Welcome to Miami

Nach Lärm und Wälder legt Juan S. Guse seinen zweiten Roman vor – in Neonfarben leuchtend und dick wie ein Ziegelstein kommt Miami Punk daher.

Wie in der von Paranoia geprägten Prepper-Welt des Vorgängers macht sich Guse auch hier daran, eine ganze Welt zu erfinden, die der unseren auf eine unheimliche Art ähnlich sieht. Zugrunde liegt ein entscheidendes Gedankenspiel: Was würde passieren, wenn sich der Atlantik vom einen Tag auf den anderen von der Ostküste der Vereinigten Staaten zurückzieht?

In Miami, einer Stadt, die mit ihrem berühmten Sandstrand wie keine andere das Freizeit-Paradies im Hochglanzformat verkörpert, passiert genau das. Erzählerisch wird dieses Phänomen nun über mehrere Stränge erforscht: Über eine junge Programmiererin, die an ihrem opus magnum, einem Rollenspiel, das sich selbst fortschreibt, arbeitet; über Teilnehmer eines geheimnisvollen Kongresses, der dauerhaft in einer futuristischen Hochhaussiedlung tagt; über die Arbeit der „Behörde 55“, die von der Stadt beauftragt wurde, die gesellschaftlichen Bedingungen und Auswirkungen des Meeresschwunds zu erforschen (und nebenbei dem misstrauisch beäugten Kongress auf den Zahn zu fühlen); und schließlich über eine Gruppe von Counter-Strike-Spielern, die zum letzten Turnier der legendären Version 1.6 des First-Person-Shooters nach Miami reist. Mit der Zeit kommen sich die einzelnen Handlungsträger näher, und eine dunkle, bedrohliche Atmosphäre legt sich über das Geschehehn; dazwischen darf man sich auf die Bekanntschaft mit Ringer-Verbänden, Todesschwadronen, Verschwörungstheoretikern aller Art und Pilgern, die das Meer suchen, freuen; es gibt einen Katalog herabfallender Dinge, die aus dem Hochhauskomplex geworfen werden, Planspiele ganzer Wirtschaftssektoren, die ihre Arbeit verloren haben, aber trotzdem ihren Tagesablauf aufrechterhalten, und die Lebensgeschichten ehemaliger professioneller Dauerwerbesendungs-Schauspieler nachzulesen.

Juan S. Guse erweist Science-Fiction-Klassikern wie J.G. Ballard oder Stanislaw Lem ebenso die Referenz wie professionellen Spieleentwicklern und der kulturellen Bedeutung, die Computerspiele bereits heute haben. Trotz des hohen erzählerischen Anspruchs lässt sich das mit 634 Seiten keineswegs leichtgewichtige Buch erstaunlich zügig lesen: Durch einen geschickten Umgang mit der Informationsvergabe wird erzählerisch in jedem Kapitel gerade immer genug offen gelassen, dass man man mit Spannung darauf, was als nächstes passiert, sofort weiterliest. Für Nerds gibt es außerdem noch jede Menge Anspielungen auf Vorbilder von David Foster Wallace über Kathy Acker bis hin zu Claude Lévi-Strauss zu entschlüsseln; ein geheimes Bonuslevel, das sich über im Text verstreute Internet-Adresse und erwähnte WLAN-Zugänge freischalten lässt, existiert natürlich ebenfalls. Stefan Härtel von Bookster HRO prognostiziert bereits „Kultstatus“; Marten Hahn meint auf Deutschlandradio Kultur: „Es dauert lange, bis man weiß, ob Miami Punk großer Mist oder großes Kino ist“, schließt dann aber mit dem Fazit: „Ein Werk mit magischer Qualität.“ Zauberhaft ist tatsächlich auch die Titelillustration der Cyberpunk-Künstlerin Alice Conisbee, die an dieser Stelle, wie auch die herstellerische Gesamtverarbeitung, noch einmal eine besondere Erwähnung verdient – und Miami Punk zu einem gelungenen Gesamtkunstwerk macht.

