Laternenpfähle, Hühner, Weinberge

Am 2. September 2019 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein kleines Porträt über Wolfram Lotz, in dem die Journalistin Theresa Hein den Autoren im Elsass besucht.

Gerade hat Sebastian Hartmanns am Deutschen Theater Lotz‘ neues Stück, das Theatergedicht Die Politiker zur Aufführung gebracht, es geht in dem Porträt aber auch um das Misstrauen gegenüber dem großen Erfolg mit dem Stück Die lächerliche Finsternis und dem Schreiben überhaupt: Ein Zustand, der Wolfram Lotz auf die Idee brachte, ein so genanntes „Totaltagebuch“ zu führen:

Als Lotz im Elsass ankam, 2017, nahm er sich vor, ein Tagebuch zu schreiben, auch
ein bisschen, weil er nicht wusste, was er sonst schreiben sollte. Ein „Totaltagebuch“ wurde es. Lotz stand um acht Uhr morgens auf und schrieb Laternenpfähle, Hühner, Weinberge in das Tagebuch, und alles, was ihm dazu einfiel, mit einer Pause für die Familie am Nachmittag, eine „Wahnsinns-Struktur“, sagt er, „die brauche ich aber einfach. Ich bin jetzt nicht total irre geworden dabei, aber gegen Ende wurde es schwierig“, das gebe er zu. „Irgendwann wusste ich nicht mehr, was ich schon geschrieben hatte und was nicht, oder wem ich was erzählt hatte. Oder was ich jetzt eigentlich geschrieben und was ich nur gedacht habe.“

Stand 2019 gilt das Totaltagebuch als gelöscht: Lotz gibt an, es selbst vernichtet zu haben. Dass es jetzt nun doch als Buch erscheint, erklärt der Verlag mit der Tatsache, dass zumindest ein Teil des Textes in Form einer E-Mail vorliegt, die Wolfram Lotz an einen Freund geschickt habe.

Und nun ist die Heilige Schrift also da, Band 1 jedenfalls. Schwer wiegen die über 900 Seiten in der Hand, luftig typografisch gestaltet kommt dagegen das Äußere daher. Und wagt man sich hinein in das Riesenwerk, gerät man unversehens ins, ja, Schmökern: Kurze Absätze, wenig Interpunktion, Schlag auf Schlag, Hakenschlag auf Hakenschlag lässt sich die Spur von Wolfram Lotz‘ Gedankengängen verfolgen.

Zu Beginn ist es auch die Form selbst, um diese Gedanken kreisen: Soll das Tagebuch womöglich ins Internet gestellt, ein Blog werden? Die technischen Hürden lassen den Autor davor zurückschrecken. Und so ist die Heilige Schrift jetzt ein Blog in Buchform geworden. Ein Twitterfeed ohne Twitter, kurioses Gegenstück etwa zu Jan Böhmermanns Twitter-Tagebuch der Jahre 2009-2020, das der Verlag Kiepenheuer & Witsch 2021 in einer edlen Hardcover-Ausgabe unter dem Titel Gefolgt von niemandem, dem du folgst herausbrachte, oder zu Stefanie Sargnagels Statusmeldungen, die Wolfram Lotz witzigerweise an einer Stelle in seinem Tagebuch liest („schreibmäßig eine Art Buttermaschine“).

Darüber hinaus wächst sich die Heiligen Schrift mit dem zeitlichen Abstand des Jahres 2022 als ein Zeitdokument aus, in dem etwa Feuilleton-Debatten wie der Streit um das Eugen-Gomringer-Gedicht an der Hauswand der Alice-Salomon-Hochschule, politische Dramen wie der Absturz von Martin Schulz, aber auch Fernsehsendungen und Alltagsklatsch konserviert werden. Hier begibt sich Wolfram Lotz zuweilen auf das Terrain von Walter Kempowski, der in seinem Buch Bloomsday ’97 einen Tag lang durch die 37 Kanäle seines Fernsehers zappte und hemmungslos mitschrieb, was vor ihm flimmerte.

Dass die 912 Seiten der Heiligen Schrift durchweg leicht und entspannt zu lesen sind, wäre aber trotz des beeindruckenden Durchhaltewillens des Autoren übertrieben: Oft gerät Wolfram Lotz ins Schimpfen, wütet gegen unliebsame Kolleginnen und Kollegen oder ärgert sich über seine Umgebung. Dann vertraut er dem Tagebuch aber auch wieder die erhebend schöne, stille Momente an, etwa wenn er seine Kinder beim Spielen beobachtet oder Freunde trifft, die er lange nicht mehr gesehen hat.

Und da stößt dann auch das Tagebuch an seine Grenzen: Einer der berührendsten Momente in der Heiligen Schrift ist ein Treffen von Wolfram Lotz und Dorothee Elmiger in Zürich, bei dem der Autor sofort realisiert: „Ich werde das Gespräch hier mit Dorothee nicht aufschreiben, das ist sofort klar/Das soll zwischen uns bleiben, so interessant und schön wie es ist“.

Wolfram Lotz: Heilige Schrift I. S. Fischer Verlag, 912 Seiten, 34 €

Als nächstes wird sich Wolfram Lotz übrigens wieder einer ganz anderen Form widmen: Für die nächste Ausgabe Lesereihe Meine drei lyrischen Ichs am 5. Mai in München ist er mit neuen Gedichten angekündigt.

Stacheldrahtzaun, Drachenstahlhaut

Bettina Wilperts neuer Roman Herumtreiberinnen ist ein Ereignis: Auf drei Zeitebenen erzählt er von Tyrannei, Frauenhass und darüber, was das „Wegsperren“ mit Menschen macht.

Wie schon Nichts, was uns passiert überzeugt auch dieser Roman durch seine genaue, fast strenge Komposition: Während sich die Schlinge um seine Protagonistinnen zunehmend enger zieht, wechselt er virtuos die Ebenen, jede davon wirkt authentisch, ist akribisch recherchiert und auf ihre eigene Weise mitreißend geschrieben.

Es beginnt mit einer lockeren Sommererzählung in der DDR der frühen achtziger Jahre. Die 17-jährige Manja und ihre beste Freundin Maxie schwänzen die Schule, träumen in den Tag hinein, Maxie vom Weltraum, Manja vom Ausreißen. Nicht zufällig teilt sich Manjas Freundin ihren Vornamen mit Maxie Wander, einer österreichischen Schriftstellerin, die in der DDR den berühmten Interview-Roman Guten Morgen, du Schöne veröffentlicht hat: Die durchweg aus der Ich-Perspektive wiedergegebene Handlung hat ebenfalls etwas Dokumentarisches, als hätte Bettina Wilpert reale Person porträtiert: Fiktive Protokollliteratur, gewissermaßen. Dieser kurze erste Teil des Romans endet indes abrupt: Manja wird von der Volkspolizei verhaftet, nachdem sie mit dem mosambikanischen Vertragsarbeiter Manuel in dessen Wohnheim im Bett erwischt wurde und findet sich auf der venerologischen Station in einem Backsteingebäude in der Leipziger Lerchenstraße wieder.

