Poesie gegen rechts oder was?


Jörg Albrecht, Gerhild Steinbuch, Thomas Arzt, Sandra Gugić (Foto: Sabrina Richmann)

Vom 14. bis zum 17. Juni verwandelt sich das Ballhaus Ost in Berlin Prenzlauer Berg in einen gigantischen Think Tank: Unter dem Motto „Ängst is now a Weltanschauung“ hat das Künstler*innenkollektiv Nazis & Goldmund über 40 Autor*innen, Publizist*innen, Blogger*innen und Künstler*innen aus anderen Bereichen zum Diskurs geladen.

Drei Gesprächs- und Arbeitsgruppen werden die Konferenz grob strukturieren, Input liefern ihnen Keynote Lectures von Olga Flor, Kübra Gümüşay und Reinhard Olschanski. Für weitere Inspiration sorgen Keynote Lectures, etwa von Kathrin Röggla und Fiston Mwanza Mujila. Ansonsten soll über die drei Tage hinweg aber frei und dezentral zusammengekommen und nachgedacht werden: Morgens beim Yoga in der „Ängst-Detox-Session“, abends beim DJ-Set mit Thomas Meinecke oder dazwischen bei Livestream Lectures per Skype und Diskussionen zum Umgang mit den Identitären.

Programmheft zur Konferenz (Foto: Sabrina Richmann)

Teilnehmer Fiston Mwanza Mujila (Foto: Sabrina Richmann)

„Im Zentrum steht die Sprache“, so die Konferenzmacher*innen Jörg Albrecht, Thomas Arzt, Sandra Gugić, Thomas Köck und Gerhild Steinbuch. „Wie können sich Kunst und Literatur angesichts des Vormarschs der Neuen Alten Rechten und ihrer Vereinnahmung von Sprache verhalten? Die Konferenz ruft zur Auseinandersetzung mit diesem Übergriff auf, sucht nach Möglichkeiten einer gemeinsamen Sprache und bietet Raum, um aus dem künstlerischen Einzelkämpfer*innendasein herauszutreten und kollektive Prozesse in Gang zu setzen.“

Ängst is now a Weltanschauung. Eine Literaturkonferenz zur Erosion des Demokratischen. 14. bis 17. Juni 2018, Ballhaus Ost, Pappelalle 15, 10437 Berlin. Eintritt 10 € für alle Konferenztage.

Klarstellung: Der Autor ist als Social Media Koordinator in die Konferenz eingebunden.

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Der Film des Jahres: Metalhead

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Den schwergewichtigen Titel der englischsprachigen Fassung dieses isländischen Films entkräftet schon das Poster, das eben nicht den typischen Heavy-Metal-Hünen zeigt, sondern ein junges Mädchen im Black-Metal-Look.

Überhaupt stellt Ragnar Bragason hier einige Klischees auf den Kopf und schafft es, dem scheinbar auserzählten Thema „harte Musik als Identifikationsmerkmal für Außenseiter“ eine neue Seite abzugewinnen. Wunderbar wird das Touristenidyll Island als die öde Provinz gezeigt, die es für Nicht-Touristen eben auch ist; berührend die Geschichte der Hauptfigur Hera erzählt, die nach dem Tod ihres Bruders dessen Heavy-Metal-Traum weiterlebt, auch wenn sie nur gerade so die E-Gitarre halten kann; urkomisch die Konfrontation der christlichen Gemeinde mit den neuen Klängen, als Hera ihre Band auf ein Kirchenfest mitnimmt. Metalhead schlägt als Island-, Musik- und Coming-of-age-Film drei Fliegen mit einer Klappe – unbedingt sehenswert!

 

Metalhead (OT: Málmhaus), Mystery Island 2014. Regie: Ragnar Bragason, Darsteller: Þorbjörg Helga Dýrfjörð, Ingvar E. Sigurðsson, Halldóra Geirharðsdóttir. Länge: 97 Min.

