Servus aus München

Der hochroth Verlag hat sich ein ganz eigenes Konzept überlegt, um als unabhängiger Lyrik-Verlag auf sich aufmerksam zu machen: Statt einem zentralen Verlagssitz gibt es sogenannte „Dependancen“, die sich mittlerweile schon bis Paris erstreckt haben.

Ganz neu in der Familie ist jetzt hochroth München. Die Dependance tritt mit zwei Bänden an: Felix Schiller, der in „regionale konflikte“ Körper und Geografie verschaltet („wo im großen körper ruht unruhe im kleinen?“) sowie Daniel Bayerstorfer, dessen „Gegenklaviere“ zwischen Shanghai und Venedig dem Klassischen nachspüren. Toll die Gestaltung der in Handmanufaktur hergestellten und nummerierten Bände: Ist es bei Felix Schiller eine Landkarte, die analog den Gedichten die Orte des Geschehens mitliefert, zieht sich bei Daniel Bayerstorfer eine Schallwelle durch das Buch, mal dichter, mal weitläufiger, die den musikalischen Gestus bildlich einfängt.

Beide Bände sind unter hochroth.eu zu bestellen und kosten 8 €

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Wo die Tramschienen liegen, funkelt es

Sie versucht sich, für etwas zu interessieren. Aber immer, wenn sie sich für etwas interessiert, muss sie an das All denken.

Ist’s Lyrik? Ist’s Prosa? Man konnte Judith Kellers Texte in der Anthologie Lyrik von Jetzt 3 — Babelsprech lesen, in der BELLA triste, in der Edit und beim Literaturwettbewerb New German Fiction, dokumentiert in Veröffentlichungen von Readux Books und dem Verlag Matthes & Seitz. Und ein wenig ist ihre erste lange Buchveröffentlichung, die jetzt in der edition spoken script des Verlags Der gesunde Menschenversand erschienen ist und die simple Gattungsbezeichnung „Geschichten“ trägt, eine Mischung aus allem bisher Dagewesenen: Einige der Kurz- und Kürzesttexte finden sich bereits in ihrem Beitrag, den sie 2010 in der BELLA triste veröffentlicht hat, neu ist nun die Komposition, die die Texte in ein Narrativ bringt, allen voran der jedes der sieben Kapitel mit dem selben Titel abschließende Text „Die höchste Zeit“. Er beschreibt in deutlich surreal gezeichneten Szenen, Stück für Stück, wie eine namenlose Frau, die bereits einen langen Weg hinter sich hat, über Autobahnbrücken, dann durch eine Stadt, offenbar Zürich, hinunter zum See geht. Es ist Nacht, „ein Klimpern liegt über der Stadt, und da, wo die Tramschienen liegen, funkelt es“, sie beobachtet Schwäne, begegnet Polizisten, Bankern und Teenagern, dabei liegt eine unbestimmte Aufbruchsstimmung in der Luft, etwas Großes steht bevor. Selten ist auf so wenig Raum so viel verhandelt worden. Tipp!

Judith Keller: Die Fragwürdigen. Der gesunde Menschenversand, 148 Seiten, 18,50 €

Mara Genschels Handy

Für alle, die es eilig haben: Lesen Sie Cute Gedanken von Mara Genschel, das Buch ist sehr gut.

Für alle anderen, eine Einleitung: Zwischen dem 20.08. und dem 02.11.2016 wäre Mara Genschel unter der Nummer +1 319 930 6339 in Iowa zu erreichen gewesen – dass die Vereinigten Staaten die +1 zur Vorwahl haben, finde ich sehr lustig –, wo sie als Stipendiatin eines von der CIA finanzierten Programms die schwere Bürde antrat, „offiziell die deutsche Literatur zu repräsentieren“. Als wäre das nicht schon schlimm genug, stellte sich ihr „sehr preiswertes amerikanisches Mobiltelefon“, genauer: seine Korrekturfunktion, in das sie anfing „Überlegungen zu notieren, in denen meine teilweise verzweifelte Situation in dilettantischer Manier zu reflektieren ich mich nicht schämen musste, da das Gerät mich um Peinlichkeit oder Dummheit übertraf“, als Endgegner heraus. Oder Koautor. Oder Sparringpartner. Oder Blackbox. Das ist schwierig zu sagen.

