Erzählen, ohne zu erzählen

Patrick Savolainen legt mit Farantheiner ein Romandebüt vor, das geschickt die Lesererwartungen durchkreuzt.

Texte von Patrick Savolainen konnte man, wenn man Glück hatte und dabei war, bei der legendären, einmal im Jahr zur Leipziger Buchmesse stattfindenden Lyriknacht „Auch dieser Raum ensteht durch Gebrauch“ hören. Zu lesen war er bislang unter anderem in der Fabrikzeitung. Neben dem Schreiben arbeitet der 1988 in Malaga Geborene als Gestalter. Jetzt ist im Schweizer Independent-Verlag die brotsuppe sein erstes Buch erschienen.

Wovon Farantheiner handelt, ist eigentlich gar nicht so schwer zu beschreiben: Ein junger und ein alter Mann reiten durch die Prärie, es geht um ein Testament, später kommen noch eine junge Frau und ein Pferdedieb ins Spiel – tatsächlich ist der Stoff dieses Romans in einem etwas freieren Verständnis des unkreativen Schreibens dem erotischen Heftroman Für eine Nacht ohne Tabus der Autorin Sandy Steen entlehnt, der in der Reihe „Tiffany exklusiv“ des Cora Verlags erschienen ist (leider nicht mehr lieferbar). Der Inhalt wird auf der Verlagsseite wie folgt beschrieben:

Belle riskiert es! Binnen 30 Tagen muss sie heiraten, sonst verfällt ihr Erbe. Zum Glück ist der auffallend gut aussehende Cowboy Cade McBride bereit, das Spiel zum Schein mitzuspielen. Allerdings unter einer Bedingung: er fordert von Belle eine Nacht. Ohne jedes Tabu.

Patrick Savolainen bearbeitet diese Vorlage nach allen Regeln der Kunst, indem er verschiedene Formen der Nacherzählung erprobt: Mal ist es, als höre man jemandem zu, der sich versucht, an die Handlung zu erinnern; dann wiederum liest sich der Text wie ein monotones Protokoll der Ereignisse, oder es werden verschiedene Varianten desselben Satzes aufgereiht.

Auf diese Weise entsteht mit der Zeit eine Art Vakuum: Dadurch, dass der große Handlungsbogen schon vorgegeben ist, muss Savolainen keine Rücksicht mehr auf die Erzählökonomie legen und kann nach Belieben Szenen ausdehnen, komprimieren, überspringen oder in Zeitlupe ablaufen lassen. So werden die knapp 200 Seiten von Farantheiner zum literarisches Experimentierfeld, das mehr ist als nur eine Fingerübung. Ein Kapitel besteht nur aus der äußerst poetischen Wiedergabe von Träumen der handelnden Personen, an vielen Stellen montiert Savolainen immer wieder, typografisch kunstvoll hervorgehoben, den Originaltext von Sandy Steen ein und liest ihn gegen den Strich.

Farantheiner findet einen eleganten Weg, den Erwartungen an einen klassischen Debütroman aus dem Weg zu gehen. Am Schluss bleibt eine ebenso überraschende wie einfache Erkenntnis: Dass Erzählen manchmal am besten gelingt, wenn man gar nichts erzählen muss.

Patrick Savolainen: Farantheiner. Verlag Die Brotsuppe, Biel, 194 Seiten, 24 €

Weihnachten mit Wurzelspitzenresektion

Was passiert hier? Eine Familie feiert Weihnachten, aber alle tragen Handschellen. Ein Erzähler namens Maruan führt ein Gespräch mit seinem Therapeuten, Herrn Doktor Gänsehaupt, und kündigt an, einen Mord gestehen zu wollen.

Maruan Paschens zweiter Roman ist ein großes Verwirrspiel. Äußerlich hat er alle Anlagen zu einem klassischen Familienroman: Die Familie trifft sich an Weihnachten, man erinnert sich gemeinsam an vergangene Zeiten. Tatsächlich unterläuft er aber diese Absicht, so gut er nur kann. Zumindest in der Art, wie er erzählt: Denn um Familiengeschichten geht es durchaus. Nur wird hier so haarsträubend irrwitzig, abschweifend und dann wieder manisch detailliert mit- und durcheinandergesprochen, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, wem man was glauben soll.

