Westwärts, dachte ich, westwärts!

Matthias Nawrat durchleuchtet in Reise nach Maine ein nicht ganz einfaches Mutter-Sohn-Verhältnis.

Nach dem stilistisch hochavancierten Roman Unternehmer und den erzählerisch so detailverliebten wie verspielten Geschichten in Die vielen Tode unseres Opas Jurek hat Matthias Nawrat zur Ich-Erzählung gefunden. So war Der traurige Gast ein, wie es zumindest den Anschein hatte, autobiografisch gehaltener Erzähltext über einen Schriftsteller in Berlin, der auf verschiedene Personen trifft und deren Lebensgeschichten aufschreibt. Fehlte in diesem Roman mitunter ein wenig der rote Faden, ist der nun hier ganz klar gegeben: In Reise nach Maine fliegt eben dieser Schriftsteller mit seiner Mutter für zwei Wochen in die USA, um erst New York und dann die Landschaft an der Ostküste zu erkunden. Dann bringen jedoch gleich zu Beginn zwei Ereignisse die Planung durcheinander: Die Mutter kündigt an, statt über die zweite Hälfte des Urlaubs Bekannte zu besuchen, die gesamte Zeit mit dem Erzähler zu verbringen, was nicht zu dessen Vergnügen beiträgt. Dann stürzt sie auch noch unglücklich und verknackst sich die Nase.

Ansonsten verläuft die Reise aber eher ereignislos: In New York ist es unerträglich heiß, in Maine eingetroffen, kommt das Mutter-Sohn-Paar bei einer Cousine ihres New Yorker Nachbarn unter, der ihnen spontan den Kontakt vermittelt hat.

Die Stärke in Matthias Nawrats Erzählen besteht in der präzisen, beinahe unerbittlichen Beobachtung von Alltagsdetails, etwa der hochbürokratischen Abläufe im Krankenhaus, denen die Patienten mit einer fatalistischen Ergebenheit gegenübertreten. Auch die Differenzen zwischen Mutter und Sohn hält er genau fest: Sie, die ursprünglich zur Lehrerin ausgebildet wurde, hat sich nach der Übersiedelung nach Deutschland zur Physiotherapeutin weitergebildet und betont, wie wichtig es ist, Geld zurückzulegen und genug für die Rente zu sparen. Er, der Sohn, will die Ratschläge der Mutter nicht hören und ist auch sonst oft von einer brodelnden Wut erfasst, die er nur schwer in Zaum halten kann. Dann wieder ist er erschlagen von den Eindrücken und ertappt sich angesichts der Wolkenkratzer („Westwärts, dachte ich, westwärts!“) bei plötzlichen Gefühlsausbrüchen.

Amerikanischer Traum oder die USA als Sehnsuchtsort spielen aber insgesamt keine so große Rolle in diesem Roman – und wenn doch, dann eher on ihrer kaputten und desolaten Version. Interessant ist da auch der Zusammenhang, den die Mutter gleich zu Beginn zwischen der Wohngegend der beiden in New York und den Urlaubserfahrungen in ihrer Jugend herstellt: 

Meine Mutter hatte in ihrer Jugend, dachte ich nun, durch diese periphere Gegend in Brooklyn gehend, Reisen nach Rumänien unternommen, ans Schwarze Meer, in der Hoffnung auf einen Hauch von Luxus und Wohlstand an jenem exotischen Ende der ihr damals zugänglichen Welt. Der Dreck, die zerfallenden Gebäude, die nur einen Schritt hinter der touristischen Hauptstraße beginnenden deprimierenden Wohnviertel von Konstanza waren alles andere als schön gewesen. Sie waren arm und heruntergekommen gewesen, vom narzisstischen Wahn Ceauşescus ausgelaugte, ungepflegte, kaputte und nie reparierte Siedlungen, deren mittellose Bewohner von den Einkünften aus dem Tourismus nichts abbekamen, weil immer jemand aus der Verwaltung schneller war, schon seine Tasche aufgemacht, sich das Seine genommen hatte. Und nun hatte ich meine Mutter hierhergeschleppt, in dieses Viertel von Brooklyn. Sie lag mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken. Lag für eine ewig andauernde Sekunde so da und bewegte sich nicht. Dann hob sie die Hände zum Gesicht und sagte: Au.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine, Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 22 €

Worte, die eigentlich Wolken waren

In der literarischen Wunderkammer: Ein neuer Band mit Essays und Reden von Uljana Wolf versammelt poetologische Selbstauskünfte, dokumentiert produktive Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen – und ist ein Wegweiser durch ihr bisheriges Gesamtwerk.

Im Mittelpunkt steht dabei die für wohl keine andere Dichterin ihrer Generation so charakteristische Beschäftigung mit Sprache, sei es dem Polnischen, das ihren Debütband Kochanie, ich habe Brot gekauft prägte, dem Englischen der false friends und eigener Übersetzungen als Ausgangs- und Zielsprache, aber auch dem Belarussischen (etwa bei Valzhyna Mort). Von Uljana Wolfs Übersetzungen aus dem Englischen, insbesondere der Texte von Christian Hawkey und Matthea Harvey, handelt der erste Teil von Etymologischer Gossip, das jetzt bei Kookbooks erschienen ist; der Gegenrichtung widmet sich der zweite Teil, der überraschende Einblicke in das Werk von Christine Lavant gibt, aber auch die große Faszination Wolfs für das Werk von Ilse Aichinger zeigt. Besonders faszinierend: Die der Textart nach Dankesreden, Nachworte, Zeitschriftenbeiträge, die das Buch ausmacht, reihen sich zum Teil so nahtlos aneinander und greifen gegenseitig ihre Motive auf, dass es ein Genuss ist, einfach weiterzulesen. Ebenso erschließt sich das dichterische Werk Uljana Wolfs ganz nebenbei; von großer Empathie geprägt sind wiederum die Beiträge im letzten Teil des Bandes, die sich Dichterkolleginnen wie Dagmara Kraus, LaTasha N. Nevada Diggs, M. NourbeSe Philip, Theresa Hak Kyung Cha und ihren jeweils auf eigene Weise außergewöhnlichen Werken widmen.

