sascha Kokot aus Leipzig, der mir sein Heft was wir waren schickt: 15 Gedichte, hellgrau auf weiß gesetzt, minimal gestaltet, und ein Gruß „bis bald zur Messe in Leipzig“.

Aber zum Glück sind Gedichtbände nicht an tagesaktuelle Ereignisse gebunden. Über Sascha Kokots Gedichte habe ich zuletzt anlässlich der Veröffentlichung seines Debütbands Rodung im Jahr 2013 in der Edition Azur geschrieben, ebendort erschien 2017 auch sein zweiter Band Ferner. Beide sind, jenseits der verlagsbranchenüblichen Neuerscheinungszyklen, nach wie vor sehr lesens- und empfehlenswert.

Was ich an Sascha Kokots Gedichten mag, und was auch dieses neue, als Off-Projekt von dem Hamburger Kurator Carl-Walter Kottnik in einer kleinen, handnummerierten Auflage herausgegebene und von der Künstlerin Ajete Elezaj gestaltete Heft ausmacht, ist die Knappheit, die Reduktion auf das Wesentliche, aus der dann das Besondere hervorsticht:

die Autos schlingern
den Schnee aus der Kurve
heute Morgen fiel
in schweren Flocken
die Stille herab
hielt den Tag an
breitete ein Licht aus
in dem noch jede Spur fehlte

Da kommt es dann gar nicht mehr so sehr darauf an, ob es eine Autofahrt, ein Blick aus dem Fenster, ein Huster im Treppenhaus oder, immer wieder, als Leitmotiv, die eigene Katze ist, der sich das Gedicht zuwendet. Das „klare Weiß“, wie es an einer anderen Stelle heißt, die kurzen Augenblicke der Ruhe und des Innehaltens sind es, die es Sascha Kokot schafft, mit einem feinen Sensorium einzufangen.

Hervorzuheben ist noch das Rätselhafte, das Sascha Kokots Gedichte seit seinem zweiten Band durchzieht, in dem etwa unvermittelt im Untergrund lebende Löwen auftauchten. Seine Entsprechung findet es hier gleich im ersten Gedicht des Hefts, das wie eine Urlaubspostkarte anfängt („sind gut angekommen“), aber dann lediglich eine Autofahrt durch den Schnee beschreibt und dann mit einem schnöden „schön ist es hier“ abbricht – aber ist das nicht auch die Hauptsache?

was wir waren von Sascha Kokot ist nicht im Handel erhältlich, kann aber über mail@saschakokot.de direkt bei ihm angefragt werden; die beiden Bände Rodung und Ferner sind nach wie vor in der Edition Azur lieferbar.

Am Ende wacht der Leguan

Es ist der Roman, mit dem alles anfing, lange vergriffen, Stoff von Legenden: Jetzt hat der Verbrecher Verlag das Debüt von Dietmar Dath, mit dem 1995 die Verlagsgeschichte begann, wiederveröffentlicht.

Cordula killt dich! Oder: Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeinenheini. Roman der Auferstehung spielt in der damaligen unmittelbaren Gegenwart, dem Jahr 1994, greift aber auch bis tief in die achtziger Jahre zurück. Er erzählt die Geschichte einer Gruppe von jungen Leuten, die in Freiburg leben; eine von ihnen ist die Avantgarde-Komponistin Cordula Späth, die, so der Auftakt, Anlass und Thema des Romans, aus ihrem WG-Fenster fällt und stirbt. Ihr Mitbewohner Dietmar Dath beschließt daraufhin, einen Roman über ihr Leben und die freundschaftlichen Verwicklungen zwischen ihm, Cordula, dem drittem Mitbewohner Wolfgang, außerdem Cordulas Ex-Freundin Katja Benante und viele weitere Personen aus dem Freundeskreis zu schreiben. Er erinnert sich an seine Schulzeit, beschreibt seine ersten journalistischen Versuche. Ständig reflektiert er dabei das Schreiben selbst, schweift in schwer nachzuverfolgende Gedankengänge ab, montiert Briefe, Textdokumente von Dritten ein. Das ist oft lustig, an vielen Stellen aber auch etwas hermetisch.

Ja! Ziemlich kindlich fällst Du ins erste Kapitel. Vertrauensvorschuß kannst Du ja geben.

