Stacheldrahtzaun, Drachenstahlhaut

Bettina Wilperts neuer Roman Herumtreiberinnen ist ein Ereignis: Auf drei Zeitebenen erzählt er von Tyrannei, Frauenhass und darüber, was das „Wegsperren“ mit Menschen macht.

Wie schon Nichts, was uns passiert überzeugt auch dieser Roman durch seine genaue, fast strenge Komposition: Während sich die Schlinge um seine Protagonistinnen zunehmend enger zieht, wechselt er virtuos die Ebenen, jede davon wirkt authentisch, ist akribisch recherchiert und auf ihre eigene Weise mitreißend geschrieben.

Es beginnt mit einer lockeren Sommererzählung in der DDR der frühen achtziger Jahre. Die 17-jährige Manja und ihre beste Freundin Maxie schwänzen die Schule, träumen in den Tag hinein, Maxie vom Weltraum, Manja vom Ausreißen. Nicht zufällig teilt sich Manjas Freundin ihren Vornamen mit Maxie Wander, einer österreichischen Schriftstellerin, die in der DDR den berühmten Interview-Roman Guten Morgen, du Schöne veröffentlicht hat: Die durchweg aus der Ich-Perspektive wiedergegebene Handlung hat ebenfalls etwas Dokumentarisches, als hätte Bettina Wilpert reale Person porträtiert: Fiktive Protokollliteratur, gewissermaßen. Dieser kurze erste Teil des Romans endet indes abrupt: Manja wird von der Volkspolizei verhaftet, nachdem sie mit dem mosambikanischen Vertragsarbeiter Manuel in dessen Wohnheim im Bett erwischt wurde und findet sich auf der venerologischen Station in einem Backsteingebäude in der Leipziger Lerchenstraße wieder.

Die Tripperburg heiße nicht umsonst Tripperburg, sagte sie, der Mann nickte. Ich stehe unter Verdacht, eine Geschlechtskrankheit zu haben, man würde mich gleich untersuchen auf Gonorrhoe und Streptokokken und so weiter, alles was solche wie ich eben hätten. Was Untersuchung bedeutete, erklärten sie mir nicht. Sie sagte: Laut Paragrafen soundso sei es gesetzeswidrig, Geschlechtskrankheiten zu verbreiten; ein Luftzug brachte einen Geruch in den Raum, der mich an Birnen erinnerte. Alle Geschlechtspartner von mir müssten ebenso untersucht werden, bekämen eine Vorladung, ich solle ihre Namen nennen, für ihre Gesundheit. Ich sagte nichts. Appellieren hilft bei der nichts, meinte die Frau zu dem jungen Mann gewandt, als könnte ich sie nicht hören. Ich wiederholte, ich hatte noch nie Geschlechtsverkehr. Sie seufzten, sie legten den Stift auf das Blatt, legten das Blatt in einen Ordner, klappten den Ordner zu. Sie führten mich in einen anderen Raum, ich fror unter dem grauen Kittel.

Im zweiten Teil des Romans folgt zunächst ein Sprung ins Jahr 2001, wo Robin, die nächste Hauptfigur, die wir auf ihrem Weg begleiten werden, die Ereignisse des 11. September und den Einmarsch der USA in Afghanistan erlebt. Es ist nur ein kurzer, aber einschneidender Augenblick der Politisierung für Robin, das nächste Mal treffen wir sie erst 2015 wieder, als sie sich mit der Situation der vor dem Krieg in Syrien Geflüchteten zu beschäftigen beginnt.

Doch zuvor zieht Bettina Wilpert noch eine weitere Zeitebene in den Roman ein, und der Fokus schwenkt auf das Frühjahr 1945: Lilo ist die Tochter kommunistischer Widerstandskämpfer, deren Zelle aufgeflogen ist, wird nach dem Prozess von ihrer Familie getrennt und durchläuft eine Gefängnisodyssee, die sie schließlich in dasselbe Gebäude in der Lerchenstraße führt, wo auch knapp vierzig Jahre später Manja einsitzt.

Herumtreiberinnen sind drei Romane in einem – und das auf nur knapp 260 Seiten. Tief beeindruckend schafft es Bettina Wilpert, den Wegen ihrer drei sehr unterschiedlichen Hauptfiguren zu folgen und erzählt leidenschaftlich vom Schrecken des Naziregimes, den grauen achtziger Jahren in der DDR und einer Gegenwart, in der Robin zwischen Tinder-Matches und Büro-Alltag langsam die wechselhafte Geschichte des Gebäudes in der Lerchenstraße entdeckt.