Erich Mühsam (1878-1934): Ein Überblick für Einsteiger

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„Ob sich in 80 oder 100 Jahren mal jemand findet, der meine Tagebücher der öffentlichen Mitteilung für wert halten und herausgeben wird, kann ich nicht wissen.“
 
Auf den Tag genau vor achtzig Jahren ist der Dichter, Dramatiker, Herausgeber und emsig Tagebuch schreibende Anarchist Erich Mühsam gestorben, von der Wachmannschaft im KZ Oranienburg erschlagen.

Seine Schriften sind lebendig wie nie. Der Verbrecher Verlag, der vor zwei Jahren mit der Herausgabe von Mühsams umfangreichen Tagebüchern begann, erfreut sich anhaltend guter Presse, die jeden der bis jetzt herausgekommenen Bände mit Begeisterung aufgenommen hat. Und das hat viele Gründe: Erich Mühsam war nie nur politischer Denker und Agitator, sondern immer auch im Literatur- und Bohemebetrieb seiner Zeit engagiert und bekannt als lebenslustiger Mensch, wie in den frühen Tagebuchaufzeichnungen deutlich erkennbar ist.

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Eintrag vom 3. Oktober 2011 (Quelle: muehsam-tagebuch.de)

Zum Mühsam-Jahr gibt es nun auch ein im Softcover produziertes Mühsam-Lesebuch, das in einer entlang der Biografie getroffenen Auswahl Lieder und Texte außerhalb des Tagebuch-Korpos umfasst. Außerdem entstand aus dem Umkreis der Herausgeber des Lesebuchs, in der Formation Der singende Tresen, die schöne Idee, eine CD mit Mühsams Liedern zu produzieren. Diese wurde erfolgreich ins Crowdfunding gegeben und erscheint diese Woche unter dem Titel Mühsam Blues.

Der Verlag zieht nach mit einer Einzelheft-Edition als E-Book, die die ohnehin schon vorbildlich edierte kritische Ausgabe aus muehsam-tagebuch.de glänzend ergänzt. Zum Abschluss ein kurzer Auszug aus dem Lesebuch „Das seid ihr Hunde wert“, der Erich Mühsams Einstellung zu seinem eigenen Schaffen sehr treffend charakterisiert und gerade vor dem Hintergrund seiner brutalen Ermordung durch die Nationalsozialisten einen herben Beigeschmack bekommt – aus dem autobiographischen Text „Auf zwei Gäulen“ von 1924:

Die Arena des politischen Kampfes, des Meinungskampfes, hat mich bisher nicht freigegeben, wird mich auch nie freigeben, solange nicht Ziele erreicht sind, die nicht die Ziele der Leser diese Bekenntnisse sind. Politische Memoiren gedenke ich somit in absehbarer Zeit nicht zu schreiben. Vielleicht werde ich einmal im Rollstühlchen sitzen, müde, runzlig und resigniert – dann mag meinetwegen auch auf dem Gebiet des sozialen Geschehens der erzählende Schriftsteller den Agitator, Propagandisten und auf öffentliches Wirken bedachten Menschen ablösen. Die Frage erhebt sich: Lässt sich Leben und Schicksal eines in verschiedenen Bezirken geistiger Regsamkeit tätigen Individuums im Ausschnitt betrachten? Kann ich den Teil meiner Daseinsbemühungen, der um Wandlung von Welt und Gesellschaft geht, herausnehmen aus meinen Erinnerungen und Rückschau halten nur auf Begebenheiten, die außerhalb des politischen Kampfplatzes geschahen? Ich glaube, das wird möglich sein. Gerade meine Vergangenheit lief viele Jahre auf zwei getrennten Geleisen, und wenn die Schienen auch manchmal einander eng berührten oder selbst schnitten, so war ich doch streng bedacht, die Züge, deren einen ich als Passagier benutzte, deren anderem ich die Weichen zu stellen strebte, nicht aneinanderfahren zu lassen.