Die ersten Worte: Immanuel, Immanuel, Immanuel, Immanuel Kant. (T-e-c-h-n-o: Immanuel, bip, Immanuel, bip, Immanuel, bip, Immanuel, bip, Immanuel, bip, Kant, smASSH!)

Das Cover der Erstausgabe von 1995 (Abbildung: Verbrecher Verlag)

Dass Cordula killt dich 1995 aber literarisch eine ziemliche Ausnahmeerscheinung gewesen sein muss, steht fest: Dath meidet das lineare Erzählen wie die Pest, baut musiktheoretische Exkurse, Dr.-Mabuse-Obsessionen sowie eine aberwitzige Science-Fiction-Handlung in den Roman ein und folgt auch stilistisch einem ganz eigenen Regelsystem: Da wird gelautmalt, in Unterhaltungen naturalistisch mit „Ähs“, „Öhs“, Stottern und Wortwiederholungen gearbeitet, sogar (und das 1995!) gegendert und die Selbstreflexivität auf immer neue Spitzen getrieben. Und in der Rückschau kann man Cordula killt dich auch als historischen Roman lesen: Die Grunge-Ära der frühen neunziger Jahre ist genauso gut eingefangen wie das Computer-Zeitalter, MS-DOS-Befehle, Texte, die auf Disketten gespeichert werden (unter anderem der vorliegende Roman selbst) und die das Internet vorwegnehmende Usenet-Umgebung, aber auch die gesellschaftspolitischen Umstände, in denen Daths Figuren in den achtziger Jahren zwischen Kaltem Krieg, Sowjet-Propaganda, Trotzkismus und der leidigen südwestdeutschen Provinz aufwachsen, werden deutlich sichtbar.

Ob das weitverzweigte Werk Dietmar Daths, das in den 26 Jahren nach Cordula entstanden ist und allein knapp 30 Romane umfasst, davon zwei für den Deutschen Buchpreis nominiert (Die Abschaffung der Arten 2008, Gentzen oder: Betrunken aufräumen 2021), schon zu erahnen ist, wenn man Cordula killt dich liest? Der hyperrealistische, bis an die Schmerzgrenze scharfgestellte und alles erfassende Erzählstil, der auch Gentzen ausmacht, ist hier jedenfalls schon angelegt, ebenso die Fragilität des Roman-Konstrukts, die sich in diesem jüngsten „Kalkülroman“ äußert. Eine weitere Volte dreht Dath übrigens in einer eigens für die Neuausgabe von Cordula killt dich geschriebenen Erzählung, in der die Figuren des Romans in ihren Autor wegen „feigem Formalismus“ vor Gericht stellen – und den Roman mit seiner eigenen Rezeptionsgeschichte konfrontieren. Das Buch selbst liegt währenddessen auf einem Baumstumpf, bewacht von einem vergilbten Leguan. Und das ist eigentlich ein ganz schönes Schlussbild.

Dietmar Dath: Cordula killt dich! Oder: Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini. Roman der Auferstehung. Verbrecher Verlag, 2021 (Erstausgabe erschienen 1995), 376 Seiten, 24 €

Fitzcarraldo in Florida

Franzobel folgt den Spuren des spanischen Conquistadoren Hernando de Soto und blickt tief in die Psyche der europäischen Eroberer.

Hernando, im Buch Ferdinand genannt, ist bereits ein Held, als er seine größte Expedition startet. Eroberungszüge hatten ihn nach Panama und Nicaragua geführt, und, zusammen mit Francisco Pizarro, in das Inkareich in Peru. Doch wo ist Eldorado, die Stadt aus Gold? Ferdinands nächstes Ziel ist Florida.

Eine achthundert Mann starke Expedition macht sich auf den Weg. Doch ihre Reise, die sie bis ins heutige Kansas führen soll, ist wenig von Glück beschieden: Widerständige Ureinwohner, die brutal niedergemetzelt werden, undurchdringliche Sumpfgebiete, Fieber und Kälteeinbrüche stehen den ruhmreichen Eroberern im Wege, die am Ende gar nicht mehr so ruhmreich daherkommen: Gerade einmal zweihundertelf von ihnen kehren 1543, nach vier Jahren Irrfahrt, lebend zurück. Ferdinand ist nicht darunter.