Dieses ist nämlich, mittlerweile haben wir 2016, nun saniert und zu einer Unterkunft für geflüchtete Menschen umfunktioniert worden; Robin, die, obwohl mit ihrem Studium in Sozialer Arbeit unzufrieden, auf Jobsuche war, arbeitet in der Verwaltung und entdeckt bei Kellerarbeiten bergeweise Akten aus der DDR-Zeit.

Manjas Erlebnisse in dem von Stacheldraht eingefassten Backsteingebäude der venerologischen Station („auf der Mauer sehen wir Stacheldrahtzaun und denken: Drachenstahlhaut“, heißt es einmal), die in den drei Zeitebenen des Romans die Mitte einnehmen, sind auch so etwas wie das Herzstück von Herumtreiberinnen. Auch ist nur dieser Teil durchweg aus der Ich-Perspektive erzählt, was die Ungerechtigkeiten, die Manja widerfahren, beim Lesen noch näherkommen lässt – seien es die sadistischen, aus medizinischer Sicht unnötigen Morgenuntersuchungen, denen sich jede Insassin unterziehen muss, oder die brutale Hackordnung der Gefangenen untereinander. Es wird immer klarer, dass der vorgebliche Grund, der Schutz der Gesellschaft vor Geschlechtskrankheiten, nur mehr Mittel zum Zweck ist, unerwünschte oder abweichlerische Frauen wegzusperren und sie für ihr Zuwiderhandeln gegen die staatliche Ordnung zu bestrafen. Am frappantesten wird das bei der Geschichte Marions, einer Mitgefangenen deutlich, die als Edelprostituierte zunächst von der Stasi als nützliche Informantin eingesetzt wird, dann aber eine weitere Zusammenarbeit verweigert und ebenfalls in der Lerchenstraße zwangseingewiesen wird.

Es sind kleine Binnenerzählungen wie diese, die Bettina Wilpert besonders gut gelingen: Auch in der Zeitebene um Lieselotte Kramer, der Tochter des kommunistischen Widerstandskämpfers, die sich zäh darum bemüht, auch politisch tätig werden zu dürfen und erst ganz am Ende ihrer Geschichte in der Lerchenstraße inhaftiert wird, verarbeitet Wilpert zahlreiche, Alltagsepisoden, die ein faszinierendes Kolorit Leipzigs in der Zeit des Zweiten Weltkriegs bilden.

Da empfand Lilo zum ersten Mal Wut auf die Eltern – und die Nazis. Sie war zehn und wurde nach wie vor nicht ernst genommen und in die Geheimnisse der Erwachsenen eingeweiht. Wann würde die Mutter sie endlich als Gleichberechtigte behandeln? Sie war sauer auf ihren Vater, dass er vor ihnen geflohen war. Sie verstand immer mehr von Politik, durchschaute noch nicht alles, wusste immerhin, dass die Nazis ihr ihren Vater genommen hatten, diese Schweine. Wenn sie nun SA-Männern auf der Straße begegnete, strafte sie sie mit bösen Blicken, aber im Gewusel auf dem Bürgersteig fielen die drei Kinder, die allein unterwegs waren, nicht auf.

Nach Nichts, was uns passiert ist Bettina Wilpert mit Herumtreiberinnen ist ein weiterer, äußerst bemerkenswerter Roman gelungen. Er wirft Schlaglichter auf Zeiten politischen Widerstands, grausame staatliche Willkür und nicht zuletzt die wechselhafte Geschichte ein und desselben Gebäudes in der Lerchenstraße als Ort, an dem sich niemand gerne aufhält.

Bettina Wilpert: Herumtreiberinnen. Verbrecher Verlag, 266 Seiten, 25 €

Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren

Eine der spannendsten Neuerscheinungen des noch jungen Jahres kommt aus dem Verbrecher Verlag. Esther Beckers Debütroman Wie die Gorillas erzählt von der Suche nach dem Platz in der Gesellschaft.