Zwischenzeitlich wird auch das Mittel der Skizze zur Hilfe genommen, etwa zur Beschreibung einer Wurzelspitzenresektion. Dann erinnert sich der Erzähler zurück an Episoden aus seiner Kindheit und Jugend und eine Liebesbeziehung, die nur einen Kaufhausbesuch lang hielt. Diese zählt zu den komischsten Episoden von Weihnachten. Die vielleicht traurigste ist die Geschichte, wie der Erzähler-Maruan einem Kind im Flugzeug aufgrund eines Missverständnisses das Leben rettet – und dieses aber nach der Notlandung doch im Krankenwagen stirbt.

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Foto: Julia von Vietinghoff

Maruan Paschen ist, das war schon in seinem ersten Roman Kai so, eigentlich eher am Erzählvorgang als solchem als am geraden Herauserzählen einer Geschichte interessiert. Mit welchen Worten wird was beschrieben? Traue ich mir selbst beim Erzählen über den Weg? Kann man überhaupt die Wahrheit erzählen? „Familie ist wie eine Mauer“, heißt es an einer Stelle, „Familie ist wie ein Pflaster“ an einer anderen. Diese Familiengeschichte, in ihrer ganzen Zersplittertheit und ihren verwirrenden Konstellationen, ist vielleicht die ehrlichste, die seit langem geschrieben wurde.

Maruan Paschen: Weihnachten. Matthes & Seitz Berlin, 196 Seiten, 20 €

Körper, Stimme, Raum

Mit oder ohne Requisiten, in unterschiedlichsten Räumen, akustisch oder mit Technik: An drei Abenden loteten Autorinnen und Autoren beim Festival KOOK.MONO die Grenzen der Sprachperformance aus.

Michael Fehr braucht gar keine Hilfsmittel. Nur geleitet von einem Spot durchmisst er mit großen Schritten den Tanzboden des Dock 11 und versetzt nur durch das Erzählen mit heiserer Stimme die Zuhörerinnen und Zuhörer in eine dunkle Waldszene. Rike Scheffler hat ein ganzes Set mit Loopstation, Mischpult und zwei Mikrofonen aufgebaut und baut im ausland live eine Audiocollage zusammen, die auf den Klängen eines Wasserglases basiert.

Die Soundanlage von Rike Scheffler

Wie sich Geschriebenes zu Gesprochenem verhält, und was Stimme überhaupt ist, darum kreisen im Anschluss an jedem Abend ausführliche Nachgespräche. Festzuhalten ist: Jede der in der Lettréteage, im Dock11 oder im ausland zur Aufführung kommenden Performances hat ihre eigene, intensive Atmosphäre. Ob hypnotisch, wie in Enis Macis Essay über die Geschichten ihres Großvaters, oder exotisch-botanisch wie bei Sonja vom Brocke, die während ihrer Lesung Pflanzennamen aneinanderreiht und auf anregend-erregende Weise den biologischen Prozess der Photosynthese beschreibt. Von einer abgespaceten Lecture-Performance im Samenspeicher bei Daniel Falb auf Spitzbergen bis zum Sprechtext über Teufel im Leipziger Pflegeheim bei Martina Hefter: Die Bandbreite war groß, die Themen höchst unterschiedlich. Gemeinsamkeiten gab es aber auch: Die Nähe von Vortrag und Gesang rückten Enis Maci, Senthuran Varatharajah und Rike Scheffler gleichermaßen in den Vordergrund, bei Max Wallenhorst auch in der Form von Verzerrung und als bisweilen komischen Verfremdungseffekt. Christiane Heidrich war ausschließlich aus den Bluetooth-Boxen zu hören, die sie mit robotergleichen Bewegungen durch den Raum trug. Das vorab aufgenommene Gedichtmaterial war von einem mechanisch-montonen Tonfall, die Szenerien kühl und futuristisch. Die Abwesenheit des Sprechers und Loslösung der Stimme vom Körper wiederum demonstrierte der Vortrag von Senthuran Varatharajah und Trang Tran Thu, der zeitweise im komplett abgedunkelten Raum nur über Lautsprecher zu hören war.