Ein weiterer Genuss bei der Lektüre von Uljana Wolfs Texten ist ihr Umgang mit der Sprache selbst, beispielhaft in diesem magisch aufgeladenen Auftakt eines Essays über das Übersetzen von Ilse Aichinger: „Schnee habe ich in Rom nur einmal gesehen. Er deckte einen Morgen lang sämtliche Risse und Schlaglöcher zu. Als er geschmolzen war, hatten sich die Risse und Schlaglöcher unter seiner weißen Inkubationshaube vermehrt, als gäbe es eine negative Brutlogik, die irgendwo am kalten, schartigen Sprachrand der Wirklichkeit Brut an Brutalität koppelt und Schnee an die Möglichkeiten der Nichtexistenz.“ Es erfüllt mit Glück, Uljana Wolfs Gedankenbewegungen zu folgen, wenn sie die Strategien ihrer Übersetzungsarbeit beschreibt. Gleichsam überraschend sind die vielen kleinen Geschichten, die in den Essays stecken: Sei es über die Mutter des Monkeys-Sängers Michael Nesmith, die das Liquid Paper, eine Art Tipp-Ex, erfindet und dabei eine direkte Linie zu Uljana Wolfs und Christian Hawkeys Erasure-Gedichten Sonne From Ort bildet; oder über den Physiker John Scurlock, der 1957 versehentlich die Hüpfburg erfunden hat, aus deren unvorhersehbarem Inneren, in dem ihre „Passagiere“ ungeordnet durch den Raum fliegen, sich eine Art Ursymbol für die Poesie bildet. Einen von mehreren roten Fäden bildet Walter Benjamins Kindheit um neunzehnhundert, insbesondere die Miniatur „Mummerehlen“, aus der das einprägsam-schöne Zitat von den „Worten, die Wolken waren“, stammt – sie ist unter anderem autobiografischer Anknüpfungspunkt von einer Fahrt mit der Seilbahn auf dem Gelände der Gärten der Welt in Berlin-Kaulsdorf, wo Uljana Wolf aufwuchs: Hier befindet sich auf dem 102,2 m hohen Kienberg die Aussichtsplattform „Wolke“.

Eine besondere Stellung in Etymologisches Gossip nimmt ein Gespräch zwischen Uljana Wolf und dem norwegischen Dichter Simen Hagerup unter dem Titel „Fibel Minds“ ein, das die beiden anlässlich des Audiatur-Festivals in Bergen per E-Mail geführt haben: Es wirft noch einmal mehr als die auch in den übrigen Texten gelegten autobiografischen Spuren einen Blick hinter die Kulissen, der Wurzeln und Einflüsse deutlich macht, die das Besondere von Uljana Wolfs Dichtung insgesamt ausmachen: Der Austausch mit Dichterkolleg*innen über Ländergrenzen hinweg, das Beschäftigen mit Konzepten der hybriden Dichtung, und dabei doch immer wieder das Festhalten an der deutschen Sprache, die sie kreativ und schöpferisch immer wieder neu aktualisiert.

Am Beispiel von Dagmara Kraus, der sich gegen Ende des Bandes gleich zwei Beiträge widmen, zeigt Uljana Wolf noch einmal ganz konkret, wie dieser kreative Umgang mit Sprache aussehen kann: Die zwischen allen Stühlen stehende Kunstsprache, der sich die in Polen geborene, nun in Deutschland und Frankreich lebende Dichterin bedient, folgt nach ihrer Argumentation eine Strategie der „Minorisierung“ der deutschen Hegemonialsprache, die in Vermischung mit polnischen, englischen und französischen Versatzstücken gewissermaßen lustvoll vom Thron gestoßen wird.

Mit seinen über 200 Seiten bietet Etymologischer Gossip eine ausführliche, beeindruckende Bilanz von Uljana Wolfs bisherigem Schaffen, die durchweg fasziniert. Wo sie die Hüpfburg wohl als nächstes aufschlägt?

Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden, Kookbooks, 232 Seiten, 22 €

Die Gestaltung aller im Beitrag gezeigten Bände, auf die hier bereits gesondert eingegangen wurde, stammt von Andreas Töpfer.

Die Geisterfinger im Saitenspiel

Foto © Martin Dziuba (poesiefestival.org)

Am Sonntag war es wieder soweit: Das Berliner poesiefestival feierte mit der Berliner Rede zur Poesie eines seiner Highlights. Nach der großen „Weltklang“-Nacht der Poesie am Freitag trug der Berliner Dichter Johannes Jansen seine „Berliner Rede zur Poesie“ vor.

Man muss diese Setzung in ihrer Wichtigkeit betonen, standen doch in den Vorjahren bereits Oswald Egger, John Burnside, Elke Erb und, im letzten Jahr, die schon als Nobelpreis-Kandidatin gehandelte Ann Carson am Rednerpult – allesamt also renommierte, hoch dekorierte Poet*innen.