Im Theaterbereich ist Esther Becker schon länger unterwegs. Sie ist Mitglied der Theaterformation bigNOTWENDIGKEIT, 2019 wurde sie für ihr Stück Das Leben ist ein Wunschkonzert mit dem Berliner Kindertheaterpreis ausgezeichnet. Jetzt ist ihr erster längerer Prosatext erschienen.

Irgendwann, gegen Ende des Romans, findet sich die Erzählerin auf dem verschlossenen Innenhof eines Kinos wieder. Sie war die letzte in der Spätvorstellung, auch das Personal ist schon gegangen, sie wurde zurückgelassen, vergessen. Es ist ein Wendepunkt in der Geschichte, die Esther Becker bis hierher konsequent und schonungslos erzählt hat. Ihre Erzählerin ist eine Außenseiterin, die nirgendwo ihren richtigen Platz findet. Sie fühlt sich in ihrem Körper nicht wohl: Die Augen zu engstehend, zu flache Brüste, die Angst davor, zuzunehmen. Als Aktmodell an der Kunsthochschule zu posieren, fällt ihr dagegen nicht schwer. Eine Freundin wird Schauspielerin, eine andere studiert Medizin, sie schlägt sich mit einem medienwissenschaftlichen Studienprojekt herum, das sich mit den Körpergenres im Film, Porno und Horror, beschäftigt und analysiert Filme wie Carrie, Deep Throat und Die Passion Christi: „Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren, stattdessen drohe ich in einem Meer aus Sperma, Blut und Tränen zu versinken.“ Wenn sie nicht ins Kino geht, arbeitet sie in einer Bar; ihre Wohnung und ihr Äußeres vernachlässigt sie mehr und mehr.

In kurzen und genau beobachteten Kapiteln und mit viel trockenem Humor geht Esther Becker den Erlebnissen der Erzählerin und ihren Freundinnen nach. Auch sie haben es letztlich nicht besser. Svenja, die Theaterschauspielerin, erlebt den Betrieb als sexistisch. Und Olga kann ihr Medizinstudium nur aufnehmen, als sie sich von ihren streng gläubigen Eltern lossagt.

Wie die Gorillas ist aber auch ein Familienroman. Der distanzierte Vater, der sich später als schwul outet, die Mutter, die sich plötzlich, als sie in einer neuen Beziehung ist, wieder für ihre Tochter zu interessieren beginnt – die Familienverhältnisse sind alles andere als einfach, aber die Eltern sind es auch, die der Erzählerin nach der misslichen Situation im Kino helfen, auf die Beine zu kommen. Der Schluss ist versöhnlich und empowernd gleichermaßen: Für ein Videokunst-Seminar dreht sie mit ihrer Freundin Svenja einen Kurzfilm. Er ist inspiriert von Carrie.

Esther Becker: Wie die Gorillas. Verbrecher Verlag, 160 Seiten, 19 €

Buchpremiere am 3. Februar 2021 im Literaturforum im Brecht-Haus (Livestream)

Lauf, lauf, lauf!

Lisa Kränzler ist wieder da. Und wie! Im hyperrealistisch-expressionistischen Überschwang lässt sie mit ihrem vierten Roman Coming of Karlo alle literarischen Konventionen weit hinter sich.

Kurz zurückgeblickt: Nachdem sie bereits als Malerin in Erscheinung getreten war, veröffentlichte Lisa Kränzer 2012 ihren ersten Roman Export A über den traumatischen Kanada-Aufenthalt einer Austauschschülerin, las beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und gewann den 3sat-Preis. Im Jahr darauf folgte der Roman Nachhinein, in dem die Freundschaft zweier Mädchen gewaltsam eskaliert. Noch ein Jahr später dann der dritte Roman Lichtfang, berührende Geschichte eines Wahns, den die Liebe nicht retten kann. Das künstlerische Schaffen Lisa Kränzlers äußerte sich wieder stärker in den beiden folgenden Bänden Manifest (mit Tomaso Carnetto) und dem als Katalog konzipierten Kränzler, Lisa, wo sich Text und Bild vereinten. Jetzt ist im Verbrecher Verlag Lisa Kränzlers neuer, vierter Roman Coming of Karlo erschienen. Mit über 600 Seiten ist es ihr bislang längster – und auch ihr avanciertester.

