Wo die Tramschienen liegen, funkelt es

Sie versucht sich, für etwas zu interessieren. Aber immer, wenn sie sich für etwas interessiert, muss sie an das All denken.

Ist’s Lyrik? Ist’s Prosa? Man konnte Judith Kellers Texte in der Anthologie Lyrik von Jetzt 3 — Babelsprech lesen, in der BELLA triste, in der Edit und beim Literaturwettbewerb New German Fiction, dokumentiert in Veröffentlichungen von Readux Books und dem Verlag Matthes & Seitz. Und ein wenig ist ihre erste lange Buchveröffentlichung, die jetzt in der edition spoken script des Verlags Der gesunde Menschenversand erschienen ist und die simple Gattungsbezeichnung „Geschichten“ trägt, eine Mischung aus allem bisher Dagewesenen: Einige der Kurz- und Kürzesttexte finden sich bereits in ihrem Beitrag, den sie 2010 in der BELLA triste veröffentlicht hat, neu ist nun die Komposition, die die Texte in ein Narrativ bringt, allen voran der jedes der sieben Kapitel mit dem selben Titel abschließende Text „Die höchste Zeit“. Er beschreibt in deutlich surreal gezeichneten Szenen, Stück für Stück, wie eine namenlose Frau, die bereits einen langen Weg hinter sich hat, über Autobahnbrücken, dann durch eine Stadt, offenbar Zürich, hinunter zum See geht. Es ist Nacht, „ein Klimpern liegt über der Stadt, und da, wo die Tramschienen liegen, funkelt es“, sie beobachtet Schwäne, begegnet Polizisten, Bankern und Teenagern, dabei liegt eine unbestimmte Aufbruchsstimmung in der Luft, etwas Großes steht bevor. Selten ist auf so wenig Raum so viel verhandelt worden. Tipp!

Judith Keller: Die Fragwürdigen. Der gesunde Menschenversand, 148 Seiten, 18,50 €

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Ein Schweizer Wetter

Michael Fehr

Michael Fehrs Simeliberg ist ein sprödes Stück Literatur aus einem nicht ganz so idyllischen Fleck der Schweiz, das in seiner gekonnt-sperrigen Konstruktion überzeugt. Trotzdem hätte Fehr noch mehr daraus machen können.

Schweiz schwarz-weiß: Dass Schweizer Literatur mehr kann als Kuhglocken-Idylle, hat zuletzt wieder einmal Pedro Lenz in seiner Junkie-Ballade Der Keeper bin ich bewiesen, wo die Bauern sich ein Zubrot als ländliche Entzugsstationen verdienen, keiner dem anderen über dem Weg traut und sich selbst im letzten Winkel des Emmentals Ganoven und Kleinkriminelle die Klinke in die Hand geben. Michael Fehr stößt in dieselbe Richtung und räumt in seinem neuen Text Simeliberg mit dem romantischen Topos der Waldeinsamkeit auf. Statt Idylle gibt es hier jede Menge Dreck, Paranoia und militante Landjugend, auf deren Bekanntschaft man lieber verzichten würde.

Fehr hat bei einem eindrucksvollen Mundart-Vortrag im Rahmen des letztjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettlesens schon einen kleinen Einblick in sein neues Projekt gegeben, ausgezeichnet wurde er dafür mit dem Kelag-Preis. 1982 geboren, mit Ausbildung am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und an der Hochschule der Künste in Bern, ist er neben seiner Autorentätigkeit – Simeliberg ist nach Kurz vor der Erlösung seine zweite Buchpublikation im Verlag Der gesunde Menschenversand – auch Literaturvermittler, kuratiert das Lyrik-Netzwerk Babelsprech und kümmert sich um die Schweizer Seite des Open-Mike-Wettbewerbs.

Die abgehackte, radikal zerlegende, szenische Sprache des Vorgängerbandes findet sich auch in Simeliberg wieder. Das macht das Lesen erst anstrengend – fehlende Satzzeichen, scheinbar willkürliche Umbrüche – bringt dann aber nach einer gewissen Umstellungszeit den Lesefluss in ein gehöriges Tempo, eine Atemlosigkeit, die der unerhörten Geschichte, die hier wiedergegeben wird, sehr gut eignet.

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