Die menschlichen Extremzustände zwischen Wahnsinn und blutrünstiger Wüterei zeichnet Franzobel, der zuletzt mit seinem Roman Das Floß der Medusa die Schrecken des Meeres erkundet hat, mit dickem Pinselstrich: Da werden die Säbel geschwungen, die Pfeile fliegen, es wird skalpiert, geköpft und zerstört wie in den Serien Game Of Thrones und The Walking Dead zusammen. Der Fokus der Erzählung liegt dabei auf Ferdinands engstem Vertrautenkreis, seinen Kumpanen, die klingende Namen tragen wie Luis de Moscoso, genannt Moskito, Nuño de Tobar, Francisco de Maldonado, Juan de Añasco und Rodrigo Ranjel, Spitzname „Stummel“, dazu kommen noch die beiden Kleinkriminellen Bastardo und Cinquecento, der Schiffbrüchige Elias Plim, der eine haarsträubende Geschichte über sein Schicksal parat hat und diverse Nebenfiguren, die kräftig zum Kolorit des Romans beitragen. Ein witziges Detail: Franzobel beteuert in seiner Danksagung, die Geschichte möglichst wahrhaftig erzählt haben zu wollen – tatsächlich wird hier so wild fantasiert und in Nebenhandlungen abgeschweift, dass es unmöglich ist, überhaupt noch etwas von dem Geschehen für bare Münze zu nehmen: Quigley, der englische Koch der Truppe etwa, erfindet im Roman sowohl das Football-Spiel als auch Coca-Cola; der Schwabe Wilhelm Friedrich Erasmus Müggenpflug, genannt Gunkel, gibt den Kulturmenschen und sammelt Kunsthandwerk, und der niederländische Arzt Cord Fenk, Sohn eines Wurstmachters, ist berüchtigt für seine Aderlässe. Ein buntes Völkchen sehr von sich selbst überzeugter Europäer also, die nach und nach erkennen müssen, dass ihre Mission ein heilloses Himmelfahrtskommando ist, und in ihren kleinlichen Bemühungen dadurch um so lächerlicher erscheinen.

Allmählich war selbst er das Erobern leid. Der Feldherr fühlte, dass er dieses Erobern im Grunde verabscheute. Wo war sein Glaube, seine Überzeugung? Diese Expedition hatte einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Aber was war das für eine weiche, unsichere Kreatur, die da aus der gepanzerten Larve seines früheren Lebens geschlüpft war? Ein unerschrockener Held? Nein, ein unsicherer, verzweifelter, von Eifersucht geplagter, verwirrter Mensch, der seine Getreuen ins Verderben führte.

Zwei Handlungsstränge flicht Franzobel in die Geschichte dieser grandios lächerlichen, an Werner Herzogs Fitzcarraldo erinnernden Expedition noch ein: Da ist zum einen der Notar Turtle Julius, der das Testament des Grafen von Orgaz zu vollstrecken hat und mit an Irrsinn grenzender Beharrlichkeit dem Alleinerben Ambrosio Bastardo, der von seinem Glück nichts ahnt, bis in die Neue Welt folgt – und dabei am Ende so übel zugerichtet wird, dass er den Ureinwohnern wie das gefürchtete Fabelwesen Wendigo vorkommt. Zum anderen, und das ist eigentlich der vielversprechendere der beiden, der aber leider viel zu kurz kommt: In der Gegenwart erhält der Anwalt Trutz Finkelstein ein Schreiben, in dem die amerikanischen Ureinwohner die Restitution des Gebiets der Vereinigten Staaten fordern und macht sich, allen widrigen Umständen zum Trotz, tatsächlich daran, eine Sammelklage vor dem Obersten Gerichtshof anzustrengen. Auf den letzten Seiten des Romans, als es fast schon zu spät scheint, wird auch dieser Strang wieder aufgegriffen und bildet den krönenden Abschluss einer wahren tour de force durch das vielleicht düsterste Kapitel der europäischen Kolonialgeschichte.

Franzobel: Die Eroberung Amerikas. Zsolnay Verlag, 544 Seiten, 26 €

Der Beitrag erscheint als Teil der Aktion #buchpreisbloggen zu den Nominierten des Deutschen Buchpreises 2021 parallel auch auf www.deutscher-buchpreis-blog.de.

Wir machen Bücher (19.8.-19.9.2021)

Gestern startete die auf vier Wochen angelegte Veranstaltungsreihe „Wir machen Bücher“, für die sich eine ganze Gruppe unabhängiger Verlage im Namen der Bibliodiversität zusammengetan haben.