Die Tripperburg heiße nicht umsonst Tripperburg, sagte sie, der Mann nickte. Ich stehe unter Verdacht, eine Geschlechtskrankheit zu haben, man würde mich gleich untersuchen auf Gonorrhoe und Streptokokken und so weiter, alles was solche wie ich eben hätten. Was Untersuchung bedeutete, erklärten sie mir nicht. Sie sagte: Laut Paragrafen soundso sei es gesetzeswidrig, Geschlechtskrankheiten zu verbreiten; ein Luftzug brachte einen Geruch in den Raum, der mich an Birnen erinnerte. Alle Geschlechtspartner von mir müssten ebenso untersucht werden, bekämen eine Vorladung, ich solle ihre Namen nennen, für ihre Gesundheit. Ich sagte nichts. Appellieren hilft bei der nichts, meinte die Frau zu dem jungen Mann gewandt, als könnte ich sie nicht hören. Ich wiederholte, ich hatte noch nie Geschlechtsverkehr. Sie seufzten, sie legten den Stift auf das Blatt, legten das Blatt in einen Ordner, klappten den Ordner zu. Sie führten mich in einen anderen Raum, ich fror unter dem grauen Kittel.

Im zweiten Teil des Romans folgt zunächst ein Sprung ins Jahr 2001, wo Robin, die nächste Hauptfigur, die wir auf ihrem Weg begleiten werden, die Ereignisse des 11. September und den Einmarsch der USA in Afghanistan erlebt. Es ist nur ein kurzer, aber einschneidender Augenblick der Politisierung für Robin, das nächste Mal treffen wir sie erst 2015 wieder, als sie sich mit der Situation der vor dem Krieg in Syrien Geflüchteten zu beschäftigen beginnt.

Doch zuvor zieht Bettina Wilpert noch eine weitere Zeitebene in den Roman ein, und der Fokus schwenkt auf das Frühjahr 1945: Lilo ist die Tochter kommunistischer Widerstandskämpfer, deren Zelle aufgeflogen ist, wird nach dem Prozess von ihrer Familie getrennt und durchläuft eine Gefängnisodyssee, die sie schließlich in dasselbe Gebäude in der Lerchenstraße führt, wo auch knapp vierzig Jahre später Manja einsitzt.

Herumtreiberinnen sind drei Romane in einem – und das auf nur knapp 260 Seiten. Tief beeindruckend schafft es Bettina Wilpert, den Wegen ihrer drei sehr unterschiedlichen Hauptfiguren zu folgen und erzählt leidenschaftlich vom Schrecken des Naziregimes, den grauen achtziger Jahren in der DDR und einer Gegenwart, in der Robin zwischen Tinder-Matches und Büro-Alltag langsam die wechselhafte Geschichte des Gebäudes in der Lerchenstraße entdeckt.

Dieses ist nämlich, mittlerweile haben wir 2016, nun saniert und zu einer Unterkunft für geflüchtete Menschen umfunktioniert worden; Robin, die, obwohl mit ihrem Studium in Sozialer Arbeit unzufrieden, auf Jobsuche war, arbeitet in der Verwaltung und entdeckt bei Kellerarbeiten bergeweise Akten aus der DDR-Zeit.

Manjas Erlebnisse in dem von Stacheldraht eingefassten Backsteingebäude der venerologischen Station („auf der Mauer sehen wir Stacheldrahtzaun und denken: Drachenstahlhaut“, heißt es einmal), die in den drei Zeitebenen des Romans die Mitte einnehmen, sind auch so etwas wie das Herzstück von Herumtreiberinnen. Auch ist nur dieser Teil durchweg aus der Ich-Perspektive erzählt, was die Ungerechtigkeiten, die Manja widerfahren, beim Lesen noch näherkommen lässt – seien es die sadistischen, aus medizinischer Sicht unnötigen Morgenuntersuchungen, denen sich jede Insassin unterziehen muss, oder die brutale Hackordnung der Gefangenen untereinander. Es wird immer klarer, dass der vorgebliche Grund, der Schutz der Gesellschaft vor Geschlechtskrankheiten, nur mehr Mittel zum Zweck ist, unerwünschte oder abweichlerische Frauen wegzusperren und sie für ihr Zuwiderhandeln gegen die staatliche Ordnung zu bestrafen. Am frappantesten wird das bei der Geschichte Marions, einer Mitgefangenen deutlich, die als Edelprostituierte zunächst von der Stasi als nützliche Informantin eingesetzt wird, dann aber eine weitere Zusammenarbeit verweigert und ebenfalls in der Lerchenstraße zwangseingewiesen wird.

Es sind kleine Binnenerzählungen wie diese, die Bettina Wilpert besonders gut gelingen: Auch in der Zeitebene um Lieselotte Kramer, der Tochter des kommunistischen Widerstandskämpfers, die sich zäh darum bemüht, auch politisch tätig werden zu dürfen und erst ganz am Ende ihrer Geschichte in der Lerchenstraße inhaftiert wird, verarbeitet Wilpert zahlreiche, Alltagsepisoden, die ein faszinierendes Kolorit Leipzigs in der Zeit des Zweiten Weltkriegs bilden.

Da empfand Lilo zum ersten Mal Wut auf die Eltern – und die Nazis. Sie war zehn und wurde nach wie vor nicht ernst genommen und in die Geheimnisse der Erwachsenen eingeweiht. Wann würde die Mutter sie endlich als Gleichberechtigte behandeln? Sie war sauer auf ihren Vater, dass er vor ihnen geflohen war. Sie verstand immer mehr von Politik, durchschaute noch nicht alles, wusste immerhin, dass die Nazis ihr ihren Vater genommen hatten, diese Schweine. Wenn sie nun SA-Männern auf der Straße begegnete, strafte sie sie mit bösen Blicken, aber im Gewusel auf dem Bürgersteig fielen die drei Kinder, die allein unterwegs waren, nicht auf.

Nach Nichts, was uns passiert ist Bettina Wilpert mit Herumtreiberinnen ist ein weiterer, äußerst bemerkenswerter Roman gelungen. Er wirft Schlaglichter auf Zeiten politischen Widerstands, grausame staatliche Willkür und nicht zuletzt die wechselhafte Geschichte ein und desselben Gebäudes in der Lerchenstraße als Ort, an dem sich niemand gerne aufhält.

Bettina Wilpert: Herumtreiberinnen. Verbrecher Verlag, 266 Seiten, 25 €

Das Leben, nichts als buntbemalte Pappe

Sascha Macht meldet sich nach Der Krieg im Garten des Königs der Toten mit seinem zweiten Roman zurück. Spyderling ist in vielerlei Hinsicht eine Steigerung des Debüts: Noch länger, noch postmoderner, noch gewagter.