Mühsam für Einsteiger – Vorsicht Suchtfaktor!

Erich Mühsam: Die Tagebücher (bereits erschienen: Band 1-6)
Online-Variante der Tagebücher mit Fußnoten
Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert. Ein Lesebuch
Der singende Tresen: Erich Mühsam Blues
Erich Mühsam: Die Tagebücher in Einzelheften (E-Book)

Und ein Tipp für alle Berliner: Am 12. Juli findet am Ostkreuz ein großes Erich-Mühsam-Fest statt, mit Musik, Lesungen und Gesprächen!

Fotonachweis: Bundesarchiv / Wikimedia Commons

Geschichten aus dem deformierten Schreiben

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„Fuck Leipzig!“ Wenn eine Podiumsdiskussion im ehrwürdigen Roten Salon der Berliner Volksbühne Teilnehmern solche Statements entlocken konnte, war sie vielleicht doch nicht ganz überflüssig.

Zum Thema „Ästhetik 2.014“ lud Conférencière Christiane Frohmann zur neuesten Ausgabe des Katersalons, einer Veranstaltungsreihe, in der bereits über die Themenkomplexe Berlin Unschick, Cat Content und die neue Twitter-Literatur gesprochen und performt wurde. Diesmal sollte es um die Gegenwartsliteratur gehen, der mal Langeweile, mangelnde Introspektion, Erfahrungsarmut oder fehlende Ernsthaftigkeit bescheinigt wird. Diese Diskussion, die gerade im Frühjahr anhand des vielzitierten ZEIT-Artikels von Hildesheim-Absolvent Florian Kessler wieder entbrannt, aber keineswegs neu ist, sollte nun noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden – erklärtes Ziel von Christiane Frohmann, die selbst auch E-Book-Verlegerin ist, war zudem die Frage zu klären, ob im Internet, bei Twitter und auf Facebook nicht mittlerweile eine neue Literatur stattfinde, die jenseits von Feuilletondiskussionen schon ein reges Eigenleben führt.

Diese Frage blieb freilich weitgehend als These im Raum, denn das ordentlich gefüllte Podium (zwei Verleger, drei Journalisten, drei Autoren, eine Kulturwissenschaftlerin) hatte sich auch so schon viel zu sagen. Da ging es um den Wunsch nach der „drängenden Erfahrung“, den Michael Angele (der Freitag) und Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) nahezu unisono formulierten; hinzu kam von Seiten Angeles noch eine dezidierte Kritik an ironielastigem, zu sehr ins Witzelnde geratendem Schreiben, das eine Pose zeige, aber keine Inhalte – die Popliteratur sei da ein gutes, weil abschreckendes Beispiel. Passen dazu würde ein immer oberflächlicherer Journalismus, ergänzte Jörg Sundermeier weiter, der – aufgrund von massivem Einsparzwang und immer weniger Rückgriff auf freie Schreiber – bereits einen Großteil seines Niveaus eingebüßt habe und nur noch „Homestorys“ zu fabrizieren imstande sei.

Harter Tobak für die anwesenden Vertreter der jungen Autorengeneration, allesamt mit Schreibschulhintergrund Hildesheim: Stefan Mesch etwa machte in einem eindrücklichen Statement klar, wie schwer es überhaupt sei, so weit zu kommen und sich selbst zuzutrauen, den Stoff, den man für sich irgendwann einmal gefunden habe, auch ernst zu nehmen und weiterzuverfolgen – selbst wenn es nicht um die großen, existenziellen Themen, sondern um Liebeskummer in der Kleinstadt und Einsamkeit an der Bushaltestelle gehe. Das Argument der „Deformation“ war von Jan Fischers Seite noch eine willkommene Ergänzung, die das oft monierte Gleichförmige der Schreibschul-Prosa versuchte, zu entkräften: Gerade wenn man merke, dass alle im Seminar dasselbe Handwerkszeug erlernen, um ihre Geschichte zu bauen, sei es wichtig, einen Weg zu finden, wie man sich wiederum absetzen, aber trotzdem interessant bleiben könne. Martin Spieß, der als unangekündigter Gast den Schreibschüler-Block erweiterte, hatte noch anzumerken, dass er harte, B-Movie- oder Breaking-Bad-artige Geschichten „von unten“ vermisse, und man konnte heraushören, dass er damit auch seine eigene Situation beschrieb, die ganz offenbar von einer gewissen Frustration geprägt war, mit diesen Stories nicht das große Publikum erreichen zu können – und das eigene Schreiben stattdessen einem Brotjob, in diesem Fall als Comedian, zu opfern.

