Have you forgotten how to say please?

Gerade einmal fünf Songs hat die EP Thrush Metal von Stella Donnelly, aber das reicht ihr schon, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Von der Wut auf aufdringliche Männer („Mechanical Bull“), der Verdrehung von Täter- und Opferrolle bei sexueller Gewalt („Boys Will Be Boys“) und toxischen Beziehungsmechanismen („Mean To Me“) singt Stella Donnelly, begleitet nur von einer E-Gitarre – ihr bestes Instrument ist aber ihre Stimme, mit der sie laut und deutlich Stellung bezieht. Musikvideos gibt es bereits zu „Mechanical Bull“ und „Mean To Me“. Soeben ist die zuerst bei einem kleinen australischen Label auf Kassette erschienene EP bei Secretly Canadian mit einem Bonustrack auf Vinyl neu veröffentlicht worden – definitiver Musiktipp für alle Mansplainer und toxischen Maskulinisten!

Stella Donnelly: Thrush Metal. Secretly Canadian, ca. 21 Minuten, ca. 12,99 €

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Under A Rock

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Drei Alben des Frühjahrs, auf die man sich freuen kann, und eins, das schon da ist.

Leise und zaghaft hat es sich angekündigt, dann aber zuverlässig den Weg in die Gehörgänge aller Redaktionen von Stereogum bis ZEIT ONLINE gefunden: Carrie & Lowell, das neue, sehr autobiographische Album von Sufjan Stevens, der sich im Unterschied zu groß produzierten Vorgängern wie The Age of Adz hier fast ausschließlich auf sanfte Gitarren und seine unverkennbare Singstimme verlässt, die zerbrechlich klingt wie nie. Anspieltipp: Der Titeltrack „Carrie & Lowell“.

 

Mit Pomp und Überproduktion dagegen kennen sich Best Coast aus – da war der Wechsel zum Majorlabel keine Überraschung. Für Mai ist California Nights angekündigt, der Titeltrack legt noch einmal eine Schicht Gitarrenwände über den Sound des Vorgängers The Only Place. Phil Spector lässt grüßen; freilich hörenswert macht auch das neue Material die dieser Band so eigene Mischung aus Inhaltsleere und hochhausgroßem Pathos.

 

Über den Sound definieren sich natürlich auch Thee Oh Sees sehr stark als Tüftler in den Sixties-Psych-Rock-Laboren und paranoid-schizophrenem Textgut. Mutilator Defended At Least ist da schon ein vielversprechender Albumtitel (ET ebenfalls Mai), das Artwork (siehe oben) lässt Bedrohliches erahnen. Als Vorbote wurde „Web“ ins (pun intended) Web versandt; zufriedenstellend schon einmal der wieder etwas rauere Sound, nachdem beim letzten Album Drop fast schon so etwas wie eine Produktion zu erahnen war.

 

Die Mischung macht’s: Garage/Indiewurzeln und das richtige Händchen fürs Hymnische findet man bei Katie Crutchfields alias Waxahatchee in trefflichster Kombination. Ihr kommendes Album Ivy Tripp ist, wenn man den bereits geleakten Stücken folgen darf, ein konsequenter Schritt in Richtung Weiterentwicklung und Perfektionierung eines unwiderstehlichen Musikkonzepts – nur zu schade, dass wieder einmal Plattenlabel/Rechtverwerter deutschen Hörern einen Strich durch die Rechnung machen, was den Vorabstream angeht: Der ist (via NPR/NME) in ganz Nordamerika und Europa hörbar – nur wieder einmal in this region nicht.

We are sufficiently impressed

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Wie Arcade Fire auf Opium: Viet Cong zerlegen das noch junge Jahr mit nur sieben Tracks fein säuberlich in seine Einzelteile.