Feststellen lässt sich aber, dass in den 75 Texten, deren narrativer und institutioneller Rahmen der Zeitraum des Stipendiums bildet, zwei Konzepte von Sprechen, zwei Erzählinstanzen, ja, zwei Körper aufeinandertreffen. Die Stimme und der Körper des Ichs, das von sich selber behauptet, mit Vornamen Mara zu heißen, das Beobachtungen, Gedanken, und Erlebnisse festzuhalten versucht, und das Rechtschreibprogramm des Handys, das in der Art eines siebenjährigen Cousins, der so nervig wie wirkmächtig ist, nicht nur klugscheißerisch ins Sprechen hineinfunkt, sondern über die Darstellungsfunktion des Displays auch für die Form der Dreizeiler, die Gedichtförmigkeit der Texte verantwortlich ist.

Das klingt dann so: „Jeder going einzeln / an ein Mikro um such / vorzustellen. Stets klatschten // alle.“ Oder so: „I’m small talk diner / kleineren Constellation / fuel das Wort ‚poets life‘.“ Oder so: „Ist sir nicht sogar wie eine / strange Mutter?“ Oder: „Ich bin doch nur 1 hinkender, / angeschossener General (MIT / eisblaue mm Haar)“. Aber auch so: „Schreiben in einem Zustand der / Empörung über den Zustand / Ohne den Zustand zum // Gegenstand zu machen??“ Oder so: „Aber warum muss ich immer / wieder so hart und ernsthaft / zusammenbrechen?“ Oder so: „Ich bin doch nur das blöde, / von Hier zerfressene Eichhorn / das tunlichst zusehen sollte // nicht überfahren zu werden / bei seiner offensichtlich / unendlichen Nusssuche!“

Alles verwandelt sich ständig. „Sie“ wird zu einem „sir“, der zu einer „strange[n] Mutter“ wird. In „uns“ erkennt das Handy die Vereinten Nationen und macht sie zu „UN’s“, was so seltsam wie wunderschön ist, aber das Beste ist, dass es von Stellen wie diesen hunderte gibt. „Als“’e kommen als „Al’s“ vor und Autorinnen und Autoren als „Autoren I and rinnen“, dass ich beim Lesen die ganze Zeit über den Eindruck hatte, die Texte wären von gespenstähnlichen, der amerikanischen Popkultur entnommenen Wesen bevölkert, die ich nicht kenne, weil es eben amerikanische sind, welche das Handy in die Gedichte hineinpresst. Fluide Gebilde, die sich aus Fehlern zusammensetzen, die „Hallucinaton“’s „Susan men hang loser Zombie“’s sind, die sich die ganze Zeit über verschieben und morphen und ineinander verschmelzen, als sähe man einer riesigen geléeartigen Masse, von der man nicht weiß, welche Form sie als nächstes annehmen wird, beim Wabern zu. Nichts ist sicher.

Es ist nicht klar, wann und warum das Programm auf gewisse Sätze oder Worte zugreift, während es andere unberührt stehen lässt. Es tut es einfach. Und sowenig Zugriff die Sprecherin auf die Situation hat, in der sie sich befindet – „Ever / kommt es me r am 10. Tag so / vor, Al’s sei ich in ein System / geraten, an dem nur es / Ausführende beteiligt sind“ –, so wenig Zugriff hat sie auf ihr Schreibgerät, das zu tun scheint, was es will. Ist es also richtig, diese Texte als Kampf zu lesen? Zwischen Institution und ich? Zwischen Schreibender und Schreibgerät? Zwischen Schreiben und den Rahmenbedingungen, in dem es stattfindet – diesen „gleißend ästhetischen / Momente[n], von denen man Tail / zu sein glaubt, und such / deshalb MIT hineinmontiert, nicht?“ Oh mein Gott, Schreiben, das heißt „schre I Ben“, wer hat diese Texte denn jetzt überhaupt verfasst? Mara Genschel? Ein billiges amerikanisches Mobiltelefon? Die CIA? Das International Writing Program (IWP) in Iowa? Oder ist es eine Koproduktion aller, die Kooperation der Autorin und ihres Handys, die sich im Zusammenspiel in eine dichtende Terminatrice verwandeln? Keine Ahnung.

