Westwärts, dachte ich, westwärts!

Matthias Nawrat durchleuchtet in Reise nach Maine ein nicht ganz einfaches Mutter-Sohn-Verhältnis.

Nach dem stilistisch hochavancierten Roman Unternehmer und den erzählerisch so detailverliebten wie verspielten Geschichten in Die vielen Tode unseres Opas Jurek hat Matthias Nawrat zur Ich-Erzählung gefunden. So war Der traurige Gast ein, wie es zumindest den Anschein hatte, autobiografisch gehaltener Erzähltext über einen Schriftsteller in Berlin, der auf verschiedene Personen trifft und deren Lebensgeschichten aufschreibt. Fehlte in diesem Roman mitunter ein wenig der rote Faden, ist der nun hier ganz klar gegeben: In Reise nach Maine fliegt eben dieser Schriftsteller mit seiner Mutter für zwei Wochen in die USA, um erst New York und dann die Landschaft an der Ostküste zu erkunden. Dann bringen jedoch gleich zu Beginn zwei Ereignisse die Planung durcheinander: Die Mutter kündigt an, statt über die zweite Hälfte des Urlaubs Bekannte zu besuchen, die gesamte Zeit mit dem Erzähler zu verbringen, was nicht zu dessen Vergnügen beiträgt. Dann stürzt sie auch noch unglücklich und verknackst sich die Nase.

Ansonsten verläuft die Reise aber eher ereignislos: In New York ist es unerträglich heiß, in Maine eingetroffen, kommt das Mutter-Sohn-Paar bei einer Cousine ihres New Yorker Nachbarn unter, der ihnen spontan den Kontakt vermittelt hat.

Die Stärke in Matthias Nawrats Erzählen besteht in der präzisen, beinahe unerbittlichen Beobachtung von Alltagsdetails, etwa der hochbürokratischen Abläufe im Krankenhaus, denen die Patienten mit einer fatalistischen Ergebenheit gegenübertreten. Auch die Differenzen zwischen Mutter und Sohn hält er genau fest: Sie, die ursprünglich zur Lehrerin ausgebildet wurde, hat sich nach der Übersiedelung nach Deutschland zur Physiotherapeutin weitergebildet und betont, wie wichtig es ist, Geld zurückzulegen und genug für die Rente zu sparen. Er, der Sohn, will die Ratschläge der Mutter nicht hören und ist auch sonst oft von einer brodelnden Wut erfasst, die er nur schwer in Zaum halten kann. Dann wieder ist er erschlagen von den Eindrücken und ertappt sich angesichts der Wolkenkratzer („Westwärts, dachte ich, westwärts!“) bei plötzlichen Gefühlsausbrüchen.

Amerikanischer Traum oder die USA als Sehnsuchtsort spielen aber insgesamt keine so große Rolle in diesem Roman – und wenn doch, dann eher on ihrer kaputten und desolaten Version. Interessant ist da auch der Zusammenhang, den die Mutter gleich zu Beginn zwischen der Wohngegend der beiden in New York und den Urlaubserfahrungen in ihrer Jugend herstellt: 

Meine Mutter hatte in ihrer Jugend, dachte ich nun, durch diese periphere Gegend in Brooklyn gehend, Reisen nach Rumänien unternommen, ans Schwarze Meer, in der Hoffnung auf einen Hauch von Luxus und Wohlstand an jenem exotischen Ende der ihr damals zugänglichen Welt. Der Dreck, die zerfallenden Gebäude, die nur einen Schritt hinter der touristischen Hauptstraße beginnenden deprimierenden Wohnviertel von Konstanza waren alles andere als schön gewesen. Sie waren arm und heruntergekommen gewesen, vom narzisstischen Wahn Ceauşescus ausgelaugte, ungepflegte, kaputte und nie reparierte Siedlungen, deren mittellose Bewohner von den Einkünften aus dem Tourismus nichts abbekamen, weil immer jemand aus der Verwaltung schneller war, schon seine Tasche aufgemacht, sich das Seine genommen hatte. Und nun hatte ich meine Mutter hierhergeschleppt, in dieses Viertel von Brooklyn. Sie lag mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken. Lag für eine ewig andauernde Sekunde so da und bewegte sich nicht. Dann hob sie die Hände zum Gesicht und sagte: Au.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine, Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 22 €

Die Geisterfinger im Saitenspiel

Foto © Martin Dziuba (poesiefestival.org)

Am Sonntag war es wieder soweit: Das Berliner poesiefestival feierte mit der Berliner Rede zur Poesie eines seiner Highlights. Nach der großen „Weltklang“-Nacht der Poesie am Freitag trug der Berliner Dichter Johannes Jansen seine „Berliner Rede zur Poesie“ vor.