Requisiten (Teufel) von Martina Hefter

Als vertrackt erwies sich der Beitrag von Mara Genschel: Mit einem eigens produziertem „Hilfsbuch“ legten sie dem Publikum den Text ihrer Performance vorab vor. Der Vortrag selbst wiederum war eine Reflexion über das öffentliche Sprechen, das Memorieren von Text, und das Misslingen des Ganzen. Dementsprechend vorgeführt wurde das Ganze dann unter Mithilfe des Publikums, das Stichworte in den Raum rief, wenn die Autorin im Text nicht weiterwusste.

Die Elemente Körper, Stimme und Raum wurden bei KOOK.MONO immer wieder neu verhandelt, miteinander verknüpft oder auseinanderdividiert. Das Festival erwies sich dabei als Labor für die Erprobung neuer Performance-Formate, die unter allen Beteiligten eine große Dynamik freisetzten.

Fixpoetry hat zum Nachlesen Textauszüge der Beteiligten online gestellt: Sonja vom Brocke, Daniel Falb, Michael Fehr, Mara Genschel, Martina Hefter, Christiane Heidrich, Tabea Xenia Magyar, Rike Scheffler, Anja Utler, Senthuran Varatharajah und Max Wallenhorst. Beim Merkur gibt es außerdem drei empfehlenswerte Essays von Veranstalterin Josepha Conrad sowie Martina Hefter und Senthuran Varatharajah. In Berichten und Interviews begleitet hat das Festival Sirka Elspaß im Veranstaltungsblog auf kookverein.de.

Totalverweigerung aus Prinzip

Entgegen aller Rauschebart-Nostalgie im Marx-Jahr 2018™ hat Luise Meier in ihrer MRX MASCHINE eine Einladung zum Diskursverwirbeln vorgelegt, die nicht nur äußerst kenntnisreich geschrieben ist, sondern auch jede Menge Spaß macht.

Spaß deshalb, weil die MRX MASCHINE weder reine Theorie noch ganz Erzählung ist, dafür Elemente aus beiden Textformen vereint: Nach dem furiosen Einstieg, der ankündigt, Marx mit Theorieansätzen zu Desintegration, Blues-Musik, Kolonialismus, Nationalismus, Ableismus, Altersdiskriminierung, Heteronormavität, Psychonormavität, Rassismus, Fabrik- und Minenarbeit zu konfrontieren und verschalten, bringt Meier in einer überraschenden Volte Ingeborg Bachmann ins Spiel: In deren weniger bekannten Erzählung „Der Schweißer“ aus dem Jahr 1959 wird die Hauptfigur Andreas Reiter nach der Lektüre von Friedrich Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft in einen Zustand der Totalverweigerung versetzt, der schließlich im Suizid mündet. Eine ähnliche Figur in Bachmanns Werk ist der Briefträger Kranewitzer aus Malina, der sogar ganz ohne ersichtlichen Grund vom einen auf den anderen Tag seine Arbeit niederlegt.

Diskursverwirblerin Luise Meier (Foto: privat)

Geradezu charakteristisch für die MRX MASCHINE ist, dass auf diesen Rückgriff in die Literaturgeschichte ein schlagartiges Umswitchen auf das Digitalzeitalter folgt – mit Stichworten wie Apple, Steve Jobs und „Auto-Logged-In“ geht es nun ins absolut Gegenwärtige. E-Commerce und Servicearbeit, die Auswüchse der prekären Beschäftigung also, mit klassischen Marx-Ideen kurzzuschließen ist ein Move, der geradezu auf der Hand liegt; spannend wird es dort, wo der alte Marx als Theorie-Rüstzeug (z.B. wegen eines grundsätzlich fehlenden Gemeinschaftsgefühl von in der Vereinzelung prekär Arbeitenden) nicht mehr greift. Hier ist die MRX MASCHINE quasi das Upgrade, das neue Wege sucht, die Verhältnisse ins Wanken zu bringen.

Das Motiv der Totalverweigerung wird Luise Meier im späteren Verlauf wieder aufgreifen, etwa wenn sie auf die Fuck-up-Strategie der Radikalfeministin Valerie Solanas zu sprechen kommt: gezielte Sabotage in allen Lebensbereichen, Totalverweigerung aus Prinzip. Zuvor widmet sie sich noch zwei großen Komplexen: Der Datenverarbeitung vom Hollerith’schen Lochkarten-System bis zum Google-Algorithmus, außerdem „Daddy-Fik(a)tion und Staat“ unter besonderer Berücksichtigung von Malcolm X und dem Sklavenhandel in den USA.

