Über der Stadt flog lustlos ein Helikopter

Ein Liebesroman mit Aliens: Marius Goldhorn entwirft ein beunruhigend zeitgenössisches Szenario zwischen Berlin, Paris und Athen.

Die Zeit der Lockdowns, Kontaktverbote und Quarantäne-Verordnungen, die die COVID19-Pandemie im Frühjahr 2020 mit sich gebracht hat, wird auch als eine Zeit der Fülle digitaler Veranstaltungsformate in Erinnerung bleiben, die aus der Not geschlossener Literaturhäuser und Theater geboren wurden. Und gerade Debütautorinnen und -autoren sind auf Lesungen angewiesen, um überhaupt eine Grundaufmerksamkeit zu bekommen.

Zu Marius Goldhorns Park gibt es aktuell immerhin schon zwei Streams: Eine Lesung für das Literaturforum im Brecht-Haus („Vorstellung meines MacBooks, des Romans Park und anderem“) sowie „Die große Beunruhigung“ bei den Kammerspielen München zusammen mit Enis Maci, Mazlum Nergiz und Tanita Olbrich.

Arnold, ein junger Schriftsteller ist auf dem Weg nach Athen, um Odile wiederzusehen, die dort einen Film dreht. Mit ihr verbindet ihn eine etwa ein halbes Jahr andauernde Liebesbeziehung in Berlin, die abrupt abbrach, als sie, mit dem Ziel, ihrem Master an der Kunsthochschule zu machen, nach London zog. Arnolds Reise nach Athen führt über Paris, weil er von dort aus das günstigste Flugangebot erhalten hat, weswegen der dort noch etwa zwei Tage in einem Hostel verbringt.

Ein sensibler, bis an die Grenze des Hypochondrischen empfindsamer Charakter, macht sich Arnold fast unentwegt Gedanken und beobachtet sich selbst, wobei ihm iPhone und MacBook sowie zuweilen auch sein Chatpartner Veysel zur Seite stehen. Offenbar steckt er seit der Abreise Odiles in einer Lebenskrise, ist passiv, nachdenklich und verliert sich in surrealen Träumereien. Diese gipfeln in einer außerkörperlichen Erfahrung, die Arnold in seinem Hotelbett in Paris macht: Sein Körper erscheint ihm mit vielen dünnen Schläuchen besetzt, er trifft auf Aliens, die ihn (wie er glaubt, zu erkennen) „ihre Sprache lehren“ wollen; vor seinen Augen verästeln sich fraktale Strukturen.

Diese eigentümliche Figur, die Marius Goldhorn auf ihre Reise durch Europa schickt, zeichnet sich durch eine gewisse Abgekapseltheit von der Welt aus. Gleichzeitig ist Arnold aber, mehr unbewusst als bewusst, mittendrin im politischen Zeitgeschehen: Schon während seines Aufenthalts in Paris wird er über das Fernsehen Zeuge eines Attentats; später, angekommen bei Odile in Athen, gerät er mitten in die Unruhen im Autonomen-Viertel Exarchia in Athen, wird sogar von der Polizei aufgegriffen.

Spannend an der Konstruktion von Park ist die Art, wie Goldhorn seinen Protagonisten an der Wirklichkeit teilhaben lässt, dieser sich aber gleichzeitig in seiner eigenen, von YouTube-Videos, Games und Popkultur-Referenzen – bevorzugt japanischer Instrumental-Musik – geprägten artifiziellen Wirklichkeit bewegt. Die klare, einfach gehaltene Sprache, in der er selbst die aberwitzigsten Szenarien beschreibt, resultiert in einer bizarren Schönheit.

Draußen, über der Stadt flog lustlos ein Helikopter. Arnold dachte: Die Luft ist sauer und warm und schwer von Abgasen. Menschen telefonierten oder verkauften irgendwelche Plastiksachen am Straßenrand. Häuser lagen unter halbtransparenten Gerüstplanen. Arnold beobachtete eine Gruppe Männer. Sie standen vor Stapeln Rubellosen auf mobilen Holztischen, die von Fahrradspannern zusammengehalten wurden. Arnold dachte: Seitdem die Welt untergeht, sieht alles besser aus.

Die Verbindung beider Welten – der realen und der artifiziellen – gelingt Arnold am Ende des Romans: Während in Athen ein Stromausfall nach einem Unwetter das öffentliche Leben lahmlegt, erstellt er auf seinem MacBook eine neue Homepage und lädt dort alle Gedichte hoch, die er im Verlauf des Romans geschrieben hat. Sie ist abrufbar unter romcompoems.com.

Marius Goldhorn: Park. Edition Suhrkamp, 140 Seiten, 14 €

Noch ein Hinweis: Dieser Titel erscheint aufgrund der Coronakrise zunächst nur digital. Das gedruckte Buch ist ab dem 15. Juni regulär im Buchhandel erhältlich – dann am besten lokal kaufen über buchhandlung-finden.de!

Wirklichkeit als Annahme

Enis Maci spannt in ihren Essays einen großen Bogen – von der europäischen Geschichte zur eigenen Kindheit, von Wikipedia-Löschdiskussionen zu identitären Instagram-Role-Models und von der Kleidung der Eingeschworenen Jungfrauen zu Zeeman-Tanktops.