Man muss diese Setzung in ihrer Wichtigkeit betonen, standen doch in den Vorjahren bereits Oswald Egger, John Burnside, Elke Erb und, im letzten Jahr, die schon als Nobelpreis-Kandidatin gehandelte Ann Carson am Rednerpult – allesamt also renommierte, hoch dekorierte Poet*innen.

Nun also Johannes Jansen: Ein eher unscheinbarer Kandidat. Um die Jahrtausendwende gab es von ihm zwei Bände in der edition suhrkamp, anschließend zwei bei Kookbooks, darunter das auch in seiner aufwändigen Machart hervorstechende Liebling, mach Lack. Die Aufzeichnungen des Soldaten J.J. Hauptsächlich veröffentlicht der 1966 in Ost-Berlin geborene und auch in der ebendort angesiedelten Avantgarde-Lyrikszene mit agierende Jansen aber konstant, und zwar das schon seit 1988, in Klein- und Kleinst-Verlagen wie der Edition Mariannenpresse oder, zuletzt, Ripperger & Kremers, sowie in Privatdrucken und Einzelveröffentlichungen in Minimal-Auflage.

Ein Dichter, der also, ganz anders als seine Vorredner, nicht im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht. Oder sogar die Öffentlichkeit scheut? Das ist Interpretationssache – fest steht aber, dass die Wahl auf Johannes Jansen als Vortragenden der diesjährigen Berliner Rede zur Poesie eine äußerst gut durchdachte Wahl war: Das „Ergebnis einer Isolation“, so der Titel, kann sie als direkte Reaktion auf die letzten eineinhalb Jahre im Zeichen der Corona-Pandemie verstanden werden. Es wäre aber eine enttäuschende Vereinfachung, sie darauf zu reduzieren: Das C-Wort fällt nicht einmal; die kurzen, durch Sternchen voneinander getrennten Prosastücke, die wiederum selbst aus Kurz- und Kürzestsätzen bestehen, reflektieren vielmehr ganz existenzielle Themen: Das leere Blatt, die Einsamkeit und Depression, Wohnungs- und Geldnot, Krankheit; aber auch immer wieder kurze Augenblicke des Glücks. Johannes Jansen findet dabei Worte und Formulierungen, die auf eine fast unheimliche Art bewegen. „Die Depression ist profan“, heißt es gleich auf der ersten Seite, und weiter:

Die Geisterfinger im Saitenspiel machen den Wahn. Die sichtbar unbenennbare Liebe. Ein Wagnis das hält. Erstaunlich. Das Schweigen ist Schwelgen. Berührung besticht. So geht die Zeit ohne Druck, ohne Sucht. Nach dem flüchtigen Abschied die Sehnsucht die sich im Wiederbegegnen erfüllt. Die Jahre im Abseits haben nichts betrügen können. Einigkeit in der Unterscheidung die den Kontakt macht. Auf der Straße im Blitzlicht der Alltag, deutlich genug um zu taugen. Jedem sein Anteil. Der schöne Blick der Nachbarin der Treue beschwört. Treue zum endlich einigen Haushalt. Der kluge sich ordnende Organismus. Das Heilige gibt es wirklich.

Es ist eine fast verstörende Konzentration auf das Wesentliche, die aus diesen Zeilen spricht. Die einfache, reduzierte Sprache macht diese Texte gleichzeitig sehr konkret und extrem deutungsoffen: Manche lassen sich auf die unmittelbare Gegenwart anwenden, andere scheinen weit in die Vergangenheit zu verweisen. Szenen einer Krankheit sind zu verfolgen, Arztbefunde: Wer hier spricht, hat schon eine ganze Menge Leben hinter sich, so der Eindruck.

Wie passend dazu die Art, in der Jansen seine Rede dann auch vortrug: Mit ineinander verschränkten Armen und Beinen, tief über den Text gebeugt, wie um bloß in jedem Fall die große Geste am Rednerpult zu vermeiden, aber eben auch als ein Spiegel des Vorgetragenen: Das Alter, die angedeutete Krankheit nicht versteckend, aber auch nicht ausstellend. Am Ende scheint es fast so, dass nicht wegen Pandemievorschriften der Dichter mutterseelenallein im riesigen Saal der Akademie der Künste saß – sondern das Setting sich dem Gesagten unterordnete.