Juan S. Guse: Miami Punk, S. Fischer, 640 Seiten, 26 €

Buchpremiere am 7. März 2019 um 19:30 Uhr im Berliner Ringtheater

Von Nähmaschinen und Wachspüppchen

Es gibt vergessene Autorinnen und Autoren, und es gibt solche, die gerade erst entdeckt werden. Camilla Grudova gehört zu den letzteren. Ihre Entdeckung steht dem deutschsprachigen Buchmarkt noch bevor.

Nach der Veröffentlichung von zwei Kurzgeschichten in den Magazinen Granta und The White Review brachte der britische Independent-Verlag Fitzcarraldo Editions, der mit englischen Übersetzungen von Matthias Enard, Olga Tokarczuk und, ja, auch Rainald Goetz‘ Irre ein gut sortiertes internationales Programm pflegt, 2017 den Debütband The Doll’s Alphabet der in Toronto lebenden Autorin heraus, über die nicht viel mehr bekannt ist, als dass sie einen Abschluss in Kunstgeschichte und Germanistik hat.

Irgendwo zwischen düsteren Märchen und surrealer Dystopie mit einem Schuss feinem Humor liegen die dreizehn sehr unterschiedlich langen Erzählungen in diesem Buch: Ob es die Erlebnisse einer Frau sind, die beschließt, sich die Haut abzustreifen und auf einmal eine neue Freiheit fernab der Zwänge des äußeren Erscheinungsbilds genießt („Unstitching“) oder die Geschichte einer Welt, in der eine „Gothic Society“ Streetart in Form von Styropor-Wasserspeiern und Bleiglas-Verzierungen produziert – Camilla Grudova bedient sich stets des klassischen Effekts der fantastischen Literatur, genau ein Detail der Wirklichkeit zu verändern und diese Veränderung dann konsequent zu Ende zu denken. Die Besonderheit ist die dezidiert – und vielleicht entfernt vergleichbar mit Margaret Atwood – weibliche Perspektive, die sie dabei einnimmt. Am besten zeigt sich das in der längsten Geschichte des Bandes, „Waxy“, die ein düsteres Szenario schildert, in der Frauen hart in Nähmaschinen-Fabriken arbeiten, um ihre unselbstständigen Männer zu versorgen, die in regelmäßigen Abständen rätselhafte „Prüfungen“ absolvieren müssen. Das gesamte Zusammenleben von Mann und Frau ist auf Funktionalität ausgerichtet und von Gewalt geprängt, Lebensmittel sind rationiert, Gefühle haben keinen Platz.

Camilla Grudova © United Agents

„Waxy“ ist auf Deutsch, übersetzt von Rebecca DeWald, unter dem Titel „Wachspüppchen“ in der aktuellen Ausgabe der Edit erschienen. Die Geschichte „Unstitching“ kann man im Original bei Lemonhound nachlesen. Eine deutsche Übersetzung von The Doll’s Alphabet ist bislang noch nicht angekündigt. Vielleicht wird ja der eine oder andere Verlag im Rahmen des Kanada-Schwerpunkts der Frankfurter Buchmesse im nächsten Jahr hellhörig?

Camilla Grudova: The Doll’s Alphabet. Fitzcarraldo Editions, 192 Seiten, ca. 12 €

Lo, my hunchies!

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Ein Höllenspaß: Dagmara Kraus hat Frank O’Haras Lunch Poems umgeschrieben – und entlockt den Texten überraschend neue Blickwinkel.

