Spliss scrollt in Fachsprache

heidrich-marquardt-stolterfoht

Ganz besonders kann man sich im Frühjahr oder Herbst freuen, wenn neue Kookbooks-Bände erscheinen, sind sie doch jedes Mal eine wahre Augenweide für Freunde der Buchgestaltung.

Jetzt ist es mal wieder soweit, und das neue Programm wartet mit drei neuen Lyriktiteln auf, die tatsächlich jeder für sich sehr lesenswert sind. Darum erscheint an dieser Stelle eine Dreifachrezension.

Ich bin dieses lose Gerät. Siehst du mich schreiben?

Los geht es mit Christiane Heidrich, 1995 geboren, die mit Spliss ihr Debüt vorlegt. Gedichte von ihr konnte man in der Edit lesen und in der von Max Wallenhorst für CHANGE kuratierten Reihe Sexting. Es sind kühle, sorgsam gebaute Texte, die die junge Lyrikerin, die in bildender Kunst und Sprachkunst gleichermaßen zuhause ist, hier baut und zu insgesamt acht Zyklen ordnet. Sie tragen Titel wie „dinge rücken“, „Today I am functional“ oder auch „Water Lilies“ heißen und entwickeln eine ganz eigene, elegante Schönheit.

zehn beine hast du, kalmar
drei herzen auch dafür

Tristan Marquardt lässt auf sein Debüt Das amortisiert sich nicht mit dem Band Scrollen in Tiefsee eine Sammlung von Gedichten folgen, die einerseits den als Mediävisten tätigen Autor verraten („Tag- und Nachtlieder“, „Parzival-Lexikon“), aber auch konzeptuell neue Wege gehen: Ein Zyklus aus Zweizeilern etwa, und die zwischengeschobenen als „Kataloge“ betitelten spielerisch-lexikalischen Parts zu gemischten Themen („Lichtkatalog“, „Fehlkatalog“, „Postkatalog“) machen den Reiz dieses an Überraschungen reichen Bandes aus.

wir sind so die typen und tanten, immer eine calzone im koffer

Ulf Stolterfoht schließlich, der Autor mit dem größten Back-Katalog hier, bei Kookbooks aber noch nicht so lange dabei (den Einstand machte 2015 das völlig irre Neu-Jerusalem über Radikalpietisten im Jahr 1703), setzt sein Mammut-Projekt Fachsprachen fort – und fügt, beginnend mit dem 37. Abschnitt, nach bewährtem Prinzip neun weitere Kapitel mit jeweils neun Gedichten an, die auf knapp 100 Seiten – es ist auch der längste Band der drei – nach wildester Pastiche-Art Oskar Pastior, Hans Arp, Inger Christensen und Rosemarie Waldrop samplen und grüßen. Zwei ganze Abteilungen sind einer völlig aus dem Ruder laufenden Neuerfindung von Kurt Pinthus‘ legendärer Expressionismus-Anthologie Menschheitsdämmerung gewidmet, es treten unter himmelschreiend komischen falschen Namen (Frieder Schauffelen! Eugen Kalbfell!) Protagonisten wie Gottfried Benn und August Stramm auf und werfen sich in der schwäbischen Gaststätte Brettschneider die von Stolterfoht genialisch neu arrangierten Originalverse um die Köpfe.

Die Bände sind von Andreas Töpfer gestaltet, ab sofort lieferbar und in jeder Buchhandlung zu bestellen.

Christiane Heidrich: Spliss, 80 Seiten, 19,90 €

Tristan Marquardt: Scrollen in Tiefsee, 80 Seiten, 19,90 €

Ulf Stolterfoht: Fachsprachen XXXVII-XLV, 100 Seiten, 19,90 €

Blutjesus telefoniert mit dem BKA

stolterfoht-neu-jerusalem

Experimentelle Lyrik hin oder her, von den derzeit erhältlichen Lyrikbänden ist Ulf Stolterfohts Neu-Jerusalem der zugänglichste: Problemlos lässt sich dieses buchlange Gedicht in einem Rutsch herunterlesen. Die Geschichte, die es erzählt, benötigt aber einige Verdauungszeit.

Zunächst einmal ist Stolterfoht seinen Cowboy-Wurzeln treu geblieben, die er zuletzt im gleichnamigen roughbooks-Bändchen zusammen mit Studenten des Leipziger Literaturinstituts beschwor. Indianer tauchen hier auf, Countrysänger Waylon Jennings und Willie Nelson streifen durch die Zeilen, und mittendrin der betrunkene Prediger Wagenblast: „was seid ihr denn für ein übler haufen heute nacht? ihr wisst genau, wie/man sich danebenbenimmt, schon mal was vom ‚anti-christ‘ gehört?/hat irgendeiner von euch schon mal vom ‚anti-christ‘ gehört?“

Wagenblast ist eine der beiden Hauptfiguren in diesem Band, neben einen gewissen Blutjesus und seiner Gemeinde von Radikalpietisten, die in Berlin-Schöneberg ihr Unwesen treiben, das sogar BND, BKA und den Verfassungsschutz auf den Plan ruft. War Michael Braun im Signaturen Magazin einigermaßen bestürzt über dieses „religiöse Buch wider Willen“, bei dem er eine „unfreiwillige Sakralisierung des poetischen Stoffs“ fürchtet und das für Stolterfoht offenbar typische Erkennungsmerkmal, die Auflösung aller festen semantischen Bindungen, vermisst, muss fairnesshalber entgegnet werden: Das wilde, anarchische und in weiten Teilen urkomische Parlando dieser Verse sucht seinesgleichen in der Gegenwartslyrik. Die Geschichte der radikalpietistischen Strömungen um 1700, Auswanderungswellen nach Amerika, und ein irritierend gegenwärtiger Blick auf Berlin überlagern sich virtuos, und vorgetragen wird das Ganze in einem wummernden Sprechgesang-Duktus, der selbst vor kalauernden Binnenreimen nicht halt macht: „(…) die/drohnen waren vom glauben beseelt, ‚dass etwas sei‘. sanft/küsst sie das fürstliche beil. und sie? behielten ihren glau-/ben bei. und wir? befinden uns im jahre 1703“.

Außerdem, wo findet man schon in einem Literaturverzeichnis Bob Dylans Songtexte neben Francis Bacons Neu-Atlantis? Eben.

Ulf Stolterfoht: Neu-Jerusalem. Kookbooks, 104 Seiten, 19,90 €