Johannes Jansen: Ergebnis einer Isolation (Auszüge) / Outcome of an Isolation (Excerpts). Berliner Rede zur Poesie, Band 6. Englische Übersetzung von Shane Anderson. Wallstein Verlag, 48 Seiten, 13,90 €

Rede von Johannes Jansen in der Mediathek des Poesiefestivals, nach Kauf eines Tickets über 3 € noch zwei Monate lang abrufbar

Die Möglichkeit zu gehen ist immer enthalten

Welchen Preis hat die Freiheit? Lena Müller erzählt in ihrem Debütroman Restlöcher von der Suche nach dem richtigen Platz in der Gesellschaft zwischen Familie und politischem Engagement, Häuslichkeit und alternativen Lebensmodellen.

Auf der einen Seite sind da die Geschwister Sando und Mili: Sando ist im akademischen Mittelbau tätig und in einer unglücklichen Beziehung mit einem jungen Mann, der sich selbst „der Fuchs“ nennt. Dieser Fuchs ist bei jeder Gelegenheit auf politischen Versammlungen und Demonstrationen unterwegs und lässt sich nur wenig auf die harmonische Zweierbeziehung ein, die Sando sich wünscht. Mili hat sich mit mehreren Freunden auf dem Land einen alten Bauernhof gekauft, lebt dort mit ihnen gemeinsam und betreibt eine kleine Backstube.

Parallel dazu erzählt Lena Müller die Geschichte von Sandos und Milis Eltern Dieter und Clara – und hier setzt auch die Handlung ein: Clara ist weg. Als Sando und Mili davon erfahren, machen sie sich auf den Weg zu Dieter, der nicht wirklich besorgt scheint: Denn Clara war schon einmal ohne Ankündigung von der Bildfläche verschwunden, kurz nachdem sie ihr Studium in Berlin beendet hatte.

Claras Zeit in Berlin macht als ausführliche Binnenerzählung den Mittelteil des Romans aus. Es sind die achtziger Jahre, Clara und Dieter sind frisch verheiratet und junge Eltern, aber Clara kann sich mit der Idee vom kleinen Glück nicht anfreunden – sie will studieren. Mit Dieter trifft sie eine Abmachung: Sie geht mit Sando und Mili an die Freie Universität in Berlin, nach dem Ende ihres Studiums wird sie wieder zu ihm zurückkehren.

Wohnhaus im Studentendorf Schlachtensee (Foto: Detlef Bluhm)

Stimmungsvoll porträtiert Lena Müller das Leben Claras in einer Wohngemeinschaft im Studentendorf Schlachtensee, einem modernen Bauensemble, geprägt vom Aufbruchsgeist der Nachkriegszeit (und heute ein Bau- und Gartendenkmal der Stadt Berlin). Eine besonders enge Freundschaft entsteht zwischen Clara und ihrem Mitbewohner Pablo, den sie schließlich spontan nach Spanien begleitet.

In Dokumenten und Erinnerungen lassen Dieter, Mili und Sando die Geschichte von Claras Selbstfindung Revue passieren. Man erkennt Parallelen zum Verhältnis von Sando und dem Fuchs, der sich auch nicht in die romantische Vorstellung der Paarbeziehung zwängen lässt. Schließlich kommt es zu einem Wiedersehen in Schlachtensee: Einer spontanen Eingebung folgend, fährt Sando nach Berlin und trifft dort tatsächlich seine Mutter wieder, die sich auch auf einer Reise in ihre Vergangenheit begeben hat. Sie erinnert sich:

Die Möglichkeit zu gehen ist immer enthalten.“ Die Mutter denkt nach, dann: „Weil wir nicht nur die sind, die sich die anderen wünschen. Damals, im Studium, hatte ich ein Gefühl von Aufbruch. Ein großer, alle Lebensbereiche umfassender Aufbruch, meine ersten, feministischen Jahre. Damals wusste ich: Bewegung ist dort, wo Frauen sind. Ich war mir sicher, die Veränderung wird von den Frauen kommen, die Männer verharren, stecken tief drin im Sumpf der Vergangenheit, halten sich fest am Alten und haben keine Ideen mehr. Da fand ich, dass die Frauen, aber auch alle, auch die Männer, die ganze Gesellschaft, sehr viel zu gewinnen hatten.“

Auf bemerkenswerte Weise gelingt es Lena Müller in diesem Roman, auf nur wenigen Seiten ein authentisches Porträt von zwei Generationen zu zeichnen. Auch wenn sie viel unterscheidet – die Frage nach dem richtigen Platz in der Gesellschaft muss sich jede aufs Neue stellen.