Die alltäglichen, immer wie nur gerade nebenbei notierten Texte Frank O’Haras, 1964 als Band 19 der Pocket Poets Series erschienen, handeln von Leberwurst, Klatsch und Tratsch aus der New Yorker Kulturszene oder banalen Alltäglichkeiten, die im Tonfall lässig bis lakonisch daherkommen. Dagmara Kraus nimmt sich das vorliegende Material vor und verstellt Buchstaben, Worte, rückt sie vom Zeilenende an den Anfang, vom einen Gedicht ins Gegenüberliegende. Ihre Methode beschreibt sie selbst so: „Ein Text buckelt und verbuckelt sich; ein Text tut schön und ergeben, liebedienert einem Meister, den er gleichwohl a tergo a gibbi zu entstellen versucht.“ Das Resultat, das sie Aby Ohrkranf’s HUNCH POEM genannt hat, und das nun als Band 46 bei roughbooks erschienen ist, trennt die Sinnbezüge in den sprachlich schlichten Gedichten Frank O’Haras fein säuberlich auf, dreht sie auf links und verwandelt die Texte in experimentelle Klangpoesie, die mehr oder weniger deutlich um das Thema „Buckel“ kreist. Aus „A step away from them“ wird so:

MORF THEM

It’s my hunch hour, so I go, a
toothpick, languorously agitating.

A blond horus licks his smiles
And rubs his chin. Everything

is hin. A girltooth, miles to O,
anglaisourously very tatitating.

Little Mün, lo, my hunchies:
the isles to bond, bland onde

goes sour, Mond on toothpick,
chichunch, so I go, ruby thing

rousing bones, hunch crunchy.

Die Nähe zum Dadaismus bestätigt der Abdruck von Hugo Balls „Karawane“ als eine Art Schlüsseltext etwa in der Mitte des Bandes, und auch der Mittel der konkreten Poesie bedienen sich Kraus‘ O’Hara Bearbeitungen, wenn sie den Text kugelförmig anordnen, zerschneiden und übereinanderstapeln oder in der Silhouette einer Katze wiedergeben.

Ein schönes Detail ist noch, dass den von der Autorin selbst als „Verhunzung“ bezeichneten Appropriationen auch gleich noch eigene „Übersetzungen“ ins Deutsche mitgeliefert werden, in denen es ähnlich hoch her geht:

kling ich wirklich wie ein angerissener pierog
wie ich ziellos das ohr abwander
während irgend täubidröhe freude
plingpling in den buckel pumpt

Das mittlerweile historisch gewordene provokante Potenzial von O’Haras Lunch Poems wird damit zwischen den Zeilen wieder sichtbar – eine schöne Hommage an einen Klassiker der modernen Dichtung.

Dagmara Kraus: Aby Ohrkranf’s HUNCH POEM, roughbooks, 108 Seiten, 11 €

Wirklichkeit als Annahme

Enis Maci spannt in ihren Essays einen großen Bogen – von der europäischen Geschichte zur eigenen Kindheit, von Wikipedia-Löschdiskussionen zu identitären Instagram-Role-Models und von der Kleidung der Eingeschworenen Jungfrauen zu Zeeman-Tanktops.

So vollzieht jeder der acht Beiträge in Eiscafé Europa eine Denkbewegung nach, die gleichermaßen forschend wie assoziativ vorgeht. Etwa was die verschiedenen Formen der Selbstinszenierung angeht: Die Erinnerung an eine Tante, die als „Eingeschworene Jungfrau“ in Männerkleidung lebt, vernetzt sich mit dem Bild als Teenager in Jogginghosen und grauen Tanktops von Zeeman und der Inszenierung von weiblichen identitären Role Models im „fascist style“ mit Ray Ban und Schlagring im Café. Spontane Beobachtungen und längere Exkurse verteilen sich über das ganze Buch, die Zusammenhänge werden oft erst im Rückblick erkennbar.

