Wo die Tramschienen liegen, funkelt es

Sie versucht sich, für etwas zu interessieren. Aber immer, wenn sie sich für etwas interessiert, muss sie an das All denken.

Ist’s Lyrik? Ist’s Prosa? Man konnte Judith Kellers Texte in der Anthologie Lyrik von Jetzt 3 — Babelsprech lesen, in der BELLA triste, in der Edit und beim Literaturwettbewerb New German Fiction, dokumentiert in Veröffentlichungen von Readux Books und dem Verlag Matthes & Seitz. Und ein wenig ist ihre erste lange Buchveröffentlichung, die jetzt in der edition spoken script des Verlags Der gesunde Menschenversand erschienen ist und die simple Gattungsbezeichnung „Geschichten“ trägt, eine Mischung aus allem bisher Dagewesenen: Einige der Kurz- und Kürzesttexte finden sich bereits in ihrem Beitrag, den sie 2010 in der BELLA triste veröffentlicht hat, neu ist nun die Komposition, die die Texte in ein Narrativ bringt, allen voran der jedes der sieben Kapitel mit dem selben Titel abschließende Text „Die höchste Zeit“. Er beschreibt in deutlich surreal gezeichneten Szenen, Stück für Stück, wie eine namenlose Frau, die bereits einen langen Weg hinter sich hat, über Autobahnbrücken, dann durch eine Stadt, offenbar Zürich, hinunter zum See geht. Es ist Nacht, „ein Klimpern liegt über der Stadt, und da, wo die Tramschienen liegen, funkelt es“, sie beobachtet Schwäne, begegnet Polizisten, Bankern und Teenagern, dabei liegt eine unbestimmte Aufbruchsstimmung in der Luft, etwas Großes steht bevor. Selten ist auf so wenig Raum so viel verhandelt worden. Tipp!

Judith Keller: Die Fragwürdigen. Der gesunde Menschenversand, 148 Seiten, 18,50 €

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Wohlfühlpessimismus war gestern

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Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wäre ohne Andreas Stichmann ein ganzes Stück farbloser. Sein neuer, wilder Roman Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk beweist das aufs Neue.

Die Handlung ist schnell erzählt – Unternehmensspross wird zum Aussteiger und beschließt, seine eigene Entführung vorzutäuschen, um von seiner Familie vier Millionen Euro zu erben, die er einem guten Zweck zuführen will –, lebt dieser Roman doch vielmehr von seinem schillernden Personal. Ort des Geschehens ist ein Bauernhof in Hamburg-Ossendorf, der seine besten Tage schon hinter sich hat: Von den Hippie-Gründern ist nur noch Ingrid übrig geblieben, inzwischen depressiv geworden, und ihr Sohn Ramalafene, der den Laden am Laufen hält, also sich um die mit der Zeit auf dem Hof gestrandeten Bewohner kümmert, allesamt Outcasts, Freaks, die in verschiedenen Ausprägungen ganz in ihrer eigenen Welt leben: Der naive Küwi, der seine Tage am liebsten auf dem Rasenmäher verbringt, auch wenn es gar nichts mehr zu mähen gibt, Ludwig, der Windeln trägt, nicht sprechen kann und sich über Zungenschnalzen verständlich macht, die alte Zwergin Wendy, die nur in Reimen spricht. Zwei Personen bringen diese schräge, sehr liebevoll ausgestaltete Welt ins Wanken: Bibi, die als jugendliche Strafträterin Sozialstunden auf dem Hof ableisten muss, aber durch ihre positive, aufgeschlossene Art besonders von Ramalafene ins Herz geschlossen wird – und David, dem oben erwähnten Unternehmenserben, der nach Erfahrungen als Klinik-Clown in Südafrika sein Leben radikal ändern will und auf dem Hof dafür seine ideale Wirkungsstätte sieht.