Es geht um einen geheimnisumwobenen Brettspielautoren. Aber es geht auch um die tragische Geschichte der Republik Moldau und ihrer abtrünnigen Provinz Transnistrien. Und die nicht minder aberwitzige Geschichte der Hauptfigur Daytona Sepulveda, aus deren Perspektive sich die Handlung Schicht für Schicht entfaltet und, nun ja, spinnwebenartig ausbreitet und verzweigt.

Daytona Sepulveda ist in Arizona aufgewachsen. Ihren Vornamen verdankt sie der Autobegeisterung ihres Vaters, er bezieht sich auf die berühmte Motorsport-Rennstrecke in Florida. Ihr Nachname verweist auf die südamerikanische Herkunft ihrer Familie; zugleich ist er auch ein metatextueller Verweis auf den berühmten chilenischen Autoren gleichen Namens, der 2020, noch zu Beginn der Pandemie an einer Covid-Erkrankung in Spanien gestorbenen Luis Sepúlveda. Mittlerweile in Leipzig ansässig, könnte sie, gäbe es sie wirklich, Sascha Macht dort durchaus getroffen haben: Er lebt seit seinem Studium am Deutschen Literaturinstitut hier. Sepulveda ist eine der großen Hoffnungen der Brettspielwelt: Zu ihren ersten Erfolgen zählen Spiele wie Conca d’Oro, ein Spiel über die Entstehung und den Aufstieg der sizilianischen Mafia im goldenen Becken um Palermo, und The Troubles, eine Nordirlandkonflikt-Simulation; aktuell arbeitet sie an ihrem neuen Projekt, das sich um einen Motorradclub mit dem Namen „Devil‘s Dice Motorcycle Club“ dreht. Sie kommt nur schwer voran, und zu allem Überfluss plagt sie sich mit Selbstzweifeln:

Ein Brettspiel – was ist das überhaupt? Ich bin der Meinung: so etwas wie komprimierte Wirklichkeit. Oder anders ausgedrückt: eine Rückschau in die Vergangenheit, ein Umgang mit der Gegenwart, ein Blick in die Zukunft. Oder anders ausgedrückt: das Leben in seiner Fülle und Komplexität, verarbeitet in bunt bemalter Pappe. Das Brettspiel veranschaulicht, macht vertraut und, ja, vereinfacht auch, meistens, leider. Es bietet uns Mittel und Wege. Nur wofür? Das ist die Frage.

Im Laufe des Romans werden noch zahlreiche weitere – natürlich sämtlich fiktive – Brettspiele erwähnt und extensiv beschrieben werden: Über Superhelden zur Zeit der Weimarer Republik, eine Käserei, in der es drunter und drüber geht, den Wiener Kongress, aber um 300 Jahre in die Zukunft versetzt, und einige mehr. Dieser Einblick in eine Subkultur, die nach völlig eigenen Regeln zu funktionieren scheint und starke Nerd-Züge trägt, hat Sascha Macht sichtlich Spaß gemacht. Aber sie kann auch als eine Parallele zum Literaturbetrieb gesehen werden: Es gibt große und kleine, ja, auch hier heißen sie ja: Verlage, erfolgreiche Starautoren und die jungen Wilden, zu denen sich Sepulveda noch zählen kann. Auch die Praxis der Autorenförderung und Stipendienvergabe ähnelt, zumindest nach Darstellung des Romans, witzigerweise stark derjenigen des Literaturbetriebs.

Und hier dringen wir nun langsam zum Ausgangspunkt vor: Zusammen mit sieben anderen Vertreter*innen ihrer Zunft hat Daytona Sepulveda die Einladung zum Aufenthalt in der moldauischen Villa des berühmten Brettspiel-Autoren Spyderling erhalten. Keiner kennt ihn – keiner weiß, wie er aussieht – ein Thomas Pynchon der Brettspielszene, gewissermaßen. Seine Spiele sind von einer verstörenden Genialität: Sie treiben ihre Spieler an den Rand des Wahnsinns, und, eine Spezialität Spyderlings: Sie können nicht in Gruppen, sondern ausschließlich allein, also von einer Teilnehmer*in gespielt werden.

Während Daytona sich mit ihren Mit-Stipendiat*innen bekannt macht, namentlich Ronny Gebauer, Johanna van Tavantar, Arno Picardo, Elke von Manteuffel, Clark Nygård, King Trakto Sherpa, und, jüngster der Gruppe und als Wunderkind geltende Campbell Campbell, stellt sich nicht nur bei der Leser*in langsam eine gewisse Erwartungshaltung ein: Worum dreht sich ihr Aufenthalt in der monumental-düsteren Villa mitten im Wald eigentlich genau? Wird der mysteriöse Spyderling wohl persönlich auftauchen und zu seinen Adepten sprechen? Diese Frage rückt auch für die Handelnden mehr und mehr in den Vordergrund. Während aber ein Teil der Autor*innengruppe sich an der ausgezeichneten Verpflegung labt und die Vorzüge von Swimmingpool, Kamin- und Rauchzimmer (natürlich mit Spielsammlung) auskostet, ist es vor allem an Daytona, sich auf Spurensuche zu begeben. Hier wird Spyderling zum Detektivinnenroman: Daytona sammelt Hinweise, durchstreift den verwinkelten Garten des ausufernden Grundstücks und versucht, Eintritt in das dritte, laut Auskunft dem Hausherren vorbehaltene Geschoss der Villa zu erlangen. Vergeblich.

Auf der Verlagswebseite liest Sascha Macht selbst einen kurzen Auszug aus dem Roman.

Sascha Macht nimmt sich viel Zeit für die Hintergrundgeschichten seiner Protagonist*innen. Großen Raum nimmt auch die Vorgeschichte der Hauptfigur ein: So hat Daytona Sepulveda in Brettspielkreisen den Spitznamen „Die Verschwundene“, seit sie sich mit zwei Freundinnen auf einer Reise im Urwald von El Salvador verirrt und als einzige zurückgekehrt ist. Als zusätzlichen Creepiness-Faktor reichert Sascha Macht diese Geschichte mit realen Versatzstücken des Verschwindens der niederländischen Touristinnen Kris Kremers und Lisanne Froon an, die im Jahr 2014 Urwald von Panama verschwanden, und von denen, ganz ähnlich wie es bei Daytona der Fall war, in einer später aufgefundenen Digitalkamera rätselhafte Aufnahmen auftauchten, die Hobbydetektive in Internetforen bis heute auswerten.