So vollzieht jeder der acht Beiträge in Eiscafé Europa eine Denkbewegung nach, die gleichermaßen forschend wie assoziativ vorgeht. Etwa was die verschiedenen Formen der Selbstinszenierung angeht: Die Erinnerung an eine Tante, die als „Eingeschworene Jungfrau“ in Männerkleidung lebt, vernetzt sich mit dem Bild als Teenager in Jogginghosen und grauen Tanktops von Zeeman und der Inszenierung von weiblichen identitären Role Models im „fascist style“ mit Ray Ban und Schlagring im Café. Spontane Beobachtungen und längere Exkurse verteilen sich über das ganze Buch, die Zusammenhänge werden oft erst im Rückblick erkennbar.

Ein weiteres großes Thema, dass diese Essays durchzieht, ist der Zugriff auf Wissen – und dessen Flüchtigkeit. Maci zitiert aus Wikipedia-Artikeln und nutzt das Internet Archive sowie die Wayback Machine, um verloren gegangene Inhalte zu rekonstruieren. Manches aber bleibt verschollen: Der Wikipedia-Artikel „Okkulte DDR“ ist Opfer einer Löschdiskussion geworden, und auch die Arbeit des Vaters, der für ein Internetforum deutsche Zeitungsartikel ins Albanische übersetzte, ist nach Einstellung des Forums unwiederbringlich verloren gegangen.

Er hatte die Übersetzungen meist direkt in das Feld innerhalb des Browserfensters getippt, das man zum Posten benutzt, ohne den Umweg übers Textverarbeitungsprogramm zu gehen. Erst war ich fassungslos, dann sehr betreten. Wir sprachen über die gefährdete Pressefreiheit in Albanien, über die Manipulation europäischer Wählerinnen, über Cambridge Analytica und bezahlte Trolle, über albanische Fernsehmoderatorinnen, die sich, der eigentlichen Spracheanscheinend kaum mächtig, in einer Art einzigem Neologismus ausdrücken, auf eine Weise, für die Emigrantenkinder in den Dutzenden Sommern seit der Wende scharf gescholten worden sind.

Abschließend warnte er mich, wie er es schon immer getan hat, ich möge stets Sicherheitskopien anfertigen, dreifach, auf einer externen Festplatte, auf Papier und schließlich in der Wolke, wie er die digitale Cloud ganz selbstverständlich nennt.

Das Verschwinden bestimmter Informationen kann aber auch politische Implikationen haben: Die öffentlich einsehbaren Instagram-Profile, in denen sich die identitären Role Models Melanie Schmitz und Alina Wychera („fascist style“) inszenieren wurden vom Betreiber gesperrt, die dort getätigten Aussagen lassen sich nicht mehr belegen.

Die Essays von Enis Maci dienen damit nicht nur der Bewahrung von Erinnerungen, sondern haben auch einen dokumentarischen Charakter, indem sie einen Blick hinter die Kulissen unserer Gegenwart werfen. Wenn die Wirklichkeit zur Annahme wird, wie es an einer Stelle heißt, ist dies vielleicht die beste Reaktion.

Enis Maci: Eiscafé Europa. Essays. Edition Suhrkamp, 240 Seiten, 16 €

Marx, aber als Zombie gedacht

In den USA hat die Zeitschrift Jacobin dem guten alten Klassenkampf ein modernes Image verliehen. Jetzt kann man ausgewählte Texte auch auf Deutsch lesen – in einer Anthologie und einem neuen Online-Magazin.

Jacobin war im Gründungsjahr 2010, wie Loren Balhorn, einer der aktuellen Redakteure, es beschreibt, „ein zu jener Zeit bescheidener Versuch, sozialistische politische Vorhaben so darzustellen, dass sie für Millionen Amerikaner, die unter wirtschaftlicher Stagnation, einer erdrückenden Schuldenlast und einem allgemeinen Gefühl des politischen Unbehagens litten, verständlich und relevant sein würden.“ Damit war die Zeitschrift zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Gerade formierte sich die Occupy-Bewegung, eine von Barack Obamas Sozialpolitik enttäuschte Linke spürte neuen Auftrieb.

Eine erste Bilanz von fast zehn Jahren Jacobin zieht die nun erschienene, gleichnamige Anthologie, die als schöner Sonderdruck in der edition suhrkamp vorliegt. Sie lädt zum Vertiefen ein in Themen wie Identitätspolitik, Marx, aber als Zombie gedacht, Donald Trumps Weg zur Macht und Bernie Sanders‘ Sicht auf den demokratischen Sozialismus.

Im selben Atemzug gibt es nun aber auch die Möglichkeit, aktuelle Beiträge aus Jacobin im neu gegründeten, deutschsprachigen Online-Magazin Ada zu verfolgen, das die mitunter sehr auf die USA fokussierten Inhalte wiederum um Originalbeiträge erweitert, die auch für einen deutschsprachigen Leserkreis interessant sind – eine Kooperation, die für spannenden Einblicke sorgen könnte.

Loren Balhorn, Bhaskar Sunkara (Hrsg.): Jacobin. Die Anthologie. Edition Suhrkamp Sonderdruck, 311 Seiten, 18 €

Das Ada Magazin, herausgegeben von Antje Dieterich & Ole Rauch, ist online zu finden unter www.adamag.de

Berlin-Tipp: Die Release-Veranstaltung zur Jacobin-Anthologie findet am Freitag, den 14. September um 20 Uhr im aquarium am Südblock in der Skalitzer Straße 6 statt.