Ich bin’s, dein Feuerhörer

Valzhyna Morts Gedichtband Musik für Tote und Auferstandene erzählt aus der oft brutalen Geschichte ihrer Heimat Belarus – vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Aufständen dieser Tage.

Am 9. August 2020 wurde Alexander Lukaschenko mit einer Stimmenmehrheit von 80,1 Prozent in seinem Amt als Präsident von Belarus bestätigt. Noch am Wahlabend begannen Proteste gegen die gemeinhin als gefälscht geltende Wahl, die über Monate hinweg andauerten und immer brutaler niedergeschlugen wurden.

Die belarussisch-amerikanische Dichterin Valzhyna Mort hat diese Proteste ausführlich auf Twitter dokumentiert und begleitet. So schreibt sie etwa am 23. August 2020: „I always thought our wide avenues are built for military marches and tanks. It turns out they are built for people.“

Die massenweisen Verhaftungen der Demonstranten durch maskierte Sicherheitskräfte thematisiert sie ebenfalls: „Poets Hanna Komar and Uladzimir Liankevich were detained in Minsk today. I quoted Hanna a couple of days ago in my Twitter feed. Now we don’t know where she is.“

Auch in ihrem dritten Gedichtband Musik für Tote und Auferstandene, der jetzt im Suhrkamp Verlag erschienen ist, finden sich Echos der Proteste: In einem eigens für die deutsche Ausgabe geschriebenen so genannten „Spurentext“ erzählt Valzhyna Mort die Geschichte ihres ehemaligen Klassenkameraden Maxim Snak, der seit September 2020 in Haft ist und von Amnesty International inzwischen als politischer Gefangener eingestuft wird. Wie durch ein Brennglas wird hier das Thema des Gedichtbands auf den Punkt gebracht: Die Geschichte der Gewalt in Belarus.

Wie schon in Tränenfabrik und Kreuzwort sind die langen, ausdrucksstarken Gedichte von Valzhyna Mort von einer Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte geprägt. Für die 1981 in Minsk Geborene, die nun schon 15 Jahren in den USA lebt, ist das Heimatland immer noch so unmittelbar gegenwärtig, das selbst Kindheitserinnerungen aus Sowjetzeiten unheimlich nah wirken:

Zukunft, die nach dem Tramfahrplan geht. Die Straßen stellten sich vor
mit ihren Mördernamen,
ich aber schuf mir, in mir 

eine eigne Kammer,
dort räumt die Erinnerung –
illegale Zeitmigrantin –
fleißig auf hinter der Einbildungskraft. 

Großmütter tauchen auf, die in ihren „Knipsbörsen“ ebenso die Schokolade wie Sterbeurkunden von Verwandten aufbewahren, das Kind lernt mit großer Freude Akkordeon spielen, der Winter macht sich durch „gnadenlose Schneetage im Küchenfenster“ breit. Was ist mit dem Bruder der Großmutter geschehen, dessen Briefe bei einem Umzug nach dem Großen Vaterländischen Krieg verloren gegangen sind? Wie beeinflusst einen selbst in der Ferne noch die Schwere dieser Geschichten? Was bedeutet es, „Versuchsperson für den glühenden Reaktorkern von Großmutters Erinnerung“ zu sein, in der so viel Tod, Knochen und Gräber vorkommen?

Die Tochter, die Enkeltochter, die sich erinnert, um ihre eigene Identität zu finden: Auf die beiden längeren Gedichte „Haltestellen: Ars Poetica“ und „Ein Versuch in Ahnenforschung“, die Übersetzungen beide jeweils dem belarussischen bzw. englischen Original gegenübergestellten Texte (die Übersetzungen haben Katharina Narbutovič und Uljana Wolf angefertigt) folgen einige kürzere, die sich als Lieder („Lied für ein Taschenmesser“), Psalme oder einfach „Musik“ („Musik für Mädchenstimme und Bison“) ausgeben; auch ein Prosateil, wie es ihn in Kreuzwort bereits gab, kommt dazu. Schichtweise wird so Episoden aus der Familiengeschichte, Erinnertes, Erzähltes, eine oft leichte, verspielte Form gegeben.

Oft genug geht es aber um die Spuren, die die Gewalt in der Familiengeschichte hinterlässt. Und die surrealen Bilder, mit denen Valzhyna Morts Gedichte diese einfangen, sind die, die am längsten im Gedächtnis haften bleiben:

Ein Wählscheibentelefon ist ein Genpool.
Mein Körper klingelt, sprintet
dass ich meinen Kopf
auf die starke Schulter eines Hörers lege.

Hallo, hier ist Blut! Blut hat eine schwache Leitung.
Im Hörer ein Knistern
als riefe mich Feuer an.
Wer ist da?

Ich bin’s, dein Feuerhörer.

Valzhyna Mort: Musik für Tote und Auferstandene. Gedichte. Edition Suhrkamp, 142 Seiten, 15 €

Die Möglichkeit zu gehen ist immer enthalten

Welchen Preis hat die Freiheit? Lena Müller erzählt in ihrem Debütroman Restlöcher von der Suche nach dem richtigen Platz in der Gesellschaft zwischen Familie und politischem Engagement, Häuslichkeit und alternativen Lebensmodellen.