Lena Müller: Restlöcher. Edition Nautilus, 128 Seiten, 18 €

Nun, Schifflein! Sieh dich vor!

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Pascal Richmanns Man vermisst diesen Planeten ist eine vielstimmige Collage, die eine Geschichte der Obssessionen erzählt.
 
Es würde viele Seiten füllen, das Personal dieser sechs Texte aufzuzählen, die, wie das Impressum informiert, bereits in früheren Versionen vom SWR als Hörstücke gesendet wurden. John F. Kennedy, Otto Waalkes und Thomas Bernhard kommen ebenso zu Wort wie Roberto Bolaño, Jan Böhmermann und der Astronaut Alexander Gerst; Frauen dagegen kaum. Und so kann man diese aus Filmen, Büchern und TV-Aufzeichnungen zusammengeschnittenen Aussagen durchaus als eine männliche Obsessionsgeschichte lesen: Es geht um Seefahrt, den Weltraum, Krieg und Science-Fiction.
 
Der Modus ist dabei immer kurz vor der maximalen Überforderung: Scheinbar wahllos mischen sich die Stimmen um historische Ereignisse wie den Anschlag auf den World Trade Center oder den ersten Flug zum Mond; Richmann geht hier assoziativ vor und mischt authentisches Material, wie etwa Kommentare von Nachrichtensprechern oder Auszüge aus Volker Panzers berühmtem Nachtstudio mit Zitaten aus Filmen und Literatur. Das führt zu durchaus komischen Effekten und sieht dann etwa so aus:

FRIEDRICH NIETZSCHE
Wir haben die Brücke hinter uns, mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen!
ANATOL JOHANSEN
Die Sinkgeschwindigkeit bei der Landung selbst wird etwa fünf Stundenkilometer sein.
GÜNTER SIEFAHRT
Das entspricht ungefähr einem Meter in der Sekunde.
ANATOL JOHANSEN
Das Landesystem ist so ausgelegt, dass auch ein Aufsetzen mit acht Stundenkilometern noch ausgehalten werden kann, ohne die Fähre zu zerstören.
WERNER BÜDELAR
Höhe 6300 Meter in diesem Augenblick.
FRIEDRICH NIETZSCHE
Nun, Schifflein! Sieh dich vor!
WERNER BÜDELAR
Abstiegsgeschwindigkeit 3600 Meter pro Sekunde.
FRIEDRICH NIETZSCHE
Es gibt kein Land mehr!

Zwischendurch entsteht aber gleichzeitig auch so etwas wie eine fortlaufende Erzählung, die sich zwischen dem Zitate-Dickicht fast etwas versteckt: Hier erzählt Richmann selbst – vorgeblich autobiografisch –, aus seiner Kindheit, dem ersten Kontakt mit dem Moby-Dick-Stoff in Form eines Kinderhörspiels, dann über die Erfahrungen mit den verschiedenen, konkurrierenden deutschen Fassungen des Romans. Später begegnen wir Richmann und seinem Freund Arnold Goldhorn bei Wanderungen durch den Harz, mit dem er lange Gespräche über Kastraten, Leonardo da Vinci und Michail Kalaschnikow führt; er unternimmt eine Reise nach New York und Washington D.C., liest Richard Brautigan und wird schließlich, wieder zusammen mit Arnold, Zeuge, wie in Paris die Kathedrale Notre Dame in Flammen aufgeht, während sie beide in ihrem Porsche eine Reproduktion des Urmeters transportieren.
 
Pascal Richmann bedient sich, könnte man argumentieren der in der Popliteratur so gängigen wie beliebten Technik des zwanghaften Mit- und Aufschreibens der Welt. Gleichzeitig zeugt sein referenzgesättigtes Schreiben aber auch von einer Sehnsucht nach der Kindheit, dem großen Abenteuer – und letztlich einer großen Nostalgie.
 

Monotonie ist Luxus

Garnette Cadogan über Dimensionen des Spazierengehens in Kingston, New Orleans und New York.