Brutalistischer Höhepunkt des selbstbetitelten Debütalbums der Band aus Calgary, Alberta, die sich aus den Trümmern der aufgelösten Women zusammengefunden haben, ist das ungefähr ab Minute 6:40 einsetzende, in Dauerschleife hämmernde Schlagzeugdonnern im Schlusstrack „Death“, der das Album in einem atonalen Gewitter zu beschließen scheint, bevor nach zwei Minuten Dauerbeschallung noch einmal der treibende Rhythmus und abgehackte Gesang vom Anfang einsetzt.

Dieses Vorgehen beschreibt schon ziemlich gut den dramaturgischen Aufbau dieses sehr klug komponierten Albums, das zwar durchweg harte Töne anschlägt, aber immer wieder durch spontane Wechsel zwischen purem Geräusch und gefühlvoller Melodie, exorzistischem Austoben und stupendem Innehalten, lustvoller Irritation und anbiedernder Gefälligkeit überrascht. So im in der Mitte des Albums positionierten „March of Progress“, der mit einem fast White-Noise-artigen Intro loslegt, dann in einen kinderliedhaften Gesang, unterlegt von einer übersteuerten Harfe, übergeht und schließlich in einen mitreißenden Sturzbach von Synthesizern mündet, bei dem tatsächlich nicht viel zur Arcade-Fire-Theatralik fehlt. Als weitere Referenzen, vor allem aus dem Post-Punk-Bereich, wurden bereits Bauhaus, Joy Division und Interpol benannt – nur dass hier von allem noch ein bisschen mehr noch ein bisschen dicker aufgetragen wird. Man sollte dieses Album laut hören und unbedingt verfolgen, wie es mit dieser Band weitergeht. Die ersten Deutschlandkonzerte sind bereits ausverkauft.

 

Viet Cong: Viet Cong, Jagjaguwar, 2015, 36:04 Min., ca. 10 €

Das Album des Jahres: Twin Peaks

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Das gefühlte Durchschnittsalter der Bandmitglieder liegt bei 14, trotzdem steckt ihr Album Wild Onion voller Anspielungen auf Beach Boys, Rolling Stones, The Clash.

Ironie? Widerhaken? Gibt es hier nicht. Was diese Musik so einnehmend macht, ist das völlige Fehlen einer distanzierenden Ebene. Twin Peaks suchen sich ihre Nische irgendwo zwischen Bubblegum, Jangle-Pop und Shoegaze – heraus kommt dabei Rock & Roll im ursprünglichsten, jugendlich-sorgenfreien und spaßbetonten Sinne, der großmäulig auftritt, dabei aber stets klingt, als würde er aus der kleinsten Garage Chicagos kommen.

Vielleicht ist das die letzte Provokation, die jungen – wohlgemerkt: amerikanischen – Bands derzeit möglich ist: Einfach auf alles zu pfeifen und stattdessen das Leben als eine große Poolparty zu begreifen, alte Comichefte zu lesen und auf irgendeinem Feld Baseball zu spielen. Erfrischend zumindest an diesem Entwurf, den Twin Peaks in ihren Musikvideos demonstrieren, ist der augenscheinliche Verzicht auf tiefere Bedeutung jeglicher Art. Nein, hier geht es um Spaß, „Strawberry Smoothies“ und „Good Lovin'“.

Spaß, der vielleicht zuletzt etwas zu kurz gekommen ist bei der doch etwas zu sehr zur Schau getragenen Nachdenklichkeit des diesjährigen Seventies-Revivals, zu beobachten etwa bei Kurt Vile oder The War On Drugs. Der basale Dreisatz aus Können, Großtun und Drauflosdreschen macht Wild Onion im Vergleich dazu zur ungleich größeren Hoffnung für die eh schon zum tausendsten Mal totgesagte Rockmusik – und passt nebenbei perfekt zu dem Weg, den Bands wie Ty Segall, The Fuzz, White Fence, Thee Oh Sees, Black Lips oder die auch an dieser Stelle sehr geschätzten Courtneys bereits seit einiger Zeit einschlagen.