Was Andreas Stichmanns Roman besonders auszeichnet, ist, neben der nahezu ins Fantastische übergleitenden Figurengestaltung, die schon ein Markenzeichen in seinem Erzählband Jackie in Silber und dem Roman Das große Leuchten war, die Thematisierung eines trotz der lockeren Lesart, die dieses Buch mit sich bringt, sehr ernsthaften Anliegens: Wie können wir die Zukunft gestalten, sodass es anderen besser geht? Der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur stark vorherrschende dystopische Einschlag wird hier in sein Gegenteil verkehrt: Die titelgebende Sydney-Seapunk-Bewegung versteht sich als ein genuin neuartiges utopisches Projekt, das gegen die Verbitterung der 68er-Generation den Spaß an der Neuerfindung der Gesellschaft betont. Stichmann scheut sich nicht davor, seiner Hauptfigur David Parolen in den Mund zu legen, die im ersten Moment naiv oder lachhaft klingen, tut aber gut daran. Ebenso wie die kindlichen, vom Autor selbst gestalteten Microsoft-Paint-Collagen im Anhang des Romans („Wohlfühlpessimismus war gestern – Happy Seapunks fordern Umverteilung ein“) legen sie diesem auf der Oberfläche sehr leichtfüßigen Roman einen tiefen Wunsch nach wirklicher Weltverbesserung zu Grunde.

Andreas Stichmann: Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk. Rowohlt Verlag, 240 Seiten, 19,95 €. Die Bände Jackie in Silber und Das große Leuchten sind jetzt beide auch bei Rowohlt im Taschenbuch lieferbar.

Erkundungen im ewigen Weiß

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Eines der ungewöhnlicheren Bücher in diesem Herbst kommt von Maren Kames: Ihr Debüt Halb Taube Halb Pfau mischt Prosa, Drama und Lyrik und ist Studie über die Überwindung der Einsamkeit.

Halb Taube Halb Pfau lässt sich auf viele Arten lesen: Gleich zu Beginn wird das Ich auf eine Art Expedition geschickt, in eine arktische Landschaft, die aber eher in der Vorstellung als der Realität verortet scheint. Es handelt sich um ein ewiges Weiß, in dem die Orientierung verlorengeht, das aber dennoch kartografiert und ausgekundschaftet werden muss: Mit Expeditionshut (beige) und Stirnlampe machen sich Erzähler und Leser an der Landschaft zu schaffen.

Hier geht es um eine Suche nach Nähe, Austausch, Überwindung einer grundlegenden Einsamkeit. Das quasi-wissenschaftliche Vokabular, mit dem Maren Kames operiert, erfüllt dabei zwei Funktionen: Es setzt einerseits die rationale Auseinandersetzung dem Gefühlsüberschwang als ein Gleichgewicht gegenüber; gleichzeitig entlarvt es sich aber auch selbst, indem es die eigene Unzulänglichkeit zur Schau stellt. Der weißen Eiswüste ist eben nicht so einfach beizukommen mit Tropenhelm oder Stirnlampe.

Mittels Rückblenden in Familien- und Kindheitsszenen fügt Kames zeitliche Ebenen hinzu, wobei sie mit den Gattungen frei hantiert: mal dialogisch, mal lose rhythmisch geordnet, teils in Kaskaden, teils Zeile pro Zeile, Seite für Seite, mit viel Raum dazwischen, wird das Material arrangiert.

Man kann mit diesem Buch auf eine sinnliche Reise gehen. Dazu tragen auch in den Text eingestreute Kurz-Hörstücke bei, die das Geschriebene mündlich aufgreifen, variieren und musikalisch untermalen. Ein im Wortsinne Grenzen überschreitendes Buch, das vom Verlag übrigens ein Sonderformat und einen prächtig schillernden Leineneinband spendiert bekommen hat – und ein bemerkenswertes Debüt!

Maren Kames: Halb Taube Halb Pfau. Secession Verlag für Literatur, 150 Seiten, 35 €

Dieser Artikel erscheint zur Frankfurter Buchmesse 2016. Maren Kames stellt Halb Taube Halb Pfau an folgenden Terminen vor:

Mittwoch, 19. Oktober, 20 Uhr, Hessisches Literaturforum im Mousonturm: Debütantenball Deluxe mit Maren Kames, Stephan Reich, Philipp Winkler, Julia Wolf

Freitag, 21. Oktober, 17 Uhr, Open Books im Frankfurter Kunstverein: Junges Doppel II mit Bastian Asdonk und Maren Kames

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