Ich laufe nicht, ich fliege – und für Momente ist alles, wie es sein soll: schwere- und beschwerdelos. Voll funktionstüchtige Freude, die rennt, was sie kann: Das bin ich. Der Verbund aus Knochen, Muskeln, Sehnen weiß schon, wohin, braucht keine Befehle, kennt meinen Willen und nimmt ihn, wie er ist: nervenfasernackt und vollkommen wortgewandlos, hat keinen Begriff aber Zugriff, schreitet zur Tat, wenn diese noch keinen Namen hat, verwirklicht das Unsagbare.
Lauf, lauf, lauf!
Wer weiß, was Laufen ist? Wer kann sagen, was er da tut und wie er es gelernt hat?
Nicht denken, Karlo! Nicht den natürlichen Ablauf durcheinanderbringen! Lass es machen, einfach machen, bevor – da setzt sie ein, die Erinnerung, und mit ihr das Bewusstsein, das mich in Schrecken setzt: Ich weiß, wo ich bin und was geschehen wird …

Lisa Kränzlers Sprache ist von einer Plastizität, wie man sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kaum findet. Ohne falsche Bescheidenheit lässt sie ihre Figuren innere Monologe abspulen, geizt nicht mit Ausrufezeichen, Fragezeichen, Auslassungspunkten und eigenwilligen Adjektiv- und Substantivkonstruktionen, die sich aber alle in ein Großes und Ganzes fügen, das sich am ehesten vielleicht als expressionistischer Hyperrealismus beschreiben lässt. Hier ist jede Szene bis ins letzte Detail ausgeleuchtet, jede Emotion wird aufs Schärfste beschrieben – und auch das Geschehen treibt unaufhaltsam ins Extreme: Karlo, der triebgesteuerte Teenager, der sich nur ansatzweise unter Kontrolle hat, stellt seine Familiengeschichte in Frage, seinen – von einer Fußballverletzung außer Gefecht gesetzten – Körper auf eine Belastungsprobe nach der anderen, und seine Sexualität steht ihm wie ein riesiger Klotz im Weg.

Foto: Nane Diehl

Es fühlt sich an wie ein Rausch, diesen atemlos, in vielen kleinen Kapiteln, Unterkapiteln und Fußnoten erzählten Roman zu lesen. Wie Stoppschilder tauchen aus dem Nichts heraus schwarze Seiten auf, dann Beschleunigungsstreifen, gegen Ende wird es ganz wild, mit typografisch variierenden Dialogzeilen, Diablochromen, Märchenzeilen und schwarzer Magie.

Lisa Kränzler hat sich mit einem Paukenschlag zurückgemeldet. Coming of Karlo schlägt wie ein gefährlicher Komet in den Bücherfrühling ein.

Lisa Kränzler: Coming of Karlo. Verbrecher Verlag, 624 Seiten, 29 €

Buchpremiere am 14. April 2019 um 20 Uhr in der Fahimi Bar, Skalitzer Straße 133, 10999 Berlin

Anpfiff für die Hotlist 2018

Pünktlich zum Finale der diesjährigen Fußball-WM hat sich auch das Kuratorium der Hotlist zusammengesetzt, um die besten Bücher aus Independent-Verlagen des Jahres 2018 zu ermitteln.

Das Schöne bei der Hotlist, einem Preis, der gleich den ganzen Verlag mitauszeichnet: Hier haben eigentlich schon alle gewonnen. So ist die Top 30 mit guten Bekannten und spannenden Newcomern gleichzeitig ein Reiseführer und Lesekompass durch den Neuerscheinungs-Dschungel. Auf die zehn daraus destillierten Kandidaten, die alle am 12. Oktober im Rahmen der Hotlist-Party im Literaturhaus Frankfurt vorgestellt werden, wird dann ein regelrechter Preisregen niedergehen: Der Preis der Hotlist (dotiert mit 5000 Euro), der Melusine-Huss-Preis (Qualitätsdrucken bei Theiss im Wert von 4000 Euro), neu der Dörlemann ZuSatz (Satzarbeiten im Wert von 1500 Euro bei Dörlemann) und eine Einladung zur BuchLust Hannover. Nicht nehmen lässt sich die Presseerklärung die forsche Ankündigung: „Weitere Preise sind in Vorbereitung“.

Mitvoten für die Zehner-Liste kann ab sofort auch jede*r online, aus den Publikumsstimmen werden dann drei Hotlist-Plätze fix vergeben.

