Das echte Leben ist schief und manchmal schwankend

Menschen in der Großstadt: In ihrem neuen Roman lässt Nina Bußmann die Lebensentwürfe von drei Menschen aufeinanderprallen. Ein komplexer Entwurf über moderne Beziehungsgeflechte – und darüber, was diese eigentlich motiviert.

Nach „Große Ferien“, einem Ein-Personen-Kammerspiel über einen suspendierten Lehrer, und „Der Erde der Mantel ist heiß und geschmolzen“, der Geschichte einer ungleichen Frauenfreundschaft zwischen Deutschland und Nicaragua ist „Dickicht“, der dritte Roman, Nina Bußmanns bislang komplexester: Drei Figuren, Ruth, Max und Katja, deren Geschichten umeinander kreisen, die aber auch für sich alles andere als einfach sind, stehen im Mittelpunkt. Es ist auch Nina Bußmanns erster Berlin-Roman: Ein politische Aktionsbündnis für Mieterrechte spielt eine Rolle, die Stadt mit ihrem hektischen Zentrum und dem eintönigen Randgebiet, eine Stadt, in der jeder seine „Projekte“ verfolgt und doch prekäre Jobs an der Tagesordnung sind.

Ruth, um die fünfzig, Fleischbeschauerin und Tierschutzbeauftragte in einem mittelständischen Betrieb, der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, hat sowohl Kontakt zu Max als auch zu Katja. Als sie nach einem Unfall aus dem Krankenhaus entlassen wird, nimmt Katja sie bei sich auf. Ruth hatte schon davor den deutlich jüngeren Max kennen gelernt und mit ihm auch ein sexuelles Verhältnis. Sie ist Alkoholikerin: Das wird aus den im Erzählfluss nicht-chronologisch angeordneten und oft knapp gehaltenen Passagen klar. Sie hat ihre Arbeit aufgegeben, auch ihre Mietwohnung musste sie verlassen und in ein anonymes Apartment am Rand der Stadt ziehen. Ihre Familiengeschichte und die Gründe für ihr von Dritten oft als schroff und einzelgängerisch beschriebenes Verhalten bleiben im Dunkeln – ganz anders als es bei Max und Katja, der Fall ist, deren Lebensverhältnisse und emotionale Verfasstheiten sehr deutlich ausgeleuchtet werden: Max hat sein Studium und auch seinen Job als Fahrer für einen Lieferservice geschmissen, um Kindergärtner zu werden; er hat eine Schwester, Edna, die ihn in Berlin besuchen kommt, er wohnt in einer WG, die er aber plant, zu verlassen, und nimmt die Hilfe von einer Coachin, angesiedelt irgendwo zwischen Self-Help-Guru und Telefon-Abzocke in Anspruch. Katja dagegen ist gerade in ihr neues Projekt gestartet, das Jobcenter-Kunden helfen soll, ihren Lebenslauf zu ordnen und gut vorbereitet in einen neuen Karriereabschnitt zu starten; sie ist, zumindest für einen Teil des Romans, mit Milan zusammen, einem Anwalt, der an einem Erschöpfungssyndrom leidet, und auch sie hat mit gesundheitlichen Problemen, zu kämpfen, die sich durch fortschreitenden Haarausfall äußern.

Das Spannungsverhältnis zwischen den Parteien Max-Ruth und Katja-Ruth ist jeweils dasselbe: Sowohl Max als auch Katja sind „Kümmerer“, wollen Problemlöser sein, die Ruth ihre Hilfe anbieten, die aber ihrerseits Züge einer toxischen Persönlichkeit trägt: Sie nimmt die Hilfe an, gibt aber selbst wenig zurück.