Ein Schweiß lag über der
Stadt. Die Studentinnen
kauerten mit fettigen oder

geduschten Haaren über ihren
facebook und drückten sich
Pickel aus während die

Vokalbeln lernten. Jeder
Innenraum war sehr kalt und
still bus auf die, die

ungezogen husteten.

Das Tolle an diesen Texten ist, dass es so viele Brüche in ihnen gibt, so viele Fehler und Seltsamkeiten, die beabsichtigt nicht hätten hergestellt werden können, während sie sich gleichzeitig auf so viele verschiedene Arten lesen lassen: als Code oder Übersetzung, als Institutionskritik, als Reisetagebuch, als Kampf zwischen den Geräten und denjenigen, die sie benutzen, als Konzept, als Experiment, als Kooperation, als automatisches Schreiben im Wortsinn, als Texte, die zerfließen, in denen Wirklichkeiten miteinander kollidieren und darüber neue, hyperreale entstehen. Ein bisschen so, als stoße man in einem Videospiel auf einen Fehler, der die Spielerin oder den Spieler, die Leserin oder den Leser, durch Wände gehen lässt. Vielleicht also: Texte wie Glitches. So blöd und so klug und so schön und so witzig und so traurig und das alles gleichzeitig. So hyperreal irgendwie. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass ich zu viel Zeit im Internet verbringe. Das kann auch sein. Lesen Sie das Buch bitte trotzdem. Es ist sehr gut.

Mara Genschel: Cute Gedanken. roughbooks, 96 Seiten, 10 €

Benjamin Quaderer studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und Wien, und liest gern.

Erkundungen im ewigen Weiß

kames-buch-cover

Eines der ungewöhnlicheren Bücher in diesem Herbst kommt von Maren Kames: Ihr Debüt Halb Taube Halb Pfau mischt Prosa, Drama und Lyrik und ist Studie über die Überwindung der Einsamkeit.

Halb Taube Halb Pfau lässt sich auf viele Arten lesen: Gleich zu Beginn wird das Ich auf eine Art Expedition geschickt, in eine arktische Landschaft, die aber eher in der Vorstellung als der Realität verortet scheint. Es handelt sich um ein ewiges Weiß, in dem die Orientierung verlorengeht, das aber dennoch kartografiert und ausgekundschaftet werden muss: Mit Expeditionshut (beige) und Stirnlampe machen sich Erzähler und Leser an der Landschaft zu schaffen.

Hier geht es um eine Suche nach Nähe, Austausch, Überwindung einer grundlegenden Einsamkeit. Das quasi-wissenschaftliche Vokabular, mit dem Maren Kames operiert, erfüllt dabei zwei Funktionen: Es setzt einerseits die rationale Auseinandersetzung dem Gefühlsüberschwang als ein Gleichgewicht gegenüber; gleichzeitig entlarvt es sich aber auch selbst, indem es die eigene Unzulänglichkeit zur Schau stellt. Der weißen Eiswüste ist eben nicht so einfach beizukommen mit Tropenhelm oder Stirnlampe.

Mittels Rückblenden in Familien- und Kindheitsszenen fügt Kames zeitliche Ebenen hinzu, wobei sie mit den Gattungen frei hantiert: mal dialogisch, mal lose rhythmisch geordnet, teils in Kaskaden, teils Zeile pro Zeile, Seite für Seite, mit viel Raum dazwischen, wird das Material arrangiert.

Man kann mit diesem Buch auf eine sinnliche Reise gehen. Dazu tragen auch in den Text eingestreute Kurz-Hörstücke bei, die das Geschriebene mündlich aufgreifen, variieren und musikalisch untermalen. Ein im Wortsinne Grenzen überschreitendes Buch, das vom Verlag übrigens ein Sonderformat und einen prächtig schillernden Leineneinband spendiert bekommen hat – und ein bemerkenswertes Debüt!

