Parlando forte, bitte punktgenau


Wenn Fitzcarraldo am Amazonas auf die Kautschuk-Visionen von Henry Ford trifft, wenn die Bühne von einer spiegelnden Oberfläche aus flüssigem Altöl überzogen wird, wenn ein Zug erst ungebremst durch eine Eislandschaft und dann in ein Hotel rast, dann ist man mittendrin in der Welt von Thomas Köcks Klimatrilogie.

Die Stücke, die sie umfasst, sind in den letzten drei Jahren entstanden, das wohl bekannteste, paradies fluten, hatte Aufführungen bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, in Mainz, München, Stuttgart und Berlin, das neueste, paradies spielen, wird im Dezember im Nationaltheater Mannheim zum ersten Mal zu sehen sein.

Jetzt ist die Klimatrilogie auch als Buch in der spectaculum-Reihe des Suhrkamp Verlags erschienen – ein kleiner Ritterschlag für den Autor, aber auch eine gute Nachricht für Leserinne und Leser: Denn so sehr Stücke wie paradies fluten, jüngst als Gastspiel bei Autorentheatertagen im Deutschen Theater Berlin zu sehen, durch bildgewaltige Inszenierungen beeindrucken, ist Thomas Köck auch ein Autor, bei dem sich der genaue Blick auf den Text lohnt.

Wie die Tochter in paradies fluten mit den Eltern abrechnet, wie Ben und Maggie in paradies hungern per Telefon aneinander vorbei und sich dabei in Rage reden, wie die Passagiere im „ewigen ice der spätmoderne“ sich erst Worte und dann Gepäckstücke an den Kopf werfen: All das formuliert Köck mit einem Gefühl für Rhythmik, Timing und Humor, das auch beim Lesen großen Spaß macht.

Auch die tieferen Schichten der Texte lassen sich durch das Nachlesen noch besser ausloten: Gesellschaftliche Theorie, Analyse der Globalisierung und Beobachtungen aus dem Zentrum des Spätkapitalismus laufen in den Stücken der Klimatrilogie immer mit – unterschwellig oder ganz konkret, wie in paradies spielen, das eine Brandkatastrophe unter chinesischen Billig-Textilarbeitskräften im italienischen Prato im Jahr 2013 verarbeitet.

Natürlich sollte man sich Thomas Köcks Stücke auch weiterhin im Theater ansehen – hier eine Auswahl der nächsten Termine: Seit dem 23. Juni ist paradies fluten in einer neuen Inszenierung im Münchner Volkstheater zu sehen, am 9. September folgt eine weitere Inszenierung im Akademietheater Wien. Die Uraufführung von paradies spielen findet im Dezember im Nationaltheater Mannheim statt.

Ein Telefoninterview mit Thomas Köck anlässlich der Autorentheatertage 2017 kann man sich auf der Webseite des Deutschen Theaters anhören.

Thomas Köck: Klimatrilogie. paradies fluten/paradies hungern/paradies spielen. Suhrkamp Verlag, 314 Seiten, 18 €

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Die Würstchen der Wahrheit

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Es gibt gewiss einige, vielleicht sogar viele Dinge, die Wolfram Lotz nicht kann. Über mangelnde Produktivität muss man sich bei ihm jedenfalls nicht beschweren. Jetzt liegt sein erstes Buch vor, und es passt sich, obwohl klein und unscheinbar, in das schon respektabel angewachsene Gesamtwerk dieses jungen Autors ein.

Verfolgt man Wolfram Lotz’ literarische Spuren der letzten Jahre zurück, fällt zuerst eine Tatsache ins Auge: Dieser Autor versteht es, völlig ungezwungen zwischen den Disziplinen hin- und herzuspringen. Eine Erzählung hier, ein Hörspiel da, dann eine Theateraufführung in Leipzig und mehrere – sämtlich aus dem Theaterbereich stammende – Preise und Stipendien. Anders gesagt: Wolfram Lotz ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein junger Autor produktiv und originell arbeiten kann, und dabei die festgefügten Konventionen des Literaturbetriebs weitestgehend links liegen lässt. Lotz schreibt, und das offenbar ohne Pause, Theaterstücke, Erzählungen, Listenpoesie, Hörspiele; ein ausklappbares, höchst heikles Bildertableau über die Verkettung wichtiger Persönlichkeiten des Kulturbetriebs, eingeheftet in die BELLA triste 31 und gestaltet von Frank Höhne (Titel: „Großer Gesang“) war wohl der bisherige Höhepunkt der Gattungs-Ausflüge. Verstreut finden sich weitere kurze Veröffentlichungen in Zeitungen oder Kleinstverlagen wie der Kölner parasitenpresse. Offenbar konnte Wolfram Lotz sich bislang erfolgreich dem Drang entziehen, einen Roman oder Erzählband zu liefern, qua natura im Reigen des Literaturbetriebs die Eintrittsbilletts in den exquisiten Club der jungen Gegenwartsliteratur. Sein erstes Buch ist stattdessen im Leipziger Kunst-, Architektur- und Theorieverlag Spector Books erschienen, hat Westentaschenformat und versammelt fünf, an verschiedenen Orten inszenierte, Monologe, also Theaterstücke für eine Person.

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