Jörg Sundermeier, der die Diskussion mit scharfen, aber auch unterhaltsamen Wortbeiträgen gehörig würzte, konnte damit wenig anfangen: Fernsehserien wie Breaking Bad seien doch schon längst im Feuilleton angekommen, die gar zu inbrünstige Klage darüber, dass man nicht vom Schreiben leben könne, verstehe er nicht – habe doch nicht einmal Kafka seine Literatur in bare Münze verwandeln können, die prekäre Schriftsteller-Existenz sei also nichts Neues.

Lösungsvorschläge für die zahlreich angesprochenen Dilemmata und Problematiken mit dem Journalismus, dem Leben als Schriftsteller und der Situation der nach wie vor stark bürgerlich geprägten Gegenwartsliteratur konnten an diesem Abend nicht geliefert werden. In manchen Momenten wurde auch deutlich, warum: Diese Fragestellungen, die auch aufgrund der teils hitzigen Wortgefechte immer nur fragmentarisch angerissen werden konnten, müssten zusammengenommen eigentlich aufs gesamte Gesellschaftssystem bezogen werden – und dafür war der Rote Salon an diesem Abend dann doch nicht der richtige Ort.

Leseempfehlung: Die von Jan Fischer herausgegebene Anthologie „Irgendwas mit Schreiben – Diplomautoren im Beruf“, erschienen als E-Book bei mikrotext (ca. 350 Seiten, 1,99 €)

Wenn wir plötzlich Orangensaft trinken, zusammenhanglos

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Farhad Showghi erlebt man bei Lesungen höchst konzentriert, ruhig, „bei sich“. Sein neuer, bei kookbooks erschienener Gedichtband In verbrachter Zeit bestätigt diesen Eindruck – wirft aber auch einige neue Fragen zu Ordnung, Komposition und Ausgestaltung von Lyrik auf.

Nach jüngsten Einzelveröffentlichungen in den Zeitschriften STILL und Edit reüssiert Showghi, dessen Gedichte bereits in so unterschiedlichen Häusern wie Urs Engeler, Wallstein und dem Hamburger Rospo Verlag erschienen, nun bei kookbooks. Das ist ein schönes Zusammentreffen, gibt sich doch Gestalter Andreas Töpfer seit einiger Zeit die besondere Mühe, die von Daniela Seel herausgegebenen Bände mit passenden großformatigen Postern auszustatten, die gefaltet gleichzeitig die Funktion des Buchumschlag übernehmen. Schön deshalb, weil Töpfer sich für die Poster-/Umschlaggestaltung von In verbrachter Zeit mit mehreckigen Fliesen, den so genannten Girih-Kacheln, beschäftigt hat, die im islamischen Kulturkreis Bauwerke und Gärten zieren. Jetzt zieren sie also auch Farhard Showghis Buch – und das darf keineswegs als ein vorgreifender Orientalismus verstanden werden, denn gleich im ersten Kapitel von In verbrachter Zeit geht es genau dorthin, wo die Girih-Kacheln Alltag sind: Nach Mahmoudabad, nach Meybod, durch Straßen, die nach Dr. Hossein Fatemi benannt sind, und wo Honigtöpfe, Nüsse, Waben und Granatapfelbäume zu finden sind.