Statt einem typischen Großstadtroman über die Einsamkeit vereinzelter Existenzen legt Nina Bußmann hier einen komplexen Entwurf über die vielschichtigen Beziehungen ganz unterschiedlicher Figuren vor, die niemals holzschnittartig typologisiert daherkommen. Vielmehr wird der Hintergrund ihres Handeln erzählerisch höchst detailliert ausgestaltet – bisweilen hat man das Gefühl, es hier nicht mit einem, sondern zwei oder drei Romanen in einem zu tun. Das Missverhältnis zwischen den ausführlich geschilderten Biografien Katjas und Max‘ und der nur angerissenen Lebensgeschichte Ruths erstaunt zunächst, ist aber womöglich auch eine Fährte zum Verständnis des Anliegens, das dieser Roman hat: Braucht es immer eine große Geschichte, um die Motivationen einer Person zu verstehen, oder ist ihr Handeln auch aus dem Moment zu begreifen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sollte man diesen Roman lesen.

Nina Bußmann: Dickicht. Suhrkamp Verlag, 317 Seiten, 24 €

Buchpremiere am 29. Oktober 2020 um 20:30 Uhr im Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, 10623 Berlin-Charlottenburg, Moderation: Fabian Thomas

Vom Erdboden verschwunden

nina-bussmann-mantel-erde-geschmolzen.jpg

Was macht man, wenn eine Freundin auf einmal verschwindet? Die Erzählerin in Nina Bußmanns Roman Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen geht auf Spurensuche.

Sie ist überzeugt: „Wer verschwindet, will gesucht werden“. So reist sie nach Nicaragua, wo Nelly, die verschwundene Freundin, einen Forschungsaufenthalt als Geophysikerin hatte, ihren Auftrag aber mehr und mehr aus den Augen verlor und scheinbar ziellos durch die Straßen von Managua zog. Aber auch in den kleinen Ort bei Frankfurt, wo Nelly aufwuchs und ihre Mutter vielleicht Aufschluss über ihr zunehmend erratisches Verhalten geben kann.

So entsteht nach und nach das Bild einer Frau, die voller Widersprüche steckt: Ehrgeizig im Studium, mit einem kaltblütigen, wissenschaftlich-rationalen Blick, wenigen persönlichen Bindungen und zuletzt doch einer vielversprechenden Beziehung zu dem Architekten Jakob. Wenig erfährt man dagegen über die Erzählerin selbst: Sie war eine Zeitlang Nellys Mitbewohnerin, zwischenzeitlich haben sich die beiden Freundinnen aus den Augen verloren, und doch steckt sie eine unwahrscheinliche Energie in die Suche nach Hinweisen auf Nellys Verschwinden. Sie nimmt, wie eine Doppelgängerin, ihren Platz in der Hausgemeinschaft in San Dionisio ein und folgt den Routen, die auch Nelly durch die verschlungenen Straßen genommen hat.

Nina Bußmann baut eine große Spannung auf, die um die verschwundene Hauptfigur kreist, eine Leerstelle, die von der Erzählerin in detektivischer Kleinarbeit mit immer mehr Puzzlestücken aufgefüllt wird. Außerdem zeichnet sie in ihrer klaren, kühlen Sprache ein differenziertes Bild von Nicaragua, das seit den siebziger Jahren ein Projektionsort idealistischer westlicher Entwicklungshelfer war. Ziel von Nellys geophysikalischen Forschungen ist die bessere Vorhersage von Vulkanausbrüchen und Erdbeben, um Naturkatastrophen zu verhindern. Nina Bußmann veranschaulicht diese Arbeit in faszinierend detailreichen Exkursen, die auf Naturkatastrophen und seismologische Grundlagenforschung eingehen. Der Grund für Nellys Verschwinden freilich lässt sich durch kein Messinstrument feststellen – sie verschwindet einfach vom Radar.

Nina Bußmann: Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen. Suhrkamp Verlag, 329 Seiten, 22 €

Dieser Artikel erscheint zur Leipziger Buchmesse 2017. Nina Bußmann stellt Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen an folgenden Terminen vor:

Donnerstag, 25. März, 15:00 – 15:30 Uhr, AusbildBar, Halle 5, Stand E 507

Donnerstag, 25. März, 23 Uhr, Lange Leipziger Lesenacht, Moritzbastei, Universitätsstraße 9

LBM17_LeipzigLiest_rgb