Wo die Tramschienen liegen, funkelt es

Sie versucht sich, für etwas zu interessieren. Aber immer, wenn sie sich für etwas interessiert, muss sie an das All denken.

Ist’s Lyrik? Ist’s Prosa? Man konnte Judith Kellers Texte in der Anthologie Lyrik von Jetzt 3 — Babelsprech lesen, in der BELLA triste, in der Edit und beim Literaturwettbewerb New German Fiction, dokumentiert in Veröffentlichungen von Readux Books und dem Verlag Matthes & Seitz. Und ein wenig ist ihre erste lange Buchveröffentlichung, die jetzt in der edition spoken script des Verlags Der gesunde Menschenversand erschienen ist und die simple Gattungsbezeichnung „Geschichten“ trägt, eine Mischung aus allem bisher Dagewesenen: Einige der Kurz- und Kürzesttexte finden sich bereits in ihrem Beitrag, den sie 2010 in der BELLA triste veröffentlicht hat, neu ist nun die Komposition, die die Texte in ein Narrativ bringt, allen voran der jedes der sieben Kapitel mit dem selben Titel abschließende Text „Die höchste Zeit“. Er beschreibt in deutlich surreal gezeichneten Szenen, Stück für Stück, wie eine namenlose Frau, die bereits einen langen Weg hinter sich hat, über Autobahnbrücken, dann durch eine Stadt, offenbar Zürich, hinunter zum See geht. Es ist Nacht, „ein Klimpern liegt über der Stadt, und da, wo die Tramschienen liegen, funkelt es“, sie beobachtet Schwäne, begegnet Polizisten, Bankern und Teenagern, dabei liegt eine unbestimmte Aufbruchsstimmung in der Luft, etwas Großes steht bevor. Selten ist auf so wenig Raum so viel verhandelt worden. Tipp!

Judith Keller: Die Fragwürdigen. Der gesunde Menschenversand, 148 Seiten, 18,50 €

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See Before Reading: Readux #4

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Don’t judge a book by its cover? Das Gegenteil ist der Fall: Bei der neuen Readux-Serie erzählt das Cover eine Geschichte ohne Worte.

Findig muss man sein: Readux Books, der kleine Verlag der Berlin-based Übersetzerin Amanda DeMarco, verlegt seit knapp zwei Jahren englischsprachige Bücher im Pixi-Format, günstig im Preis, dafür literarisch hochwertig. So konnten etwa Klassiker wie Franz Hessels Spaziergänge durch Berlin wieder neu in den Fokus gerückt und junge deutschsprachige Autoren wie Philipp Schönthaler erstmals einem internationalen Publikum zugänglich gemacht werden.

Einher damit geht stets auch eine ausgesuchte Gestaltung: Da Amanda für jede Reihe ein eigenes Coverkonzept verfolgt, unterscheiden sich die Readux-Büchlein äußerlich sehr stark voneinander: Wuselig in der ersten Reihe, geometrisch-klar in der zweiten und pop-collagenartig in der dritten Reihe.

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Für die vierte Serie, in der die Gewinnertexte des in diesem Jahr erstmals ausgeschriebenen New German Fiction Preises, Judith Keller und Inga Machel und, ganz am Rand, neue Texte des großen Eliot Weinberger erscheinen, durften André Gottschalk und Susanne Stahl ihr Konzept See Before Reading zur Anwendung bringen – und das ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert: Wirken diese Cover auf den ersten Blick chaotisch wie das Innere eines Kaleidoskops, entschlüsselt sich auf den zweiten Blick mittels eines beigefügten Codes Schicht um Schicht die Komposition der abstrakten, kräftig leuchtenden Bildflächen:

See Before Reading (…) uses visual codes to make texts comparable to each other, and potentially to help readers select among texts by making their structural characteristics visible. See Before Reading translates content into three levels of symbols: the first level indicates the genre, the second level reflects the atmosphere of the novel and the third level provides information about the narrative structure. A small legend helps readers ‘decipher’ the beautiful and seemingly abstract visual code.

Also visuelle Reize, die schon vor dem Lesen für die richtige Stimmung sorgen? Klingt märchenhaft – zumindest aber nach einem Konzept, das tatsächlich neue Wege geht und den Begriff des Covers einmal anders definiert. Besonders im Hinblick auf neue Gestaltungswege beim E-Book (Gruß an Charlotte!) könnte da vielleicht der ein oder andere hellhörig werden.

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Einen Blick in die visuellen Schlüssel kann man hier werfen.

Readux Books #4 wird heute Abend in Leipzig im Café bau bau und morgen Abend im Babylon Kino in Berlin-Mitte vorgestellt. Eintritt frei!