Zum Auftakt diskutierten Susanna Dulkinys, Birgit Schmitz, Daniel Klotz und Erik Spiekermann mit Christoph Biermann über das Thema „Hacking Gutenberg: Buchdruck im 21. Jahrhundert“, umringt von Druckerpressen, Farbeimern und Bleilettern in allen Größen und Formen.

Birgit Schmitz und Erik Spiekermann haben in diesem Jahr gemeinsam den Letterpress-Verlag TOC Publishing gegründet. TOC steht kurz für „The Other Collection“ – und eben das ist auch der Schwerpunkt des Verlags: Höchst aufwendig gesetzte, gestaltete und produzierte Bücher, in streng limitierter Auflage von 998 Stück, bilden nach und nach eine exquisite Sammlung an Weltliteratur. Auffällig: Die Bücher von Autorinnen wie Deborah Levy oder Chimamanda Ngozi Adichie erscheinen ausschließlich in englischer Sprache, was ganz einfach in der Internationalität der Buchsammler-Szene begründet sei, so Birgit Schmitz – klug ist dabei auch der Preis gewählt, wie Erik Spiekermann erklärt: Die Bücher seien zwar mit einem Verkaufspreis von 138 € nicht gerade billig, aber eben auch nicht so unerschwinglich, dass sie nur für die absoluten Luxus-Sammler erschwinglich seine, deren Objekte oft in die Tausender gingen.

Die Veranstaltungsreihe „Wir machen Bücher“ geht weiter am 26. August mit einem Gespräch über den Roman Lux von Olivia Kuderewski, der im Verlag Voland & Quist erschienen ist. Weitere Termine sind auf der Seite der Galerie p98a zu finden, wo auch alle Veranstaltungen stattfinden. Beteiligt an der Intiative #wirmachenbuecher2021 sind außerdem noch der Berenberg Verlag, der Dörlemann Verlag, Jovis und der Birkhäuser Verlag, der ebenfalls neu gegründete Kanon Verlag, der Kehrer Verlag, der Ladislaus Bean Verlag, der Peter Hammer Verlag, der Verlag Schöffling & Co., der Secession Verlag und der Verbrecher Verlag.

Westwärts, dachte ich, westwärts!

Matthias Nawrat durchleuchtet in Reise nach Maine ein nicht ganz einfaches Mutter-Sohn-Verhältnis.

Nach dem stilistisch hochavancierten Roman Unternehmer und den erzählerisch so detailverliebten wie verspielten Geschichten in Die vielen Tode unseres Opas Jurek hat Matthias Nawrat zur Ich-Erzählung gefunden. So war Der traurige Gast ein, wie es zumindest den Anschein hatte, autobiografisch gehaltener Erzähltext über einen Schriftsteller in Berlin, der auf verschiedene Personen trifft und deren Lebensgeschichten aufschreibt. Fehlte in diesem Roman mitunter ein wenig der rote Faden, ist der nun hier ganz klar gegeben: In Reise nach Maine fliegt eben dieser Schriftsteller mit seiner Mutter für zwei Wochen in die USA, um erst New York und dann die Landschaft an der Ostküste zu erkunden. Dann bringen jedoch gleich zu Beginn zwei Ereignisse die Planung durcheinander: Die Mutter kündigt an, statt über die zweite Hälfte des Urlaubs Bekannte zu besuchen, die gesamte Zeit mit dem Erzähler zu verbringen, was nicht zu dessen Vergnügen beiträgt. Dann stürzt sie auch noch unglücklich und verknackst sich die Nase.

Ansonsten verläuft die Reise aber eher ereignislos: In New York ist es unerträglich heiß, in Maine eingetroffen, kommt das Mutter-Sohn-Paar bei einer Cousine ihres New Yorker Nachbarn unter, der ihnen spontan den Kontakt vermittelt hat.

Die Stärke in Matthias Nawrats Erzählen besteht in der präzisen, beinahe unerbittlichen Beobachtung von Alltagsdetails, etwa der hochbürokratischen Abläufe im Krankenhaus, denen die Patienten mit einer fatalistischen Ergebenheit gegenübertreten. Auch die Differenzen zwischen Mutter und Sohn hält er genau fest: Sie, die ursprünglich zur Lehrerin ausgebildet wurde, hat sich nach der Übersiedelung nach Deutschland zur Physiotherapeutin weitergebildet und betont, wie wichtig es ist, Geld zurückzulegen und genug für die Rente zu sparen. Er, der Sohn, will die Ratschläge der Mutter nicht hören und ist auch sonst oft von einer brodelnden Wut erfasst, die er nur schwer in Zaum halten kann. Dann wieder ist er erschlagen von den Eindrücken und ertappt sich angesichts der Wolkenkratzer („Westwärts, dachte ich, westwärts!“) bei plötzlichen Gefühlsausbrüchen.