Nun also Johannes Jansen: Ein eher unscheinbarer Kandidat. Um die Jahrtausendwende gab es von ihm zwei Bände in der edition suhrkamp, anschließend zwei bei Kookbooks, darunter das auch in seiner aufwändigen Machart hervorstechende Liebling, mach Lack. Die Aufzeichnungen des Soldaten J.J. Hauptsächlich veröffentlicht der 1966 in Ost-Berlin geborene und auch in der ebendort angesiedelten Avantgarde-Lyrikszene mit agierende Jansen aber konstant, und zwar das schon seit 1988, in Klein- und Kleinst-Verlagen wie der Edition Mariannenpresse oder, zuletzt, Ripperger & Kremers, sowie in Privatdrucken und Einzelveröffentlichungen in Minimal-Auflage.

Ein Dichter, der also, ganz anders als seine Vorredner, nicht im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht. Oder sogar die Öffentlichkeit scheut? Das ist Interpretationssache – fest steht aber, dass die Wahl auf Johannes Jansen als Vortragenden der diesjährigen Berliner Rede zur Poesie eine äußerst gut durchdachte Wahl war: Das „Ergebnis einer Isolation“, so der Titel, kann sie als direkte Reaktion auf die letzten eineinhalb Jahre im Zeichen der Corona-Pandemie verstanden werden. Es wäre aber eine enttäuschende Vereinfachung, sie darauf zu reduzieren: Das C-Wort fällt nicht einmal; die kurzen, durch Sternchen voneinander getrennten Prosastücke, die wiederum selbst aus Kurz- und Kürzestsätzen bestehen, reflektieren vielmehr ganz existenzielle Themen: Das leere Blatt, die Einsamkeit und Depression, Wohnungs- und Geldnot, Krankheit; aber auch immer wieder kurze Augenblicke des Glücks. Johannes Jansen findet dabei Worte und Formulierungen, die auf eine fast unheimliche Art bewegen. „Die Depression ist profan“, heißt es gleich auf der ersten Seite, und weiter:

Die Geisterfinger im Saitenspiel machen den Wahn. Die sichtbar unbenennbare Liebe. Ein Wagnis das hält. Erstaunlich. Das Schweigen ist Schwelgen. Berührung besticht. So geht die Zeit ohne Druck, ohne Sucht. Nach dem flüchtigen Abschied die Sehnsucht die sich im Wiederbegegnen erfüllt. Die Jahre im Abseits haben nichts betrügen können. Einigkeit in der Unterscheidung die den Kontakt macht. Auf der Straße im Blitzlicht der Alltag, deutlich genug um zu taugen. Jedem sein Anteil. Der schöne Blick der Nachbarin der Treue beschwört. Treue zum endlich einigen Haushalt. Der kluge sich ordnende Organismus. Das Heilige gibt es wirklich.

Es ist eine fast verstörende Konzentration auf das Wesentliche, die aus diesen Zeilen spricht. Die einfache, reduzierte Sprache macht diese Texte gleichzeitig sehr konkret und extrem deutungsoffen: Manche lassen sich auf die unmittelbare Gegenwart anwenden, andere scheinen weit in die Vergangenheit zu verweisen. Szenen einer Krankheit sind zu verfolgen, Arztbefunde: Wer hier spricht, hat schon eine ganze Menge Leben hinter sich, so der Eindruck.

Wie passend dazu die Art, in der Jansen seine Rede dann auch vortrug: Mit ineinander verschränkten Armen und Beinen, tief über den Text gebeugt, wie um bloß in jedem Fall die große Geste am Rednerpult zu vermeiden, aber eben auch als ein Spiegel des Vorgetragenen: Das Alter, die angedeutete Krankheit nicht versteckend, aber auch nicht ausstellend. Am Ende scheint es fast so, dass nicht wegen Pandemievorschriften der Dichter mutterseelenallein im riesigen Saal der Akademie der Künste saß – sondern das Setting sich dem Gesagten unterordnete.

Johannes Jansen: Ergebnis einer Isolation (Auszüge) / Outcome of an Isolation (Excerpts). Berliner Rede zur Poesie, Band 6. Englische Übersetzung von Shane Anderson. Wallstein Verlag, 48 Seiten, 13,90 €

Rede von Johannes Jansen in der Mediathek des Poesiefestivals, nach Kauf eines Tickets über 3 € noch zwei Monate lang abrufbar

Ich bin’s, dein Feuerhörer

Valzhyna Morts Gedichtband Musik für Tote und Auferstandene erzählt aus der oft brutalen Geschichte ihrer Heimat Belarus – vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Aufständen dieser Tage.

Am 9. August 2020 wurde Alexander Lukaschenko mit einer Stimmenmehrheit von 80,1 Prozent in seinem Amt als Präsident von Belarus bestätigt. Noch am Wahlabend begannen Proteste gegen die gemeinhin als gefälscht geltende Wahl, die über Monate hinweg andauerten und immer brutaler niedergeschlugen wurden.

Die belarussisch-amerikanische Dichterin Valzhyna Mort hat diese Proteste ausführlich auf Twitter dokumentiert und begleitet. So schreibt sie etwa am 23. August 2020: „I always thought our wide avenues are built for military marches and tanks. It turns out they are built for people.“

Die massenweisen Verhaftungen der Demonstranten durch maskierte Sicherheitskräfte thematisiert sie ebenfalls: „Poets Hanna Komar and Uladzimir Liankevich were detained in Minsk today. I quoted Hanna a couple of days ago in my Twitter feed. Now we don’t know where she is.“

Auch in ihrem dritten Gedichtband Musik für Tote und Auferstandene, der jetzt im Suhrkamp Verlag erschienen ist, finden sich Echos der Proteste: In einem eigens für die deutsche Ausgabe geschriebenen so genannten „Spurentext“ erzählt Valzhyna Mort die Geschichte ihres ehemaligen Klassenkameraden Maxim Snak, der seit September 2020 in Haft ist und von Amnesty International inzwischen als politischer Gefangener eingestuft wird. Wie durch ein Brennglas wird hier das Thema des Gedichtbands auf den Punkt gebracht: Die Geschichte der Gewalt in Belarus.