Einen genaueren Blick wert sind in jedem Fall diese drei Titel: Martina Hefter mit Es könnte auch schön werden (Kookbooks), in dem der Blick in ein Altersheim als ein Sprech-Lehrstück verarbeitet wird, das vor bizarrer Schönheit glänzt; Francis Nenik mit Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert (Voland & Quist), wo Geschichte erzählt wird, wie man es wohl noch nie erlebt hat, rasant, subjektiv und witzig; Bettina Wilpert mit Nichts, was uns passiert (Verbrecher Verlag) über die Geschichte eines Verdachts, der eine ganze Uni-Clique spaltet.

Zum 10. Mal: Die Wahl zur Hotlist 2018. Preisverleihung am 12. Oktober im Literaturhaus Frankfurt. Online-Voting bis zum 20. August.

Down & Out in Brändö

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Finnische Familienverhältnisse: Der erste Teil von Henrik Tikkanens „Adressbuch-Trilogie“, Brändovägen 8 Brändö, Tel. 35, erscheint zum diesjährigen Buchmesse-Schwerpunkt erstmals in deutscher Übersetzung.

Zum Glück! Denn die von Karl-Ludwig Wetzig übertragene, fiktionalisierte Autobiografie des als Karikaturist bekannt gewordenen Tikkanen ist eine kurzweilige, bitterböse und sehr erhellende Lektüre. Auf nur 140 Seiten räumt der Erzähler mit dem selbstherrlichen Bild der finnlandschwedischen besseren Gesellschaft auf und hält seiner großbürgerlichen Familie den Spiegel vor. Im Ton erinnern seine Schilderungen von einer dysfunktionalen Jugend dabei bisweilen an Pétur Gunnarssons isländische Andri-Tetralogie (zur Frankfurter Buchmesse 2011 im Bonner Weidle-Verlag erschienen); was beiden sehr gut gelingt, ist das Hineinversetzen in den Blick des Kindes, das die Verhältnisse nur scheinbar naiv, in Wirklichkeit aber sehr scharfsinnig beobachtet:

(…) ohne Freiheit ist das Leben wertlos. Das muss jedes Kind in Finnland lernen. Nur lernt es nicht unbedingt, was Freiheit bedeutet, denn dann könnte es passieren, dass die Bereitschaft, sein Leben für die Freiheit zu opfern, geringer ausfällt, als für die Wehrkraft gut ist.

Tikkanen ist leider selbst dem in seinen Buch grassierenden Alkoholmissbrauch nicht entkommen und im Jahr 1984 an Leukämie gestorben. Die beiden Folgebände zu seinem Roman, Bävervägen 11 Hertonäs und Mariegatan 26 Kronohagen, liegen bislang noch nicht auf Deutsch vor.

Henrik Tikkanen: Brändovägen 8 Brändö. Tel. 35. Verbrecher Verlag, 160 Seiten, 22 €

Erich Mühsam (1878-1934): Ein Überblick für Einsteiger

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„Ob sich in 80 oder 100 Jahren mal jemand findet, der meine Tagebücher der öffentlichen Mitteilung für wert halten und herausgeben wird, kann ich nicht wissen.“
 
Auf den Tag genau vor achtzig Jahren ist der Dichter, Dramatiker, Herausgeber und emsig Tagebuch schreibende Anarchist Erich Mühsam gestorben, von der Wachmannschaft im KZ Oranienburg erschlagen.

Seine Schriften sind lebendig wie nie. Der Verbrecher Verlag, der vor zwei Jahren mit der Herausgabe von Mühsams umfangreichen Tagebüchern begann, erfreut sich anhaltend guter Presse, die jeden der bis jetzt herausgekommenen Bände mit Begeisterung aufgenommen hat. Und das hat viele Gründe: Erich Mühsam war nie nur politischer Denker und Agitator, sondern immer auch im Literatur- und Bohemebetrieb seiner Zeit engagiert und bekannt als lebenslustiger Mensch, wie in den frühen Tagebuchaufzeichnungen deutlich erkennbar ist.

