Am Ende wacht der Leguan

Es ist der Roman, mit dem alles anfing, lange vergriffen, Stoff von Legenden: Jetzt hat der Verbrecher Verlag das Debüt von Dietmar Dath, mit dem 1995 die Verlagsgeschichte begann, wiederveröffentlicht.

Cordula killt dich! Oder: Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeinenheini. Roman der Auferstehung spielt in der damaligen unmittelbaren Gegenwart, dem Jahr 1994, greift aber auch bis tief in die achtziger Jahre zurück. Er erzählt die Geschichte einer Gruppe von jungen Leuten, die in Freiburg leben; eine von ihnen ist die Avantgarde-Komponistin Cordula Späth, die, so der Auftakt, Anlass und Thema des Romans, aus ihrem WG-Fenster fällt und stirbt. Ihr Mitbewohner Dietmar Dath beschließt daraufhin, einen Roman über ihr Leben und die freundschaftlichen Verwicklungen zwischen ihm, Cordula, dem drittem Mitbewohner Wolfgang, außerdem Cordulas Ex-Freundin Katja Benante und viele weitere Personen aus dem Freundeskreis zu schreiben. Er erinnert sich an seine Schulzeit, beschreibt seine ersten journalistischen Versuche. Ständig reflektiert er dabei das Schreiben selbst, schweift in schwer nachzuverfolgende Gedankengänge ab, montiert Briefe, Textdokumente von Dritten ein. Das ist oft lustig, an vielen Stellen aber auch etwas hermetisch.

Ja! Ziemlich kindlich fällst Du ins erste Kapitel. Vertrauensvorschuß kannst Du ja geben.

Die ersten Worte: Immanuel, Immanuel, Immanuel, Immanuel Kant. (T-e-c-h-n-o: Immanuel, bip, Immanuel, bip, Immanuel, bip, Immanuel, bip, Immanuel, bip, Kant, smASSH!)

Das Cover der Erstausgabe von 1995 (Abbildung: Verbrecher Verlag)

Dass Cordula killt dich 1995 aber literarisch eine ziemliche Ausnahmeerscheinung gewesen sein muss, steht fest: Dath meidet das lineare Erzählen wie die Pest, baut musiktheoretische Exkurse, Dr.-Mabuse-Obsessionen sowie eine aberwitzige Science-Fiction-Handlung in den Roman ein und folgt auch stilistisch einem ganz eigenen Regelsystem: Da wird gelautmalt, in Unterhaltungen naturalistisch mit „Ähs“, „Öhs“, Stottern und Wortwiederholungen gearbeitet, sogar (und das 1995!) gegendert und die Selbstreflexivität auf immer neue Spitzen getrieben. Und in der Rückschau kann man Cordula killt dich auch als historischen Roman lesen: Die Grunge-Ära der frühen neunziger Jahre ist genauso gut eingefangen wie das Computer-Zeitalter, MS-DOS-Befehle, Texte, die auf Disketten gespeichert werden (unter anderem der vorliegende Roman selbst) und die das Internet vorwegnehmende Usenet-Umgebung, aber auch die gesellschaftspolitischen Umstände, in denen Daths Figuren in den achtziger Jahren zwischen Kaltem Krieg, Sowjet-Propaganda, Trotzkismus und der leidigen südwestdeutschen Provinz aufwachsen, werden deutlich sichtbar.

Ob das weitverzweigte Werk Dietmar Daths, das in den 26 Jahren nach Cordula entstanden ist und allein knapp 30 Romane umfasst, davon zwei für den Deutschen Buchpreis nominiert (Die Abschaffung der Arten 2008, Gentzen oder: Betrunken aufräumen 2021), schon zu erahnen ist, wenn man Cordula killt dich liest? Der hyperrealistische, bis an die Schmerzgrenze scharfgestellte und alles erfassende Erzählstil, der auch Gentzen ausmacht, ist hier jedenfalls schon angelegt, ebenso die Fragilität des Roman-Konstrukts, die sich in diesem jüngsten „Kalkülroman“ äußert. Eine weitere Volte dreht Dath übrigens in einer eigens für die Neuausgabe von Cordula killt dich geschriebenen Erzählung, in der die Figuren des Romans in ihren Autor wegen „feigem Formalismus“ vor Gericht stellen – und den Roman mit seiner eigenen Rezeptionsgeschichte konfrontieren. Das Buch selbst liegt währenddessen auf einem Baumstumpf, bewacht von einem vergilbten Leguan. Und das ist eigentlich ein ganz schönes Schlussbild.

Dietmar Dath: Cordula killt dich! Oder: Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini. Roman der Auferstehung. Verbrecher Verlag, 2021 (Erstausgabe erschienen 1995), 376 Seiten, 24 €

Fitzcarraldo in Florida

Franzobel folgt den Spuren des spanischen Conquistadoren Hernando de Soto und blickt tief in die Psyche der europäischen Eroberer.

Hernando, im Buch Ferdinand genannt, ist bereits ein Held, als er seine größte Expedition startet. Eroberungszüge hatten ihn nach Panama und Nicaragua geführt, und, zusammen mit Francisco Pizarro, in das Inkareich in Peru. Doch wo ist Eldorado, die Stadt aus Gold? Ferdinands nächstes Ziel ist Florida.