Ein weiteres großes Thema, dass diese Essays durchzieht, ist der Zugriff auf Wissen – und dessen Flüchtigkeit. Maci zitiert aus Wikipedia-Artikeln und nutzt das Internet Archive sowie die Wayback Machine, um verloren gegangene Inhalte zu rekonstruieren. Manches aber bleibt verschollen: Der Wikipedia-Artikel „Okkulte DDR“ ist Opfer einer Löschdiskussion geworden, und auch die Arbeit des Vaters, der für ein Internetforum deutsche Zeitungsartikel ins Albanische übersetzte, ist nach Einstellung des Forums unwiederbringlich verloren gegangen.

Er hatte die Übersetzungen meist direkt in das Feld innerhalb des Browserfensters getippt, das man zum Posten benutzt, ohne den Umweg übers Textverarbeitungsprogramm zu gehen. Erst war ich fassungslos, dann sehr betreten. Wir sprachen über die gefährdete Pressefreiheit in Albanien, über die Manipulation europäischer Wählerinnen, über Cambridge Analytica und bezahlte Trolle, über albanische Fernsehmoderatorinnen, die sich, der eigentlichen Spracheanscheinend kaum mächtig, in einer Art einzigem Neologismus ausdrücken, auf eine Weise, für die Emigrantenkinder in den Dutzenden Sommern seit der Wende scharf gescholten worden sind.

Abschließend warnte er mich, wie er es schon immer getan hat, ich möge stets Sicherheitskopien anfertigen, dreifach, auf einer externen Festplatte, auf Papier und schließlich in der Wolke, wie er die digitale Cloud ganz selbstverständlich nennt.

Das Verschwinden bestimmter Informationen kann aber auch politische Implikationen haben: Die öffentlich einsehbaren Instagram-Profile, in denen sich die identitären Role Models Melanie Schmitz und Alina Wychera („fascist style“) inszenieren wurden vom Betreiber gesperrt, die dort getätigten Aussagen lassen sich nicht mehr belegen.

Die Essays von Enis Maci dienen damit nicht nur der Bewahrung von Erinnerungen, sondern haben auch einen dokumentarischen Charakter, indem sie einen Blick hinter die Kulissen unserer Gegenwart werfen. Wenn die Wirklichkeit zur Annahme wird, wie es an einer Stelle heißt, ist dies vielleicht die beste Reaktion.

Enis Maci: Eiscafé Europa. Essays. Edition Suhrkamp, 240 Seiten, 16 €

Erzählen, ohne zu erzählen

Patrick Savolainen legt mit Farantheiner ein Romandebüt vor, das geschickt die Lesererwartungen durchkreuzt.

Texte von Patrick Savolainen konnte man, wenn man Glück hatte und dabei war, bei der legendären, einmal im Jahr zur Leipziger Buchmesse stattfindenden Lyriknacht „Auch dieser Raum ensteht durch Gebrauch“ hören. Zu lesen war er bislang unter anderem in der Fabrikzeitung. Neben dem Schreiben arbeitet der 1988 in Malaga Geborene als Gestalter. Jetzt ist im Schweizer Independent-Verlag die brotsuppe sein erstes Buch erschienen.

Wovon Farantheiner handelt, ist eigentlich gar nicht so schwer zu beschreiben: Ein junger und ein alter Mann reiten durch die Prärie, es geht um ein Testament, später kommen noch eine junge Frau und ein Pferdedieb ins Spiel – tatsächlich ist der Stoff dieses Romans in einem etwas freieren Verständnis des unkreativen Schreibens dem erotischen Heftroman Für eine Nacht ohne Tabus der Autorin Sandy Steen entlehnt, der in der Reihe „Tiffany exklusiv“ des Cora Verlags erschienen ist (leider nicht mehr lieferbar). Der Inhalt wird auf der Verlagsseite wie folgt beschrieben:

Belle riskiert es! Binnen 30 Tagen muss sie heiraten, sonst verfällt ihr Erbe. Zum Glück ist der auffallend gut aussehende Cowboy Cade McBride bereit, das Spiel zum Schein mitzuspielen. Allerdings unter einer Bedingung: er fordert von Belle eine Nacht. Ohne jedes Tabu.