Amerikanischer Traum oder die USA als Sehnsuchtsort spielen aber insgesamt keine so große Rolle in diesem Roman – und wenn doch, dann eher on ihrer kaputten und desolaten Version. Interessant ist da auch der Zusammenhang, den die Mutter gleich zu Beginn zwischen der Wohngegend der beiden in New York und den Urlaubserfahrungen in ihrer Jugend herstellt: 

Meine Mutter hatte in ihrer Jugend, dachte ich nun, durch diese periphere Gegend in Brooklyn gehend, Reisen nach Rumänien unternommen, ans Schwarze Meer, in der Hoffnung auf einen Hauch von Luxus und Wohlstand an jenem exotischen Ende der ihr damals zugänglichen Welt. Der Dreck, die zerfallenden Gebäude, die nur einen Schritt hinter der touristischen Hauptstraße beginnenden deprimierenden Wohnviertel von Konstanza waren alles andere als schön gewesen. Sie waren arm und heruntergekommen gewesen, vom narzisstischen Wahn Ceauşescus ausgelaugte, ungepflegte, kaputte und nie reparierte Siedlungen, deren mittellose Bewohner von den Einkünften aus dem Tourismus nichts abbekamen, weil immer jemand aus der Verwaltung schneller war, schon seine Tasche aufgemacht, sich das Seine genommen hatte. Und nun hatte ich meine Mutter hierhergeschleppt, in dieses Viertel von Brooklyn. Sie lag mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken. Lag für eine ewig andauernde Sekunde so da und bewegte sich nicht. Dann hob sie die Hände zum Gesicht und sagte: Au.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine, Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 22 €

Worte, die eigentlich Wolken waren

In der literarischen Wunderkammer: Ein neuer Band mit Essays und Reden von Uljana Wolf versammelt poetologische Selbstauskünfte, dokumentiert produktive Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen – und ist ein Wegweiser durch ihr bisheriges Gesamtwerk.

Im Mittelpunkt steht dabei die für wohl keine andere Dichterin ihrer Generation so charakteristische Beschäftigung mit Sprache, sei es dem Polnischen, das ihren Debütband Kochanie, ich habe Brot gekauft prägte, dem Englischen der false friends und eigener Übersetzungen als Ausgangs- und Zielsprache, aber auch dem Belarussischen (etwa bei Valzhyna Mort). Von Uljana Wolfs Übersetzungen aus dem Englischen, insbesondere der Texte von Christian Hawkey und Matthea Harvey, handelt der erste Teil von Etymologischer Gossip, das jetzt bei Kookbooks erschienen ist; der Gegenrichtung widmet sich der zweite Teil, der überraschende Einblicke in das Werk von Christine Lavant gibt, aber auch die große Faszination Wolfs für das Werk von Ilse Aichinger zeigt. Besonders faszinierend: Die der Textart nach Dankesreden, Nachworte, Zeitschriftenbeiträge, die das Buch ausmacht, reihen sich zum Teil so nahtlos aneinander und greifen gegenseitig ihre Motive auf, dass es ein Genuss ist, einfach weiterzulesen. Ebenso erschließt sich das dichterische Werk Uljana Wolfs ganz nebenbei; von großer Empathie geprägt sind wiederum die Beiträge im letzten Teil des Bandes, die sich Dichterkolleginnen wie Dagmara Kraus, LaTasha N. Nevada Diggs, M. NourbeSe Philip, Theresa Hak Kyung Cha und ihren jeweils auf eigene Weise außergewöhnlichen Werken widmen.