Eine achthundert Mann starke Expedition macht sich auf den Weg. Doch ihre Reise, die sie bis ins heutige Kansas führen soll, ist wenig von Glück beschieden: Widerständige Ureinwohner, die brutal niedergemetzelt werden, undurchdringliche Sumpfgebiete, Fieber und Kälteeinbrüche stehen den ruhmreichen Eroberern im Wege, die am Ende gar nicht mehr so ruhmreich daherkommen: Gerade einmal zweihundertelf von ihnen kehren 1543, nach vier Jahren Irrfahrt, lebend zurück. Ferdinand ist nicht darunter.

Die menschlichen Extremzustände zwischen Wahnsinn und blutrünstiger Wüterei zeichnet Franzobel, der zuletzt mit seinem Roman Das Floß der Medusa die Schrecken des Meeres erkundet hat, mit dickem Pinselstrich: Da werden die Säbel geschwungen, die Pfeile fliegen, es wird skalpiert, geköpft und zerstört wie in den Serien Game Of Thrones und The Walking Dead zusammen. Der Fokus der Erzählung liegt dabei auf Ferdinands engstem Vertrautenkreis, seinen Kumpanen, die klingende Namen tragen wie Luis de Moscoso, genannt Moskito, Nuño de Tobar, Francisco de Maldonado, Juan de Añasco und Rodrigo Ranjel, Spitzname „Stummel“, dazu kommen noch die beiden Kleinkriminellen Bastardo und Cinquecento, der Schiffbrüchige Elias Plim, der eine haarsträubende Geschichte über sein Schicksal parat hat und diverse Nebenfiguren, die kräftig zum Kolorit des Romans beitragen. Ein witziges Detail: Franzobel beteuert in seiner Danksagung, die Geschichte möglichst wahrhaftig erzählt haben zu wollen – tatsächlich wird hier so wild fantasiert und in Nebenhandlungen abgeschweift, dass es unmöglich ist, überhaupt noch etwas von dem Geschehen für bare Münze zu nehmen: Quigley, der englische Koch der Truppe etwa, erfindet im Roman sowohl das Football-Spiel als auch Coca-Cola; der Schwabe Wilhelm Friedrich Erasmus Müggenpflug, genannt Gunkel, gibt den Kulturmenschen und sammelt Kunsthandwerk, und der niederländische Arzt Cord Fenk, Sohn eines Wurstmachters, ist berüchtigt für seine Aderlässe. Ein buntes Völkchen sehr von sich selbst überzeugter Europäer also, die nach und nach erkennen müssen, dass ihre Mission ein heilloses Himmelfahrtskommando ist, und in ihren kleinlichen Bemühungen dadurch um so lächerlicher erscheinen.

Allmählich war selbst er das Erobern leid. Der Feldherr fühlte, dass er dieses Erobern im Grunde verabscheute. Wo war sein Glaube, seine Überzeugung? Diese Expedition hatte einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Aber was war das für eine weiche, unsichere Kreatur, die da aus der gepanzerten Larve seines früheren Lebens geschlüpft war? Ein unerschrockener Held? Nein, ein unsicherer, verzweifelter, von Eifersucht geplagter, verwirrter Mensch, der seine Getreuen ins Verderben führte.

Zwei Handlungsstränge flicht Franzobel in die Geschichte dieser grandios lächerlichen, an Werner Herzogs Fitzcarraldo erinnernden Expedition noch ein: Da ist zum einen der Notar Turtle Julius, der das Testament des Grafen von Orgaz zu vollstrecken hat und mit an Irrsinn grenzender Beharrlichkeit dem Alleinerben Ambrosio Bastardo, der von seinem Glück nichts ahnt, bis in die Neue Welt folgt – und dabei am Ende so übel zugerichtet wird, dass er den Ureinwohnern wie das gefürchtete Fabelwesen Wendigo vorkommt. Zum anderen, und das ist eigentlich der vielversprechendere der beiden, der aber leider viel zu kurz kommt: In der Gegenwart erhält der Anwalt Trutz Finkelstein ein Schreiben, in dem die amerikanischen Ureinwohner die Restitution des Gebiets der Vereinigten Staaten fordern und macht sich, allen widrigen Umständen zum Trotz, tatsächlich daran, eine Sammelklage vor dem Obersten Gerichtshof anzustrengen. Auf den letzten Seiten des Romans, als es fast schon zu spät scheint, wird auch dieser Strang wieder aufgegriffen und bildet den krönenden Abschluss einer wahren tour de force durch das vielleicht düsterste Kapitel der europäischen Kolonialgeschichte.

Franzobel: Die Eroberung Amerikas. Zsolnay Verlag, 544 Seiten, 26 €

Der Beitrag erscheint als Teil der Aktion #buchpreisbloggen zu den Nominierten des Deutschen Buchpreises 2021 parallel auch auf www.deutscher-buchpreis-blog.de.

Wir machen Bücher (19.8.-19.9.2021)

Gestern startete die auf vier Wochen angelegte Veranstaltungsreihe „Wir machen Bücher“, für die sich eine ganze Gruppe unabhängiger Verlage im Namen der Bibliodiversität zusammengetan haben.

Zum Auftakt diskutierten Susanna Dulkinys, Birgit Schmitz, Daniel Klotz und Erik Spiekermann mit Christoph Biermann über das Thema „Hacking Gutenberg: Buchdruck im 21. Jahrhundert“, umringt von Druckerpressen, Farbeimern und Bleilettern in allen Größen und Formen.