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Eintrag vom 3. Oktober 2011 (Quelle: muehsam-tagebuch.de)

Zum Mühsam-Jahr gibt es nun auch ein im Softcover produziertes Mühsam-Lesebuch, das in einer entlang der Biografie getroffenen Auswahl Lieder und Texte außerhalb des Tagebuch-Korpos umfasst. Außerdem entstand aus dem Umkreis der Herausgeber des Lesebuchs, in der Formation Der singende Tresen, die schöne Idee, eine CD mit Mühsams Liedern zu produzieren. Diese wurde erfolgreich ins Crowdfunding gegeben und erscheint diese Woche unter dem Titel Mühsam Blues.

Der Verlag zieht nach mit einer Einzelheft-Edition als E-Book, die die ohnehin schon vorbildlich edierte kritische Ausgabe aus muehsam-tagebuch.de glänzend ergänzt. Zum Abschluss ein kurzer Auszug aus dem Lesebuch „Das seid ihr Hunde wert“, der Erich Mühsams Einstellung zu seinem eigenen Schaffen sehr treffend charakterisiert und gerade vor dem Hintergrund seiner brutalen Ermordung durch die Nationalsozialisten einen herben Beigeschmack bekommt – aus dem autobiographischen Text „Auf zwei Gäulen“ von 1924:

Die Arena des politischen Kampfes, des Meinungskampfes, hat mich bisher nicht freigegeben, wird mich auch nie freigeben, solange nicht Ziele erreicht sind, die nicht die Ziele der Leser diese Bekenntnisse sind. Politische Memoiren gedenke ich somit in absehbarer Zeit nicht zu schreiben. Vielleicht werde ich einmal im Rollstühlchen sitzen, müde, runzlig und resigniert – dann mag meinetwegen auch auf dem Gebiet des sozialen Geschehens der erzählende Schriftsteller den Agitator, Propagandisten und auf öffentliches Wirken bedachten Menschen ablösen. Die Frage erhebt sich: Lässt sich Leben und Schicksal eines in verschiedenen Bezirken geistiger Regsamkeit tätigen Individuums im Ausschnitt betrachten? Kann ich den Teil meiner Daseinsbemühungen, der um Wandlung von Welt und Gesellschaft geht, herausnehmen aus meinen Erinnerungen und Rückschau halten nur auf Begebenheiten, die außerhalb des politischen Kampfplatzes geschahen? Ich glaube, das wird möglich sein. Gerade meine Vergangenheit lief viele Jahre auf zwei getrennten Geleisen, und wenn die Schienen auch manchmal einander eng berührten oder selbst schnitten, so war ich doch streng bedacht, die Züge, deren einen ich als Passagier benutzte, deren anderem ich die Weichen zu stellen strebte, nicht aneinanderfahren zu lassen.

Mühsam für Einsteiger – Vorsicht Suchtfaktor!

Erich Mühsam: Die Tagebücher (bereits erschienen: Band 1-6)
Online-Variante der Tagebücher mit Fußnoten
Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert. Ein Lesebuch
Der singende Tresen: Erich Mühsam Blues
Erich Mühsam: Die Tagebücher in Einzelheften (E-Book)

Und ein Tipp für alle Berliner: Am 12. Juli findet am Ostkreuz ein großes Erich-Mühsam-Fest statt, mit Musik, Lesungen und Gesprächen!

Fotonachweis: Bundesarchiv / Wikimedia Commons

Geschichten aus dem deformierten Schreiben

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„Fuck Leipzig!“ Wenn eine Podiumsdiskussion im ehrwürdigen Roten Salon der Berliner Volksbühne Teilnehmern solche Statements entlocken konnte, war sie vielleicht doch nicht ganz überflüssig.

Zum Thema „Ästhetik 2.014“ lud Conférencière Christiane Frohmann zur neuesten Ausgabe des Katersalons, einer Veranstaltungsreihe, in der bereits über die Themenkomplexe Berlin Unschick, Cat Content und die neue Twitter-Literatur gesprochen und performt wurde. Diesmal sollte es um die Gegenwartsliteratur gehen, der mal Langeweile, mangelnde Introspektion, Erfahrungsarmut oder fehlende Ernsthaftigkeit bescheinigt wird. Diese Diskussion, die gerade im Frühjahr anhand des vielzitierten ZEIT-Artikels von Hildesheim-Absolvent Florian Kessler wieder entbrannt, aber keineswegs neu ist, sollte nun noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden – erklärtes Ziel von Christiane Frohmann, die selbst auch E-Book-Verlegerin ist, war zudem die Frage zu klären, ob im Internet, bei Twitter und auf Facebook nicht mittlerweile eine neue Literatur stattfinde, die jenseits von Feuilletondiskussionen schon ein reges Eigenleben führt.

