Das Leben, nichts als buntbemalte Pappe

Sascha Macht meldet sich nach Der Krieg im Garten des Königs der Toten mit seinem zweiten Roman zurück. Spyderling ist in vielerlei Hinsicht eine Steigerung des Debüts: Noch länger, noch postmoderner, noch gewagter.

Es geht um einen geheimnisumwobenen Brettspielautoren. Aber es geht auch um die tragische Geschichte der Republik Moldau und ihrer abtrünnigen Provinz Transnistrien. Und die nicht minder aberwitzige Geschichte der Hauptfigur Daytona Sepulveda, aus deren Perspektive sich die Handlung Schicht für Schicht entfaltet und, nun ja, spinnwebenartig ausbreitet und verzweigt.

Daytona Sepulveda ist in Arizona aufgewachsen. Ihren Vornamen verdankt sie der Autobegeisterung ihres Vaters, er bezieht sich auf die berühmte Motorsport-Rennstrecke in Florida. Ihr Nachname verweist auf die südamerikanische Herkunft ihrer Familie; zugleich ist er auch ein metatextueller Verweis auf den berühmten chilenischen Autoren gleichen Namens, der 2020, noch zu Beginn der Pandemie an einer Covid-Erkrankung in Spanien gestorbenen Luis Sepúlveda. Mittlerweile in Leipzig ansässig, könnte sie, gäbe es sie wirklich, Sascha Macht dort durchaus getroffen haben: Er lebt seit seinem Studium am Deutschen Literaturinstitut hier. Sepulveda ist eine der großen Hoffnungen der Brettspielwelt: Zu ihren ersten Erfolgen zählen Spiele wie Conca d’Oro, ein Spiel über die Entstehung und den Aufstieg der sizilianischen Mafia im goldenen Becken um Palermo, und The Troubles, eine Nordirlandkonflikt-Simulation; aktuell arbeitet sie an ihrem neuen Projekt, das sich um einen Motorradclub mit dem Namen „Devil‘s Dice Motorcycle Club“ dreht. Sie kommt nur schwer voran, und zu allem Überfluss plagt sie sich mit Selbstzweifeln:

Ein Brettspiel – was ist das überhaupt? Ich bin der Meinung: so etwas wie komprimierte Wirklichkeit. Oder anders ausgedrückt: eine Rückschau in die Vergangenheit, ein Umgang mit der Gegenwart, ein Blick in die Zukunft. Oder anders ausgedrückt: das Leben in seiner Fülle und Komplexität, verarbeitet in bunt bemalter Pappe. Das Brettspiel veranschaulicht, macht vertraut und, ja, vereinfacht auch, meistens, leider. Es bietet uns Mittel und Wege. Nur wofür? Das ist die Frage.

Im Laufe des Romans werden noch zahlreiche weitere – natürlich sämtlich fiktive – Brettspiele erwähnt und extensiv beschrieben werden: Über Superhelden zur Zeit der Weimarer Republik, eine Käserei, in der es drunter und drüber geht, den Wiener Kongress, aber um 300 Jahre in die Zukunft versetzt, und einige mehr. Dieser Einblick in eine Subkultur, die nach völlig eigenen Regeln zu funktionieren scheint und starke Nerd-Züge trägt, hat Sascha Macht sichtlich Spaß gemacht. Aber sie kann auch als eine Parallele zum Literaturbetrieb gesehen werden: Es gibt große und kleine, ja, auch hier heißen sie ja: Verlage, erfolgreiche Starautoren und die jungen Wilden, zu denen sich Sepulveda noch zählen kann. Auch die Praxis der Autorenförderung und Stipendienvergabe ähnelt, zumindest nach Darstellung des Romans, witzigerweise stark derjenigen des Literaturbetriebs.

Und hier dringen wir nun langsam zum Ausgangspunkt vor: Zusammen mit sieben anderen Vertreter*innen ihrer Zunft hat Daytona Sepulveda die Einladung zum Aufenthalt in der moldauischen Villa des berühmten Brettspiel-Autoren Spyderling erhalten. Keiner kennt ihn – keiner weiß, wie er aussieht – ein Thomas Pynchon der Brettspielszene, gewissermaßen. Seine Spiele sind von einer verstörenden Genialität: Sie treiben ihre Spieler an den Rand des Wahnsinns, und, eine Spezialität Spyderlings: Sie können nicht in Gruppen, sondern ausschließlich allein, also von einer Teilnehmer*in gespielt werden.