Birgit Schmitz und Erik Spiekermann haben in diesem Jahr gemeinsam den Letterpress-Verlag TOC Publishing gegründet. TOC steht kurz für „The Other Collection“ – und eben das ist auch der Schwerpunkt des Verlags: Höchst aufwendig gesetzte, gestaltete und produzierte Bücher, in streng limitierter Auflage von 998 Stück, bilden nach und nach eine exquisite Sammlung an Weltliteratur. Auffällig: Die Bücher von Autorinnen wie Deborah Levy oder Chimamanda Ngozi Adichie erscheinen ausschließlich in englischer Sprache, was ganz einfach in der Internationalität der Buchsammler-Szene begründet sei, so Birgit Schmitz – klug ist dabei auch der Preis gewählt, wie Erik Spiekermann erklärt: Die Bücher seien zwar mit einem Verkaufspreis von 138 € nicht gerade billig, aber eben auch nicht so unerschwinglich, dass sie nur für die absoluten Luxus-Sammler erschwinglich seine, deren Objekte oft in die Tausender gingen.

Die Veranstaltungsreihe „Wir machen Bücher“ geht weiter am 26. August mit einem Gespräch über den Roman Lux von Olivia Kuderewski, der im Verlag Voland & Quist erschienen ist. Weitere Termine sind auf der Seite der Galerie p98a zu finden, wo auch alle Veranstaltungen stattfinden. Beteiligt an der Intiative #wirmachenbuecher2021 sind außerdem noch der Berenberg Verlag, der Dörlemann Verlag, Jovis und der Birkhäuser Verlag, der ebenfalls neu gegründete Kanon Verlag, der Kehrer Verlag, der Ladislaus Bean Verlag, der Peter Hammer Verlag, der Verlag Schöffling & Co., der Secession Verlag und der Verbrecher Verlag.

Westwärts, dachte ich, westwärts!

Matthias Nawrat durchleuchtet in Reise nach Maine ein nicht ganz einfaches Mutter-Sohn-Verhältnis.

Nach dem stilistisch hochavancierten Roman Unternehmer und den erzählerisch so detailverliebten wie verspielten Geschichten in Die vielen Tode unseres Opas Jurek hat Matthias Nawrat zur Ich-Erzählung gefunden. So war Der traurige Gast ein, wie es zumindest den Anschein hatte, autobiografisch gehaltener Erzähltext über einen Schriftsteller in Berlin, der auf verschiedene Personen trifft und deren Lebensgeschichten aufschreibt. Fehlte in diesem Roman mitunter ein wenig der rote Faden, ist der nun hier ganz klar gegeben: In Reise nach Maine fliegt eben dieser Schriftsteller mit seiner Mutter für zwei Wochen in die USA, um erst New York und dann die Landschaft an der Ostküste zu erkunden. Dann bringen jedoch gleich zu Beginn zwei Ereignisse die Planung durcheinander: Die Mutter kündigt an, statt über die zweite Hälfte des Urlaubs Bekannte zu besuchen, die gesamte Zeit mit dem Erzähler zu verbringen, was nicht zu dessen Vergnügen beiträgt. Dann stürzt sie auch noch unglücklich und verknackst sich die Nase.

Ansonsten verläuft die Reise aber eher ereignislos: In New York ist es unerträglich heiß, in Maine eingetroffen, kommt das Mutter-Sohn-Paar bei einer Cousine ihres New Yorker Nachbarn unter, der ihnen spontan den Kontakt vermittelt hat.

Die Stärke in Matthias Nawrats Erzählen besteht in der präzisen, beinahe unerbittlichen Beobachtung von Alltagsdetails, etwa der hochbürokratischen Abläufe im Krankenhaus, denen die Patienten mit einer fatalistischen Ergebenheit gegenübertreten. Auch die Differenzen zwischen Mutter und Sohn hält er genau fest: Sie, die ursprünglich zur Lehrerin ausgebildet wurde, hat sich nach der Übersiedelung nach Deutschland zur Physiotherapeutin weitergebildet und betont, wie wichtig es ist, Geld zurückzulegen und genug für die Rente zu sparen. Er, der Sohn, will die Ratschläge der Mutter nicht hören und ist auch sonst oft von einer brodelnden Wut erfasst, die er nur schwer in Zaum halten kann. Dann wieder ist er erschlagen von den Eindrücken und ertappt sich angesichts der Wolkenkratzer („Westwärts, dachte ich, westwärts!“) bei plötzlichen Gefühlsausbrüchen.

Amerikanischer Traum oder die USA als Sehnsuchtsort spielen aber insgesamt keine so große Rolle in diesem Roman – und wenn doch, dann eher on ihrer kaputten und desolaten Version. Interessant ist da auch der Zusammenhang, den die Mutter gleich zu Beginn zwischen der Wohngegend der beiden in New York und den Urlaubserfahrungen in ihrer Jugend herstellt: 

Meine Mutter hatte in ihrer Jugend, dachte ich nun, durch diese periphere Gegend in Brooklyn gehend, Reisen nach Rumänien unternommen, ans Schwarze Meer, in der Hoffnung auf einen Hauch von Luxus und Wohlstand an jenem exotischen Ende der ihr damals zugänglichen Welt. Der Dreck, die zerfallenden Gebäude, die nur einen Schritt hinter der touristischen Hauptstraße beginnenden deprimierenden Wohnviertel von Konstanza waren alles andere als schön gewesen. Sie waren arm und heruntergekommen gewesen, vom narzisstischen Wahn Ceauşescus ausgelaugte, ungepflegte, kaputte und nie reparierte Siedlungen, deren mittellose Bewohner von den Einkünften aus dem Tourismus nichts abbekamen, weil immer jemand aus der Verwaltung schneller war, schon seine Tasche aufgemacht, sich das Seine genommen hatte. Und nun hatte ich meine Mutter hierhergeschleppt, in dieses Viertel von Brooklyn. Sie lag mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken. Lag für eine ewig andauernde Sekunde so da und bewegte sich nicht. Dann hob sie die Hände zum Gesicht und sagte: Au.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine, Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 22 €

Worte, die eigentlich Wolken waren

In der literarischen Wunderkammer: Ein neuer Band mit Essays und Reden von Uljana Wolf versammelt poetologische Selbstauskünfte, dokumentiert produktive Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen – und ist ein Wegweiser durch ihr bisheriges Gesamtwerk.