Es sind nur drei kurze Sprünge, die vom Aufwachsen in der Hauptstadt Jamaikas über das Ankommen in New Orleans bis nach New York führen. Doch Ganette Cadogan beschreibt in seinem Essay „Ein Schwarzer geht durch die Stadt“, auf Englisch erstmals im Freeman’s Magazine erschienen und in der deutschen Übersetzung ein Auszug aus dem von Anneke Lubkowitz herausgegebenen Sammelband Psychogeografie, sehr genau, wie sich an diesen Orten der so alltägliche Vorgang des Spazierengehens grundlegend für ihn verändert hat: In Kingston ist es die Flucht vor dem gewalttätigen Stiefvater, die ihn bis spätnachts die Straßen seiner Heimatstadt erkunden lässt; auch wenn er dabei in gefährlichen Vierteln verkehrt, vor denen ihn seine Freunde warnen, lässt er sich nicht beirren. Als er dann, inzwischen Student, in New Orleans seine nächtlichen Streifzüge fortsetzen will, stellt er fest, dass nun er selbst, ein Schwarzer, als potenzielle Bedrohung wahrgenommen wird. Diese Erfahrung kulminiert in New York, wo er aus einem nichtigen Grund von einer Polizeistreife brutal festgenommen wird; eine Szene, die sofort Bilder der rassistischen Polizeiwillkür, die gerade wieder durch die Medien gehen, ins Gedächtnis ruft.

Was Ganette Cadogans Essay bemerkenswert macht, ist die Schilderung der Anpassungsmechanismen, die er abhängig von seiner Umgebung entwickelt: In Kingston sind diese noch eher spielerischer Natur („Manchmal tat ich sogar, als wäre ich verrückt, und redete an besonders gefährlichen Stellen wirres Zeug vor mich hin, etwa an einem Regenkanal, an dem sich Diebe versteckt hielten. Der dumm daher brabbelnde Junge in Schuluniform wurde von den Beutegreifern einfach ignoriert oder ausgelacht“); in den USA, wo Cadogan als Schwarzer plötzlich in einer exponierten Rolle ist, nimmt der Anpassungsdruck repressive Ausmaße an – er wird zur Überlebensstrategie, die den gesamten Tagesablauf bestimmt: „Wenn ich aus der Dusche kam, galt mein erster Gedanke den Cops und der Frage, mit welchem Outfit ich am ehesten Ruhe vor ihnen hätte. Bewährt hatten sich: Helles Oxford-Hemd. Sweater mit V-Ausschnitt. Khakihose. Chukka-Stiefel. Pullover oder T-Shirt mit dem Emblem der Uni. Wenn ich durch die Stadt ging, wurde oft meine Identität hinterfragt, und ich hatte klare Antworten darauf gefunden.“

Es ist eben ein großer Unterschied, und das so arbeitet Cadogan beeindruckend heraus, ob man sich eine Identität selbst gibt – wie er es in Kingston tun konnte – oder als Schwarzer von vornherein eine Rolle zugewiesen bekommt, mit der man sich arrangieren muss, und so auch letztlich die Selbstvergessenheit des sorglosen Spaziergängers verliert. „Monotonie ist Luxus“, heißt es dazu an einer Stelle: Wo das Spazierengehen für Weiße Erholung, Freizeit oder schlicht Alltagsnormalität bedeutet, ist es bei Cadogan mit konkreten Gefahren verbunden. Woran sich auch in den zehn Jahren, die er zum Zeitpunkt, als der Essay erscheint, schon in New York lebt, nichts geändert hat.

Garnette Cadogan: Ein Schwarzer geht durch die Stadt. Matthes & Seitz eBook, ca. 20 Seiten, 1,99 €

Literatur als Herausforderung

David Foster Wallace Reader, erschienen bei Little, Brown & Co.

Ein Beispiel für Literaturkritik, auf die ich persönlich verzichten kann: Christiane Frohmanns Generalabrechnung mit David Foster Wallace anlässlich seines zehnten Todestages gestern.

Ein Gastbeitrag von Paul Brodowsky

Die Idee, dass im Namen und unter Hochhalten von „DFW“ eine Menge von jungshaftem Literaturdistinktionsquatsch betrieben wird, hat mich schon vor eineinhalb Jahren über amerikanische feministische Bloggerinnen erreicht – das konnte ich damals nachvollziehen und kann ich auch heute noch. Ähnlich wie beispielsweise Deirdre Coyle macht sich Frohmann für einen anderen Kanon, für Bücher von diversifizierteren, weiblicheren Schreibenden stark. Etwas daran ist tatsächlich überfällig, und Kritik an Lit-Bros würde ich immer teilen (z.B. auch in der Spielart von „Dirk“ in einem Text von Maren Kames).