Zwei Ereignisse bringen die Handlung, als sie sich langsam ohne Aussicht auf Auflösung zu verlaufen droht, noch einmal auf Trab: Ein fröhlicher Ausflug in die moldauische Hauptstadt Chisinau inklusive abgedrehter Segway-Tour durch das Stadtzentrum mutiert zu einer alkohol- und drogengeschwängerten Partynacht mit der Band Taxi Terreur & The Hitlerbabies. Aufgrund der Verkettung verschiedener Umstände, die ein halluzinogener Trip Daytonas nicht leichter nachrekonstruierbar macht, schließt sich die Band der Autor*innengruppe auf ihrer Rückfahrt in Spyderlings Anwesen an, wo unter anderem die Suche nach einem sowjetischen Weinlager in unterirdischen Katakomben unterhalb des Gartengrundstücks in Angriff genommen wird. Aber auch ein ganz besonderes Spiel, das auf einmal wie aus dem Nichts auftaucht, zieht nach und nach alle Anwesenden in Bann, Maunstein, eine Art Mischung aus Science-Fiction, Horror und absurder Space-Oper. Für ganze Passagen wandelt sich der Roman nun zu einer originalgetreuen Wiedergabe des Spielinhalts, den sich die Mitspieler*innen mal mehr, mal weniger regelgetreu gegenseitig vortragen.

Spyderling ist ein großer Lesespaß, der der Leser*in aber einiges abverlangt: Geschult an Vorbildern wie Roberto Bolaño, dessen Roman Das dritte Reich zu den großen Beispielen der Brettspiel-Literatur zählt, fährt Sascha Macht stilistisch ein reiches Angebot auf: Seitenlange Aufzählungen, Erklärungen und Ausführungen zu minimalen Handlungsdetails, die jeden Rahmen sprengen und ein nihilistischer Verweisfuror, der aus dem Lehrbuch des postmodernen Schreibens stammen könnte. Trotzdem ist Sascha Macht nicht nur ein Epigone seiner großen Vorbilder: Seine bunte Truppe schildert er mit viel Sympathie für ihre abseitigen Lebensentwürfe und einer klugen Rückkopplungs-Schleife auf den eigenen Betrieb. Und nicht zuletzt ist die Hauptfigur Daytona Sepulveda der perfekter Anker des Romans: Mit ihrer Vorgeschichte wächst sie der Leser*in sofort ans Herz (und wird wohl als eine der schillerndsten Hauptfiguren der jüngeren deutschsprachigen Literatur im Gedächtnis bleiben), als Detektivin ist sie gleichzeitig der rote Faden, den dieses seitenstarke Buch dringend braucht, in dem man sich sonst heillos verlöre – oder zumindest um den Verstand gebracht würde: Eben als wäre er ein Spiel von Spyderling.

Sascha Macht: Spyderling, DuMont Buchverlag, 480 Seiten, 25 €

Die unsichtbare Kirche überragt die sichtbare bei weitem

Jakob Noltes neuer Roman ist eine kuriose Angelegenheit: Tolldreist und todtraurig erzählt er die aberwitzige Geschichte einer Erweckung.

Der Titel trügt zunächst nicht. Tatsächlich ist der nach Alff und Schreckliche Gewalten dritte, jetzt bei Suhrkamp vorliegende Roman dieses gerne zwischen den Formen springenden Autoren, der auch im Bereich Theater und Hörspiel zahlreiche Arbeiten vorgelegt hat, sehr kurzweilig geworden und locker an einem Wochenende abgehandelt. Trotzdem hat er es in sich.

Zunächst einmal haben wir es hier verwirrenderweise mit zwei Figuren zu tun, die beide Tobias heißen und, zumindest zeitweise, ein Pärchen sind. Wir erfahren, aber das ist aufgrund ebendieser Dopplung nicht immer ganz sicher, hauptsächlich aus dem Leben eines der beiden: Wie er nach dem Abitur in einer Kunstgalerie in Potsdam jobbt, kreatives Schreiben in Hildesheim studiert, einen ersten, ausgesprochen positiv aufgenommenen Roman veröffentlicht, sich dann aber mit dem Literaturbetrieb über Kreuz legt; wie er Reisen zu Grabmälern sozialistischer Herrscher unternimmt und, in Belgrad dann, ein religiöses Erweckungserlebnis hat. Wir verfolgen Tobias schätzungsweise bis in seine Vierziger: Er ist Tele-Evangelist geworden und ein erfolgreicher YouTube-Star, bis ihn eine Steuernachzahlung von einem Tag auf den anderen in die Obachlosigkeit katapultiert. In einem Zelt in der Hasenheide beginnt das letzte Kapitel seines Lebens.

So oder so ähnlich könnte man die Handlung des Romans wiedergeben. Was nach einer stringenten Erzählung klingt, bietet Jakob Nolte denn aber als der gewitzte Erzähler, der er ist, munter nicht-chronologisch, in Bruchstücken und unterschiedlichen Varianten dar. Das beinhaltet Genre-Ausflüge wie eine Kostprobe aus dem Schreiben von Tobias, einen platten japanischen Manga-Roman, fragmentarische Prosaskizzen, ausführliche Briefwechsel und eine mysteriöse historische Episode gegen Ende des Romans, in der eine Glocke für einen Kirchturm gegossen wird.

Das ist ein tolldreister Spaß, der Mal um Mal etwas über das Ziel hinausschießt und den einen und anderen Seitenhieb auf die Abgründe des Literaturbetriebs bereithält; seine wahren Stärken entfaltet dieser Roman aber in zahlreichen Passagen von einer rätselhaften Schönheit: Da geht es etwa um Menschen, die in Hasen verwandelt werden, Kinder, die auf Waldkronen klettern, Hubschrauber, die um die Wipfel kreisen, religiöse Verzückung, und immer wieder: Tischtennis. Schließlich ist das Kurze Buch über Tobias, nach eigener Aussage ja immerhin nichts weniger als eine moderne Heiligengeschichte, auch – bei allem Spaß – eine todtraurige Angelegenheit, denn hinter der kuriosen urchristlich-inspierten Fassade kann man Züge einer ernsthaften, verzweifelten Sinnsuche erkennen. Und für Tobias, der mit dem Wahlspruch „Die unsichtbare Kirche überragt die sichtbare um ein Vielfaches“ auszieht, auf seinem kurvenreichen Weg durchaus Sympathie empfinden.

Jakob Note: Kurzes Buch über Tobias. Suhrkamp Verlag, 231 Seiten, 22 €

Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren

Eine der spannendsten Neuerscheinungen des noch jungen Jahres kommt aus dem Verbrecher Verlag. Esther Beckers Debütroman Wie die Gorillas erzählt von der Suche nach dem Platz in der Gesellschaft.

Im Theaterbereich ist Esther Becker schon länger unterwegs. Sie ist Mitglied der Theaterformation bigNOTWENDIGKEIT, 2019 wurde sie für ihr Stück Das Leben ist ein Wunschkonzert mit dem Berliner Kindertheaterpreis ausgezeichnet. Jetzt ist ihr erster längerer Prosatext erschienen.