Im Mittelpunkt steht dabei die für wohl keine andere Dichterin ihrer Generation so charakteristische Beschäftigung mit Sprache, sei es dem Polnischen, das ihren Debütband Kochanie, ich habe Brot gekauft prägte, dem Englischen der false friends und eigener Übersetzungen als Ausgangs- und Zielsprache, aber auch dem Belarussischen (etwa bei Valzhyna Mort). Von Uljana Wolfs Übersetzungen aus dem Englischen, insbesondere der Texte von Christian Hawkey und Matthea Harvey, handelt der erste Teil von Etymologischer Gossip, das jetzt bei Kookbooks erschienen ist; der Gegenrichtung widmet sich der zweite Teil, der überraschende Einblicke in das Werk von Christine Lavant gibt, aber auch die große Faszination Wolfs für das Werk von Ilse Aichinger zeigt. Besonders faszinierend: Die der Textart nach Dankesreden, Nachworte, Zeitschriftenbeiträge, die das Buch ausmacht, reihen sich zum Teil so nahtlos aneinander und greifen gegenseitig ihre Motive auf, dass es ein Genuss ist, einfach weiterzulesen. Ebenso erschließt sich das dichterische Werk Uljana Wolfs ganz nebenbei; von großer Empathie geprägt sind wiederum die Beiträge im letzten Teil des Bandes, die sich Dichterkolleginnen wie Dagmara Kraus, LaTasha N. Nevada Diggs, M. NourbeSe Philip, Theresa Hak Kyung Cha und ihren jeweils auf eigene Weise außergewöhnlichen Werken widmen.

Ein weiterer Genuss bei der Lektüre von Uljana Wolfs Texten ist ihr Umgang mit der Sprache selbst, beispielhaft in diesem magisch aufgeladenen Auftakt eines Essays über das Übersetzen von Ilse Aichinger: „Schnee habe ich in Rom nur einmal gesehen. Er deckte einen Morgen lang sämtliche Risse und Schlaglöcher zu. Als er geschmolzen war, hatten sich die Risse und Schlaglöcher unter seiner weißen Inkubationshaube vermehrt, als gäbe es eine negative Brutlogik, die irgendwo am kalten, schartigen Sprachrand der Wirklichkeit Brut an Brutalität koppelt und Schnee an die Möglichkeiten der Nichtexistenz.“ Es erfüllt mit Glück, Uljana Wolfs Gedankenbewegungen zu folgen, wenn sie die Strategien ihrer Übersetzungsarbeit beschreibt. Gleichsam überraschend sind die vielen kleinen Geschichten, die in den Essays stecken: Sei es über die Mutter des Monkeys-Sängers Michael Nesmith, die das Liquid Paper, eine Art Tipp-Ex, erfindet und dabei eine direkte Linie zu Uljana Wolfs und Christian Hawkeys Erasure-Gedichten Sonne From Ort bildet; oder über den Physiker John Scurlock, der 1957 versehentlich die Hüpfburg erfunden hat, aus deren unvorhersehbarem Inneren, in dem ihre „Passagiere“ ungeordnet durch den Raum fliegen, sich eine Art Ursymbol für die Poesie bildet. Einen von mehreren roten Fäden bildet Walter Benjamins Kindheit um neunzehnhundert, insbesondere die Miniatur „Mummerehlen“, aus der das einprägsam-schöne Zitat von den „Worten, die Wolken waren“, stammt – sie ist unter anderem autobiografischer Anknüpfungspunkt von einer Fahrt mit der Seilbahn auf dem Gelände der Gärten der Welt in Berlin-Kaulsdorf, wo Uljana Wolf aufwuchs: Hier befindet sich auf dem 102,2 m hohen Kienberg die Aussichtsplattform „Wolke“.

Eine besondere Stellung in Etymologisches Gossip nimmt ein Gespräch zwischen Uljana Wolf und dem norwegischen Dichter Simen Hagerup unter dem Titel „Fibel Minds“ ein, das die beiden anlässlich des Audiatur-Festivals in Bergen per E-Mail geführt haben: Es wirft noch einmal mehr als die auch in den übrigen Texten gelegten autobiografischen Spuren einen Blick hinter die Kulissen, der Wurzeln und Einflüsse deutlich macht, die das Besondere von Uljana Wolfs Dichtung insgesamt ausmachen: Der Austausch mit Dichterkolleg*innen über Ländergrenzen hinweg, das Beschäftigen mit Konzepten der hybriden Dichtung, und dabei doch immer wieder das Festhalten an der deutschen Sprache, die sie kreativ und schöpferisch immer wieder neu aktualisiert.