Aber anders als bei Coyle, die sich mit Wallace differenziert auseinandersetzt und deren Einschätzungen ich nachvollziehen kann (wenngleich ich sie nicht alle unterschreiben würde), gibt es bei Frohmann eigentlich keine Argumente gegen die Texte von Wallace außer dem einen, den Autor von dem Rezeptions- und Distinktionsverhalten seiner dümmsten Leser her zu bewerten. (In dem Sinne will ich sogar Murakami vor Frohmanns Lesart schützen, der so viel mehr kann, als nur schöne, einfache Sätze fürs „Team Muramaki“ schreiben.)

Das anderthalbte, mit dem ersten verwandte Argument, Wallaces Sätze seien zu kompliziert, weil sie Leser und Leserinnen außen vor halten, finde ich eigentlich noch ärgerlicher: Aufgabe von Literatur (oder Kunst) ist meiner Meinung nach nicht, zugänglich zu sein. (Eine Autorin/ein Autor kann sich selbstredend für Zugänglichkeit entscheiden, das Gegenteil muss aber auch immer möglich sein, zumindest dann, wenn die komplexe Form den Gegenstand adäquat abbildet, was ich bei David Foster Wallace durchgängig so beschreiben würde.) Ich glaube an Literatur als Herausforderung, nicht an Texte, die uns seicht beschallen.

David Foster Wallace hat zu kurz gedacht, er hat nicht bedacht, dass man primär nicht denken, sondern umsehen lernen muss. Nicht nur sich vorstellen lernen, dass etwas auch anders sein könnte, sondern dass man sich manches gar nicht vorstellen kann, weil man nicht gelernt hat, es wahrzunehmen.

Wallace vorzuhalten, er habe zu viel gedacht, streift für meine Begriffe schon das unfreiwillig Komische. Und der Vorwurf des unsensiblen, selbstbezogenen Autors führt bei David Foster Wallace fundamental am Gegenstand vorbei: Ich kenne wenige Schreibende der letzten hundert Jahre, die über mehr Empathie verfügen, (und zudem selbst-reflexiver und -kritischer vorgegangen sind). Freilich wird diese Empathie (gepaart mit einer modernen Oberflächenkälte) in jede Richtung funktionabel gemacht, auch für die auftretenden Sexisten, rassistischen Arschlöcher, idiotischen Präsidenten etc. Aus dieser entlarvenden und immer auch dekonstruierten Rollenprosa in oberflächlicher Lesart dem Autor einen Strick drehen zu wollen finde ich mindestens unterkomplex. Empathie ist nicht nur der Glutkern von David Foster Wallaces Prosa, sondern auch sein erklärtes Programm (etwa in „This Is Water“).

Vor allem aber tappt Frohmann selbst in die Lit-Bro-Falle: Literaturkritik als Distinktion, in dem Fall unter Hochhalten von ein paar Ikonen feministischer Literatur. Don’t get me wrong: Ich finde auch, man sollte bei jeder Gelegenheit auf gute Autorinnen aufmerksam machen, sie werden leider immer noch viel zu wenig rezipiert. Klar kann man sich zehn Jahre nach dem Tod des Autors hinstellen und sagen: Von heute aus gesehen fehlen mir da ein paar eindeutig feministische Markierungen in dem Werk von David Foster Wallace. Aber drive-by-Kritik nach Oberflächenmarkern und wechselseitiges Sich-Abklatschen unter diskursiv Einverstandenen anstelle von Auseinandersetzung finde ich wenig hilfreich.

Paul Brodowsky wurde 1980 in Kiel geboren. Sein Erzählband Die blinde Fotografin erschien 2007 im Suhrkamp Verlag. Neben Prosa schreibt er auch Theaterstücke, zuletzt waren Regen in Neukölln an der Berliner Schaubühne und Intensivtäter am Theater Freiburg zu sehen.

Marx, aber als Zombie gedacht

In den USA hat die Zeitschrift Jacobin dem guten alten Klassenkampf ein modernes Image verliehen. Jetzt kann man ausgewählte Texte auch auf Deutsch lesen – in einer Anthologie und einem neuen Online-Magazin.

Jacobin war im Gründungsjahr 2010, wie Loren Balhorn, einer der aktuellen Redakteure, es beschreibt, „ein zu jener Zeit bescheidener Versuch, sozialistische politische Vorhaben so darzustellen, dass sie für Millionen Amerikaner, die unter wirtschaftlicher Stagnation, einer erdrückenden Schuldenlast und einem allgemeinen Gefühl des politischen Unbehagens litten, verständlich und relevant sein würden.“ Damit war die Zeitschrift zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Gerade formierte sich die Occupy-Bewegung, eine von Barack Obamas Sozialpolitik enttäuschte Linke spürte neuen Auftrieb.