Wie schon in Tränenfabrik und Kreuzwort sind die langen, ausdrucksstarken Gedichte von Valzhyna Mort von einer Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte geprägt. Für die 1981 in Minsk Geborene, die nun schon 15 Jahren in den USA lebt, ist das Heimatland immer noch so unmittelbar gegenwärtig, das selbst Kindheitserinnerungen aus Sowjetzeiten unheimlich nah wirken:

Zukunft, die nach dem Tramfahrplan geht. Die Straßen stellten sich vor
mit ihren Mördernamen,
ich aber schuf mir, in mir 

eine eigne Kammer,
dort räumt die Erinnerung –
illegale Zeitmigrantin –
fleißig auf hinter der Einbildungskraft. 

Großmütter tauchen auf, die in ihren „Knipsbörsen“ ebenso die Schokolade wie Sterbeurkunden von Verwandten aufbewahren, das Kind lernt mit großer Freude Akkordeon spielen, der Winter macht sich durch „gnadenlose Schneetage im Küchenfenster“ breit. Was ist mit dem Bruder der Großmutter geschehen, dessen Briefe bei einem Umzug nach dem Großen Vaterländischen Krieg verloren gegangen sind? Wie beeinflusst einen selbst in der Ferne noch die Schwere dieser Geschichten? Was bedeutet es, „Versuchsperson für den glühenden Reaktorkern von Großmutters Erinnerung“ zu sein, in der so viel Tod, Knochen und Gräber vorkommen?

Die Tochter, die Enkeltochter, die sich erinnert, um ihre eigene Identität zu finden: Auf die beiden längeren Gedichte „Haltestellen: Ars Poetica“ und „Ein Versuch in Ahnenforschung“, die Übersetzungen beide jeweils dem belarussischen bzw. englischen Original gegenübergestellten Texte (die Übersetzungen haben Katharina Narbutovič und Uljana Wolf angefertigt) folgen einige kürzere, die sich als Lieder („Lied für ein Taschenmesser“), Psalme oder einfach „Musik“ („Musik für Mädchenstimme und Bison“) ausgeben; auch ein Prosateil, wie es ihn in Kreuzwort bereits gab, kommt dazu. Schichtweise wird so Episoden aus der Familiengeschichte, Erinnertes, Erzähltes, eine oft leichte, verspielte Form gegeben.

Oft genug geht es aber um die Spuren, die die Gewalt in der Familiengeschichte hinterlässt. Und die surrealen Bilder, mit denen Valzhyna Morts Gedichte diese einfangen, sind die, die am längsten im Gedächtnis haften bleiben:

Ein Wählscheibentelefon ist ein Genpool.
Mein Körper klingelt, sprintet
dass ich meinen Kopf
auf die starke Schulter eines Hörers lege.

Hallo, hier ist Blut! Blut hat eine schwache Leitung.
Im Hörer ein Knistern
als riefe mich Feuer an.
Wer ist da?

Ich bin’s, dein Feuerhörer.

Valzhyna Mort: Musik für Tote und Auferstandene. Gedichte. Edition Suhrkamp, 142 Seiten, 15 €

Die Möglichkeit zu gehen ist immer enthalten

Welchen Preis hat die Freiheit? Lena Müller erzählt in ihrem Debütroman Restlöcher von der Suche nach dem richtigen Platz in der Gesellschaft zwischen Familie und politischem Engagement, Häuslichkeit und alternativen Lebensmodellen.

Auf der einen Seite sind da die Geschwister Sando und Mili: Sando ist im akademischen Mittelbau tätig und in einer unglücklichen Beziehung mit einem jungen Mann, der sich selbst „der Fuchs“ nennt. Dieser Fuchs ist bei jeder Gelegenheit auf politischen Versammlungen und Demonstrationen unterwegs und lässt sich nur wenig auf die harmonische Zweierbeziehung ein, die Sando sich wünscht. Mili hat sich mit mehreren Freunden auf dem Land einen alten Bauernhof gekauft, lebt dort mit ihnen gemeinsam und betreibt eine kleine Backstube.

Parallel dazu erzählt Lena Müller die Geschichte von Sandos und Milis Eltern Dieter und Clara – und hier setzt auch die Handlung ein: Clara ist weg. Als Sando und Mili davon erfahren, machen sie sich auf den Weg zu Dieter, der nicht wirklich besorgt scheint: Denn Clara war schon einmal ohne Ankündigung von der Bildfläche verschwunden, kurz nachdem sie ihr Studium in Berlin beendet hatte.

Claras Zeit in Berlin macht als ausführliche Binnenerzählung den Mittelteil des Romans aus. Es sind die achtziger Jahre, Clara und Dieter sind frisch verheiratet und junge Eltern, aber Clara kann sich mit der Idee vom kleinen Glück nicht anfreunden – sie will studieren. Mit Dieter trifft sie eine Abmachung: Sie geht mit Sando und Mili an die Freie Universität in Berlin, nach dem Ende ihres Studiums wird sie wieder zu ihm zurückkehren.

Wohnhaus im Studentendorf Schlachtensee (Foto: Detlef Bluhm)

Stimmungsvoll porträtiert Lena Müller das Leben Claras in einer Wohngemeinschaft im Studentendorf Schlachtensee, einem modernen Bauensemble, geprägt vom Aufbruchsgeist der Nachkriegszeit (und heute ein Bau- und Gartendenkmal der Stadt Berlin). Eine besonders enge Freundschaft entsteht zwischen Clara und ihrem Mitbewohner Pablo, den sie schließlich spontan nach Spanien begleitet.