Ein weiterer Genuss bei der Lektüre von Uljana Wolfs Texten ist ihr Umgang mit der Sprache selbst, beispielhaft in diesem magisch aufgeladenen Auftakt eines Essays über das Übersetzen von Ilse Aichinger: „Schnee habe ich in Rom nur einmal gesehen. Er deckte einen Morgen lang sämtliche Risse und Schlaglöcher zu. Als er geschmolzen war, hatten sich die Risse und Schlaglöcher unter seiner weißen Inkubationshaube vermehrt, als gäbe es eine negative Brutlogik, die irgendwo am kalten, schartigen Sprachrand der Wirklichkeit Brut an Brutalität koppelt und Schnee an die Möglichkeiten der Nichtexistenz.“ Es erfüllt mit Glück, Uljana Wolfs Gedankenbewegungen zu folgen, wenn sie die Strategien ihrer Übersetzungsarbeit beschreibt. Gleichsam überraschend sind die vielen kleinen Geschichten, die in den Essays stecken: Sei es über die Mutter des Monkeys-Sängers Michael Nesmith, die das Liquid Paper, eine Art Tipp-Ex, erfindet und dabei eine direkte Linie zu Uljana Wolfs und Christian Hawkeys Erasure-Gedichten Sonne From Ort bildet; oder über den Physiker John Scurlock, der 1957 versehentlich die Hüpfburg erfunden hat, aus deren unvorhersehbarem Inneren, in dem ihre „Passagiere“ ungeordnet durch den Raum fliegen, sich eine Art Ursymbol für die Poesie bildet. Einen von mehreren roten Fäden bildet Walter Benjamins Kindheit um neunzehnhundert, insbesondere die Miniatur „Mummerehlen“, aus der das einprägsam-schöne Zitat von den „Worten, die Wolken waren“, stammt – sie ist unter anderem autobiografischer Anknüpfungspunkt von einer Fahrt mit der Seilbahn auf dem Gelände der Gärten der Welt in Berlin-Kaulsdorf, wo Uljana Wolf aufwuchs: Hier befindet sich auf dem 102,2 m hohen Kienberg die Aussichtsplattform „Wolke“.

Eine besondere Stellung in Etymologisches Gossip nimmt ein Gespräch zwischen Uljana Wolf und dem norwegischen Dichter Simen Hagerup unter dem Titel „Fibel Minds“ ein, das die beiden anlässlich des Audiatur-Festivals in Bergen per E-Mail geführt haben: Es wirft noch einmal mehr als die auch in den übrigen Texten gelegten autobiografischen Spuren einen Blick hinter die Kulissen, der Wurzeln und Einflüsse deutlich macht, die das Besondere von Uljana Wolfs Dichtung insgesamt ausmachen: Der Austausch mit Dichterkolleg*innen über Ländergrenzen hinweg, das Beschäftigen mit Konzepten der hybriden Dichtung, und dabei doch immer wieder das Festhalten an der deutschen Sprache, die sie kreativ und schöpferisch immer wieder neu aktualisiert.

Am Beispiel von Dagmara Kraus, der sich gegen Ende des Bandes gleich zwei Beiträge widmen, zeigt Uljana Wolf noch einmal ganz konkret, wie dieser kreative Umgang mit Sprache aussehen kann: Die zwischen allen Stühlen stehende Kunstsprache, der sich die in Polen geborene, nun in Deutschland und Frankreich lebende Dichterin bedient, folgt nach ihrer Argumentation eine Strategie der „Minorisierung“ der deutschen Hegemonialsprache, die in Vermischung mit polnischen, englischen und französischen Versatzstücken gewissermaßen lustvoll vom Thron gestoßen wird.

Mit seinen über 200 Seiten bietet Etymologischer Gossip eine ausführliche, beeindruckende Bilanz von Uljana Wolfs bisherigem Schaffen, die durchweg fasziniert. Wo sie die Hüpfburg wohl als nächstes aufschlägt?

Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden, Kookbooks, 232 Seiten, 22 €

Die Gestaltung aller im Beitrag gezeigten Bände, auf die hier bereits gesondert eingegangen wurde, stammt von Andreas Töpfer.

Die Geisterfinger im Saitenspiel

Foto © Martin Dziuba (poesiefestival.org)

Am Sonntag war es wieder soweit: Das Berliner poesiefestival feierte mit der Berliner Rede zur Poesie eines seiner Highlights. Nach der großen „Weltklang“-Nacht der Poesie am Freitag trug der Berliner Dichter Johannes Jansen seine „Berliner Rede zur Poesie“ vor.

Man muss diese Setzung in ihrer Wichtigkeit betonen, standen doch in den Vorjahren bereits Oswald Egger, John Burnside, Elke Erb und, im letzten Jahr, die schon als Nobelpreis-Kandidatin gehandelte Ann Carson am Rednerpult – allesamt also renommierte, hoch dekorierte Poet*innen.