Maren Kames: Halb Taube Halb Pfau. Secession Verlag für Literatur, 150 Seiten, 35 €

Dieser Artikel erscheint zur Frankfurter Buchmesse 2016. Maren Kames stellt Halb Taube Halb Pfau an folgenden Terminen vor:

Mittwoch, 19. Oktober, 20 Uhr, Hessisches Literaturforum im Mousonturm: Debütantenball Deluxe mit Maren Kames, Stephan Reich, Philipp Winkler, Julia Wolf

Freitag, 21. Oktober, 17 Uhr, Open Books im Frankfurter Kunstverein: Junges Doppel II mit Bastian Asdonk und Maren Kames

frankfurter-buchmesse-2016

Was die Wolke dichtet

cloudpoesie

„Es wird wehtun“; „es wird nicht ganz zu kontrollieren sein“: Eingangs Warnungen, wie sich selbst zugesprochen, wussten doch weder Andreas Bülhoff, Martina Hefter, Georg Leß, Katharina Schultens noch Charlotte Warsen so ganz genau, worauf sie sich mit diesem Projekt einließen.

Das Ergebnis mehrerer Workshops, auf dem sich Coding, Poesie und Proben für eine Performance miteinander verschränkten, konnte am 22. November im Berliner Theaterdiscounter begutachtet werden: Dichter unter Hypnose, unter einem Moskitonetz aneinandergekuschelt, dazwischen großflächig Projektionen mit Tanzszenen und Rabenflug und wie zufällig herumliegende Auberginen.

Nun steht – unter Einbeziehung der Performance im Theaterdiscounter und Beteiligung des anwesenden Publikums (so konnten etwa Audiosamples live vor Ort eingesprochen und Chats geführt werden) eine erste Version von Cloudpoesie – Dichtung für die vernetzte Gesellschaft als hybrides E-Book bereit, das gemeinsam vom KOOK-Verein und dem Digitalverlag mikrotext herausgegeben wird.

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Animation: Andreas Töpfer

Und das ist eine echte Augen- und Ohrenweide. Wunderbar verspielte Kurzgedichte („protagon, verzeih“), repetitive experimentelle Textmassen wechseln sich ab mit gewitzten GIF-Animationen aus der digitalen Feder Andreas Töpfers; im Zentrum des Ganzen ein Musical mit Ungeheuern, in dem Gartenroboter Gesänge zu der Frage anstimmen, „warum das Ungeheuer sie schlägt“ – ein derart lustvoller kreativer Overkill kann einem schon einmal die Sprache rauben. Und das klingt dann so: „Wentkräff deren und warkellenener Loger und rene Pass oden A.M., nobote nichteräte anch satundere nach zu inforgume Gras weln sch zu hen S. Menachen von bren Icht den 9 unges kom”)“. Wer will, kann mit Audiosamples das Medium wechseln oder sich durch behutsam gesetzte Hyperlinks gleich wieder in das große Referenzsystem des Internets katapultieren lassen, wo etwa Diagramme zur Theorie des Uncanny Valley lauern. Die Textsorten changieren währenddessen fröhlich vom Kinderreim zur Spielanleitung mit Safeword und mittelalterlichen Rezeptanweisungen, die auf Plinius verweisen; eine Form, ein äußeres Raster scheint immer wieder durch (etwa begonnene Aufzählungen), um aber gleich darauf wieder lustvoll verworfen zu werden.

Ein hemmungsloser, anarchischer Spaß ist hier gelungen, der das Zeug hat, das Feld der Gegenwartslyrik um eine ganze Wagenladung neuer Impulse zu bereichern. Übrigens: Das E-Book war in seiner ersten Version, soviel Geheimniskrämerei muss sein, nur am Abend der Performance erhältlich. Eine bearbeitete Version soll aber in Kürze auf einschlägigem Wege erhältlich sein.

Line By Line: Emily Dickinson In The Box

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Lyrik im E-Book – da trauen sich derzeit noch nicht so viele Verlage heran, zu orchideenhaft-winzig scheint der digitale Markt, um auch noch die Orchideenabteilung der Literatur dort heimisch zu machen.