Patrick Savolainen bearbeitet diese Vorlage nach allen Regeln der Kunst, indem er verschiedene Formen der Nacherzählung erprobt: Mal ist es, als höre man jemandem zu, der sich versucht, an die Handlung zu erinnern; dann wiederum liest sich der Text wie ein monotones Protokoll der Ereignisse, oder es werden verschiedene Varianten desselben Satzes aufgereiht.

Auf diese Weise entsteht mit der Zeit eine Art Vakuum: Dadurch, dass der große Handlungsbogen schon vorgegeben ist, muss Savolainen keine Rücksicht mehr auf die Erzählökonomie legen und kann nach Belieben Szenen ausdehnen, komprimieren, überspringen oder in Zeitlupe ablaufen lassen. So werden die knapp 200 Seiten von Farantheiner zum literarisches Experimentierfeld, das mehr ist als nur eine Fingerübung. Ein Kapitel besteht nur aus der äußerst poetischen Wiedergabe von Träumen der handelnden Personen, an vielen Stellen montiert Savolainen immer wieder, typografisch kunstvoll hervorgehoben, den Originaltext von Sandy Steen ein und liest ihn gegen den Strich.

Farantheiner findet einen eleganten Weg, den Erwartungen an einen klassischen Debütroman aus dem Weg zu gehen. Am Schluss bleibt eine ebenso überraschende wie einfache Erkenntnis: Dass Erzählen manchmal am besten gelingt, wenn man gar nichts erzählen muss.

Patrick Savolainen: Farantheiner. Verlag Die Brotsuppe, 194 Seiten, 24 €

Spliss scrollt in Fachsprache

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Ganz besonders kann man sich im Frühjahr oder Herbst freuen, wenn neue Kookbooks-Bände erscheinen, sind sie doch jedes Mal eine wahre Augenweide für Freunde der Buchgestaltung.

Jetzt ist es mal wieder soweit, und das neue Programm wartet mit drei neuen Lyriktiteln auf, die tatsächlich jeder für sich sehr lesenswert sind. Darum erscheint an dieser Stelle eine Dreifachrezension.

Ich bin dieses lose Gerät. Siehst du mich schreiben?

Los geht es mit Christiane Heidrich, 1995 geboren, die mit Spliss ihr Debüt vorlegt. Gedichte von ihr konnte man in der Edit lesen und in der von Max Wallenhorst für CHANGE kuratierten Reihe Sexting. Es sind kühle, sorgsam gebaute Texte, die die junge Lyrikerin, die in bildender Kunst und Sprachkunst gleichermaßen zuhause ist, hier baut und zu insgesamt acht Zyklen ordnet. Sie tragen Titel wie „dinge rücken“, „Today I am functional“ oder auch „Water Lilies“ heißen und entwickeln eine ganz eigene, elegante Schönheit.

zehn beine hast du, kalmar
drei herzen auch dafür

Tristan Marquardt lässt auf sein Debüt Das amortisiert sich nicht mit dem Band Scrollen in Tiefsee eine Sammlung von Gedichten folgen, die einerseits den als Mediävisten tätigen Autor verraten („Tag- und Nachtlieder“, „Parzival-Lexikon“), aber auch konzeptuell neue Wege gehen: Ein Zyklus aus Zweizeilern etwa, und die zwischengeschobenen als „Kataloge“ betitelten spielerisch-lexikalischen Parts zu gemischten Themen („Lichtkatalog“, „Fehlkatalog“, „Postkatalog“) machen den Reiz dieses an Überraschungen reichen Bandes aus.