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Die Würstchen der Wahrheit

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Es gibt gewiss einige, vielleicht sogar viele Dinge, die Wolfram Lotz nicht kann. Über mangelnde Produktivität muss man sich bei ihm jedenfalls nicht beschweren. Jetzt liegt sein erstes Buch vor, und es passt sich, obwohl klein und unscheinbar, in das schon respektabel angewachsene Gesamtwerk dieses jungen Autors ein.

Verfolgt man Wolfram Lotz’ literarische Spuren der letzten Jahre zurück, fällt zuerst eine Tatsache ins Auge: Dieser Autor versteht es, völlig ungezwungen zwischen den Disziplinen hin- und herzuspringen. Eine Erzählung hier, ein Hörspiel da, dann eine Theateraufführung in Leipzig und mehrere – sämtlich aus dem Theaterbereich stammende – Preise und Stipendien. Anders gesagt: Wolfram Lotz ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein junger Autor produktiv und originell arbeiten kann, und dabei die festgefügten Konventionen des Literaturbetriebs weitestgehend links liegen lässt. Lotz schreibt, und das offenbar ohne Pause, Theaterstücke, Erzählungen, Listenpoesie, Hörspiele; ein ausklappbares, höchst heikles Bildertableau über die Verkettung wichtiger Persönlichkeiten des Kulturbetriebs, eingeheftet in die BELLA triste 31 und gestaltet von Frank Höhne (Titel: „Großer Gesang“) war wohl der bisherige Höhepunkt der Gattungs-Ausflüge. Verstreut finden sich weitere kurze Veröffentlichungen in Zeitungen oder Kleinstverlagen wie der Kölner parasitenpresse. Offenbar konnte Wolfram Lotz sich bislang erfolgreich dem Drang entziehen, einen Roman oder Erzählband zu liefern, qua natura im Reigen des Literaturbetriebs die Eintrittsbilletts in den exquisiten Club der jungen Gegenwartsliteratur. Sein erstes Buch ist stattdessen im Leipziger Kunst-, Architektur- und Theorieverlag Spector Books erschienen, hat Westentaschenformat und versammelt fünf, an verschiedenen Orten inszenierte, Monologe, also Theaterstücke für eine Person.

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Eilmeldung: Jörg Albrecht verhaftet in Abu Dhabi

fotofixautomat

Screenshot vom Jörg Albrechts Homepage fotofixautomat.de

Während der Buchmesse in Abu Dhabi, zu der er als offizieller Gast eingeladen war, wurde Autor Jörg Albrecht drei Tage in Haft genommen. Grund sei das Fotografieren einer Straße gewesen. Gegen Zahlung einer Kaution ist er inzwischen wieder auf freiem Fuß. Das Land durfte er noch nicht verlassen.

Das ist an sich schon skandalös genug, würde da nicht noch eine völlige Unklarheit über Albrechts Verbleib hinzukommen:

Thorsten Ahrend, der bei Wallstein das belletristische Programm verantwortet, erhielt widersprüchliche und nebulöse Auskünfte über den Verbleib seines Autors. Über 24 Stunden vergingen in Ungewissheit und Sorge, bis die deutsche Botschaft herausfand, dass das Central Investigation Department, eine Abteilung des Geheimdienstes, Jörg Albrecht inhaftiert hatte.

Soweit die NZZ. Auf nachtkritik.de meldete sich Jörg Albrecht heute selbst per Kommentarfunktion:

(…) ich bin immer noch in Abu Dhabi und darf das Land nicht verlassen. Zum Glück ist mein Schweizer Kollege Jonas Lüscher noch hier, um mich zu stützen. Ich schlafe dennoch vor Angst kaum, da hier seit einer Woche keine neuen Informationen zu bekommen sind. Ich hoffe, diese Nachricht kommt überhaupt durch, da ich noch immer unter Beobachtung des Geheimdienstes stehe. So oder so möchte ich, daß diejenigen, die mich kennen, wissen, daß ich noch nicht in Sicherheit bin. Ich bange jede Minute um die Ausreisegenehmigung.

