Liebeserklärung an einen Bunker

welzbacher-bunkerGrobkörnig, sperrig: Ein Buch wie ein Betonklotz, scheint es wohl.

Dieser Verlag muss vollkommen wahnsinnig sein. Wie könnte man sonst erklären, dass Matthes & Seitz neben einem breiten Literaturprogramm und Wissenschaftstiteln seit einem Jahr die irgendwo dazwischen angesiedelte Naturkunden-Reihe herausbringt, wo ein bibliophiler Band den nächsten jagt, vom Taschenformat bis zum überdimensionierten Bildband? Und sich gleichzeitig eine E-Book-Reihe leistet, in der kluge Mini-Essays zum Schleuderpreis vertrieben werden?

Irgendwo muss Verleger Andreas Rötzer also entweder einen Alchimistenherd, der aus Blei Gold macht, stehen haben. Oder er und sein Team haben einfach ein sehr gutes Händchen dafür, wie Verlegen heute geht.

Ein zunächst staubtrocken klingender Titel, der sich aber ebenso als bibliophiles Kleinod entpuppt, ist Christian Welzbachers – ja, was? Essay? Reportage? Handbuch? – zum, wie es etwas großspurig heißt, „Nullpunkt der Moderne“: dem Bunker.

Die Neuerscheinung reiht sich ein in eine Reihe von architekturgeschichtlichen Veröffentlichungen, von denen die spektakulärste vielleicht Jeremy Benthams Panoptikum, eine spätaufklärerische Studie über das ideale Gefängnis und Grundlage für Michel Foucaults berühmtes Surveiller et punir, war, die im letzten Jahr erstmals überhaupt vollständig auf deutsch publiziert wurde. Der Kunsthistoriker und Journalist Christian Welzbacher wiederum verfasste in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ ein Kurzporträt über Bentham und das Kapital – was den Bogenschlag perfekt macht.

Womit haben wir es aber nun konkret (concrete) zu tun? Eine sorgsam gestaltete Klappenbroschur mit offenem Buchrücken, innen auf den ersten Seiten abstrakt-verschwommene Fotoarbeiten des Künstlers Stefan Kiess, dann setzt ein reportageartiger Text ein, immer mal wieder mit Gedankenfetzen in Schreibmaschinenschrift zwischen den Zeilen ergänzt, der von dem Besuch der Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp erzählt. Nur langsam kommt der Leser diesem Text auf die Schliche, der sich viel Zeit für persönliche Gedanken und Diskussionen auf dem Weg zur Kirche nimmt, die, und damit sind wir beim Thema, Le Corbusier in den fünfziger Jahren aus einer riesigen Masse Sichtbeton an Ort und Stelle gegossen hat.

notre-dame-du-haute-800Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp (Foto: Wikimedia Commons)

Bunker sind Zweckbauten, Panikräume, und für den Aufenthalt nur im Notfall gedacht. Gleichzeitig zeigt sich in ihnen die Brutalität als Spielart der Architektur auf die Spitze getrieben: Man kann also sehr gut etwas über Bauen lernen, wenn man Bunker betrachtet, gerade weil es keiner Rücksicht auf Schönheit, Anordnung oder Geschmack bedarf.

Das ist ungefähr die Wiedergabe dieses Teils, der von einem E-Mail-Wechsel gefolgt wird; unterbrochen werden die beiden Blöcke noch einmal von einem spiegelverkehrt angelegten Einschub (dieses Buch ist wirklich ein sperriges Kunstwerk) mit halb literarischen, halb philosophischen Betrachtungen über die Idee des Bunkers aus der Feder des Konzeptkünstlers Arturo da Ruscello-Siluro. Ach ja, und dann finden sich ganz am Schluss noch quasi-literarische Erzählungen über ein fehlgeschlagenes Bunker-Experiment und die Freude des Eingeschlossen-Seins, die manche Zeitgenossen empfinden.

Etwas unbefriedigt bleibt man nach der Lektüre zurück, viel wird angeschnitten, nicht alles zu Ende gedacht. Trotzdem: Ein wunderbar konzipiertes und umgesetztes Buch, das sich bemüht, aus gewohnten Textsorten wie Handbuch, Sachbuch oder Kulturgeschichte auszubrechen und stattdessen eher eine Materialsammlung von Gedanken, E-Mails und Notaten geworden ist. Eine Bemerkung noch zum Schluss: Am vergangenen Wochenende fand sich im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung eine kurze Notiz über die Aufräumarbeiten nach einem Einbruch in Le Corbusiers Beton-Kirche Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp. Nebst der Information, dass das Bauwerk inzwischen in einem beklagenswerten Zustand ist – es leide unter „fortschreitender Durchfeuchtung“.

Christian Welzbacher: Bunker. Expeditionen zum Nullpunkt der Moderne. Matthes & Seitz Berlin, 188 Seiten, 10 Abbildungen, 22,90 €

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