Auf der einen Seite sind da die Geschwister Sando und Mili: Sando ist im akademischen Mittelbau tätig und in einer unglücklichen Beziehung mit einem jungen Mann, der sich selbst „der Fuchs“ nennt. Dieser Fuchs ist bei jeder Gelegenheit auf politischen Versammlungen und Demonstrationen unterwegs und lässt sich nur wenig auf die harmonische Zweierbeziehung ein, die Sando sich wünscht. Mili hat sich mit mehreren Freunden auf dem Land einen alten Bauernhof gekauft, lebt dort mit ihnen gemeinsam und betreibt eine kleine Backstube.

Parallel dazu erzählt Lena Müller die Geschichte von Sandos und Milis Eltern Dieter und Clara – und hier setzt auch die Handlung ein: Clara ist weg. Als Sando und Mili davon erfahren, machen sie sich auf den Weg zu Dieter, der nicht wirklich besorgt scheint: Denn Clara war schon einmal ohne Ankündigung von der Bildfläche verschwunden, kurz nachdem sie ihr Studium in Berlin beendet hatte.

Claras Zeit in Berlin macht als ausführliche Binnenerzählung den Mittelteil des Romans aus. Es sind die achtziger Jahre, Clara und Dieter sind frisch verheiratet und junge Eltern, aber Clara kann sich mit der Idee vom kleinen Glück nicht anfreunden – sie will studieren. Mit Dieter trifft sie eine Abmachung: Sie geht mit Sando und Mili an die Freie Universität in Berlin, nach dem Ende ihres Studiums wird sie wieder zu ihm zurückkehren.

Wohnhaus im Studentendorf Schlachtensee (Foto: Detlef Bluhm)

Stimmungsvoll porträtiert Lena Müller das Leben Claras in einer Wohngemeinschaft im Studentendorf Schlachtensee, einem modernen Bauensemble, geprägt vom Aufbruchsgeist der Nachkriegszeit (und heute ein Bau- und Gartendenkmal der Stadt Berlin). Eine besonders enge Freundschaft entsteht zwischen Clara und ihrem Mitbewohner Pablo, den sie schließlich spontan nach Spanien begleitet.

In Dokumenten und Erinnerungen lassen Dieter, Mili und Sando die Geschichte von Claras Selbstfindung Revue passieren. Man erkennt Parallelen zum Verhältnis von Sando und dem Fuchs, der sich auch nicht in die romantische Vorstellung der Paarbeziehung zwängen lässt. Schließlich kommt es zu einem Wiedersehen in Schlachtensee: Einer spontanen Eingebung folgend, fährt Sando nach Berlin und trifft dort tatsächlich seine Mutter wieder, die sich auch auf einer Reise in ihre Vergangenheit begeben hat. Sie erinnert sich:

Die Möglichkeit zu gehen ist immer enthalten.“ Die Mutter denkt nach, dann: „Weil wir nicht nur die sind, die sich die anderen wünschen. Damals, im Studium, hatte ich ein Gefühl von Aufbruch. Ein großer, alle Lebensbereiche umfassender Aufbruch, meine ersten, feministischen Jahre. Damals wusste ich: Bewegung ist dort, wo Frauen sind. Ich war mir sicher, die Veränderung wird von den Frauen kommen, die Männer verharren, stecken tief drin im Sumpf der Vergangenheit, halten sich fest am Alten und haben keine Ideen mehr. Da fand ich, dass die Frauen, aber auch alle, auch die Männer, die ganze Gesellschaft, sehr viel zu gewinnen hatten.“

Auf bemerkenswerte Weise gelingt es Lena Müller in diesem Roman, auf nur wenigen Seiten ein authentisches Porträt von zwei Generationen zu zeichnen. Auch wenn sie viel unterscheidet – die Frage nach dem richtigen Platz in der Gesellschaft muss sich jede aufs Neue stellen.

Lena Müller: Restlöcher. Edition Nautilus, 128 Seiten, 18 €

Nun, Schifflein! Sieh dich vor!

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Pascal Richmanns Man vermisst diesen Planeten ist eine vielstimmige Collage, die eine Geschichte der Obssessionen erzählt.
 
Es würde viele Seiten füllen, das Personal dieser sechs Texte aufzuzählen, die, wie das Impressum informiert, bereits in früheren Versionen vom SWR als Hörstücke gesendet wurden. John F. Kennedy, Otto Waalkes und Thomas Bernhard kommen ebenso zu Wort wie Roberto Bolaño, Jan Böhmermann und der Astronaut Alexander Gerst; Frauen dagegen kaum. Und so kann man diese aus Filmen, Büchern und TV-Aufzeichnungen zusammengeschnittenen Aussagen durchaus als eine männliche Obsessionsgeschichte lesen: Es geht um Seefahrt, den Weltraum, Krieg und Science-Fiction.
 
