Leben, während sich die Leichen stapeln

Überleben ist in Ciudad Juárez eine Frage des Zufalls. Die Stadt hat eine der höchsten Kriminalitätsraten in ganz Mexiko und genießt aufgrund einer seit Jahren andauernden Mordserie an Frauen traurige Berühmtheit. Roberto Bolaño hat seinen Roman „2666“ um dieses Thema herum aufgebaut. Jetzt ist ein Thriller erschienen, der sich ganz dem Sterben in Ciudad Juárez widmet.

Sam Hawken zeichnet in „Die toten Frauen von Juárez“ das Bild einer Stadt, die im Strudel der Gewalt versinkt, sich aber noch einen letzten Funken Menschlichkeit bewahrt. Ein beunruhigender Tatsachen-Thriller, der durch schonungslose Brutalität und bittere Wahrheiten aufrüttelt. Im Gespräch mit The Daily Frown erklärt Sam Hawken, wie sein Roman entstanden ist, warum er die Form des Thrillers gewählt hat – und was er vom Boxsport hält.

Einer der Charaktere in „Die toten Frauen von Juárez“ erinnerte mich an den Boxlehrer, den Clint Eastwood in dem Film „Million Dollar Baby“ verkörperte: Eine fast väterliche Figur, über die Kelly, der gescheiterte Boxer, wieder ins Leben zurückfindet. Was verbinden Sie persönlich mit dem Boxsport?

Meiner Meinung nach ist Boxen eine aussterbende Sportart. In den USA hatte das Boxen eine Zeitlang den Stellenwert von Baseball oder Football: Jeder wusste über die Kämpfer Bescheid, kannte sich mit den Regeln aus und konnte mitreden. Heute stehen eher diverse Kampfsportarten im Mittelpunkt, was ich schade finde. „Die toten Frauen von Juárez” war sogar ursprünglich als eine Art Krimi noir über das Boxen angelegt, um diese ganze vergessene Geschichte wieder aufzunehmen. Dazu ist es zwar nicht gekommen, aber eine gewisse düstere Romantik ist geblieben: Kelly ist, so wie sein Sport, ein aus der Zeit Gefallener.

Das Ciudad Juárez aus ihrem Roman ist ein desolater Ort voller Chaos und Gewalt. Auf der anderen Seite steht die fast zärtliche Liebesgeschichte zwischen Kelly und Paloma, die auf brutale Weise endet. Hat dieser scharfe Kontrast Ihr Schreiben beflügelt?

Beziehungen machen eine Geschichte erst interessant. Es liegt mir nicht, mich beim Schreiben nur auf das Vorantreiben der Handlung zu konzentrieren und die Entwicklung der Figuren außer Acht zu lassen. Kelly wäre eine weitaus weniger fesselnde Figur, wenn diese Liebesgschichte nicht wäre. Er verkäme mit seinem Selbsthass und seinen Drogengeschichten zur Karikatur – und wer möchte schon sowas lesen? Der Roman würde zwar ebensogut ohne die emotionalen Handlungsstränge funktionieren, aber er wäre doch ein total anderer. Ich wollte nicht nur ein fesselndes Buch schreiben (was mir hoffentlich gelungen ist!), sondern dem Leser auch eine Gelegenheit geben, die Figuren an sich heranzulassen. Ciudad Juárez ist zwar eine von Gewalt geprägte Stadt, aber die Leute dort lachen, lieben und leiden wie in jeder anderen Stadt auch. Die Geschichte von Kelly und Paloma erinnert einen daran, dass es auch diese Seite noch gibt.

Prügel, Mord, Vergewaltigung: Ab einem bestimmten Punkt hat man bei Ihrem Roman das Gefühl, dass es wirklich jedem an den Kragen geht. Aber die Mujeres Sin Voces, eine Frauenorganisation, arbeitet beharrlich gegen die Gewalt an. Verkörpern sie vielleicht die letzte Hoffnung auf einen Rest Menschlichkeit in dieser von Gott verlassenen Stadt?

Nun, Ciudad Juárez mag eine unglaublich gewalttätige Stadt sein – andererseits ist sie aber auch für viele tatsächlich ein Symbol der Hoffnung: Menschen aus ganz Mexiko strömen hierher auf der Suche nach Arbeit! Und während sich die Leichen stapeln, versuchen diese Menschen ihr Leben so gut wie möglich auf die Reihe zu kriegen. Juárez ist ja alles andere als eine Geisterstadt, sie pulsiert vor Leben. Und trotz der omnipräsenten Gefahr suchen immer noch viele hier ihr Glück.

Die Mujeres Sin Voces in meinem Buch basieren auf zwei tatsächlich existierenden Organisationen aus der Zeit der Jahrtausendwende. Inzwischen gibt es noch viel mehr Gruppen, die für Gerechtigkeit in Juárez eintreten. Eine ihrer Aktivistinnen, Norma Esther Andrade von Nuestras Hijas de Regreso a Casa, wurde dafür erschossen und erstochen. Diese Arbeit aufrechtzuerhalten verlangt ein großes Maß an Ausdauer, wenn man sich dieser Gewalt gegenübersieht. Ich hoffe, dass mein Buch auch nur einen Bruchteil dieses Engagements vermitteln kann.

Ihr Roman schockiert mit seiner äußerst brutalen Gewaltdarstellung, trotzdem muss ich zugeben, dass ich ihn auf eine spannende Art auch unterhaltsam fand. War es für Sie schwer, eine real existierende Situation wie die in Ciudad Juárez in einem Thriller unterzubringen, der seine Leser auch unterhalten soll?

Bis zu einem bestimmten Punkt ist es sehr leicht, eine spannende Geschichte aus Ciudad Juárez zu erzählen – man muss ja nichts erfinden. Eine Story, in der versucht wird, diese Gewalt aufzuklären, schreibt sich da wie von selbst. Alles, was ich über die Stadt erfahren habe, machte die Geschichte umso dichter, weil ich so viele Details einbauen konnte. Tatsächlich war ich erstaunt, wie gut der Roman dann bei den Lesern angekommen ist. Es ist ja schon ein ganz schön düstere Geschichte, selbst die wenigen schönen Stellen stehen ganz im Schatten der Gewalt. Ob es überhaupt eine andere Möglichkeit gibt, darüber zu schreiben – ich weiß es nicht.

Wäre es für Sie also nicht denkbar gewesen, beispielsweise eine Reportage oder ein politisches Sachbuch zu den Frauenmorden in Cuidad Juárez zu schreiben?

Das gibt es schon: „The Daughters of Juarez: A True Story of Serial Murder South of the Border“ von Teresa Rodriguez, Diana Montané und Lisa Pulitzer. Jeder, der sich auch nur im Ansatz für die Lage in Juárez interessiert, sollte dieses Buch lesen. Selbst wenn ich doppelt so viel für „Die toten Frauen von Juárez“ recherchiert hätte, ich hätte nie zustandegebracht, was Teresa Rodriguez mit ihrem Buch schafft.

Sam Hawken, 1970 in Texas geboren, lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in der Nähe von Washington D.C. Er studierte an der Universität von Maryland und steuerte eine Karriere als Historiker an, bevor er sich dem Schreiben widmete. Die toten Frauen von Juárez ist sein erster Roman, im Tropen Verlag bei Klett-Cotta erschienen und kostet 19,95 €.
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