Diese Frage blieb freilich weitgehend als These im Raum, denn das ordentlich gefüllte Podium (zwei Verleger, drei Journalisten, drei Autoren, eine Kulturwissenschaftlerin) hatte sich auch so schon viel zu sagen. Da ging es um den Wunsch nach der „drängenden Erfahrung“, den Michael Angele (der Freitag) und Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) nahezu unisono formulierten; hinzu kam von Seiten Angeles noch eine dezidierte Kritik an ironielastigem, zu sehr ins Witzelnde geratendem Schreiben, das eine Pose zeige, aber keine Inhalte – die Popliteratur sei da ein gutes, weil abschreckendes Beispiel. Passen dazu würde ein immer oberflächlicherer Journalismus, ergänzte Jörg Sundermeier weiter, der – aufgrund von massivem Einsparzwang und immer weniger Rückgriff auf freie Schreiber – bereits einen Großteil seines Niveaus eingebüßt habe und nur noch „Homestorys“ zu fabrizieren imstande sei.

Harter Tobak für die anwesenden Vertreter der jungen Autorengeneration, allesamt mit Schreibschulhintergrund Hildesheim: Stefan Mesch etwa machte in einem eindrücklichen Statement klar, wie schwer es überhaupt sei, so weit zu kommen und sich selbst zuzutrauen, den Stoff, den man für sich irgendwann einmal gefunden habe, auch ernst zu nehmen und weiterzuverfolgen – selbst wenn es nicht um die großen, existenziellen Themen, sondern um Liebeskummer in der Kleinstadt und Einsamkeit an der Bushaltestelle gehe. Das Argument der „Deformation“ war von Jan Fischers Seite noch eine willkommene Ergänzung, die das oft monierte Gleichförmige der Schreibschul-Prosa versuchte, zu entkräften: Gerade wenn man merke, dass alle im Seminar dasselbe Handwerkszeug erlernen, um ihre Geschichte zu bauen, sei es wichtig, einen Weg zu finden, wie man sich wiederum absetzen, aber trotzdem interessant bleiben könne. Martin Spieß, der als unangekündigter Gast den Schreibschüler-Block erweiterte, hatte noch anzumerken, dass er harte, B-Movie- oder Breaking-Bad-artige Geschichten „von unten“ vermisse, und man konnte heraushören, dass er damit auch seine eigene Situation beschrieb, die ganz offenbar von einer gewissen Frustration geprägt war, mit diesen Stories nicht das große Publikum erreichen zu können – und das eigene Schreiben stattdessen einem Brotjob, in diesem Fall als Comedian, zu opfern.

Jörg Sundermeier, der die Diskussion mit scharfen, aber auch unterhaltsamen Wortbeiträgen gehörig würzte, konnte damit wenig anfangen: Fernsehserien wie Breaking Bad seien doch schon längst im Feuilleton angekommen, die gar zu inbrünstige Klage darüber, dass man nicht vom Schreiben leben könne, verstehe er nicht – habe doch nicht einmal Kafka seine Literatur in bare Münze verwandeln können, die prekäre Schriftsteller-Existenz sei also nichts Neues.

Lösungsvorschläge für die zahlreich angesprochenen Dilemmata und Problematiken mit dem Journalismus, dem Leben als Schriftsteller und der Situation der nach wie vor stark bürgerlich geprägten Gegenwartsliteratur konnten an diesem Abend nicht geliefert werden. In manchen Momenten wurde auch deutlich, warum: Diese Fragestellungen, die auch aufgrund der teils hitzigen Wortgefechte immer nur fragmentarisch angerissen werden konnten, müssten zusammengenommen eigentlich aufs gesamte Gesellschaftssystem bezogen werden – und dafür war der Rote Salon an diesem Abend dann doch nicht der richtige Ort.

Leseempfehlung: Die von Jan Fischer herausgegebene Anthologie „Irgendwas mit Schreiben – Diplomautoren im Beruf“, erschienen als E-Book bei mikrotext (ca. 350 Seiten, 1,99 €)