Der Modus ist dabei immer kurz vor der maximalen Überforderung: Scheinbar wahllos mischen sich die Stimmen um historische Ereignisse wie den Anschlag auf den World Trade Center oder den ersten Flug zum Mond; Richmann geht hier assoziativ vor und mischt authentisches Material, wie etwa Kommentare von Nachrichtensprechern oder Auszüge aus Volker Panzers berühmtem Nachtstudio mit Zitaten aus Filmen und Literatur. Das führt zu durchaus komischen Effekten und sieht dann etwa so aus:

FRIEDRICH NIETZSCHE
Wir haben die Brücke hinter uns, mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen!
ANATOL JOHANSEN
Die Sinkgeschwindigkeit bei der Landung selbst wird etwa fünf Stundenkilometer sein.
GÜNTER SIEFAHRT
Das entspricht ungefähr einem Meter in der Sekunde.
ANATOL JOHANSEN
Das Landesystem ist so ausgelegt, dass auch ein Aufsetzen mit acht Stundenkilometern noch ausgehalten werden kann, ohne die Fähre zu zerstören.
WERNER BÜDELAR
Höhe 6300 Meter in diesem Augenblick.
FRIEDRICH NIETZSCHE
Nun, Schifflein! Sieh dich vor!
WERNER BÜDELAR
Abstiegsgeschwindigkeit 3600 Meter pro Sekunde.
FRIEDRICH NIETZSCHE
Es gibt kein Land mehr!

Zwischendurch entsteht aber gleichzeitig auch so etwas wie eine fortlaufende Erzählung, die sich zwischen dem Zitate-Dickicht fast etwas versteckt: Hier erzählt Richmann selbst – vorgeblich autobiografisch –, aus seiner Kindheit, dem ersten Kontakt mit dem Moby-Dick-Stoff in Form eines Kinderhörspiels, dann über die Erfahrungen mit den verschiedenen, konkurrierenden deutschen Fassungen des Romans. Später begegnen wir Richmann und seinem Freund Arnold Goldhorn bei Wanderungen durch den Harz, mit dem er lange Gespräche über Kastraten, Leonardo da Vinci und Michail Kalaschnikow führt; er unternimmt eine Reise nach New York und Washington D.C., liest Richard Brautigan und wird schließlich, wieder zusammen mit Arnold, Zeuge, wie in Paris die Kathedrale Notre Dame in Flammen aufgeht, während sie beide in ihrem Porsche eine Reproduktion des Urmeters transportieren.
 
Pascal Richmann bedient sich, könnte man argumentieren der in der Popliteratur so gängigen wie beliebten Technik des zwanghaften Mit- und Aufschreibens der Welt. Gleichzeitig zeugt sein referenzgesättigtes Schreiben aber auch von einer Sehnsucht nach der Kindheit, dem großen Abenteuer – und letztlich einer großen Nostalgie.
 

Die unsichtbare Kirche überragt die sichtbare bei weitem

Jakob Noltes neuer Roman ist eine kuriose Angelegenheit: Tolldreist und todtraurig erzählt er die aberwitzige Geschichte einer Erweckung.

Der Titel trügt zunächst nicht. Tatsächlich ist der nach Alff und Schreckliche Gewalten dritte, jetzt bei Suhrkamp vorliegende Roman dieses gerne zwischen den Formen springenden Autoren, der auch im Bereich Theater und Hörspiel zahlreiche Arbeiten vorgelegt hat, sehr kurzweilig geworden und locker an einem Wochenende abgehandelt. Trotzdem hat er es in sich.

Zunächst einmal haben wir es hier verwirrenderweise mit zwei Figuren zu tun, die beide Tobias heißen und, zumindest zeitweise, ein Pärchen sind. Wir erfahren, aber das ist aufgrund ebendieser Dopplung nicht immer ganz sicher, hauptsächlich aus dem Leben eines der beiden: Wie er nach dem Abitur in einer Kunstgalerie in Potsdam jobbt, kreatives Schreiben in Hildesheim studiert, einen ersten, ausgesprochen positiv aufgenommenen Roman veröffentlicht, sich dann aber mit dem Literaturbetrieb über Kreuz legt; wie er Reisen zu Grabmälern sozialistischer Herrscher unternimmt und, in Belgrad dann, ein religiöses Erweckungserlebnis hat. Wir verfolgen Tobias schätzungsweise bis in seine Vierziger: Er ist Tele-Evangelist geworden und ein erfolgreicher YouTube-Star, bis ihn eine Steuernachzahlung von einem Tag auf den anderen in die Obachlosigkeit katapultiert. In einem Zelt in der Hasenheide beginnt das letzte Kapitel seines Lebens.

So oder so ähnlich könnte man die Handlung des Romans wiedergeben. Was nach einer stringenten Erzählung klingt, bietet Jakob Nolte denn aber als der gewitzte Erzähler, der er ist, munter nicht-chronologisch, in Bruchstücken und unterschiedlichen Varianten dar. Das beinhaltet Genre-Ausflüge wie eine Kostprobe aus dem Schreiben von Tobias, einen platten japanischen Manga-Roman, fragmentarische Prosaskizzen, ausführliche Briefwechsel und eine mysteriöse historische Episode gegen Ende des Romans, in der eine Glocke für einen Kirchturm gegossen wird.

Das ist ein tolldreister Spaß, der Mal um Mal etwas über das Ziel hinausschießt und den einen und anderen Seitenhieb auf die Abgründe des Literaturbetriebs bereithält; seine wahren Stärken entfaltet dieser Roman aber in zahlreichen Passagen von einer rätselhaften Schönheit: Da geht es etwa um Menschen, die in Hasen verwandelt werden, Kinder, die auf Waldkronen klettern, Hubschrauber, die um die Wipfel kreisen, religiöse Verzückung, und immer wieder: Tischtennis. Schließlich ist das Kurze Buch über Tobias, nach eigener Aussage ja immerhin nichts weniger als eine moderne Heiligengeschichte, auch – bei allem Spaß – eine todtraurige Angelegenheit, denn hinter der kuriosen urchristlich-inspierten Fassade kann man Züge einer ernsthaften, verzweifelten Sinnsuche erkennen. Und für Tobias, der mit dem Wahlspruch „Die unsichtbare Kirche überragt die sichtbare um ein Vielfaches“ auszieht, auf seinem kurvenreichen Weg durchaus Sympathie empfinden.