In Dokumenten und Erinnerungen lassen Dieter, Mili und Sando die Geschichte von Claras Selbstfindung Revue passieren. Man erkennt Parallelen zum Verhältnis von Sando und dem Fuchs, der sich auch nicht in die romantische Vorstellung der Paarbeziehung zwängen lässt. Schließlich kommt es zu einem Wiedersehen in Schlachtensee: Einer spontanen Eingebung folgend, fährt Sando nach Berlin und trifft dort tatsächlich seine Mutter wieder, die sich auch auf einer Reise in ihre Vergangenheit begeben hat. Sie erinnert sich:

Die Möglichkeit zu gehen ist immer enthalten.“ Die Mutter denkt nach, dann: „Weil wir nicht nur die sind, die sich die anderen wünschen. Damals, im Studium, hatte ich ein Gefühl von Aufbruch. Ein großer, alle Lebensbereiche umfassender Aufbruch, meine ersten, feministischen Jahre. Damals wusste ich: Bewegung ist dort, wo Frauen sind. Ich war mir sicher, die Veränderung wird von den Frauen kommen, die Männer verharren, stecken tief drin im Sumpf der Vergangenheit, halten sich fest am Alten und haben keine Ideen mehr. Da fand ich, dass die Frauen, aber auch alle, auch die Männer, die ganze Gesellschaft, sehr viel zu gewinnen hatten.“

Auf bemerkenswerte Weise gelingt es Lena Müller in diesem Roman, auf nur wenigen Seiten ein authentisches Porträt von zwei Generationen zu zeichnen. Auch wenn sie viel unterscheidet – die Frage nach dem richtigen Platz in der Gesellschaft muss sich jede aufs Neue stellen.

Lena Müller: Restlöcher. Edition Nautilus, 128 Seiten, 18 €

Nun, Schifflein! Sieh dich vor!

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Pascal Richmanns Man vermisst diesen Planeten ist eine vielstimmige Collage, die eine Geschichte der Obssessionen erzählt.
 
Es würde viele Seiten füllen, das Personal dieser sechs Texte aufzuzählen, die, wie das Impressum informiert, bereits in früheren Versionen vom SWR als Hörstücke gesendet wurden. John F. Kennedy, Otto Waalkes und Thomas Bernhard kommen ebenso zu Wort wie Roberto Bolaño, Jan Böhmermann und der Astronaut Alexander Gerst; Frauen dagegen kaum. Und so kann man diese aus Filmen, Büchern und TV-Aufzeichnungen zusammengeschnittenen Aussagen durchaus als eine männliche Obsessionsgeschichte lesen: Es geht um Seefahrt, den Weltraum, Krieg und Science-Fiction.
 
Der Modus ist dabei immer kurz vor der maximalen Überforderung: Scheinbar wahllos mischen sich die Stimmen um historische Ereignisse wie den Anschlag auf den World Trade Center oder den ersten Flug zum Mond; Richmann geht hier assoziativ vor und mischt authentisches Material, wie etwa Kommentare von Nachrichtensprechern oder Auszüge aus Volker Panzers berühmtem Nachtstudio mit Zitaten aus Filmen und Literatur. Das führt zu durchaus komischen Effekten und sieht dann etwa so aus:

FRIEDRICH NIETZSCHE
Wir haben die Brücke hinter uns, mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen!
ANATOL JOHANSEN
Die Sinkgeschwindigkeit bei der Landung selbst wird etwa fünf Stundenkilometer sein.
GÜNTER SIEFAHRT
Das entspricht ungefähr einem Meter in der Sekunde.
ANATOL JOHANSEN
Das Landesystem ist so ausgelegt, dass auch ein Aufsetzen mit acht Stundenkilometern noch ausgehalten werden kann, ohne die Fähre zu zerstören.
WERNER BÜDELAR
Höhe 6300 Meter in diesem Augenblick.
FRIEDRICH NIETZSCHE
Nun, Schifflein! Sieh dich vor!
WERNER BÜDELAR
Abstiegsgeschwindigkeit 3600 Meter pro Sekunde.
FRIEDRICH NIETZSCHE
Es gibt kein Land mehr!

Zwischendurch entsteht aber gleichzeitig auch so etwas wie eine fortlaufende Erzählung, die sich zwischen dem Zitate-Dickicht fast etwas versteckt: Hier erzählt Richmann selbst – vorgeblich autobiografisch –, aus seiner Kindheit, dem ersten Kontakt mit dem Moby-Dick-Stoff in Form eines Kinderhörspiels, dann über die Erfahrungen mit den verschiedenen, konkurrierenden deutschen Fassungen des Romans. Später begegnen wir Richmann und seinem Freund Arnold Goldhorn bei Wanderungen durch den Harz, mit dem er lange Gespräche über Kastraten, Leonardo da Vinci und Michail Kalaschnikow führt; er unternimmt eine Reise nach New York und Washington D.C., liest Richard Brautigan und wird schließlich, wieder zusammen mit Arnold, Zeuge, wie in Paris die Kathedrale Notre Dame in Flammen aufgeht, während sie beide in ihrem Porsche eine Reproduktion des Urmeters transportieren.
 
Pascal Richmann bedient sich, könnte man argumentieren der in der Popliteratur so gängigen wie beliebten Technik des zwanghaften Mit- und Aufschreibens der Welt. Gleichzeitig zeugt sein referenzgesättigtes Schreiben aber auch von einer Sehnsucht nach der Kindheit, dem großen Abenteuer – und letztlich einer großen Nostalgie.
 