Am Beispiel von Dagmara Kraus, der sich gegen Ende des Bandes gleich zwei Beiträge widmen, zeigt Uljana Wolf noch einmal ganz konkret, wie dieser kreative Umgang mit Sprache aussehen kann: Die zwischen allen Stühlen stehende Kunstsprache, der sich die in Polen geborene, nun in Deutschland und Frankreich lebende Dichterin bedient, folgt nach ihrer Argumentation eine Strategie der „Minorisierung“ der deutschen Hegemonialsprache, die in Vermischung mit polnischen, englischen und französischen Versatzstücken gewissermaßen lustvoll vom Thron gestoßen wird.

Mit seinen über 200 Seiten bietet Etymologischer Gossip eine ausführliche, beeindruckende Bilanz von Uljana Wolfs bisherigem Schaffen, die durchweg fasziniert. Wo sie die Hüpfburg wohl als nächstes aufschlägt?

Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden, Kookbooks, 232 Seiten, 22 €

Die Gestaltung aller im Beitrag gezeigten Bände, auf die hier bereits gesondert eingegangen wurde, stammt von Andreas Töpfer.

Die Geisterfinger im Saitenspiel

Foto © Martin Dziuba (poesiefestival.org)

Am Sonntag war es wieder soweit: Das Berliner poesiefestival feierte mit der Berliner Rede zur Poesie eines seiner Highlights. Nach der großen „Weltklang“-Nacht der Poesie am Freitag trug der Berliner Dichter Johannes Jansen seine „Berliner Rede zur Poesie“ vor.

Man muss diese Setzung in ihrer Wichtigkeit betonen, standen doch in den Vorjahren bereits Oswald Egger, John Burnside, Elke Erb und, im letzten Jahr, die schon als Nobelpreis-Kandidatin gehandelte Ann Carson am Rednerpult – allesamt also renommierte, hoch dekorierte Poet*innen.

Nun also Johannes Jansen: Ein eher unscheinbarer Kandidat. Um die Jahrtausendwende gab es von ihm zwei Bände in der edition suhrkamp, anschließend zwei bei Kookbooks, darunter das auch in seiner aufwändigen Machart hervorstechende Liebling, mach Lack. Die Aufzeichnungen des Soldaten J.J. Hauptsächlich veröffentlicht der 1966 in Ost-Berlin geborene und auch in der ebendort angesiedelten Avantgarde-Lyrikszene mit agierende Jansen aber konstant, und zwar das schon seit 1988, in Klein- und Kleinst-Verlagen wie der Edition Mariannenpresse oder, zuletzt, Ripperger & Kremers, sowie in Privatdrucken und Einzelveröffentlichungen in Minimal-Auflage.

Ein Dichter, der also, ganz anders als seine Vorredner, nicht im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht. Oder sogar die Öffentlichkeit scheut? Das ist Interpretationssache – fest steht aber, dass die Wahl auf Johannes Jansen als Vortragenden der diesjährigen Berliner Rede zur Poesie eine äußerst gut durchdachte Wahl war: Das „Ergebnis einer Isolation“, so der Titel, kann sie als direkte Reaktion auf die letzten eineinhalb Jahre im Zeichen der Corona-Pandemie verstanden werden. Es wäre aber eine enttäuschende Vereinfachung, sie darauf zu reduzieren: Das C-Wort fällt nicht einmal; die kurzen, durch Sternchen voneinander getrennten Prosastücke, die wiederum selbst aus Kurz- und Kürzestsätzen bestehen, reflektieren vielmehr ganz existenzielle Themen: Das leere Blatt, die Einsamkeit und Depression, Wohnungs- und Geldnot, Krankheit; aber auch immer wieder kurze Augenblicke des Glücks. Johannes Jansen findet dabei Worte und Formulierungen, die auf eine fast unheimliche Art bewegen. „Die Depression ist profan“, heißt es gleich auf der ersten Seite, und weiter:

Die Geisterfinger im Saitenspiel machen den Wahn. Die sichtbar unbenennbare Liebe. Ein Wagnis das hält. Erstaunlich. Das Schweigen ist Schwelgen. Berührung besticht. So geht die Zeit ohne Druck, ohne Sucht. Nach dem flüchtigen Abschied die Sehnsucht die sich im Wiederbegegnen erfüllt. Die Jahre im Abseits haben nichts betrügen können. Einigkeit in der Unterscheidung die den Kontakt macht. Auf der Straße im Blitzlicht der Alltag, deutlich genug um zu taugen. Jedem sein Anteil. Der schöne Blick der Nachbarin der Treue beschwört. Treue zum endlich einigen Haushalt. Der kluge sich ordnende Organismus. Das Heilige gibt es wirklich.

Es ist eine fast verstörende Konzentration auf das Wesentliche, die aus diesen Zeilen spricht. Die einfache, reduzierte Sprache macht diese Texte gleichzeitig sehr konkret und extrem deutungsoffen: Manche lassen sich auf die unmittelbare Gegenwart anwenden, andere scheinen weit in die Vergangenheit zu verweisen. Szenen einer Krankheit sind zu verfolgen, Arztbefunde: Wer hier spricht, hat schon eine ganze Menge Leben hinter sich, so der Eindruck.

Wie passend dazu die Art, in der Jansen seine Rede dann auch vortrug: Mit ineinander verschränkten Armen und Beinen, tief über den Text gebeugt, wie um bloß in jedem Fall die große Geste am Rednerpult zu vermeiden, aber eben auch als ein Spiegel des Vorgetragenen: Das Alter, die angedeutete Krankheit nicht versteckend, aber auch nicht ausstellend. Am Ende scheint es fast so, dass nicht wegen Pandemievorschriften der Dichter mutterseelenallein im riesigen Saal der Akademie der Künste saß – sondern das Setting sich dem Gesagten unterordnete.