Jakob Note: Kurzes Buch über Tobias. Suhrkamp Verlag, 231 Seiten, 22 €

Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren

Eine der spannendsten Neuerscheinungen des noch jungen Jahres kommt aus dem Verbrecher Verlag. Esther Beckers Debütroman Wie die Gorillas erzählt von der Suche nach dem Platz in der Gesellschaft.

Im Theaterbereich ist Esther Becker schon länger unterwegs. Sie ist Mitglied der Theaterformation bigNOTWENDIGKEIT, 2019 wurde sie für ihr Stück Das Leben ist ein Wunschkonzert mit dem Berliner Kindertheaterpreis ausgezeichnet. Jetzt ist ihr erster längerer Prosatext erschienen.

Irgendwann, gegen Ende des Romans, findet sich die Erzählerin auf dem verschlossenen Innenhof eines Kinos wieder. Sie war die letzte in der Spätvorstellung, auch das Personal ist schon gegangen, sie wurde zurückgelassen, vergessen. Es ist ein Wendepunkt in der Geschichte, die Esther Becker bis hierher konsequent und schonungslos erzählt hat. Ihre Erzählerin ist eine Außenseiterin, die nirgendwo ihren richtigen Platz findet. Sie fühlt sich in ihrem Körper nicht wohl: Die Augen zu engstehend, zu flache Brüste, die Angst davor, zuzunehmen. Als Aktmodell an der Kunsthochschule zu posieren, fällt ihr dagegen nicht schwer. Eine Freundin wird Schauspielerin, eine andere studiert Medizin, sie schlägt sich mit einem medienwissenschaftlichen Studienprojekt herum, das sich mit den Körpergenres im Film, Porno und Horror, beschäftigt und analysiert Filme wie Carrie, Deep Throat und Die Passion Christi: „Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren, stattdessen drohe ich in einem Meer aus Sperma, Blut und Tränen zu versinken.“ Wenn sie nicht ins Kino geht, arbeitet sie in einer Bar; ihre Wohnung und ihr Äußeres vernachlässigt sie mehr und mehr.

In kurzen und genau beobachteten Kapiteln und mit viel trockenem Humor geht Esther Becker den Erlebnissen der Erzählerin und ihren Freundinnen nach. Auch sie haben es letztlich nicht besser. Svenja, die Theaterschauspielerin, erlebt den Betrieb als sexistisch. Und Olga kann ihr Medizinstudium nur aufnehmen, als sie sich von ihren streng gläubigen Eltern lossagt.

Wie die Gorillas ist aber auch ein Familienroman. Der distanzierte Vater, der sich später als schwul outet, die Mutter, die sich plötzlich, als sie in einer neuen Beziehung ist, wieder für ihre Tochter zu interessieren beginnt – die Familienverhältnisse sind alles andere als einfach, aber die Eltern sind es auch, die der Erzählerin nach der misslichen Situation im Kino helfen, auf die Beine zu kommen. Der Schluss ist versöhnlich und empowernd gleichermaßen: Für ein Videokunst-Seminar dreht sie mit ihrer Freundin Svenja einen Kurzfilm. Er ist inspiriert von Carrie.

Esther Becker: Wie die Gorillas. Verbrecher Verlag, 160 Seiten, 19 €

Buchpremiere am 3. Februar 2021 im Literaturforum im Brecht-Haus (Livestream)

Das echte Leben ist schief und manchmal schwankend

Menschen in der Großstadt: In ihrem neuen Roman lässt Nina Bußmann die Lebensentwürfe von drei Menschen aufeinanderprallen. Ein komplexer Entwurf über moderne Beziehungsgeflechte – und darüber, was diese eigentlich motiviert.

Nach „Große Ferien“, einem Ein-Personen-Kammerspiel über einen suspendierten Lehrer, und „Der Erde der Mantel ist heiß und geschmolzen“, der Geschichte einer ungleichen Frauenfreundschaft zwischen Deutschland und Nicaragua ist „Dickicht“, der dritte Roman, Nina Bußmanns bislang komplexester: Drei Figuren, Ruth, Max und Katja, deren Geschichten umeinander kreisen, die aber auch für sich alles andere als einfach sind, stehen im Mittelpunkt. Es ist auch Nina Bußmanns erster Berlin-Roman: Ein politische Aktionsbündnis für Mieterrechte spielt eine Rolle, die Stadt mit ihrem hektischen Zentrum und dem eintönigen Randgebiet, eine Stadt, in der jeder seine „Projekte“ verfolgt und doch prekäre Jobs an der Tagesordnung sind.