Darüber hinaus ist noch völlig offen „ob ich nochmal in Haft muß, ob eine Geldstrafe ansteht, oder ob ich einfach ausreisen kann“, wie auf standard.at zu lesen ist.

Dass sich weder die Abu Dhabi International Book Fair noch die Regierungsorganisation Kalima an der Suche nach Jörg Albrecht beteiligt haben (so heute auch bei ZEIT ONLINE zu lesen), kann da schlechterdings nur als der Gipfel dieses Schauerstücks politischer Willkür bezeichnet werden.

Update (11.5.2014): Thorsten Ahrend vom Wallstein Verlag gibt in einem Interview mit WDR 3 an, dass Jörg Albrecht bereits seit elf (!) Tagen in Abu Dhabi festsitzt und immer noch völlig unklar ist, was ihm vorgeworfen wird. „Auswärtiges Amt, PEN und Writers in Prison sind informiert.“ Der Berliner Morgenpost gegenüber bestätigte ein Sprecher des Auswärtigen Amts: „Die deutsche Botschaft in Abu Dhabi ist eingeschaltet und steht in ständigem Kontakt mit den örtlichen Behörden und allen weiteren Beteiligten.“

Petition auf change.org

Petition auf change.org

Update (12.5.2014): Das PEN-Zentrum Deutschland hat sich nun auch öffentlich eingeschaltet. Auf Facebook ist außerdem zu lesen: „Bitte fordern Sie bei der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate in Berlin, dass Albrecht unverzüglich nach Hause reisen darf: Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, Hiroshimastrasse 18-20, 10785 Berlin, Tel.: 0049-30-516 51-6, Fax: 0049-30-516 51-900.“

Hier geht es zu einer Pressemeldung, die der Wallstein Verlag heute herausgegeben hat:

Jörg Albrecht ist in Besitz seines Passes, darf aber das Land nicht verlassen, da das Verfahren gegen ihn nicht abgeschlossen ist. Zur Zeit hält er sich in einem Hotel auf und hat zuletzt die Auskunft bekommen, dass es noch bis zur kommenden Woche dauern wird, bis die Staatsanwaltschaft die Sache aufnimmt. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und das PEN-Zentrum Deutschland haben inzwischen bei offiziellen Stellen protestiert.

Nachdem in der Folge auch SPIEGEL ONLINE berichtete und Florian Kessler für zeit.de ein Interview mit dem in Abu Dhabi festsitzenden Jörg Albrecht führen konnte („Das ist nicht nur kulturpolitisch fragwürdig. Es macht Angst.“), hat der „Fall“ Jörg Albrecht eine große Aufmerksamkeit erreicht. Eine von Holger Bergmann und Thorsten Ahrend angestrengte Petition bei change.org verzeichnet zur Stunde 2.052 4.202 5.072 Unterstützer, die sich für eine sofortige Freilassung und Ausreise Jörg Albrechts aussprechen.

Heute wurde mir von einem Sekretär bei Gericht zu verstehen gegeben, dass ich noch eine Woche Geduld haben muss, mindestens. Meine Geduld ist aber langsam am Ende. Ich fürchte, dass ich bald psychisch richtig einbreche, da ich hier nun erst mal auf mich gestellt bin – in einem Land, in dem ich nicht mal die Sprache spreche, in der die wichtigen Dinge verhandelt werden.

Update (13.5.2014): Der Wallstein Verlag meldet per Tweet um 15:39 Uhr, dass einer Ausreise nichts mehr im Weg stehe und Jörg Albrecht auf dem Weg zum Flughafen sei – damit sollte der Spuk nun aller Voraussicht nach ein Ende haben.