Johannes Jansen: Ergebnis einer Isolation (Auszüge) / Outcome of an Isolation (Excerpts). Berliner Rede zur Poesie, Band 6. Englische Übersetzung von Shane Anderson. Wallstein Verlag, 48 Seiten, 13,90 €

Rede von Johannes Jansen in der Mediathek des Poesiefestivals, nach Kauf eines Tickets über 3 € noch zwei Monate lang abrufbar

Ich bin’s, dein Feuerhörer

Valzhyna Morts Gedichtband Musik für Tote und Auferstandene erzählt aus der oft brutalen Geschichte ihrer Heimat Belarus – vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Aufständen dieser Tage.

Am 9. August 2020 wurde Alexander Lukaschenko mit einer Stimmenmehrheit von 80,1 Prozent in seinem Amt als Präsident von Belarus bestätigt. Noch am Wahlabend begannen Proteste gegen die gemeinhin als gefälscht geltende Wahl, die über Monate hinweg andauerten und immer brutaler niedergeschlugen wurden.

Die belarussisch-amerikanische Dichterin Valzhyna Mort hat diese Proteste ausführlich auf Twitter dokumentiert und begleitet. So schreibt sie etwa am 23. August 2020: „I always thought our wide avenues are built for military marches and tanks. It turns out they are built for people.“

Die massenweisen Verhaftungen der Demonstranten durch maskierte Sicherheitskräfte thematisiert sie ebenfalls: „Poets Hanna Komar and Uladzimir Liankevich were detained in Minsk today. I quoted Hanna a couple of days ago in my Twitter feed. Now we don’t know where she is.“

Auch in ihrem dritten Gedichtband Musik für Tote und Auferstandene, der jetzt im Suhrkamp Verlag erschienen ist, finden sich Echos der Proteste: In einem eigens für die deutsche Ausgabe geschriebenen so genannten „Spurentext“ erzählt Valzhyna Mort die Geschichte ihres ehemaligen Klassenkameraden Maxim Snak, der seit September 2020 in Haft ist und von Amnesty International inzwischen als politischer Gefangener eingestuft wird. Wie durch ein Brennglas wird hier das Thema des Gedichtbands auf den Punkt gebracht: Die Geschichte der Gewalt in Belarus.

Wie schon in Tränenfabrik und Kreuzwort sind die langen, ausdrucksstarken Gedichte von Valzhyna Mort von einer Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte geprägt. Für die 1981 in Minsk Geborene, die nun schon 15 Jahren in den USA lebt, ist das Heimatland immer noch so unmittelbar gegenwärtig, das selbst Kindheitserinnerungen aus Sowjetzeiten unheimlich nah wirken:

Zukunft, die nach dem Tramfahrplan geht. Die Straßen stellten sich vor
mit ihren Mördernamen,
ich aber schuf mir, in mir 

eine eigne Kammer,
dort räumt die Erinnerung –
illegale Zeitmigrantin –
fleißig auf hinter der Einbildungskraft. 

Großmütter tauchen auf, die in ihren „Knipsbörsen“ ebenso die Schokolade wie Sterbeurkunden von Verwandten aufbewahren, das Kind lernt mit großer Freude Akkordeon spielen, der Winter macht sich durch „gnadenlose Schneetage im Küchenfenster“ breit. Was ist mit dem Bruder der Großmutter geschehen, dessen Briefe bei einem Umzug nach dem Großen Vaterländischen Krieg verloren gegangen sind? Wie beeinflusst einen selbst in der Ferne noch die Schwere dieser Geschichten? Was bedeutet es, „Versuchsperson für den glühenden Reaktorkern von Großmutters Erinnerung“ zu sein, in der so viel Tod, Knochen und Gräber vorkommen?

Die Tochter, die Enkeltochter, die sich erinnert, um ihre eigene Identität zu finden: Auf die beiden längeren Gedichte „Haltestellen: Ars Poetica“ und „Ein Versuch in Ahnenforschung“, die Übersetzungen beide jeweils dem belarussischen bzw. englischen Original gegenübergestellten Texte (die Übersetzungen haben Katharina Narbutovič und Uljana Wolf angefertigt) folgen einige kürzere, die sich als Lieder („Lied für ein Taschenmesser“), Psalme oder einfach „Musik“ („Musik für Mädchenstimme und Bison“) ausgeben; auch ein Prosateil, wie es ihn in Kreuzwort bereits gab, kommt dazu. Schichtweise wird so Episoden aus der Familiengeschichte, Erinnertes, Erzähltes, eine oft leichte, verspielte Form gegeben.

Oft genug geht es aber um die Spuren, die die Gewalt in der Familiengeschichte hinterlässt. Und die surrealen Bilder, mit denen Valzhyna Morts Gedichte diese einfangen, sind die, die am längsten im Gedächtnis haften bleiben:

Ein Wählscheibentelefon ist ein Genpool.
Mein Körper klingelt, sprintet
dass ich meinen Kopf
auf die starke Schulter eines Hörers lege.

Hallo, hier ist Blut! Blut hat eine schwache Leitung.
Im Hörer ein Knistern
als riefe mich Feuer an.
Wer ist da?

Ich bin’s, dein Feuerhörer.