Ruth, um die fünfzig, Fleischbeschauerin und Tierschutzbeauftragte in einem mittelständischen Betrieb, der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, hat sowohl Kontakt zu Max als auch zu Katja. Als sie nach einem Unfall aus dem Krankenhaus entlassen wird, nimmt Katja sie bei sich auf. Ruth hatte schon davor den deutlich jüngeren Max kennen gelernt und mit ihm auch ein sexuelles Verhältnis. Sie ist Alkoholikerin: Das wird aus den im Erzählfluss nicht-chronologisch angeordneten und oft knapp gehaltenen Passagen klar. Sie hat ihre Arbeit aufgegeben, auch ihre Mietwohnung musste sie verlassen und in ein anonymes Apartment am Rand der Stadt ziehen. Ihre Familiengeschichte und die Gründe für ihr von Dritten oft als schroff und einzelgängerisch beschriebenes Verhalten bleiben im Dunkeln – ganz anders als es bei Max und Katja, der Fall ist, deren Lebensverhältnisse und emotionale Verfasstheiten sehr deutlich ausgeleuchtet werden: Max hat sein Studium und auch seinen Job als Fahrer für einen Lieferservice geschmissen, um Kindergärtner zu werden; er hat eine Schwester, Edna, die ihn in Berlin besuchen kommt, er wohnt in einer WG, die er aber plant, zu verlassen, und nimmt die Hilfe von einer Coachin, angesiedelt irgendwo zwischen Self-Help-Guru und Telefon-Abzocke in Anspruch. Katja dagegen ist gerade in ihr neues Projekt gestartet, das Jobcenter-Kunden helfen soll, ihren Lebenslauf zu ordnen und gut vorbereitet in einen neuen Karriereabschnitt zu starten; sie ist, zumindest für einen Teil des Romans, mit Milan zusammen, einem Anwalt, der an einem Erschöpfungssyndrom leidet, und auch sie hat mit gesundheitlichen Problemen, zu kämpfen, die sich durch fortschreitenden Haarausfall äußern.

Das Spannungsverhältnis zwischen den Parteien Max-Ruth und Katja-Ruth ist jeweils dasselbe: Sowohl Max als auch Katja sind „Kümmerer“, wollen Problemlöser sein, die Ruth ihre Hilfe anbieten, die aber ihrerseits Züge einer toxischen Persönlichkeit trägt: Sie nimmt die Hilfe an, gibt aber selbst wenig zurück.

Statt einem typischen Großstadtroman über die Einsamkeit vereinzelter Existenzen legt Nina Bußmann hier einen komplexen Entwurf über die vielschichtigen Beziehungen ganz unterschiedlicher Figuren vor, die niemals holzschnittartig typologisiert daherkommen. Vielmehr wird der Hintergrund ihres Handeln erzählerisch höchst detailliert ausgestaltet – bisweilen hat man das Gefühl, es hier nicht mit einem, sondern zwei oder drei Romanen in einem zu tun. Das Missverhältnis zwischen den ausführlich geschilderten Biografien Katjas und Max‘ und der nur angerissenen Lebensgeschichte Ruths erstaunt zunächst, ist aber womöglich auch eine Fährte zum Verständnis des Anliegens, das dieser Roman hat: Braucht es immer eine große Geschichte, um die Motivationen einer Person zu verstehen, oder ist ihr Handeln auch aus dem Moment zu begreifen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sollte man diesen Roman lesen.

Nina Bußmann: Dickicht. Suhrkamp Verlag, 317 Seiten, 24 €

Buchpremiere am 29. Oktober 2020 um 20:30 Uhr im Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, 10623 Berlin-Charlottenburg, Moderation: Fabian Thomas

Ich gehe durchs Gestrüpp

Von Lotto- und Zuckerkönigen, quer durch Europa und seine ehemaligen Kolonien: In Aus der Zuckerfabrik öffnet Dorothee Elmiger die Türen ihrer Werkstatt – und betritt selbst neues Terrain.

Man kann dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und wird sofort in seinen Bann gezogen. Schnell fügt sich Gelesenes, Gesehenes und selbst Erlebtes mit der Zeit zusammen: Die Geschichte des ersten Lottomillionärs der Schweiz Werner Bruni, der sein Geld ebenso schnell, wie er es gewann, wieder verlor, der Anbau von Zuckerrohr auf Haiti mit all seinen kolonialistisch-kapitalistischen Implikationen, ein Bericht über die erste Anorexie-Patientin Ellen West, den Balletttänzer Vaslav Nijinsky, Heinrich von Kleists und Henriette Vogels Doppelselbstmord am Wannsee, Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ – von wo es wieder zurück nach Haiti und die Geschichte des blutigen Sklavenaufstands geht. Geld, Gier und Begehren sind die Leitmotive; die Form ist disparat: Tagebuchaufzeichungen und kurze Prosaentwürfe wechseln sich ab mit der Wiedergabe von Gesprächsfetzen – und Selbstzweifeln:

Es wird mir alles zuviel. Wo ich doch am Anfang dachte, ich müsse alles irgendwie zusammenklauben, zusammentragen, drängen sich mir die Dinge nun geradezu auf, ich sehe überall Zeichen und Zusammenhänge, als hätte ich eine Theorie von allem gefunden, was natürlich kompletter Unsinn ist.