Irgendwann, gegen Ende des Romans, findet sich die Erzählerin auf dem verschlossenen Innenhof eines Kinos wieder. Sie war die letzte in der Spätvorstellung, auch das Personal ist schon gegangen, sie wurde zurückgelassen, vergessen. Es ist ein Wendepunkt in der Geschichte, die Esther Becker bis hierher konsequent und schonungslos erzählt hat. Ihre Erzählerin ist eine Außenseiterin, die nirgendwo ihren richtigen Platz findet. Sie fühlt sich in ihrem Körper nicht wohl: Die Augen zu engstehend, zu flache Brüste, die Angst davor, zuzunehmen. Als Aktmodell an der Kunsthochschule zu posieren, fällt ihr dagegen nicht schwer. Eine Freundin wird Schauspielerin, eine andere studiert Medizin, sie schlägt sich mit einem medienwissenschaftlichen Studienprojekt herum, das sich mit den Körpergenres im Film, Porno und Horror, beschäftigt und analysiert Filme wie Carrie, Deep Throat und Die Passion Christi: „Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren, stattdessen drohe ich in einem Meer aus Sperma, Blut und Tränen zu versinken.“ Wenn sie nicht ins Kino geht, arbeitet sie in einer Bar; ihre Wohnung und ihr Äußeres vernachlässigt sie mehr und mehr.

In kurzen und genau beobachteten Kapiteln und mit viel trockenem Humor geht Esther Becker den Erlebnissen der Erzählerin und ihren Freundinnen nach. Auch sie haben es letztlich nicht besser. Svenja, die Theaterschauspielerin, erlebt den Betrieb als sexistisch. Und Olga kann ihr Medizinstudium nur aufnehmen, als sie sich von ihren streng gläubigen Eltern lossagt.

Wie die Gorillas ist aber auch ein Familienroman. Der distanzierte Vater, der sich später als schwul outet, die Mutter, die sich plötzlich, als sie in einer neuen Beziehung ist, wieder für ihre Tochter zu interessieren beginnt – die Familienverhältnisse sind alles andere als einfach, aber die Eltern sind es auch, die der Erzählerin nach der misslichen Situation im Kino helfen, auf die Beine zu kommen. Der Schluss ist versöhnlich und empowernd gleichermaßen: Für ein Videokunst-Seminar dreht sie mit ihrer Freundin Svenja einen Kurzfilm. Er ist inspiriert von Carrie.

Esther Becker: Wie die Gorillas. Verbrecher Verlag, 160 Seiten, 19 €

Buchpremiere am 3. Februar 2021 im Literaturforum im Brecht-Haus (Livestream)

Das echte Leben ist schief und manchmal schwankend

Menschen in der Großstadt: In ihrem neuen Roman lässt Nina Bußmann die Lebensentwürfe von drei Menschen aufeinanderprallen. Ein komplexer Entwurf über moderne Beziehungsgeflechte – und darüber, was diese eigentlich motiviert.

Nach „Große Ferien“, einem Ein-Personen-Kammerspiel über einen suspendierten Lehrer, und „Der Erde der Mantel ist heiß und geschmolzen“, der Geschichte einer ungleichen Frauenfreundschaft zwischen Deutschland und Nicaragua ist „Dickicht“, der dritte Roman, Nina Bußmanns bislang komplexester: Drei Figuren, Ruth, Max und Katja, deren Geschichten umeinander kreisen, die aber auch für sich alles andere als einfach sind, stehen im Mittelpunkt. Es ist auch Nina Bußmanns erster Berlin-Roman: Ein politische Aktionsbündnis für Mieterrechte spielt eine Rolle, die Stadt mit ihrem hektischen Zentrum und dem eintönigen Randgebiet, eine Stadt, in der jeder seine „Projekte“ verfolgt und doch prekäre Jobs an der Tagesordnung sind.

Ruth, um die fünfzig, Fleischbeschauerin und Tierschutzbeauftragte in einem mittelständischen Betrieb, der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, hat sowohl Kontakt zu Max als auch zu Katja. Als sie nach einem Unfall aus dem Krankenhaus entlassen wird, nimmt Katja sie bei sich auf. Ruth hatte schon davor den deutlich jüngeren Max kennen gelernt und mit ihm auch ein sexuelles Verhältnis. Sie ist Alkoholikerin: Das wird aus den im Erzählfluss nicht-chronologisch angeordneten und oft knapp gehaltenen Passagen klar. Sie hat ihre Arbeit aufgegeben, auch ihre Mietwohnung musste sie verlassen und in ein anonymes Apartment am Rand der Stadt ziehen. Ihre Familiengeschichte und die Gründe für ihr von Dritten oft als schroff und einzelgängerisch beschriebenes Verhalten bleiben im Dunkeln – ganz anders als es bei Max und Katja, der Fall ist, deren Lebensverhältnisse und emotionale Verfasstheiten sehr deutlich ausgeleuchtet werden: Max hat sein Studium und auch seinen Job als Fahrer für einen Lieferservice geschmissen, um Kindergärtner zu werden; er hat eine Schwester, Edna, die ihn in Berlin besuchen kommt, er wohnt in einer WG, die er aber plant, zu verlassen, und nimmt die Hilfe von einer Coachin, angesiedelt irgendwo zwischen Self-Help-Guru und Telefon-Abzocke in Anspruch. Katja dagegen ist gerade in ihr neues Projekt gestartet, das Jobcenter-Kunden helfen soll, ihren Lebenslauf zu ordnen und gut vorbereitet in einen neuen Karriereabschnitt zu starten; sie ist, zumindest für einen Teil des Romans, mit Milan zusammen, einem Anwalt, der an einem Erschöpfungssyndrom leidet, und auch sie hat mit gesundheitlichen Problemen, zu kämpfen, die sich durch fortschreitenden Haarausfall äußern.

Das Spannungsverhältnis zwischen den Parteien Max-Ruth und Katja-Ruth ist jeweils dasselbe: Sowohl Max als auch Katja sind „Kümmerer“, wollen Problemlöser sein, die Ruth ihre Hilfe anbieten, die aber ihrerseits Züge einer toxischen Persönlichkeit trägt: Sie nimmt die Hilfe an, gibt aber selbst wenig zurück.

Statt einem typischen Großstadtroman über die Einsamkeit vereinzelter Existenzen legt Nina Bußmann hier einen komplexen Entwurf über die vielschichtigen Beziehungen ganz unterschiedlicher Figuren vor, die niemals holzschnittartig typologisiert daherkommen. Vielmehr wird der Hintergrund ihres Handeln erzählerisch höchst detailliert ausgestaltet – bisweilen hat man das Gefühl, es hier nicht mit einem, sondern zwei oder drei Romanen in einem zu tun. Das Missverhältnis zwischen den ausführlich geschilderten Biografien Katjas und Max‘ und der nur angerissenen Lebensgeschichte Ruths erstaunt zunächst, ist aber womöglich auch eine Fährte zum Verständnis des Anliegens, das dieser Roman hat: Braucht es immer eine große Geschichte, um die Motivationen einer Person zu verstehen, oder ist ihr Handeln auch aus dem Moment zu begreifen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sollte man diesen Roman lesen.