Eine erste Bilanz von fast zehn Jahren Jacobin zieht die nun erschienene, gleichnamige Anthologie, die als schöner Sonderdruck in der edition suhrkamp vorliegt. Sie lädt zum Vertiefen ein in Themen wie Identitätspolitik, Marx, aber als Zombie gedacht, Donald Trumps Weg zur Macht und Bernie Sanders‘ Sicht auf den demokratischen Sozialismus.

Im selben Atemzug gibt es nun aber auch die Möglichkeit, aktuelle Beiträge aus Jacobin im neu gegründeten, deutschsprachigen Online-Magazin Ada zu verfolgen, das die mitunter sehr auf die USA fokussierten Inhalte wiederum um Originalbeiträge erweitert, die auch für einen deutschsprachigen Leserkreis interessant sind – eine Kooperation, die für spannenden Einblicke sorgen könnte.

Loren Balhorn, Bhaskar Sunkara (Hrsg.): Jacobin. Die Anthologie. Edition Suhrkamp Sonderdruck, 311 Seiten, 18 €

Das Ada Magazin, herausgegeben von Antje Dieterich & Ole Rauch, ist online zu finden unter www.adamag.de

Berlin-Tipp: Die Release-Veranstaltung zur Jacobin-Anthologie findet am Freitag, den 14. September um 20 Uhr im aquarium am Südblock in der Skalitzer Straße 6 statt.

Ich schnallte in Grimme meinen Tornister

Vom 8. bis zum 11. Mai 2017 hielt Ann Cotten drei Vorlesungen im Rahmen der Stefan-Zweig-Poetik-Dozentur der Stadt Salzburg. Gesammelt herausgegeben unter dem Titel „Was geht“ hat sie nun der Wiener Sonderzahl Verlag.

So kommt zu dem hübsch verteilten Oeuvre Ann Cottens, das neben Suhrkamp nun inzwischen u.a. bei Peter Engstler, Broken Dimanche Press und Starfruit Publications vorliegt, ganz nebenher ein weiterer Verlag hinzu; viel spannender aber ist das Thema, das sie gewählt hat: Dieses folgt nämlich wortwörtlich dem Titel, es geht ums Spazierengehen, genauer: „Um die Tücken des Spazierengehens, um die Tücken des ‚Anderen‘ und um die Probleme des langen Wegs“.

Ann Cotten (Foto: Suhrkamp Verlag)

Es ist faszinierend, beim Lesen diesem eigentümlichen Zustand zwischen Tun und Nichtstun nachzuspüren, einer Bewegung des bewussten Sich-Entfernens im gleichzeitigen Bewusstsein über die Nutzlosigkeit dieser Bewegung. Ausführlich zu Wort in langen Zitaten kommen Fernando Pessoa, Rainer Maria Rilke, Robert Walser, der Taugenichts von Joseph von Eichendorff, später natürlich Peter Handke, Thomas Bernhard und aus dem englischen Sprachraum Bruce Chatwin, D.H. Lawrence und Malcolm Lowry. Ein kleiner Exkurs beschäftigt sich mit den Vorzügen des Reimens und die Kunst der Mnemotechnik, als deren Meister Bert Papenfuß mit einem langen Gedicht ins Spiel gefeiert wird. Am Ende steht das Problem des „langen Wegs“: Gibt es Auswege aus dem Neoliberalismus? Welche Abkürzung führt zum Ziel? Gibt es immer nur zwei Möglichkeiten, oder auch einen dritten Weg („beim Schachspielen das Brett einfach umwerfen“)? Die sprunghaften Gedanken und Assoziationen Ann Cottens federt das ausführlich zitierte Textmaterial immer wieder gut ab, so auch gegen Ende ein großer Spaziergänger der Weltliteratur, Johann Gottfried Seume aus dem Spaziergang nach Syrakus im Jahr 1802:

Ich schnallte in Grimme meinen Tornister, und wir gingen. Eine Karawane guter gemütlicher Leutchen gab uns das Geleite bis über die Berge des Muldentals, und Freund Großmann sprach mit Freund Schnorr sehr viel aus dem Heiligtume ihrer Göttin, wovon ich Profaner sehr wenig verstand. Unbemerkt suchte ich einige Minuten für mich, setzte mich oben Sankt Georgens großem Lindwurm gegenüber und betete mein Reisegebet, daß der Himmel mir geben möchte billige, freundliche Wirte und höfliche Torschreiber von Leipzig bis nach Syrakus, und zurück auf dem andern Wege wieder in mein Land; daß er mich behüten möchte vor den Händen der monarchischen und demagogischen Völkerbeglücker, die mit gleicher Despotie uns schlichten Menschen ihr System in die Nase heften, wie der Samojete seinen Tieren den Ring.