Die titelgebende Zuckerfabrik ist nichts anderes als die Werkstatt von Dorothee Elmiger, deren Türen sich hier weit öffnen. Neben einer imposanten Menge an Material – der Aufzählung von oben wären noch hinzuzufügen die Geschichte der Teresa von Ávila, frühe Studien über das berüchtigte Newgate-Gefängnis in London sowie die Autobiografie der peruanisch-französischen sozialistischen Schriftstellerin Flora Tristan, die nebenbei die Großmutter von Paul Gauguin war – wird auch das eigene Leben in Form von Kindheitserinnerungen, Liebesbeziehungen und surrealen Träumen thematisiert. Immer wieder wacht die Erzählerin „weit nach Mitternacht“ auf, tritt eine Wendeltreppe herab und findet sich im Elternhaus, in einem Motel an der amerikanischen Atlantikküste oder auf einer karibischen Insel wieder.

Dorothee Elmiger (Foto: Peter-Andreas Hassiepen)

Klassische Romane hat Dorothee Elmiger nie geschrieben. Doch hier, in ihrem dritten Buch, erreicht ihr Schreiben noch einmal eine neue Ebene: Den zahlreichen angerissenen Themen wird immer auch die eigene Person gegenübergestellt – wie man es aus den zahlreichen Beispielen autofiktionaler Texte aus den letzten Jahren kennt – und die Erwartung an weibliches Schreiben problematisiert:

Seit einer Weile behaupte sie Freunden gegenüber, sie arbeite an einem Buch über die Liebe, und in der Regel reagierten die Freunde lachend darauf, als hätte sie einen guten Witz gemacht, und auch sie selbst lache, wenn sie davon spreche. Sie habe sich bisher von diesen Dingen, der Liebe, dem Gefühl, dem Sex, ferngehalten, und diese Entscheidung habe ihr oft auf gewisse Weise zum Vorteil gereicht: Oft habe sie Lob dafür erhalten, dass das Spektrum ihrer sogenannten Themen sich nicht beschränke auf jene, die Frauen angeblich in der Mehrzahl bearbeiteten, sondern auch das Historisch-Politische oder Fragen und ein Vokabular der Technik mit einschließe. Als zeichne sich ihre Arbeit vor allem dadurch aus, dass sie die Kennzeichen einer als männlich verstandenen Literatur trage, obwohl sie aus der Hand einer Frau stamme – weil sie also, sagt sie lachend, trotz ihres Geschlechts zur Vernunft gekommen sei, der Larmoyanz der Frauen eine Absage erteilt und die Seiten gewechselt habe.

Die Zwischenstellung zwischen Journal, Materialsammlung und Prosaskizzen elektrisiert: Alles, sei es eine Liebesaffäre oder eine Zitat aus Susan Buck-Morss kulturwissenschaftlicher Untersuchung Hegel und Haiti, ist gleich wichtig und relevant für das eigene Schreiben; die Zusammenhänge entstehen oft erst mit dem Niederschreiben, dem Erfassen der gedanklichen Vorgänge und führen im besten Fall an einen ganz neuen Ort. Dorothee Elmiger auf diesen Wegen zu folgen, ist so erkenntnisreich wie spannend, so verstörend wie schön: „So ungefähr. Ich gehe durchs Gestrüpp. Es tschilpen auch einige Vögel. – Und dann? – Weiter nichts, es geht einfach immer weiter so.“

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. Hanser Verlag, 272 Seiten, 23 €

Monotonie ist Luxus

Garnette Cadogan über Dimensionen des Spazierengehens in Kingston, New Orleans und New York.

Es sind nur drei kurze Sprünge, die vom Aufwachsen in der Hauptstadt Jamaikas über das Ankommen in New Orleans bis nach New York führen. Doch Ganette Cadogan beschreibt in seinem Essay „Ein Schwarzer geht durch die Stadt“, auf Englisch erstmals im Freeman’s Magazine erschienen und in der deutschen Übersetzung ein Auszug aus dem von Anneke Lubkowitz herausgegebenen Sammelband Psychogeografie, sehr genau, wie sich an diesen Orten der so alltägliche Vorgang des Spazierengehens grundlegend für ihn verändert hat: In Kingston ist es die Flucht vor dem gewalttätigen Stiefvater, die ihn bis spätnachts die Straßen seiner Heimatstadt erkunden lässt; auch wenn er dabei in gefährlichen Vierteln verkehrt, vor denen ihn seine Freunde warnen, lässt er sich nicht beirren. Als er dann, inzwischen Student, in New Orleans seine nächtlichen Streifzüge fortsetzen will, stellt er fest, dass nun er selbst, ein Schwarzer, als potenzielle Bedrohung wahrgenommen wird. Diese Erfahrung kulminiert in New York, wo er aus einem nichtigen Grund von einer Polizeistreife brutal festgenommen wird; eine Szene, die sofort Bilder der rassistischen Polizeiwillkür, die gerade wieder durch die Medien gehen, ins Gedächtnis ruft.

