Ich bin’s, dein Feuerhörer

Valzhyna Morts Gedichtband Musik für Tote und Auferstandene erzählt aus der oft brutalen Geschichte ihrer Heimat Belarus – vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Aufständen dieser Tage.

Am 9. August 2020 wurde Alexander Lukaschenko mit einer Stimmenmehrheit von 80,1 Prozent in seinem Amt als Präsident von Belarus bestätigt. Noch am Wahlabend begannen Proteste gegen die gemeinhin als gefälscht geltende Wahl, die über Monate hinweg andauerten und immer brutaler niedergeschlugen wurden.

Die belarussisch-amerikanische Dichterin Valzhyna Mort hat diese Proteste ausführlich auf Twitter dokumentiert und begleitet. So schreibt sie etwa am 23. August 2020: „I always thought our wide avenues are built for military marches and tanks. It turns out they are built for people.“

Die massenweisen Verhaftungen der Demonstranten durch maskierte Sicherheitskräfte thematisiert sie ebenfalls: „Poets Hanna Komar and Uladzimir Liankevich were detained in Minsk today. I quoted Hanna a couple of days ago in my Twitter feed. Now we don’t know where she is.“

Auch in ihrem dritten Gedichtband Musik für Tote und Auferstandene, der jetzt im Suhrkamp Verlag erschienen ist, finden sich Echos der Proteste: In einem eigens für die deutsche Ausgabe geschriebenen so genannten „Spurentext“ erzählt Valzhyna Mort die Geschichte ihres ehemaligen Klassenkameraden Maxim Snak, der seit September 2020 in Haft ist und von Amnesty International inzwischen als politischer Gefangener eingestuft wird. Wie durch ein Brennglas wird hier das Thema des Gedichtbands auf den Punkt gebracht: Die Geschichte der Gewalt in Belarus.

Wie schon in Tränenfabrik und Kreuzwort sind die langen, ausdrucksstarken Gedichte von Valzhyna Mort von einer Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte geprägt. Für die 1981 in Minsk Geborene, die nun schon 15 Jahren in den USA lebt, ist das Heimatland immer noch so unmittelbar gegenwärtig, das selbst Kindheitserinnerungen aus Sowjetzeiten unheimlich nah wirken:

Zukunft, die nach dem Tramfahrplan geht. Die Straßen stellten sich vor
mit ihren Mördernamen,
ich aber schuf mir, in mir 

eine eigne Kammer,
dort räumt die Erinnerung –
illegale Zeitmigrantin –
fleißig auf hinter der Einbildungskraft. 

Großmütter tauchen auf, die in ihren „Knipsbörsen“ ebenso die Schokolade wie Sterbeurkunden von Verwandten aufbewahren, das Kind lernt mit großer Freude Akkordeon spielen, der Winter macht sich durch „gnadenlose Schneetage im Küchenfenster“ breit. Was ist mit dem Bruder der Großmutter geschehen, dessen Briefe bei einem Umzug nach dem Großen Vaterländischen Krieg verloren gegangen sind? Wie beeinflusst einen selbst in der Ferne noch die Schwere dieser Geschichten? Was bedeutet es, „Versuchsperson für den glühenden Reaktorkern von Großmutters Erinnerung“ zu sein, in der so viel Tod, Knochen und Gräber vorkommen?

Die Tochter, die Enkeltochter, die sich erinnert, um ihre eigene Identität zu finden: Auf die beiden längeren Gedichte „Haltestellen: Ars Poetica“ und „Ein Versuch in Ahnenforschung“, die Übersetzungen beide jeweils dem belarussischen bzw. englischen Original gegenübergestellten Texte (die Übersetzungen haben Katharina Narbutovič und Uljana Wolf angefertigt) folgen einige kürzere, die sich als Lieder („Lied für ein Taschenmesser“), Psalme oder einfach „Musik“ („Musik für Mädchenstimme und Bison“) ausgeben; auch ein Prosateil, wie es ihn in Kreuzwort bereits gab, kommt dazu. Schichtweise wird so Episoden aus der Familiengeschichte, Erinnertes, Erzähltes, eine oft leichte, verspielte Form gegeben.

Oft genug geht es aber um die Spuren, die die Gewalt in der Familiengeschichte hinterlässt. Und die surrealen Bilder, mit denen Valzhyna Morts Gedichte diese einfangen, sind die, die am längsten im Gedächtnis haften bleiben:

Ein Wählscheibentelefon ist ein Genpool.
Mein Körper klingelt, sprintet
dass ich meinen Kopf
auf die starke Schulter eines Hörers lege.

Hallo, hier ist Blut! Blut hat eine schwache Leitung.
Im Hörer ein Knistern
als riefe mich Feuer an.
Wer ist da?

Ich bin’s, dein Feuerhörer.

Valzhyna Mort: Musik für Tote und Auferstandene. Gedichte. Edition Suhrkamp, 142 Seiten, 15 €

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