Wo die Tramschienen liegen, funkelt es

Sie versucht sich, für etwas zu interessieren. Aber immer, wenn sie sich für etwas interessiert, muss sie an das All denken.

Ist’s Lyrik? Ist’s Prosa? Man konnte Judith Kellers Texte in der Anthologie Lyrik von Jetzt 3 — Babelsprech lesen, in der BELLA triste, in der Edit und beim Literaturwettbewerb New German Fiction, dokumentiert in Veröffentlichungen von Readux Books und dem Verlag Matthes & Seitz. Und ein wenig ist ihre erste lange Buchveröffentlichung, die jetzt in der edition spoken script des Verlags Der gesunde Menschenversand erschienen ist und die simple Gattungsbezeichnung „Geschichten“ trägt, eine Mischung aus allem bisher Dagewesenen: Einige der Kurz- und Kürzesttexte finden sich bereits in ihrem Beitrag, den sie 2010 in der BELLA triste veröffentlicht hat, neu ist nun die Komposition, die die Texte in ein Narrativ bringt, allen voran der jedes der sieben Kapitel mit dem selben Titel abschließende Text „Die höchste Zeit“. Er beschreibt in deutlich surreal gezeichneten Szenen, Stück für Stück, wie eine namenlose Frau, die bereits einen langen Weg hinter sich hat, über Autobahnbrücken, dann durch eine Stadt, offenbar Zürich, hinunter zum See geht. Es ist Nacht, „ein Klimpern liegt über der Stadt, und da, wo die Tramschienen liegen, funkelt es“, sie beobachtet Schwäne, begegnet Polizisten, Bankern und Teenagern, dabei liegt eine unbestimmte Aufbruchsstimmung in der Luft, etwas Großes steht bevor. Selten ist auf so wenig Raum so viel verhandelt worden. Tipp!

Judith Keller: Die Fragwürdigen. Der gesunde Menschenversand, 148 Seiten, 18,50 €

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