Die unsichtbare Kirche überragt die sichtbare bei weitem

Jakob Noltes neuer Roman ist eine kuriose Angelegenheit: Tolldreist und todtraurig erzählt er die aberwitzige Geschichte einer Erweckung.

Der Titel trügt zunächst nicht. Tatsächlich ist der nach Alff und Schreckliche Gewalten dritte, jetzt bei Suhrkamp vorliegende Roman dieses gerne zwischen den Formen springenden Autoren, der auch im Bereich Theater und Hörspiel zahlreiche Arbeiten vorgelegt hat, sehr kurzweilig geworden und locker an einem Wochenende abgehandelt. Trotzdem hat er es in sich.

Zunächst einmal haben wir es hier verwirrenderweise mit zwei Figuren zu tun, die beide Tobias heißen und, zumindest zeitweise, ein Pärchen sind. Wir erfahren, aber das ist aufgrund ebendieser Dopplung nicht immer ganz sicher, hauptsächlich aus dem Leben eines der beiden: Wie er nach dem Abitur in einer Kunstgalerie in Potsdam jobbt, kreatives Schreiben in Hildesheim studiert, einen ersten, ausgesprochen positiv aufgenommenen Roman veröffentlicht, sich dann aber mit dem Literaturbetrieb über Kreuz legt; wie er Reisen zu Grabmälern sozialistischer Herrscher unternimmt und, in Belgrad dann, ein religiöses Erweckungserlebnis hat. Wir verfolgen Tobias schätzungsweise bis in seine Vierziger: Er ist Tele-Evangelist geworden und ein erfolgreicher YouTube-Star, bis ihn eine Steuernachzahlung von einem Tag auf den anderen in die Obachlosigkeit katapultiert. In einem Zelt in der Hasenheide beginnt das letzte Kapitel seines Lebens.

So oder so ähnlich könnte man die Handlung des Romans wiedergeben. Was nach einer stringenten Erzählung klingt, bietet Jakob Nolte denn aber als der gewitzte Erzähler, der er ist, munter nicht-chronologisch, in Bruchstücken und unterschiedlichen Varianten dar. Das beinhaltet Genre-Ausflüge wie eine Kostprobe aus dem Schreiben von Tobias, einen platten japanischen Manga-Roman, fragmentarische Prosaskizzen, ausführliche Briefwechsel und eine mysteriöse historische Episode gegen Ende des Romans, in der eine Glocke für einen Kirchturm gegossen wird.

Das ist ein tolldreister Spaß, der Mal um Mal etwas über das Ziel hinausschießt und den einen und anderen Seitenhieb auf die Abgründe des Literaturbetriebs bereithält; seine wahren Stärken entfaltet dieser Roman aber in zahlreichen Passagen von einer rätselhaften Schönheit: Da geht es etwa um Menschen, die in Hasen verwandelt werden, Kinder, die auf Waldkronen klettern, Hubschrauber, die um die Wipfel kreisen, religiöse Verzückung, und immer wieder: Tischtennis. Schließlich ist das Kurze Buch über Tobias, nach eigener Aussage ja immerhin nichts weniger als eine moderne Heiligengeschichte, auch – bei allem Spaß – eine todtraurige Angelegenheit, denn hinter der kuriosen urchristlich-inspierten Fassade kann man Züge einer ernsthaften, verzweifelten Sinnsuche erkennen. Und für Tobias, der mit dem Wahlspruch „Die unsichtbare Kirche überragt die sichtbare um ein Vielfaches“ auszieht, auf seinem kurvenreichen Weg durchaus Sympathie empfinden.

Jakob Note: Kurzes Buch über Tobias. Suhrkamp Verlag, 231 Seiten, 22 €

Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren

Eine der spannendsten Neuerscheinungen des noch jungen Jahres kommt aus dem Verbrecher Verlag. Esther Beckers Debütroman Wie die Gorillas erzählt von der Suche nach dem Platz in der Gesellschaft.

Im Theaterbereich ist Esther Becker schon länger unterwegs. Sie ist Mitglied der Theaterformation bigNOTWENDIGKEIT, 2019 wurde sie für ihr Stück Das Leben ist ein Wunschkonzert mit dem Berliner Kindertheaterpreis ausgezeichnet. Jetzt ist ihr erster längerer Prosatext erschienen.

Irgendwann, gegen Ende des Romans, findet sich die Erzählerin auf dem verschlossenen Innenhof eines Kinos wieder. Sie war die letzte in der Spätvorstellung, auch das Personal ist schon gegangen, sie wurde zurückgelassen, vergessen. Es ist ein Wendepunkt in der Geschichte, die Esther Becker bis hierher konsequent und schonungslos erzählt hat. Ihre Erzählerin ist eine Außenseiterin, die nirgendwo ihren richtigen Platz findet. Sie fühlt sich in ihrem Körper nicht wohl: Die Augen zu engstehend, zu flache Brüste, die Angst davor, zuzunehmen. Als Aktmodell an der Kunsthochschule zu posieren, fällt ihr dagegen nicht schwer. Eine Freundin wird Schauspielerin, eine andere studiert Medizin, sie schlägt sich mit einem medienwissenschaftlichen Studienprojekt herum, das sich mit den Körpergenres im Film, Porno und Horror, beschäftigt und analysiert Filme wie Carrie, Deep Throat und Die Passion Christi: „Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren, stattdessen drohe ich in einem Meer aus Sperma, Blut und Tränen zu versinken.“ Wenn sie nicht ins Kino geht, arbeitet sie in einer Bar; ihre Wohnung und ihr Äußeres vernachlässigt sie mehr und mehr.