Während Daytona sich mit ihren Mit-Stipendiat*innen bekannt macht, namentlich Ronny Gebauer, Johanna van Tavantar, Arno Picardo, Elke von Manteuffel, Clark Nygård, King Trakto Sherpa, und, jüngster der Gruppe und als Wunderkind geltende Campbell Campbell, stellt sich nicht nur bei der Leser*in langsam eine gewisse Erwartungshaltung ein: Worum dreht sich ihr Aufenthalt in der monumental-düsteren Villa mitten im Wald eigentlich genau? Wird der mysteriöse Spyderling wohl persönlich auftauchen und zu seinen Adepten sprechen? Diese Frage rückt auch für die Handelnden mehr und mehr in den Vordergrund. Während aber ein Teil der Autor*innengruppe sich an der ausgezeichneten Verpflegung labt und die Vorzüge von Swimmingpool, Kamin- und Rauchzimmer (natürlich mit Spielsammlung) auskostet, ist es vor allem an Daytona, sich auf Spurensuche zu begeben. Hier wird Spyderling zum Detektivinnenroman: Daytona sammelt Hinweise, durchstreift den verwinkelten Garten des ausufernden Grundstücks und versucht, Eintritt in das dritte, laut Auskunft dem Hausherren vorbehaltene Geschoss der Villa zu erlangen. Vergeblich.

Auf der Verlagswebseite liest Sascha Macht selbst einen kurzen Auszug aus dem Roman.

Sascha Macht nimmt sich viel Zeit für die Hintergrundgeschichten seiner Protagonist*innen. Großen Raum nimmt auch die Vorgeschichte der Hauptfigur ein: So hat Daytona Sepulveda in Brettspielkreisen den Spitznamen „Die Verschwundene“, seit sie sich mit zwei Freundinnen auf einer Reise im Urwald von El Salvador verirrt und als einzige zurückgekehrt ist. Als zusätzlichen Creepiness-Faktor reichert Sascha Macht diese Geschichte mit realen Versatzstücken des Verschwindens der niederländischen Touristinnen Kris Kremers und Lisanne Froon an, die im Jahr 2014 Urwald von Panama verschwanden, und von denen, ganz ähnlich wie es bei Daytona der Fall war, in einer später aufgefundenen Digitalkamera rätselhafte Aufnahmen auftauchten, die Hobbydetektive in Internetforen bis heute auswerten.

Zwei Ereignisse bringen die Handlung, als sie sich langsam ohne Aussicht auf Auflösung zu verlaufen droht, noch einmal auf Trab: Ein fröhlicher Ausflug in die moldauische Hauptstadt Chisinau inklusive abgedrehter Segway-Tour durch das Stadtzentrum mutiert zu einer alkohol- und drogengeschwängerten Partynacht mit der Band Taxi Terreur & The Hitlerbabies. Aufgrund der Verkettung verschiedener Umstände, die ein halluzinogener Trip Daytonas nicht leichter nachrekonstruierbar macht, schließt sich die Band der Autor*innengruppe auf ihrer Rückfahrt in Spyderlings Anwesen an, wo unter anderem die Suche nach einem sowjetischen Weinlager in unterirdischen Katakomben unterhalb des Gartengrundstücks in Angriff genommen wird. Aber auch ein ganz besonderes Spiel, das auf einmal wie aus dem Nichts auftaucht, zieht nach und nach alle Anwesenden in Bann, Maunstein, eine Art Mischung aus Science-Fiction, Horror und absurder Space-Oper. Für ganze Passagen wandelt sich der Roman nun zu einer originalgetreuen Wiedergabe des Spielinhalts, den sich die Mitspieler*innen mal mehr, mal weniger regelgetreu gegenseitig vortragen.

Spyderling ist ein großer Lesespaß, der der Leser*in aber einiges abverlangt: Geschult an Vorbildern wie Roberto Bolaño, dessen Roman Das dritte Reich zu den großen Beispielen der Brettspiel-Literatur zählt, fährt Sascha Macht stilistisch ein reiches Angebot auf: Seitenlange Aufzählungen, Erklärungen und Ausführungen zu minimalen Handlungsdetails, die jeden Rahmen sprengen und ein nihilistischer Verweisfuror, der aus dem Lehrbuch des postmodernen Schreibens stammen könnte. Trotzdem ist Sascha Macht nicht nur ein Epigone seiner großen Vorbilder: Seine bunte Truppe schildert er mit viel Sympathie für ihre abseitigen Lebensentwürfe und einer klugen Rückkopplungs-Schleife auf den eigenen Betrieb. Und nicht zuletzt ist die Hauptfigur Daytona Sepulveda der perfekter Anker des Romans: Mit ihrer Vorgeschichte wächst sie der Leser*in sofort ans Herz (und wird wohl als eine der schillerndsten Hauptfiguren der jüngeren deutschsprachigen Literatur im Gedächtnis bleiben), als Detektivin ist sie gleichzeitig der rote Faden, den dieses seitenstarke Buch dringend braucht, in dem man sich sonst heillos verlöre – oder zumindest um den Verstand gebracht würde: Eben als wäre er ein Spiel von Spyderling.

Sascha Macht: Spyderling, DuMont Buchverlag, 480 Seiten, 25 €