Ann Cotten: Was geht. Salzburger Stefan Zweig Poetikvorlesung. Sonderzahl Verlag, 180 Seiten, 18 €

Poesie gegen rechts oder was?


Jörg Albrecht, Gerhild Steinbuch, Thomas Arzt, Sandra Gugić (Foto: Sabrina Richmann)

Vom 14. bis zum 17. Juni verwandelt sich das Ballhaus Ost in Berlin Prenzlauer Berg in einen gigantischen Think Tank: Unter dem Motto „Ängst is now a Weltanschauung“ hat das Künstler*innenkollektiv Nazis & Goldmund über 40 Autor*innen, Publizist*innen, Blogger*innen und Künstler*innen aus anderen Bereichen zum Diskurs geladen.

Drei Gesprächs- und Arbeitsgruppen werden die Konferenz grob strukturieren, Input liefern ihnen Keynote Lectures von Olga Flor, Kübra Gümüşay und Reinhard Olschanski. Für weitere Inspiration sorgen Keynote Lectures, etwa von Kathrin Röggla und Fiston Mwanza Mujila. Ansonsten soll über die drei Tage hinweg aber frei und dezentral zusammengekommen und nachgedacht werden: Morgens beim Yoga in der „Ängst-Detox-Session“, abends beim DJ-Set mit Thomas Meinecke oder dazwischen bei Livestream Lectures per Skype und Diskussionen zum Umgang mit den Identitären.

Programmheft zur Konferenz (Foto: Sabrina Richmann)

Teilnehmer Fiston Mwanza Mujila (Foto: Sabrina Richmann)

„Im Zentrum steht die Sprache“, so die Konferenzmacher*innen Jörg Albrecht, Thomas Arzt, Sandra Gugić, Thomas Köck und Gerhild Steinbuch. „Wie können sich Kunst und Literatur angesichts des Vormarschs der Neuen Alten Rechten und ihrer Vereinnahmung von Sprache verhalten? Die Konferenz ruft zur Auseinandersetzung mit diesem Übergriff auf, sucht nach Möglichkeiten einer gemeinsamen Sprache und bietet Raum, um aus dem künstlerischen Einzelkämpfer*innendasein herauszutreten und kollektive Prozesse in Gang zu setzen.“

Ängst is now a Weltanschauung. Eine Literaturkonferenz zur Erosion des Demokratischen. 14. bis 17. Juni 2018, Ballhaus Ost, Pappelalle 15, 10437 Berlin. Eintritt 10 € für alle Konferenztage.

Klarstellung: Der Autor ist als Social Media Koordinator in die Konferenz eingebunden.

Der Film des Jahres: Metalhead

metalhead

Den schwergewichtigen Titel der englischsprachigen Fassung dieses isländischen Films entkräftet schon das Poster, das eben nicht den typischen Heavy-Metal-Hünen zeigt, sondern ein junges Mädchen im Black-Metal-Look.

Überhaupt stellt Ragnar Bragason hier einige Klischees auf den Kopf und schafft es, dem scheinbar auserzählten Thema „harte Musik als Identifikationsmerkmal für Außenseiter“ eine neue Seite abzugewinnen. Wunderbar wird das Touristenidyll Island als die öde Provinz gezeigt, die es für Nicht-Touristen eben auch ist; berührend die Geschichte der Hauptfigur Hera erzählt, die nach dem Tod ihres Bruders dessen Heavy-Metal-Traum weiterlebt, auch wenn sie nur gerade so die E-Gitarre halten kann; urkomisch die Konfrontation der christlichen Gemeinde mit den neuen Klängen, als Hera ihre Band auf ein Kirchenfest mitnimmt. Metalhead schlägt als Island-, Musik- und Coming-of-age-Film drei Fliegen mit einer Klappe – unbedingt sehenswert!

 

Metalhead (OT: Málmhaus), Mystery Island 2014. Regie: Ragnar Bragason, Darsteller: Þorbjörg Helga Dýrfjörð, Ingvar E. Sigurðsson, Halldóra Geirharðsdóttir. Länge: 97 Min.