Was Ganette Cadogans Essay bemerkenswert macht, ist die Schilderung der Anpassungsmechanismen, die er abhängig von seiner Umgebung entwickelt: In Kingston sind diese noch eher spielerischer Natur („Manchmal tat ich sogar, als wäre ich verrückt, und redete an besonders gefährlichen Stellen wirres Zeug vor mich hin, etwa an einem Regenkanal, an dem sich Diebe versteckt hielten. Der dumm daher brabbelnde Junge in Schuluniform wurde von den Beutegreifern einfach ignoriert oder ausgelacht“); in den USA, wo Cadogan als Schwarzer plötzlich in einer exponierten Rolle ist, nimmt der Anpassungsdruck repressive Ausmaße an – er wird zur Überlebensstrategie, die den gesamten Tagesablauf bestimmt: „Wenn ich aus der Dusche kam, galt mein erster Gedanke den Cops und der Frage, mit welchem Outfit ich am ehesten Ruhe vor ihnen hätte. Bewährt hatten sich: Helles Oxford-Hemd. Sweater mit V-Ausschnitt. Khakihose. Chukka-Stiefel. Pullover oder T-Shirt mit dem Emblem der Uni. Wenn ich durch die Stadt ging, wurde oft meine Identität hinterfragt, und ich hatte klare Antworten darauf gefunden.“

Es ist eben ein großer Unterschied, und das so arbeitet Cadogan beeindruckend heraus, ob man sich eine Identität selbst gibt – wie er es in Kingston tun konnte – oder als Schwarzer von vornherein eine Rolle zugewiesen bekommt, mit der man sich arrangieren muss, und so auch letztlich die Selbstvergessenheit des sorglosen Spaziergängers verliert. „Monotonie ist Luxus“, heißt es dazu an einer Stelle: Wo das Spazierengehen für Weiße Erholung, Freizeit oder schlicht Alltagsnormalität bedeutet, ist es bei Cadogan mit konkreten Gefahren verbunden. Woran sich auch in den zehn Jahren, die er zum Zeitpunkt, als der Essay erscheint, schon in New York lebt, nichts geändert hat.

Garnette Cadogan: Ein Schwarzer geht durch die Stadt. Matthes & Seitz eBook, ca. 20 Seiten, 1,99 €

PROSANOVA 2020

Das Motto: Glätte & Reibung (Bild: Instagram)

Es ist wieder soweit und doch ist alles ganz anders: Prosanova, das Festival für junge Literatur, das alle drei Jahre von der Redaktion der Zeitschrift Bella Triste in Hildesheim ausgerichtet wird, findet dieses Jahr als reine Digital-Veranstaltung statt.

Grund ist natürlich die noch immer nicht überwundene Corona-Pandemie, die schon jetzt den gesamten Literaturbetrieb auf den Kopf gestellt hat: Buchläden waren geschlossen, Verlage verschieben ganze Programme auf den Herbst, Lesungen wandern ins Netz.

Für ein Festival, das das einzige seiner Art ist, wie sich Prosanova seit der Gründung 2005 versteht – in Anlehnung an Musikfestivals sollte die Lesung aus dem klassischen Wasserglasformat herausgeholt und völlig neue, kreative Formate, Literatur zu erleben, erdacht werden – besteht hier natürlich ein gewisser Erwartungsdruck: Kann die digitale Lesung, wie wir sie über Twitch-, Instagram- und Facebook-Streams qua Corona verinnerlicht haben, nun noch einmal revolutioniert werden?

In einem Beitrag für das Logbuch Suhrkamp beantwortet Clara Hegnon, eine der sechs Organisatorinnen von Prosanova, diese Frage ganz entspannt:

PROSANOVA 2020 ist anders, als es 2017 war und 2023 sein wird. Es ist keine Revolution des Literaturfestivals, so wie alle aus der Situation entwickelten Formate das physische Beisammensein und gemeinschaftliche Erleben von Kultur nicht ersetzen können. Ich bin gespannt, was sich aus der Corona-Zeit etablieren wird und welche Alternativen verebben. Vielleicht finden sich beim nächsten PROSANOVA Gedanken wieder, vielleicht ist drei Jahre später auch vieles schon selbstverständlich. Wir sind gespannt.

Und was das Programm, das dieses Mal unter dem Motto „Glätte & Reibung“ steht, inhaltlich hergibt, kann seit Montag dieser Woche auf der Festival-Webseite erkundet werden: Vom Empowerment-Workshop bis zur Instagram-Challenge #IdareyouPROSANOVA und mit Beteiligung von namhaften Autor*innen wie Jackie Thomae, Raphaela Edelbauer und Isabelle Lehn, Debütant*innen wie Ronya Othmann und Marius Goldhorn, Hildesheim-Alumni wie Benjamin Quaderer und Laura Naumann, und noch ganz unbekannten Namen wie Rosa Engelhardt, Jan Seibert und Kim de l’Horizon, den Gewinner*innen des deutsch-schweizerischen Lyrikwettbewerbs Textstreich.

Drei Programmpunkte klingen nach einer ersten Durchsicht besonders interessant:

  • Der „Confession Room“, für den sich jeweils zwei Autor*innen schon einen Monat vor Festivalbeginn zusammengetan haben und in einer multimedialen Korrespondenz „unliterarische sowie literarische Geständnisse teilen, bis der Beichtstuhl zerbricht“ (mit dabei: Helene Bukowski & Isabelle Lehn, Karen Köhler & Florian Kessler, Corinna T. Sievers & Judith Keller)
  • Das Format „Was bleibt“, in dem Özlem Özgül Dündar, Jennifer Sabel und Alexandru Bulucz die Texte der jung verstorbenen Schreibenden Julian Amankwaa, Semra Ertan, Thien Tran und Aglaja Veteranyi vorstellen
  • Schließlich „Übersetzen durch die Zeit“: Hier treffen Milena Adam, die Übersetzerin von Sandra Newmans ausuferndem Pandemie-Roman Ice Cream Star und der Mediävisten und Lyriker Tristan Marquardt aufeinander.