Nina Bußmann: Dickicht. Suhrkamp Verlag, 317 Seiten, 24 €

Buchpremiere am 29. Oktober 2020 um 20:30 Uhr im Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, 10623 Berlin-Charlottenburg, Moderation: Fabian Thomas

Ich gehe durchs Gestrüpp

Von Lotto- und Zuckerkönigen, quer durch Europa und seine ehemaligen Kolonien: In Aus der Zuckerfabrik öffnet Dorothee Elmiger die Türen ihrer Werkstatt – und betritt selbst neues Terrain.

Man kann dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und wird sofort in seinen Bann gezogen. Schnell fügt sich Gelesenes, Gesehenes und selbst Erlebtes mit der Zeit zusammen: Die Geschichte des ersten Lottomillionärs der Schweiz Werner Bruni, der sein Geld ebenso schnell, wie er es gewann, wieder verlor, der Anbau von Zuckerrohr auf Haiti mit all seinen kolonialistisch-kapitalistischen Implikationen, ein Bericht über die erste Anorexie-Patientin Ellen West, den Balletttänzer Vaslav Nijinsky, Heinrich von Kleists und Henriette Vogels Doppelselbstmord am Wannsee, Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ – von wo es wieder zurück nach Haiti und die Geschichte des blutigen Sklavenaufstands geht. Geld, Gier und Begehren sind die Leitmotive; die Form ist disparat: Tagebuchaufzeichungen und kurze Prosaentwürfe wechseln sich ab mit der Wiedergabe von Gesprächsfetzen – und Selbstzweifeln:

Es wird mir alles zuviel. Wo ich doch am Anfang dachte, ich müsse alles irgendwie zusammenklauben, zusammentragen, drängen sich mir die Dinge nun geradezu auf, ich sehe überall Zeichen und Zusammenhänge, als hätte ich eine Theorie von allem gefunden, was natürlich kompletter Unsinn ist.

Die titelgebende Zuckerfabrik ist nichts anderes als die Werkstatt von Dorothee Elmiger, deren Türen sich hier weit öffnen. Neben einer imposanten Menge an Material – der Aufzählung von oben wären noch hinzuzufügen die Geschichte der Teresa von Ávila, frühe Studien über das berüchtigte Newgate-Gefängnis in London sowie die Autobiografie der peruanisch-französischen sozialistischen Schriftstellerin Flora Tristan, die nebenbei die Großmutter von Paul Gauguin war – wird auch das eigene Leben in Form von Kindheitserinnerungen, Liebesbeziehungen und surrealen Träumen thematisiert. Immer wieder wacht die Erzählerin „weit nach Mitternacht“ auf, tritt eine Wendeltreppe herab und findet sich im Elternhaus, in einem Motel an der amerikanischen Atlantikküste oder auf einer karibischen Insel wieder.

Dorothee Elmiger (Foto: Peter-Andreas Hassiepen)

Klassische Romane hat Dorothee Elmiger nie geschrieben. Doch hier, in ihrem dritten Buch, erreicht ihr Schreiben noch einmal eine neue Ebene: Den zahlreichen angerissenen Themen wird immer auch die eigene Person gegenübergestellt – wie man es aus den zahlreichen Beispielen autofiktionaler Texte aus den letzten Jahren kennt – und die Erwartung an weibliches Schreiben problematisiert:

Seit einer Weile behaupte sie Freunden gegenüber, sie arbeite an einem Buch über die Liebe, und in der Regel reagierten die Freunde lachend darauf, als hätte sie einen guten Witz gemacht, und auch sie selbst lache, wenn sie davon spreche. Sie habe sich bisher von diesen Dingen, der Liebe, dem Gefühl, dem Sex, ferngehalten, und diese Entscheidung habe ihr oft auf gewisse Weise zum Vorteil gereicht: Oft habe sie Lob dafür erhalten, dass das Spektrum ihrer sogenannten Themen sich nicht beschränke auf jene, die Frauen angeblich in der Mehrzahl bearbeiteten, sondern auch das Historisch-Politische oder Fragen und ein Vokabular der Technik mit einschließe. Als zeichne sich ihre Arbeit vor allem dadurch aus, dass sie die Kennzeichen einer als männlich verstandenen Literatur trage, obwohl sie aus der Hand einer Frau stamme – weil sie also, sagt sie lachend, trotz ihres Geschlechts zur Vernunft gekommen sei, der Larmoyanz der Frauen eine Absage erteilt und die Seiten gewechselt habe.

Die Zwischenstellung zwischen Journal, Materialsammlung und Prosaskizzen elektrisiert: Alles, sei es eine Liebesaffäre oder eine Zitat aus Susan Buck-Morss kulturwissenschaftlicher Untersuchung Hegel und Haiti, ist gleich wichtig und relevant für das eigene Schreiben; die Zusammenhänge entstehen oft erst mit dem Niederschreiben, dem Erfassen der gedanklichen Vorgänge und führen im besten Fall an einen ganz neuen Ort. Dorothee Elmiger auf diesen Wegen zu folgen, ist so erkenntnisreich wie spannend, so verstörend wie schön: „So ungefähr. Ich gehe durchs Gestrüpp. Es tschilpen auch einige Vögel. – Und dann? – Weiter nichts, es geht einfach immer weiter so.“

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. Hanser Verlag, 272 Seiten, 23 €

Über der Stadt flog lustlos ein Helikopter

Ein Liebesroman mit Aliens: Marius Goldhorn entwirft ein beunruhigend zeitgenössisches Szenario zwischen Berlin, Paris und Athen.

Die Zeit der Lockdowns, Kontaktverbote und Quarantäne-Verordnungen, die die COVID19-Pandemie im Frühjahr 2020 mit sich gebracht hat, wird auch als eine Zeit der Fülle digitaler Veranstaltungsformate in Erinnerung bleiben, die aus der Not geschlossener Literaturhäuser und Theater geboren wurden. Und gerade Debütautorinnen und -autoren sind auf Lesungen angewiesen, um überhaupt eine Grundaufmerksamkeit zu bekommen.

Zu Marius Goldhorns Park gibt es aktuell immerhin schon zwei Streams: Eine Lesung für das Literaturforum im Brecht-Haus („Vorstellung meines MacBooks, des Romans Park und anderem“) sowie „Die große Beunruhigung“ bei den Kammerspielen München zusammen mit Enis Maci, Mazlum Nergiz und Tanita Olbrich.