Auch technisch steht der optimalen Präsentation des Genres, wie die New York Times weiß, noch einiges entgegen – auch wenn sich das langsam ändert: Line by Line, E-Books Turn Poet-Friendly, so hieß ein schöner Artikel im vergangenen Herbst.

Gerade der ehrwürdige Hanser Verlag, eine der letzten unabhängigen Bastionen der guten alten Verlagskultur, hat sich nun herangewagt an ein E-Book mit Gedichten: Die Hanser Box Emily Dickinson und der Wind präsentiert 33 Gedichte, eingeleitet und (schön!) einzeln kommentiert von Gunhild Kübler. Siehe da – geht doch! Und sieht sogar ganz gut aus (was man zu einem Teil aber auch Dickinsons elegantem Zeilenschwung zu verdanken hat).

Das 2,99 € billige Schmankerl fungiert gleichsam als Kostprobe und Appetitanreger für die prächtige Gesamtausgabe sämtlicher Dickinson-Gedichte, die der Verlag dieses Jahr voller stolz in Original und Übersetzung auftischt. Für den wirklichen Fan lohnen sich aber freilich beide Anschaffungen – der kenntnisreiche Küblersche Kommentar findet sich nämlich nur in the box!

Blutjesus telefoniert mit dem BKA

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Experimentelle Lyrik hin oder her, von den derzeit erhältlichen Lyrikbänden ist Ulf Stolterfohts Neu-Jerusalem der zugänglichste: Problemlos lässt sich dieses buchlange Gedicht in einem Rutsch herunterlesen. Die Geschichte, die es erzählt, benötigt aber einige Verdauungszeit.

Zunächst einmal ist Stolterfoht seinen Cowboy-Wurzeln treu geblieben, die er zuletzt im gleichnamigen roughbooks-Bändchen zusammen mit Studenten des Leipziger Literaturinstituts beschwor. Indianer tauchen hier auf, Countrysänger Waylon Jennings und Willie Nelson streifen durch die Zeilen, und mittendrin der betrunkene Prediger Wagenblast: „was seid ihr denn für ein übler haufen heute nacht? ihr wisst genau, wie/man sich danebenbenimmt, schon mal was vom ‚anti-christ‘ gehört?/hat irgendeiner von euch schon mal vom ‚anti-christ‘ gehört?“

Wagenblast ist eine der beiden Hauptfiguren in diesem Band, neben einen gewissen Blutjesus und seiner Gemeinde von Radikalpietisten, die in Berlin-Schöneberg ihr Unwesen treiben, das sogar BND, BKA und den Verfassungsschutz auf den Plan ruft. War Michael Braun im Signaturen Magazin einigermaßen bestürzt über dieses „religiöse Buch wider Willen“, bei dem er eine „unfreiwillige Sakralisierung des poetischen Stoffs“ fürchtet und das für Stolterfoht offenbar typische Erkennungsmerkmal, die Auflösung aller festen semantischen Bindungen, vermisst, muss fairnesshalber entgegnet werden: Das wilde, anarchische und in weiten Teilen urkomische Parlando dieser Verse sucht seinesgleichen in der Gegenwartslyrik. Die Geschichte der radikalpietistischen Strömungen um 1700, Auswanderungswellen nach Amerika, und ein irritierend gegenwärtiger Blick auf Berlin überlagern sich virtuos, und vorgetragen wird das Ganze in einem wummernden Sprechgesang-Duktus, der selbst vor kalauernden Binnenreimen nicht halt macht: „(…) die/drohnen waren vom glauben beseelt, ‚dass etwas sei‘. sanft/küsst sie das fürstliche beil. und sie? behielten ihren glau-/ben bei. und wir? befinden uns im jahre 1703“.

Außerdem, wo findet man schon in einem Literaturverzeichnis Bob Dylans Songtexte neben Francis Bacons Neu-Atlantis? Eben.

Ulf Stolterfoht: Neu-Jerusalem. Kookbooks, 104 Seiten, 19,90 €