In kurzen und genau beobachteten Kapiteln und mit viel trockenem Humor geht Esther Becker den Erlebnissen der Erzählerin und ihren Freundinnen nach. Auch sie haben es letztlich nicht besser. Svenja, die Theaterschauspielerin, erlebt den Betrieb als sexistisch. Und Olga kann ihr Medizinstudium nur aufnehmen, als sie sich von ihren streng gläubigen Eltern lossagt.

Wie die Gorillas ist aber auch ein Familienroman. Der distanzierte Vater, der sich später als schwul outet, die Mutter, die sich plötzlich, als sie in einer neuen Beziehung ist, wieder für ihre Tochter zu interessieren beginnt – die Familienverhältnisse sind alles andere als einfach, aber die Eltern sind es auch, die der Erzählerin nach der misslichen Situation im Kino helfen, auf die Beine zu kommen. Der Schluss ist versöhnlich und empowernd gleichermaßen: Für ein Videokunst-Seminar dreht sie mit ihrer Freundin Svenja einen Kurzfilm. Er ist inspiriert von Carrie.

Esther Becker: Wie die Gorillas. Verbrecher Verlag, 160 Seiten, 19 €

Buchpremiere am 3. Februar 2021 im Literaturforum im Brecht-Haus (Livestream)

Das echte Leben ist schief und manchmal schwankend

Menschen in der Großstadt: In ihrem neuen Roman lässt Nina Bußmann die Lebensentwürfe von drei Menschen aufeinanderprallen. Ein komplexer Entwurf über moderne Beziehungsgeflechte – und darüber, was diese eigentlich motiviert.

Nach „Große Ferien“, einem Ein-Personen-Kammerspiel über einen suspendierten Lehrer, und „Der Erde der Mantel ist heiß und geschmolzen“, der Geschichte einer ungleichen Frauenfreundschaft zwischen Deutschland und Nicaragua ist „Dickicht“, der dritte Roman, Nina Bußmanns bislang komplexester: Drei Figuren, Ruth, Max und Katja, deren Geschichten umeinander kreisen, die aber auch für sich alles andere als einfach sind, stehen im Mittelpunkt. Es ist auch Nina Bußmanns erster Berlin-Roman: Ein politische Aktionsbündnis für Mieterrechte spielt eine Rolle, die Stadt mit ihrem hektischen Zentrum und dem eintönigen Randgebiet, eine Stadt, in der jeder seine „Projekte“ verfolgt und doch prekäre Jobs an der Tagesordnung sind.

Ruth, um die fünfzig, Fleischbeschauerin und Tierschutzbeauftragte in einem mittelständischen Betrieb, der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, hat sowohl Kontakt zu Max als auch zu Katja. Als sie nach einem Unfall aus dem Krankenhaus entlassen wird, nimmt Katja sie bei sich auf. Ruth hatte schon davor den deutlich jüngeren Max kennen gelernt und mit ihm auch ein sexuelles Verhältnis. Sie ist Alkoholikerin: Das wird aus den im Erzählfluss nicht-chronologisch angeordneten und oft knapp gehaltenen Passagen klar. Sie hat ihre Arbeit aufgegeben, auch ihre Mietwohnung musste sie verlassen und in ein anonymes Apartment am Rand der Stadt ziehen. Ihre Familiengeschichte und die Gründe für ihr von Dritten oft als schroff und einzelgängerisch beschriebenes Verhalten bleiben im Dunkeln – ganz anders als es bei Max und Katja, der Fall ist, deren Lebensverhältnisse und emotionale Verfasstheiten sehr deutlich ausgeleuchtet werden: Max hat sein Studium und auch seinen Job als Fahrer für einen Lieferservice geschmissen, um Kindergärtner zu werden; er hat eine Schwester, Edna, die ihn in Berlin besuchen kommt, er wohnt in einer WG, die er aber plant, zu verlassen, und nimmt die Hilfe von einer Coachin, angesiedelt irgendwo zwischen Self-Help-Guru und Telefon-Abzocke in Anspruch. Katja dagegen ist gerade in ihr neues Projekt gestartet, das Jobcenter-Kunden helfen soll, ihren Lebenslauf zu ordnen und gut vorbereitet in einen neuen Karriereabschnitt zu starten; sie ist, zumindest für einen Teil des Romans, mit Milan zusammen, einem Anwalt, der an einem Erschöpfungssyndrom leidet, und auch sie hat mit gesundheitlichen Problemen, zu kämpfen, die sich durch fortschreitenden Haarausfall äußern.

Das Spannungsverhältnis zwischen den Parteien Max-Ruth und Katja-Ruth ist jeweils dasselbe: Sowohl Max als auch Katja sind „Kümmerer“, wollen Problemlöser sein, die Ruth ihre Hilfe anbieten, die aber ihrerseits Züge einer toxischen Persönlichkeit trägt: Sie nimmt die Hilfe an, gibt aber selbst wenig zurück.

Statt einem typischen Großstadtroman über die Einsamkeit vereinzelter Existenzen legt Nina Bußmann hier einen komplexen Entwurf über die vielschichtigen Beziehungen ganz unterschiedlicher Figuren vor, die niemals holzschnittartig typologisiert daherkommen. Vielmehr wird der Hintergrund ihres Handeln erzählerisch höchst detailliert ausgestaltet – bisweilen hat man das Gefühl, es hier nicht mit einem, sondern zwei oder drei Romanen in einem zu tun. Das Missverhältnis zwischen den ausführlich geschilderten Biografien Katjas und Max‘ und der nur angerissenen Lebensgeschichte Ruths erstaunt zunächst, ist aber womöglich auch eine Fährte zum Verständnis des Anliegens, das dieser Roman hat: Braucht es immer eine große Geschichte, um die Motivationen einer Person zu verstehen, oder ist ihr Handeln auch aus dem Moment zu begreifen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sollte man diesen Roman lesen.