Arnold, ein junger Schriftsteller ist auf dem Weg nach Athen, um Odile wiederzusehen, die dort einen Film dreht. Mit ihr verbindet ihn eine etwa ein halbes Jahr andauernde Liebesbeziehung in Berlin, die abrupt abbrach, als sie, mit dem Ziel, ihrem Master an der Kunsthochschule zu machen, nach London zog. Arnolds Reise nach Athen führt über Paris, weil er von dort aus das günstigste Flugangebot erhalten hat, weswegen der dort noch etwa zwei Tage in einem Hostel verbringt.

Ein sensibler, bis an die Grenze des Hypochondrischen empfindsamer Charakter, macht sich Arnold fast unentwegt Gedanken und beobachtet sich selbst, wobei ihm iPhone und MacBook sowie zuweilen auch sein Chatpartner Veysel zur Seite stehen. Offenbar steckt er seit der Abreise Odiles in einer Lebenskrise, ist passiv, nachdenklich und verliert sich in surrealen Träumereien. Diese gipfeln in einer außerkörperlichen Erfahrung, die Arnold in seinem Hotelbett in Paris macht: Sein Körper erscheint ihm mit vielen dünnen Schläuchen besetzt, er trifft auf Aliens, die ihn (wie er glaubt, zu erkennen) „ihre Sprache lehren“ wollen; vor seinen Augen verästeln sich fraktale Strukturen.

Diese eigentümliche Figur, die Marius Goldhorn auf ihre Reise durch Europa schickt, zeichnet sich durch eine gewisse Abgekapseltheit von der Welt aus. Gleichzeitig ist Arnold aber, mehr unbewusst als bewusst, mittendrin im politischen Zeitgeschehen: Schon während seines Aufenthalts in Paris wird er über das Fernsehen Zeuge eines Attentats; später, angekommen bei Odile in Athen, gerät er mitten in die Unruhen im Autonomen-Viertel Exarchia in Athen, wird sogar von der Polizei aufgegriffen.

Spannend an der Konstruktion von Park ist die Art, wie Goldhorn seinen Protagonisten an der Wirklichkeit teilhaben lässt, dieser sich aber gleichzeitig in seiner eigenen, von YouTube-Videos, Games und Popkultur-Referenzen – bevorzugt japanischer Instrumental-Musik – geprägten artifiziellen Wirklichkeit bewegt. Die klare, einfach gehaltene Sprache, in der er selbst die aberwitzigsten Szenarien beschreibt, resultiert in einer bizarren Schönheit.

Draußen, über der Stadt flog lustlos ein Helikopter. Arnold dachte: Die Luft ist sauer und warm und schwer von Abgasen. Menschen telefonierten oder verkauften irgendwelche Plastiksachen am Straßenrand. Häuser lagen unter halbtransparenten Gerüstplanen. Arnold beobachtete eine Gruppe Männer. Sie standen vor Stapeln Rubellosen auf mobilen Holztischen, die von Fahrradspannern zusammengehalten wurden. Arnold dachte: Seitdem die Welt untergeht, sieht alles besser aus.

Die Verbindung beider Welten – der realen und der artifiziellen – gelingt Arnold am Ende des Romans: Während in Athen ein Stromausfall nach einem Unwetter das öffentliche Leben lahmlegt, erstellt er auf seinem MacBook eine neue Homepage und lädt dort alle Gedichte hoch, die er im Verlauf des Romans geschrieben hat. Sie ist abrufbar unter romcompoems.com.

Marius Goldhorn: Park. Edition Suhrkamp, 140 Seiten, 14 €

Noch ein Hinweis: Dieser Titel erscheint aufgrund der Coronakrise zunächst nur digital. Das gedruckte Buch ist ab dem 15. Juni regulär im Buchhandel erhältlich – dann am besten lokal kaufen über buchhandlung-finden.de!

Zerschlagt die Moleküle!

In Verena Güntners Power gerät die Suche nach einem verschwundenen Hund zu einer leidenschaftlich erzählten Parabel über das Zerbrechen der Gesellschaft.

Tatsächlich werden die Spuren, das hier etwas ganz gehörig aus den Fugen gerät, schon recht früh gelegt: Warum steht in der Eröffnungsszene ein Mädchen mit zerrissener Kleidung, zerzausten Haar und einem Bündel Zweige in der Hand vor einem Kaufhaus? Klären wird sich das erst ein ganzes Stück später im Buch. Erst geht es zeitlich ein paar Wochen zurück: Hilde Hitschkes Hund Power ist verschwunden. Sie beauftragt die junge Kerze damit, ihn wiederzufinden, die sofort mit der Suche loslegt. In dem kleinen Dorf, in dem Verena Güntners neuer Roman spielt, scheint das eigentlich eine leichte Aufgabe. Doch es wird sieben Wochen dauern, bis Power wieder auftaucht. Und in denen wird so ziemlich jegliche Ordnung in der kleinen Dorfgemeinschaft auf den Kopf gestellt werden. Zum einen durch Kerzes rigorose Ermittlungsarbeit, die schnell die Aufmerksamkeit weiterer Kinder auf sich zieht, die sich ihr anschließen. Zum anderen durch den ohnehin schon fragilen Zusammenhalt der Gemeinschaft, die durch Suchaktion, die schnell das beherrschende Thema der gerade beginnenden Sommerferien werden, vollends zerfällt. Kerze, die sich alle ihre Beobachtungen fein säuberlich in ein vorbereitetes DIN-A-5-Heft notiert, entwickelt zunehmend eigenwilligere Methoden, um den verschwunden Power wiederzufinden: Sie, und nach und nach auch die anderen Kinder des Dorfes, beginnen sich selbst wie Hunde zu verhalten, bellen, laufen auf allen Vieren, lehnen das Essen mit Messer und Gabel am Tisch ab. Der Höhepunkt ist erreicht, als die Kinder des Dorfes, als sie eigentlich schon kurz vor dem Aufgeben stehen, in einem letzten Kraftakt beschließen, gemeinsam in den Wald zu ziehen und sich dort als Rudel neu zu organisieren.