Dann bleibt nur noch zu hoffen, dass die Internetverbindung hält! Tickets gibt es ab 10 € – nach Wahl kann ein Festivalkit gebucht werden, das T-Shirt, Poster und diverse Goodies enthält.

PROSANOVA 2020. Festival für junge Literatur, von 11.-14. Juni, online unter www.prosanova.net

Über der Stadt flog lustlos ein Helikopter

Ein Liebesroman mit Aliens: Marius Goldhorn entwirft ein beunruhigend zeitgenössisches Szenario zwischen Berlin, Paris und Athen.

Die Zeit der Lockdowns, Kontaktverbote und Quarantäne-Verordnungen, die die COVID19-Pandemie im Frühjahr 2020 mit sich gebracht hat, wird auch als eine Zeit der Fülle digitaler Veranstaltungsformate in Erinnerung bleiben, die aus der Not geschlossener Literaturhäuser und Theater geboren wurden. Und gerade Debütautorinnen und -autoren sind auf Lesungen angewiesen, um überhaupt eine Grundaufmerksamkeit zu bekommen.

Zu Marius Goldhorns Park gibt es aktuell immerhin schon zwei Streams: Eine Lesung für das Literaturforum im Brecht-Haus („Vorstellung meines MacBooks, des Romans Park und anderem“) sowie „Die große Beunruhigung“ bei den Kammerspielen München zusammen mit Enis Maci, Mazlum Nergiz und Tanita Olbrich.

Arnold, ein junger Schriftsteller ist auf dem Weg nach Athen, um Odile wiederzusehen, die dort einen Film dreht. Mit ihr verbindet ihn eine etwa ein halbes Jahr andauernde Liebesbeziehung in Berlin, die abrupt abbrach, als sie, mit dem Ziel, ihrem Master an der Kunsthochschule zu machen, nach London zog. Arnolds Reise nach Athen führt über Paris, weil er von dort aus das günstigste Flugangebot erhalten hat, weswegen der dort noch etwa zwei Tage in einem Hostel verbringt.

Ein sensibler, bis an die Grenze des Hypochondrischen empfindsamer Charakter, macht sich Arnold fast unentwegt Gedanken und beobachtet sich selbst, wobei ihm iPhone und MacBook sowie zuweilen auch sein Chatpartner Veysel zur Seite stehen. Offenbar steckt er seit der Abreise Odiles in einer Lebenskrise, ist passiv, nachdenklich und verliert sich in surrealen Träumereien. Diese gipfeln in einer außerkörperlichen Erfahrung, die Arnold in seinem Hotelbett in Paris macht: Sein Körper erscheint ihm mit vielen dünnen Schläuchen besetzt, er trifft auf Aliens, die ihn (wie er glaubt, zu erkennen) „ihre Sprache lehren“ wollen; vor seinen Augen verästeln sich fraktale Strukturen.

Diese eigentümliche Figur, die Marius Goldhorn auf ihre Reise durch Europa schickt, zeichnet sich durch eine gewisse Abgekapseltheit von der Welt aus. Gleichzeitig ist Arnold aber, mehr unbewusst als bewusst, mittendrin im politischen Zeitgeschehen: Schon während seines Aufenthalts in Paris wird er über das Fernsehen Zeuge eines Attentats; später, angekommen bei Odile in Athen, gerät er mitten in die Unruhen im Autonomen-Viertel Exarchia in Athen, wird sogar von der Polizei aufgegriffen.

Spannend an der Konstruktion von Park ist die Art, wie Goldhorn seinen Protagonisten an der Wirklichkeit teilhaben lässt, dieser sich aber gleichzeitig in seiner eigenen, von YouTube-Videos, Games und Popkultur-Referenzen – bevorzugt japanischer Instrumental-Musik – geprägten artifiziellen Wirklichkeit bewegt. Die klare, einfach gehaltene Sprache, in der er selbst die aberwitzigsten Szenarien beschreibt, resultiert in einer bizarren Schönheit.

Draußen, über der Stadt flog lustlos ein Helikopter. Arnold dachte: Die Luft ist sauer und warm und schwer von Abgasen. Menschen telefonierten oder verkauften irgendwelche Plastiksachen am Straßenrand. Häuser lagen unter halbtransparenten Gerüstplanen. Arnold beobachtete eine Gruppe Männer. Sie standen vor Stapeln Rubellosen auf mobilen Holztischen, die von Fahrradspannern zusammengehalten wurden. Arnold dachte: Seitdem die Welt untergeht, sieht alles besser aus.

Die Verbindung beider Welten – der realen und der artifiziellen – gelingt Arnold am Ende des Romans: Während in Athen ein Stromausfall nach einem Unwetter das öffentliche Leben lahmlegt, erstellt er auf seinem MacBook eine neue Homepage und lädt dort alle Gedichte hoch, die er im Verlauf des Romans geschrieben hat. Sie ist abrufbar unter romcompoems.com.

Marius Goldhorn: Park. Edition Suhrkamp, 140 Seiten, 14 €

Noch ein Hinweis: Dieser Titel erscheint aufgrund der Coronakrise zunächst nur digital. Das gedruckte Buch ist ab dem 15. Juni regulär im Buchhandel erhältlich – dann am besten lokal kaufen über buchhandlung-finden.de!