Im Autoscooter der Geschichte

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In der kleinen, feinen Volte-Reihe aus dem Hause Spector Books liegt jetzt der vierte Band vor: Francis Neniks Doppelte Biografieführung fügt sich auf ganz eigene Weise in das Konzept der Herausgeber ein.

Dem Volte-Konzept liegt, wie gleich beim ersten Band, Wolfram Lotz‘ Monologen (hier besprochen), ins Auge sprang, folgendes Vorhaben zugrunde: Texte zu veröffentlichen, die sich keinem eindeutigen Genre zuordnen lassen, etwas Neues probieren und dabei eine ziemliche Portion Eigensinn mitbringen. Sehr gelobt wurde Heike Geißlers Prosa-Reportage Saisonarbeit über die Arbeitsbedingungen beim Internetgiganten Amazon; für begeisterte Reaktionen sorgte die Print-Ausgabe von Lebensgroßer Newsticker aus der Feder von mikrotext-Erfolgsautor Aboud Saeed.

Nun Francis Nenik: Der Band, der nun erschienen ist, versammelt Geschichten von vergessenen Schriftstellern, wobei die ersten beiden Episoden (über Nicholas Moore, Ivan Blatný und Edward Vincent Swart) zwangsläufig zu Fingerübungen verblassen, wenn die raumgreifende Biografie des DDR-Schriftstellers Hasso Grabner beginnt. Hier legt Nenik ein atemberaubendes erzählerisches Talent an den Tag und schickt seine Hauptfigur durch die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Schelmenroman en miniature? Könnte sein – wenn nicht alles wahr wäre, wie die Danksagungen am Ende des Bandes belegen. Grabner erhält in frühen Jahren seine kommunistische Prägung, agitiert Arbeiter in Leipzig, gerät in den Wirren des Zweiten Weltkriegs auf die griechische Insel Korfu, wird mehr oder weniger unfreiwillig mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, hilft nach seiner Befreiung aus dem KZ dem Aufbau des neuen Deutschland in der sowjetisch besetzten Zone, während er nebenbei ein Fernstudium am Leipziger Literaturinstitut absolviert. Dabei eckt er aber immer wieder an, wird strafversetzt, muss von vorne anfangen und bleibt doch seinen kommunistischen Wurzeln bis ans Ende treu.

Nenik erzählt diese wundersame Irrfahrt durch die Geschichte, bei der man sich bisweilen wie im Autoscooter hin- und hergeworfen fühlt, mit einer unerhörten Spritzigkeit: Mal führt er einen fiktiven Dialog mit der personifizierten Geschichte, dann tritt „Frau Futur“ auf oder seine Figuren beschimpfen sich in einem bestechend heutigen Deutsch gegenseitig als „Ärsche“.

Interessant genug, dass dieser Autor bislang kaum von sich reden gemacht hat: Laut Verlagsangaben betreibt er einen Bauernhof in der Nähe von Leipzig und schreibt in seiner Freizeit. Bislang sind neben einigen wenigen Zeitschriftenbeiträgen der experimentelle Roman XO und eine Kurzgeschichtensammlung, die aus Alliterationen besteht, erschienen. Was er wohl als nächstes vorhat? Schwer zu sagen. Aber mit Sicherheit wird es eine faustdicke Überraschung.

Francis Nenik: Doppelte Biografieführung. Spector Books, 2016, 300 Seiten, 14 €

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Die Würstchen der Wahrheit

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Es gibt gewiss einige, vielleicht sogar viele Dinge, die Wolfram Lotz nicht kann. Über mangelnde Produktivität muss man sich bei ihm jedenfalls nicht beschweren. Jetzt liegt sein erstes Buch vor, und es passt sich, obwohl klein und unscheinbar, in das schon respektabel angewachsene Gesamtwerk dieses jungen Autors ein.

Verfolgt man Wolfram Lotz’ literarische Spuren der letzten Jahre zurück, fällt zuerst eine Tatsache ins Auge: Dieser Autor versteht es, völlig ungezwungen zwischen den Disziplinen hin- und herzuspringen. Eine Erzählung hier, ein Hörspiel da, dann eine Theateraufführung in Leipzig und mehrere – sämtlich aus dem Theaterbereich stammende – Preise und Stipendien. Anders gesagt: Wolfram Lotz ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein junger Autor produktiv und originell arbeiten kann, und dabei die festgefügten Konventionen des Literaturbetriebs weitestgehend links liegen lässt. Lotz schreibt, und das offenbar ohne Pause, Theaterstücke, Erzählungen, Listenpoesie, Hörspiele; ein ausklappbares, höchst heikles Bildertableau über die Verkettung wichtiger Persönlichkeiten des Kulturbetriebs, eingeheftet in die BELLA triste 31 und gestaltet von Frank Höhne (Titel: „Großer Gesang“) war wohl der bisherige Höhepunkt der Gattungs-Ausflüge. Verstreut finden sich weitere kurze Veröffentlichungen in Zeitungen oder Kleinstverlagen wie der Kölner parasitenpresse. Offenbar konnte Wolfram Lotz sich bislang erfolgreich dem Drang entziehen, einen Roman oder Erzählband zu liefern, qua natura im Reigen des Literaturbetriebs die Eintrittsbilletts in den exquisiten Club der jungen Gegenwartsliteratur. Sein erstes Buch ist stattdessen im Leipziger Kunst-, Architektur- und Theorieverlag Spector Books erschienen, hat Westentaschenformat und versammelt fünf, an verschiedenen Orten inszenierte, Monologe, also Theaterstücke für eine Person.

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