wir sind so die typen und tanten, immer eine calzone im koffer

Ulf Stolterfoht schließlich, der Autor mit dem größten Back-Katalog hier, bei Kookbooks aber noch nicht so lange dabei (den Einstand machte 2015 das völlig irre Neu-Jerusalem über Radikalpietisten im Jahr 1703), setzt sein Mammut-Projekt Fachsprachen fort – und fügt, beginnend mit dem 37. Abschnitt, nach bewährtem Prinzip neun weitere Kapitel mit jeweils neun Gedichten an, die auf knapp 100 Seiten – es ist auch der längste Band der drei – nach wildester Pastiche-Art Oskar Pastior, Hans Arp, Inger Christensen und Rosemarie Waldrop samplen und grüßen. Zwei ganze Abteilungen sind einer völlig aus dem Ruder laufenden Neuerfindung von Kurt Pinthus‘ legendärer Expressionismus-Anthologie Menschheitsdämmerung gewidmet, es treten unter himmelschreiend komischen falschen Namen (Frieder Schauffelen! Eugen Kalbfell!) Protagonisten wie Gottfried Benn und August Stramm auf und werfen sich in der schwäbischen Gaststätte Brettschneider die von Stolterfoht genialisch neu arrangierten Originalverse um die Köpfe.

Die Bände sind von Andreas Töpfer gestaltet, ab sofort lieferbar und in jeder Buchhandlung zu bestellen.

Christiane Heidrich: Spliss, 80 Seiten, 19,90 €

Tristan Marquardt: Scrollen in Tiefsee, 80 Seiten, 19,90 €

Ulf Stolterfoht: Fachsprachen XXXVII-XLV, 100 Seiten, 19,90 €

Weihnachten mit Wurzelspitzenresektion

Was passiert hier? Eine Familie feiert Weihnachten, aber alle tragen Handschellen. Ein Erzähler namens Maruan führt ein Gespräch mit seinem Therapeuten, Herrn Doktor Gänsehaupt, und kündigt an, einen Mord gestehen zu wollen.

Maruan Paschens zweiter Roman ist ein großes Verwirrspiel. Äußerlich hat er alle Anlagen zu einem klassischen Familienroman: Die Familie trifft sich an Weihnachten, man erinnert sich gemeinsam an vergangene Zeiten. Tatsächlich unterläuft er aber diese Absicht, so gut er nur kann. Zumindest in der Art, wie er erzählt: Denn um Familiengeschichten geht es durchaus. Nur wird hier so haarsträubend irrwitzig, abschweifend und dann wieder manisch detailliert mit- und durcheinandergesprochen, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, wem man was glauben soll.

Zwischenzeitlich wird auch das Mittel der Skizze zur Hilfe genommen, etwa zur Beschreibung einer Wurzelspitzenresektion. Dann erinnert sich der Erzähler zurück an Episoden aus seiner Kindheit und Jugend und eine Liebesbeziehung, die nur einen Kaufhausbesuch lang hielt. Diese zählt zu den komischsten Episoden von Weihnachten. Die vielleicht traurigste ist die Geschichte, wie der Erzähler-Maruan einem Kind im Flugzeug aufgrund eines Missverständnisses das Leben rettet – und dieses aber nach der Notlandung doch im Krankenwagen stirbt.

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Foto: Julia von Vietinghoff

Maruan Paschen ist, das war schon in seinem ersten Roman Kai so, eigentlich eher am Erzählvorgang als solchem als am geraden Herauserzählen einer Geschichte interessiert. Mit welchen Worten wird was beschrieben? Traue ich mir selbst beim Erzählen über den Weg? Kann man überhaupt die Wahrheit erzählen? „Familie ist wie eine Mauer“, heißt es an einer Stelle, „Familie ist wie ein Pflaster“ an einer anderen. Diese Familiengeschichte, in ihrer ganzen Zersplittertheit und ihren verwirrenden Konstellationen, ist vielleicht die ehrlichste, die seit langem geschrieben wurde.

Maruan Paschen: Weihnachten. Matthes & Seitz Berlin, 196 Seiten, 20 €