Valzhyna Mort: Musik für Tote und Auferstandene. Gedichte. Edition Suhrkamp, 142 Seiten, 15 €

Ein Schlag ins Kontor

Es ist die klassische David-gegen-Goliath-Geschichte: Eine wackere Kiezbuchhandlung kämpft gegen milliardenschwere, gesichtslose Immobilienspekulanten – jetzt ist sie ohne ein Happy End ausgegangen.

Thorsten Willenbrock steht gegen 11 Uhr an diesem Donnerstag in Moabit sichtlich geknickt am Mikrofon: Das Gericht hat der Räumungsklage der „Victoria Immo Properties V S.a.r.l“ soeben stattgegeben. Zuvor hatte bereits Stefan Klein von der Initiative GloReiche Nachbarschaft, einer der zahlreichen Unterstützer in Willenbrocks Kampf um seine Buchhandlung, vom Prozesshergang berichtet, der unter starken Sicherheitsvorkehrungen und mit streng begrenzter Teilnehmerzahl (Corona!) stattgefunden hatte. Tatsächlich war die Gegenseite – ein Frankfurter Anwaltsteam – auf eigenen Wunsch ausschließlich per Video zugeschaltet und man hatte als Besucher entweder die Wahl, diese zu betrachten, oder aber über einen freigelassenen Spalt der Verhandlung zu folgen. Ein zumindest fragliches Konzept.

Von den rund 150 anwesenden Protestteilnehmer*innen, die sich an diesem Morgen am Kriminalgericht versammelt haben, war die Stimmung munter, auch wenn die realistischen Chancen auf einen Prozessgewinn für die Buchhandlung von allen als sehr gering eingeschätzt wurden. Und so stand dann auch bei den Redebeiträgen, u.a. von Daten-Analyst Christoph Trautvetter vom Netzwerk „Steuergerechtigkeit“ und der Grünen-Bundestagsabgeordneten Canan Bayram eher dies im Vordergrund: Durch sichtbaren Protest das Verfahren und die Zustände zu kritisieren, die es ermöglichen, Mietforderungen ins Astronomische zu steigern und Immobilien in einem Kiez wie dem in der Oranienstraße als reine Spekulationsobjekte zu betrachten, aus denen die Mieter nach Belieben herausgedrängt werden können.

Für Kisch & Co. scheint das in der Oranienstraße nun unausweichlich. Willenbrocks Anwalt erklärte noch, über weitere Schritte wie z.B. die Anrufung des Berliner Kammergerichts zu beraten. Für die unabhängigen Gewerbetreibenden in Berlin bleibt es: Ein Schlag ins Kontor.

Update: Wie der RBB und die Berliner Zeitung am 21. August übereinstimmend meldeten, konnte die eigentlich für den kommenden Dienstag, 24. August, angesetzte Zwangsräumung nun verhindert werden. Offenbar konnte ein neuer Mietvertrag zum 1. September in direkter Nachbarschaft, der Oranienstraße 32, geschlossen werden – mit der Deutsche Wohnen.

Die Möglichkeit zu gehen ist immer enthalten

Welchen Preis hat die Freiheit? Lena Müller erzählt in ihrem Debütroman Restlöcher von der Suche nach dem richtigen Platz in der Gesellschaft zwischen Familie und politischem Engagement, Häuslichkeit und alternativen Lebensmodellen.

Auf der einen Seite sind da die Geschwister Sando und Mili: Sando ist im akademischen Mittelbau tätig und in einer unglücklichen Beziehung mit einem jungen Mann, der sich selbst „der Fuchs“ nennt. Dieser Fuchs ist bei jeder Gelegenheit auf politischen Versammlungen und Demonstrationen unterwegs und lässt sich nur wenig auf die harmonische Zweierbeziehung ein, die Sando sich wünscht. Mili hat sich mit mehreren Freunden auf dem Land einen alten Bauernhof gekauft, lebt dort mit ihnen gemeinsam und betreibt eine kleine Backstube.

Parallel dazu erzählt Lena Müller die Geschichte von Sandos und Milis Eltern Dieter und Clara – und hier setzt auch die Handlung ein: Clara ist weg. Als Sando und Mili davon erfahren, machen sie sich auf den Weg zu Dieter, der nicht wirklich besorgt scheint: Denn Clara war schon einmal ohne Ankündigung von der Bildfläche verschwunden, kurz nachdem sie ihr Studium in Berlin beendet hatte.

Claras Zeit in Berlin macht als ausführliche Binnenerzählung den Mittelteil des Romans aus. Es sind die achtziger Jahre, Clara und Dieter sind frisch verheiratet und junge Eltern, aber Clara kann sich mit der Idee vom kleinen Glück nicht anfreunden – sie will studieren. Mit Dieter trifft sie eine Abmachung: Sie geht mit Sando und Mili an die Freie Universität in Berlin, nach dem Ende ihres Studiums wird sie wieder zu ihm zurückkehren.

Wohnhaus im Studentendorf Schlachtensee (Foto: Detlef Bluhm)

Stimmungsvoll porträtiert Lena Müller das Leben Claras in einer Wohngemeinschaft im Studentendorf Schlachtensee, einem modernen Bauensemble, geprägt vom Aufbruchsgeist der Nachkriegszeit (und heute ein Bau- und Gartendenkmal der Stadt Berlin). Eine besonders enge Freundschaft entsteht zwischen Clara und ihrem Mitbewohner Pablo, den sie schließlich spontan nach Spanien begleitet.