Man kann sich in diesem Buch verlieren, so komplex, so ausgestaltet und doppelt und dreifach durchdacht ist die Gedankenwelt der MRX MASCHINE. Luise Meier, die zuvor bereits eine ganze Reihe fragmentartiger Kurzessays auf dem Onlineauftritt der alten Volksbühne publiziert hat, ist damit ein spektakulärer erster Band der ganz eigenen Machart gelungen.

Luise Meier: MRX MASCHINE. Matthes & Seitz Berlin, 208 Seiten, 14 €

Wir gehen in den Tod, sagten wir ihm

Nach Unterwegs nach Ochotsk (2014) legt Eleonore Frey ihr zweites Buch im Engeler-Verlag vor: Waldleute ist ein kurzer Band von gerade einmal 80 Seiten. Das Thema könnte aber größer nicht gewählt sein.

Es geht um das Altern, Tod und deren Stellung in der Gesellschaft. Die Form ist dabei nicht die eines Essays oder Traktats – Eleonore Frey erzählt einfach. Die Wir-Perspektive, die sie dabei wählt, mag auf den ersten Blick etwas umständlich wirken. Tatsächlich passt sie genau.

Die Erzählerin, deren Alter nicht genauer bestimmt wird, nimmt einen schon etwas älteren Herrn zum Untermieter, der vom einen auf den anderen Tag beginnt, Reisevorbereitungen zu treffen, um sich schließlich frühmorgens auf den Weg in den nahe gelegenen Wald zu machen. Neugierig geworden, beschließt die Erzählerin ihm zu folgen und trifft am Waldrand auf eine ganze Gruppe älterer Männer und Frauen, die kurz darauf von einem „Waldhüter“ begrüßt und in den Wald geführt werden.

Was macht ihr hier? Wollte das Kind von uns wissen. Wir gehen in den Tod, sagten wir ihm.

Die Erzählung folgt in kurzen Kapiteln nun der Gruppe der „Waldleute“ und ihren Erlebnissen: Hier geht einer verloren, da stößt jemand dazu, es tauchen fantastische Figuren wie „der Wiedergänger“ und „der wilde Mann“ auf, bis die Wanderung der Waldleute schließlich an einem Forsthaus endet. Was als einfacher Bericht beginnt, entpuppt sich beim Lesen mehr und mehr als parabelartige Erzählung über den Platz der Alten in der Gesellschaft. Den Clou macht dabei Eleonore Freys kühne Idee aus, dass ihre „Waldleute“ sich in einer umgedrehten Hänsel-und-Gretel-Bewegung freiwillig aus der Gesellschaft entfernen, um im Wald kurzerhand zu verschwinden, bevor sie jemandem zur Last fallen können. Der 1939 geborenen Autorin gelingt damit ein in seiner Durchdachtheit, Konsequenz und aufs Wesentlichste beschränkten Konzentration ein so radikales wie nachdenklich machendes Stück Literatur.

Eleonore Frey: Waldleute. Engeler-Verlag 2018, 80 Seiten, 19 €

Wo die Tramschienen liegen, funkelt es

Sie versucht sich, für etwas zu interessieren. Aber immer, wenn sie sich für etwas interessiert, muss sie an das All denken.

Ist’s Lyrik? Ist’s Prosa? Man konnte Judith Kellers Texte in der Anthologie Lyrik von Jetzt 3 — Babelsprech lesen, in der BELLA triste, in der Edit und beim Literaturwettbewerb New German Fiction, dokumentiert in Veröffentlichungen von Readux Books und dem Verlag Matthes & Seitz. Und ein wenig ist ihre erste lange Buchveröffentlichung, die jetzt in der edition spoken script des Verlags Der gesunde Menschenversand erschienen ist und die simple Gattungsbezeichnung „Geschichten“ trägt, eine Mischung aus allem bisher Dagewesenen: Einige der Kurz- und Kürzesttexte finden sich bereits in ihrem Beitrag, den sie 2010 in der BELLA triste veröffentlicht hat, neu ist nun die Komposition, die die Texte in ein Narrativ bringt, allen voran der jedes der sieben Kapitel mit dem selben Titel abschließende Text „Die höchste Zeit“. Er beschreibt in deutlich surreal gezeichneten Szenen, Stück für Stück, wie eine namenlose Frau, die bereits einen langen Weg hinter sich hat, über Autobahnbrücken, dann durch eine Stadt, offenbar Zürich, hinunter zum See geht. Es ist Nacht, „ein Klimpern liegt über der Stadt, und da, wo die Tramschienen liegen, funkelt es“, sie beobachtet Schwäne, begegnet Polizisten, Bankern und Teenagern, dabei liegt eine unbestimmte Aufbruchsstimmung in der Luft, etwas Großes steht bevor. Selten ist auf so wenig Raum so viel verhandelt worden. Tipp!