Treibend für diese Bewegung ist die charismatische und willensstarke Kerze (sie hat sich den Namen übrigens selbst gegeben), elf Jahre alt und fest entschlossen, ihren Auftrag zu Ende zu führen. Dabei geht sie beeindruckend souverän, aber auch mit einer mitunter grausamen Unerbittlichkeit als Anführerin vor:

Stumm, die Zähne aufeinandergepresst, treibt sie die Gruppe vorwärts und führt sie tiefer und tiefer in den Wald hinein. Denn sie weiß, es wird besser werden. Sie werden sich an die Schmerzen gewöhnen, bis sie auf ein erträgliches Maß schrumpfen und schließlich ganz vergehen. Nichts bleibt so schlimm, wie es am Anfang scheint, das weiß sie, das hat sie erlebt. Es gibt keinen unbesiegbaren Gegner. Die Grenzen sind durchlässig, immer.
„Zerschlagt die Moleküle“, ruft Kerze am sechsten Tag, als alle nur noch wimmern.
„Ich kann nicht mehr“, jammert Flori.
„Doch, du kannst!“

Daneben stellen mehrere Nebenhandlungen die zurückgebliebenen Bewohner des Dorfes näher vor, durch die mit der Zeit ein immer deutlicherer Riss geht: Auf der einen Seite steht Hilde Hitschke (oder einfach nur: „die Hitschke“, um in der Sprache des Romans zu bleiben), deren Welt langsam zerbricht, weil nach ihrem Mann Karl, der sie vor sechs Jahren verlassen hat, nun auch noch ihr Hund verschwunden ist; auf der anderen Seite steht der Sohn des Großbauern Huber („der Hubersohn“), ein zarter junger Mann, der so gar nicht für das Landleben gemacht ist, aber dafür um so mehr den starken Macher hervorkehren will und eine Bürgerwehr auf die Beine stellt, die dafür sorgen soll, dass die Kinder wieder zurückkehren.

Verena Güntner erzählt diese Geschichte, die sich mit der Zeit immer mehr auf einen düsten Showdown hinzubewegen droht, in einer mitreißend direkten Sprache, am Sound ihres Debüts Es bringen geschult, in dem sie sich gekonnt den Blickwinkel eines großspurig auftretenden Teenagers angeeignet hat. Gleichzeitig wirkt diese aus den Fugen geratende Abenteuergeschichte wie eine Parabel, die entschlossen mit gesellschaftlichen Phänomenen wie Verrohung, Zusammenbruch der Kommunikation und dem Zerbrechen von Zusammenhalt abrechnet.

Verena Güntner: Power. DuMont Buchverlag, 254 Seiten, 22 €

Verena Güntner ist zusammen mit Maren Kames, Leif Randt, Ingo Schulze und Lutz Seiler für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 in der Kategorie Belletristik nominiert. Die Preisverleihung findet am 12. März im Rahmen der Leipziger Buchmesse statt.

I used to be a lunatic

Maren Kames holt in ihrem neuen Buch zur ganz großen Geste aus: Luna Luna führt mitten hinein in die Mondlandschaften der Liebe – und des Krieges.

Weiß auf schwarz, umgeben von einem pinken Vorsatzpapier, präsentiert sich hier ein Text, der Monolog, Klagerede und Sprachperformance miteinander verbindet. Es geht um Trauer, Wut, gleichzeitig ist der Redefluss hoch reflektiert und findet immer wieder zu einer ironischen Distanz. Das zeigt sich in den Brechungen, in denen sich die Sprecherin selbst aufs Korn nimmt („warum bin ich so zerzaust? warum rauch ich so oft?“); das zeigt sich aber auch in der so heterogenen Textgestalt, in der Maren Kames ein ganzes Repertoire an Songreferenzen untergebacht hat und so auch einen Teil ihrer Poetik offenlegt: Wortwörtliche Übersetzungen, frei Assoziiertes und miteinander Montiertes lassen Luna Luna zu einem komplexen Gewebe werden, das mit einem großen musikalischen Gespür zusammengesetzt ist. Der Wahrhaftigkeit tut das alles keinen Abbruch: Auch in den ironischen Momenten, und gerade in der unbekümmerten Art, wie dieser Text bereit ist, seine Gemachtheit auszustellen, liegt eine schonungslose Ehrlichkeit, die die große Qualität von Maren Kames’ Schreiben ausmacht.

Es beginnt, drastisch, „scheiße und eiskaltz“, mit einer Trauer- oder auch Wutrede über einen schmerzlichen Verlust („ich bin circa in der mitte entzwei gebrochen/und nicht wieder heilgeworden“), und der Anrufung der Mutter, die ihr „mödchen“ (sic!) vermisst; um die Ecke lugt ein Sheitan. Dann folgt der Mittelteil „krieg“, eine Art Totentanz, oder zumindest nahe dran, in dem Körperlichkeit, Wahnsinn und Gewalt sich ihre Bahn brechen. Körper werden „zu Gold gedrillt“, ein Tyrann verschanzt sich mit Basecap im Schützengraben und verliebt sich in einen Soldaten, mit dem er zusammen kitschige Liebeslieder zum Besten gibt. Eine unwirkliche Szenerie entfaltet sich hier, in der weniger der Krieg selbst als die fatalen Auswirkungen auf die mentalen Zustände der in ihm verstrickten Akteure Thema sind. Wieder zurück vom Schlachtfeld, im dritten Teil, stößt, in einer freien Variation auf den Songtext von Lapsleys „Station“, neues Personal dazu: Eine Geisha und der Sheitan vom Anfang, der sich als „eine art dämon“, als böser Gegenspieler, das negative Prinzip an sich entpuppt:

die
gähnend klaffende,
von oben herab lachende
ableitung aus allem vermeintlich zu ende gedachten, ein zwang, die angst, die leiter abwärts, ein spross von moder, und gleitend, hinterrücks: ein laut posaunender gauner, aus dem aus klau entstandener bummer, perfide perücke, filzig, verflixt, zugleich der kamm gegen den strich, das aber! aus allen verteufelten ecken und die steigerung von ewig.
wenn’s die gäbe.
eine schimäre.

Es ist ein kurzes Innehalten, ein Moment des Zögerns zwischen sich Ergeben, Zurückziehen und Weitermachen, der den dritten Teil ausmacht, bevor Luna Luna in einer zauberhaften Wendung – „hokus pokus“ – zum großen Finale ansetzt: „In meinen gloriöseren Tagen bin ich ziemlich lunar gewesen“ hieß es am Anfang – jetzt fällt der Mond in einer fantastischen Wendung des Geschehens selbst vom Himmel, die Geisha fährt auf einem Boot davon, zusammen mit Annie Lennox, die eine Schliere von pinkfarbenem Make-up hinter sich herzieht. Schöner, tröstlicher und hoffnungsvoller könnte man sich ein Ende nicht ausmalen in einem Buch, das sich weit in die Extreme menschlicher Zustände vorwagt.

Anhören kann man sich diesen vielstimmigen Text übrigens auch als Hörspiel, das zeitgleich mit dem Erscheinen des Buches im Deutschlandfunk gesendet wurde und hier nachgehört werden kann. Und auf keinen Fall zu verpassen ist die Buchpremiere am 7. Oktober im Silent Green Kulturquartier in Berlin-Wedding.

Maren Kames: Luna Luna, Secession Verlag, 160 Seiten, 35 €

Hörspiel zum Buch beim Deutschlandfunk (Regie: Leopold von Verschuer, mit Marina Frenk, Jens Harzer, Jürgen Holtz u.a.)

Buchpremiere am 7. Oktober um 20 Uhr, Silent Green Kulturquartier, Gerichtstr. 35, 13347 Berlin