Nun also Johannes Jansen: Ein eher unscheinbarer Kandidat. Um die Jahrtausendwende gab es von ihm zwei Bände in der edition suhrkamp, anschließend zwei bei Kookbooks, darunter das auch in seiner aufwändigen Machart hervorstechende Liebling, mach Lack. Die Aufzeichnungen des Soldaten J.J. Hauptsächlich veröffentlicht der 1966 in Ost-Berlin geborene und auch in der ebendort angesiedelten Avantgarde-Lyrikszene mit agierende Jansen aber konstant, und zwar das schon seit 1988, in Klein- und Kleinst-Verlagen wie der Edition Mariannenpresse oder, zuletzt, Ripperger & Kremers, sowie in Privatdrucken und Einzelveröffentlichungen in Minimal-Auflage.

Ein Dichter, der also, ganz anders als seine Vorredner, nicht im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht. Oder sogar die Öffentlichkeit scheut? Das ist Interpretationssache – fest steht aber, dass die Wahl auf Johannes Jansen als Vortragenden der diesjährigen Berliner Rede zur Poesie eine äußerst gut durchdachte Wahl war: Das „Ergebnis einer Isolation“, so der Titel, kann sie als direkte Reaktion auf die letzten eineinhalb Jahre im Zeichen der Corona-Pandemie verstanden werden. Es wäre aber eine enttäuschende Vereinfachung, sie darauf zu reduzieren: Das C-Wort fällt nicht einmal; die kurzen, durch Sternchen voneinander getrennten Prosastücke, die wiederum selbst aus Kurz- und Kürzestsätzen bestehen, reflektieren vielmehr ganz existenzielle Themen: Das leere Blatt, die Einsamkeit und Depression, Wohnungs- und Geldnot, Krankheit; aber auch immer wieder kurze Augenblicke des Glücks. Johannes Jansen findet dabei Worte und Formulierungen, die auf eine fast unheimliche Art bewegen. „Die Depression ist profan“, heißt es gleich auf der ersten Seite, und weiter:

Die Geisterfinger im Saitenspiel machen den Wahn. Die sichtbar unbenennbare Liebe. Ein Wagnis das hält. Erstaunlich. Das Schweigen ist Schwelgen. Berührung besticht. So geht die Zeit ohne Druck, ohne Sucht. Nach dem flüchtigen Abschied die Sehnsucht die sich im Wiederbegegnen erfüllt. Die Jahre im Abseits haben nichts betrügen können. Einigkeit in der Unterscheidung die den Kontakt macht. Auf der Straße im Blitzlicht der Alltag, deutlich genug um zu taugen. Jedem sein Anteil. Der schöne Blick der Nachbarin der Treue beschwört. Treue zum endlich einigen Haushalt. Der kluge sich ordnende Organismus. Das Heilige gibt es wirklich.

Es ist eine fast verstörende Konzentration auf das Wesentliche, die aus diesen Zeilen spricht. Die einfache, reduzierte Sprache macht diese Texte gleichzeitig sehr konkret und extrem deutungsoffen: Manche lassen sich auf die unmittelbare Gegenwart anwenden, andere scheinen weit in die Vergangenheit zu verweisen. Szenen einer Krankheit sind zu verfolgen, Arztbefunde: Wer hier spricht, hat schon eine ganze Menge Leben hinter sich, so der Eindruck.

Wie passend dazu die Art, in der Jansen seine Rede dann auch vortrug: Mit ineinander verschränkten Armen und Beinen, tief über den Text gebeugt, wie um bloß in jedem Fall die große Geste am Rednerpult zu vermeiden, aber eben auch als ein Spiegel des Vorgetragenen: Das Alter, die angedeutete Krankheit nicht versteckend, aber auch nicht ausstellend. Am Ende scheint es fast so, dass nicht wegen Pandemievorschriften der Dichter mutterseelenallein im riesigen Saal der Akademie der Künste saß – sondern das Setting sich dem Gesagten unterordnete.

Johannes Jansen: Ergebnis einer Isolation (Auszüge) / Outcome of an Isolation (Excerpts). Berliner Rede zur Poesie, Band 6. Englische Übersetzung von Shane Anderson. Wallstein Verlag, 48 Seiten, 13,90 €

Rede von Johannes Jansen in der Mediathek des Poesiefestivals, nach Kauf eines Tickets über 3 € noch zwei Monate lang abrufbar