Nina Bußmann: Dickicht. Suhrkamp Verlag, 317 Seiten, 24 €

Buchpremiere am 29. Oktober 2020 um 20:30 Uhr im Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, 10623 Berlin-Charlottenburg, Moderation: Fabian Thomas

Ich gehe durchs Gestrüpp

Von Lotto- und Zuckerkönigen, quer durch Europa und seine ehemaligen Kolonien: In Aus der Zuckerfabrik öffnet Dorothee Elmiger die Türen ihrer Werkstatt – und betritt selbst neues Terrain.

Man kann dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und wird sofort in seinen Bann gezogen. Schnell fügt sich Gelesenes, Gesehenes und selbst Erlebtes mit der Zeit zusammen: Die Geschichte des ersten Lottomillionärs der Schweiz Werner Bruni, der sein Geld ebenso schnell, wie er es gewann, wieder verlor, der Anbau von Zuckerrohr auf Haiti mit all seinen kolonialistisch-kapitalistischen Implikationen, ein Bericht über die erste Anorexie-Patientin Ellen West, den Balletttänzer Vaslav Nijinsky, Heinrich von Kleists und Henriette Vogels Doppelselbstmord am Wannsee, Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ – von wo es wieder zurück nach Haiti und die Geschichte des blutigen Sklavenaufstands geht. Geld, Gier und Begehren sind die Leitmotive; die Form ist disparat: Tagebuchaufzeichungen und kurze Prosaentwürfe wechseln sich ab mit der Wiedergabe von Gesprächsfetzen – und Selbstzweifeln:

Es wird mir alles zuviel. Wo ich doch am Anfang dachte, ich müsse alles irgendwie zusammenklauben, zusammentragen, drängen sich mir die Dinge nun geradezu auf, ich sehe überall Zeichen und Zusammenhänge, als hätte ich eine Theorie von allem gefunden, was natürlich kompletter Unsinn ist.

Die titelgebende Zuckerfabrik ist nichts anderes als die Werkstatt von Dorothee Elmiger, deren Türen sich hier weit öffnen. Neben einer imposanten Menge an Material – der Aufzählung von oben wären noch hinzuzufügen die Geschichte der Teresa von Ávila, frühe Studien über das berüchtigte Newgate-Gefängnis in London sowie die Autobiografie der peruanisch-französischen sozialistischen Schriftstellerin Flora Tristan, die nebenbei die Großmutter von Paul Gauguin war – wird auch das eigene Leben in Form von Kindheitserinnerungen, Liebesbeziehungen und surrealen Träumen thematisiert. Immer wieder wacht die Erzählerin „weit nach Mitternacht“ auf, tritt eine Wendeltreppe herab und findet sich im Elternhaus, in einem Motel an der amerikanischen Atlantikküste oder auf einer karibischen Insel wieder.

Dorothee Elmiger (Foto: Peter-Andreas Hassiepen)

Klassische Romane hat Dorothee Elmiger nie geschrieben. Doch hier, in ihrem dritten Buch, erreicht ihr Schreiben noch einmal eine neue Ebene: Den zahlreichen angerissenen Themen wird immer auch die eigene Person gegenübergestellt – wie man es aus den zahlreichen Beispielen autofiktionaler Texte aus den letzten Jahren kennt – und die Erwartung an weibliches Schreiben problematisiert:

Seit einer Weile behaupte sie Freunden gegenüber, sie arbeite an einem Buch über die Liebe, und in der Regel reagierten die Freunde lachend darauf, als hätte sie einen guten Witz gemacht, und auch sie selbst lache, wenn sie davon spreche. Sie habe sich bisher von diesen Dingen, der Liebe, dem Gefühl, dem Sex, ferngehalten, und diese Entscheidung habe ihr oft auf gewisse Weise zum Vorteil gereicht: Oft habe sie Lob dafür erhalten, dass das Spektrum ihrer sogenannten Themen sich nicht beschränke auf jene, die Frauen angeblich in der Mehrzahl bearbeiteten, sondern auch das Historisch-Politische oder Fragen und ein Vokabular der Technik mit einschließe. Als zeichne sich ihre Arbeit vor allem dadurch aus, dass sie die Kennzeichen einer als männlich verstandenen Literatur trage, obwohl sie aus der Hand einer Frau stamme – weil sie also, sagt sie lachend, trotz ihres Geschlechts zur Vernunft gekommen sei, der Larmoyanz der Frauen eine Absage erteilt und die Seiten gewechselt habe.

Die Zwischenstellung zwischen Journal, Materialsammlung und Prosaskizzen elektrisiert: Alles, sei es eine Liebesaffäre oder eine Zitat aus Susan Buck-Morss kulturwissenschaftlicher Untersuchung Hegel und Haiti, ist gleich wichtig und relevant für das eigene Schreiben; die Zusammenhänge entstehen oft erst mit dem Niederschreiben, dem Erfassen der gedanklichen Vorgänge und führen im besten Fall an einen ganz neuen Ort. Dorothee Elmiger auf diesen Wegen zu folgen, ist so erkenntnisreich wie spannend, so verstörend wie schön: „So ungefähr. Ich gehe durchs Gestrüpp. Es tschilpen auch einige Vögel. – Und dann? – Weiter nichts, es geht einfach immer weiter so.“

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. Hanser Verlag, 272 Seiten, 23 €