Judith Keller: Die Fragwürdigen. Der gesunde Menschenversand, 148 Seiten, 18,50 €

Wohlfühlpessimismus war gestern

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Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wäre ohne Andreas Stichmann ein ganzes Stück farbloser. Sein neuer, wilder Roman Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk beweist das aufs Neue.

Die Handlung ist schnell erzählt – Unternehmensspross wird zum Aussteiger und beschließt, seine eigene Entführung vorzutäuschen, um von seiner Familie vier Millionen Euro zu erben, die er einem guten Zweck zuführen will –, lebt dieser Roman doch vielmehr von seinem schillernden Personal. Ort des Geschehens ist ein Bauernhof in Hamburg-Ossendorf, der seine besten Tage schon hinter sich hat: Von den Hippie-Gründern ist nur noch Ingrid übrig geblieben, inzwischen depressiv geworden, und ihr Sohn Ramalafene, der den Laden am Laufen hält, also sich um die mit der Zeit auf dem Hof gestrandeten Bewohner kümmert, allesamt Outcasts, Freaks, die in verschiedenen Ausprägungen ganz in ihrer eigenen Welt leben: Der naive Küwi, der seine Tage am liebsten auf dem Rasenmäher verbringt, auch wenn es gar nichts mehr zu mähen gibt, Ludwig, der Windeln trägt, nicht sprechen kann und sich über Zungenschnalzen verständlich macht, die alte Zwergin Wendy, die nur in Reimen spricht. Zwei Personen bringen diese schräge, sehr liebevoll ausgestaltete Welt ins Wanken: Bibi, die als jugendliche Strafträterin Sozialstunden auf dem Hof ableisten muss, aber durch ihre positive, aufgeschlossene Art besonders von Ramalafene ins Herz geschlossen wird – und David, dem oben erwähnten Unternehmenserben, der nach Erfahrungen als Klinik-Clown in Südafrika sein Leben radikal ändern will und auf dem Hof dafür seine ideale Wirkungsstätte sieht.

Was Andreas Stichmanns Roman besonders auszeichnet, ist, neben der nahezu ins Fantastische übergleitenden Figurengestaltung, die schon ein Markenzeichen in seinem Erzählband Jackie in Silber und dem Roman Das große Leuchten war, die Thematisierung eines trotz der lockeren Lesart, die dieses Buch mit sich bringt, sehr ernsthaften Anliegens: Wie können wir die Zukunft gestalten, sodass es anderen besser geht? Der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur stark vorherrschende dystopische Einschlag wird hier in sein Gegenteil verkehrt: Die titelgebende Sydney-Seapunk-Bewegung versteht sich als ein genuin neuartiges utopisches Projekt, das gegen die Verbitterung der 68er-Generation den Spaß an der Neuerfindung der Gesellschaft betont. Stichmann scheut sich nicht davor, seiner Hauptfigur David Parolen in den Mund zu legen, die im ersten Moment naiv oder lachhaft klingen, tut aber gut daran. Ebenso wie die kindlichen, vom Autor selbst gestalteten Microsoft-Paint-Collagen im Anhang des Romans („Wohlfühlpessimismus war gestern – Happy Seapunks fordern Umverteilung ein“) legen sie diesem auf der Oberfläche sehr leichtfüßigen Roman einen tiefen Wunsch nach wirklicher Weltverbesserung zu Grunde.

Andreas Stichmann: Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk. Rowohlt Verlag, 240 Seiten, 19,95 €. Die Bände Jackie in Silber und Das große Leuchten sind jetzt beide auch bei Rowohlt im Taschenbuch lieferbar.