 
 

Twin Peaks: Wild Onion, Communion Records 2014, ca. 10 €

Hörtest: Yoofs, Girlpool, Bored Nothing

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Kakao, Apfelstrudel, Kaminfeuer: Man kann viel machen, wenn die Tage wieder kälter werden. The Daily Frown hat die Kopfhörer aufgesetzt, sich durch die Blogs gehört und mitgeschrieben: Drei Bands, die man ruhig einmal im Auge behalten sollte.

Yoofs kommen aus Bournemouth, einem Seebad im Südwesten Englands. Vermisst Three Beams etwas den flirrenden Sixties-Vibe, muss man auf der neuen Single „Can’t Think“ doch klar die Harmonien herausstellen, die diesem Jahrzehnt mindestens ebenso stark verpflichtet sind.

 

Girlpool reihen sich ein in eine immer grandioser werdende Liste von weiblichen Gitarrenformationen wie Bleached, Beaches und, zuletzt an dieser Stelle genannt, natürlich die unvergleichlichen Courtneys. Der Track „Blah Blah Blah“ überzeugt gleichermaßen durch die skeletthafte Instrumentierung und die klare Botschaft an den männlichen Adressaten.

 

Was bei Fergus Miller, der unter dem Namen Bored Nothing auftritt, genau „Musik aus den 90er Jahren mit einer super modernen Denke“ sein soll, wie der Pressetext einem weismachen will, ist schwer zu sagen. Spät-grungiges-Getüftel? Kurt-Vile-Innerlichkeit? Die Single „Ice-Cream Dreams“ bleibt jedenfalls mit ihrem vertrackten Rhythmus gut im Ohr hängen, und das Musikvideo gibt dann durch Windows-95-Programme im Hintergrund auch die zitierte 90er-Jahre-Referenz zu erkennen.

 

Zur ganzen Playlist, u.a. mit Purling Hiss, Dirt Dress und den grandiosen Dead Ships geht es hier.

Yoofs touren gerade durch England. Die erste EP von Girlpool erscheint im November. Some Songs, das zweite Album von Bored Nothing, ist heute erschienen.

Vampire Teenage Boyfriend

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Mit Stonewashed-Jeans und Batik-T-Shirts evozieren sie die achtziger Jahre in Reinkultur, dabei sind sie selbst gerade mal um die zwanzig: Die Courtneys aus Kanada versprühen wie kaum eine andere Band zur Zeit eine charmante Anziehungskraft, die aber gar nicht so einfach zu erklären ist.

Riot Grrl? Viel zu politisch! Grunge? Viel zu depri! Surfrock? Viel zu altbacken! Alle Versuche der Einordnung sind hier zum Scheitern verurteilt. Besser einfach treiben lassen mit den perfekt sitzenden Gitarrenriffs, eintauchen in die gerade so nicht zu viel und nicht zu wenig verwaschene VHS-Optik der Musikvideos und mitfiebern mit dem opulenten neuen Song „Lost Boys“, der die dürre Produktion der Debüt-EP durch einen satten Klang ersetzt und große Lust auf mehr macht.

Debüt-EP "The Courtneys" (Hockey Dad Records 2013)

Debüt-EP „The Courtneys“ (Hockey Dad Records 2013)

Sympathischerweise ist gerade der bestproduzierte Track in der Single-Variante auf einer billigen Musikkassette erschienen – und da ist er, der irrwitzige Gedanke, dass es vielleicht genau das ist, was die Faszination an einer Band wie den Courtneys ausmacht: Der alte Traum von der authentischen, nicht marketing-dirigierten Rockmusik, ausgelebt von drei Musikerinnen, die Spaß an ihrer Sache haben. C.O.U.R.T.N.E.Y.S.!

Aktuelles Musikvideo: „Lost Boys“:

 

Musikvideos „90210“ und „Social Anxiety“:

 
 

„Lost Boys“ ist erhältlich als MC via burgerrecords.com. Mehr Hörproben bei Bandcamp, Termine auf Facebook.