In Dokumenten und Erinnerungen lassen Dieter, Mili und Sando die Geschichte von Claras Selbstfindung Revue passieren. Man erkennt Parallelen zum Verhältnis von Sando und dem Fuchs, der sich auch nicht in die romantische Vorstellung der Paarbeziehung zwängen lässt. Schließlich kommt es zu einem Wiedersehen in Schlachtensee: Einer spontanen Eingebung folgend, fährt Sando nach Berlin und trifft dort tatsächlich seine Mutter wieder, die sich auch auf einer Reise in ihre Vergangenheit begeben hat. Sie erinnert sich:

Die Möglichkeit zu gehen ist immer enthalten.“ Die Mutter denkt nach, dann: „Weil wir nicht nur die sind, die sich die anderen wünschen. Damals, im Studium, hatte ich ein Gefühl von Aufbruch. Ein großer, alle Lebensbereiche umfassender Aufbruch, meine ersten, feministischen Jahre. Damals wusste ich: Bewegung ist dort, wo Frauen sind. Ich war mir sicher, die Veränderung wird von den Frauen kommen, die Männer verharren, stecken tief drin im Sumpf der Vergangenheit, halten sich fest am Alten und haben keine Ideen mehr. Da fand ich, dass die Frauen, aber auch alle, auch die Männer, die ganze Gesellschaft, sehr viel zu gewinnen hatten.“

Auf bemerkenswerte Weise gelingt es Lena Müller in diesem Roman, auf nur wenigen Seiten ein authentisches Porträt von zwei Generationen zu zeichnen. Auch wenn sie viel unterscheidet – die Frage nach dem richtigen Platz in der Gesellschaft muss sich jede aufs Neue stellen.

Lena Müller: Restlöcher. Edition Nautilus, 128 Seiten, 18 €

Nun, Schifflein! Sieh dich vor!

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Pascal Richmanns Man vermisst diesen Planeten ist eine vielstimmige Collage, die eine Geschichte der Obssessionen erzählt.
 
Es würde viele Seiten füllen, das Personal dieser sechs Texte aufzuzählen, die, wie das Impressum informiert, bereits in früheren Versionen vom SWR als Hörstücke gesendet wurden. John F. Kennedy, Otto Waalkes und Thomas Bernhard kommen ebenso zu Wort wie Roberto Bolaño, Jan Böhmermann und der Astronaut Alexander Gerst; Frauen dagegen kaum. Und so kann man diese aus Filmen, Büchern und TV-Aufzeichnungen zusammengeschnittenen Aussagen durchaus als eine männliche Obsessionsgeschichte lesen: Es geht um Seefahrt, den Weltraum, Krieg und Science-Fiction.
 
Der Modus ist dabei immer kurz vor der maximalen Überforderung: Scheinbar wahllos mischen sich die Stimmen um historische Ereignisse wie den Anschlag auf den World Trade Center oder den ersten Flug zum Mond; Richmann geht hier assoziativ vor und mischt authentisches Material, wie etwa Kommentare von Nachrichtensprechern oder Auszüge aus Volker Panzers berühmtem Nachtstudio mit Zitaten aus Filmen und Literatur. Das führt zu durchaus komischen Effekten und sieht dann etwa so aus:

FRIEDRICH NIETZSCHE
Wir haben die Brücke hinter uns, mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen!
ANATOL JOHANSEN
Die Sinkgeschwindigkeit bei der Landung selbst wird etwa fünf Stundenkilometer sein.
GÜNTER SIEFAHRT
Das entspricht ungefähr einem Meter in der Sekunde.
ANATOL JOHANSEN
Das Landesystem ist so ausgelegt, dass auch ein Aufsetzen mit acht Stundenkilometern noch ausgehalten werden kann, ohne die Fähre zu zerstören.
WERNER BÜDELAR
Höhe 6300 Meter in diesem Augenblick.
FRIEDRICH NIETZSCHE
Nun, Schifflein! Sieh dich vor!
WERNER BÜDELAR
Abstiegsgeschwindigkeit 3600 Meter pro Sekunde.
FRIEDRICH NIETZSCHE
Es gibt kein Land mehr!

Zwischendurch entsteht aber gleichzeitig auch so etwas wie eine fortlaufende Erzählung, die sich zwischen dem Zitate-Dickicht fast etwas versteckt: Hier erzählt Richmann selbst – vorgeblich autobiografisch –, aus seiner Kindheit, dem ersten Kontakt mit dem Moby-Dick-Stoff in Form eines Kinderhörspiels, dann über die Erfahrungen mit den verschiedenen, konkurrierenden deutschen Fassungen des Romans. Später begegnen wir Richmann und seinem Freund Arnold Goldhorn bei Wanderungen durch den Harz, mit dem er lange Gespräche über Kastraten, Leonardo da Vinci und Michail Kalaschnikow führt; er unternimmt eine Reise nach New York und Washington D.C., liest Richard Brautigan und wird schließlich, wieder zusammen mit Arnold, Zeuge, wie in Paris die Kathedrale Notre Dame in Flammen aufgeht, während sie beide in ihrem Porsche eine Reproduktion des Urmeters transportieren.
 
Pascal Richmann bedient sich, könnte man argumentieren der in der Popliteratur so gängigen wie beliebten Technik des zwanghaften Mit- und Aufschreibens der Welt. Gleichzeitig zeugt sein referenzgesättigtes Schreiben aber auch von einer Sehnsucht nach der Kindheit, dem großen Abenteuer – und letztlich einer großen Nostalgie.