Worte, die eigentlich Wolken waren

In der literarischen Wunderkammer: Ein neuer Band mit Essays und Reden von Uljana Wolf versammelt poetologische Selbstauskünfte, dokumentiert produktive Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen – und ist ein Wegweiser durch ihr bisheriges Gesamtwerk.

Im Mittelpunkt steht dabei die für wohl keine andere Dichterin ihrer Generation so charakteristische Beschäftigung mit Sprache, sei es dem Polnischen, das ihren Debütband Kochanie, ich habe Brot gekauft prägte, dem Englischen der false friends und eigener Übersetzungen als Ausgangs- und Zielsprache, aber auch dem Belarussischen (etwa bei Valzhyna Mort). Von Uljana Wolfs Übersetzungen aus dem Englischen, insbesondere der Texte von Christian Hawkey und Matthea Harvey, handelt der erste Teil von Etymologischer Gossip, das jetzt bei Kookbooks erschienen ist; der Gegenrichtung widmet sich der zweite Teil, der überraschende Einblicke in das Werk von Christine Lavant gibt, aber auch die große Faszination Wolfs für das Werk von Ilse Aichinger zeigt. Besonders faszinierend: Die der Textart nach Dankesreden, Nachworte, Zeitschriftenbeiträge, die das Buch ausmacht, reihen sich zum Teil so nahtlos aneinander und greifen gegenseitig ihre Motive auf, dass es ein Genuss ist, einfach weiterzulesen. Ebenso erschließt sich das dichterische Werk Uljana Wolfs ganz nebenbei; von großer Empathie geprägt sind wiederum die Beiträge im letzten Teil des Bandes, die sich Dichterkolleginnen wie Dagmara Kraus, LaTasha N. Nevada Diggs, M. NourbeSe Philip, Theresa Hak Kyung Cha und ihren jeweils auf eigene Weise außergewöhnlichen Werken widmen.

Ein weiterer Genuss bei der Lektüre von Uljana Wolfs Texten ist ihr Umgang mit der Sprache selbst, beispielhaft in diesem magisch aufgeladenen Auftakt eines Essays über das Übersetzen von Ilse Aichinger: „Schnee habe ich in Rom nur einmal gesehen. Er deckte einen Morgen lang sämtliche Risse und Schlaglöcher zu. Als er geschmolzen war, hatten sich die Risse und Schlaglöcher unter seiner weißen Inkubationshaube vermehrt, als gäbe es eine negative Brutlogik, die irgendwo am kalten, schartigen Sprachrand der Wirklichkeit Brut an Brutalität koppelt und Schnee an die Möglichkeiten der Nichtexistenz.“ Es erfüllt mit Glück, Uljana Wolfs Gedankenbewegungen zu folgen, wenn sie die Strategien ihrer Übersetzungsarbeit beschreibt. Gleichsam überraschend sind die vielen kleinen Geschichten, die in den Essays stecken: Sei es über die Mutter des Monkeys-Sängers Michael Nesmith, die das Liquid Paper, eine Art Tipp-Ex, erfindet und dabei eine direkte Linie zu Uljana Wolfs und Christian Hawkeys Erasure-Gedichten Sonne From Ort bildet; oder über den Physiker John Scurlock, der 1957 versehentlich die Hüpfburg erfunden hat, aus deren unvorhersehbarem Inneren, in dem ihre „Passagiere“ ungeordnet durch den Raum fliegen, sich eine Art Ursymbol für die Poesie bildet. Einen von mehreren roten Fäden bildet Walter Benjamins Kindheit um neunzehnhundert, insbesondere die Miniatur „Mummerehlen“, aus der das einprägsam-schöne Zitat von den „Worten, die Wolken waren“, stammt – sie ist unter anderem autobiografischer Anknüpfungspunkt von einer Fahrt mit der Seilbahn auf dem Gelände der Gärten der Welt in Berlin-Kaulsdorf, wo Uljana Wolf aufwuchs: Hier befindet sich auf dem 102,2 m hohen Kienberg die Aussichtsplattform „Wolke“.

Eine besondere Stellung in Etymologisches Gossip nimmt ein Gespräch zwischen Uljana Wolf und dem norwegischen Dichter Simen Hagerup unter dem Titel „Fibel Minds“ ein, das die beiden anlässlich des Audiatur-Festivals in Bergen per E-Mail geführt haben: Es wirft noch einmal mehr als die auch in den übrigen Texten gelegten autobiografischen Spuren einen Blick hinter die Kulissen, der Wurzeln und Einflüsse deutlich macht, die das Besondere von Uljana Wolfs Dichtung insgesamt ausmachen: Der Austausch mit Dichterkolleg*innen über Ländergrenzen hinweg, das Beschäftigen mit Konzepten der hybriden Dichtung, und dabei doch immer wieder das Festhalten an der deutschen Sprache, die sie kreativ und schöpferisch immer wieder neu aktualisiert.

Am Beispiel von Dagmara Kraus, der sich gegen Ende des Bandes gleich zwei Beiträge widmen, zeigt Uljana Wolf noch einmal ganz konkret, wie dieser kreative Umgang mit Sprache aussehen kann: Die zwischen allen Stühlen stehende Kunstsprache, der sich die in Polen geborene, nun in Deutschland und Frankreich lebende Dichterin bedient, folgt nach ihrer Argumentation eine Strategie der „Minorisierung“ der deutschen Hegemonialsprache, die in Vermischung mit polnischen, englischen und französischen Versatzstücken gewissermaßen lustvoll vom Thron gestoßen wird.

Mit seinen über 200 Seiten bietet Etymologischer Gossip eine ausführliche, beeindruckende Bilanz von Uljana Wolfs bisherigem Schaffen, die durchweg fasziniert. Wo sie die Hüpfburg wohl als nächstes aufschlägt?

Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden, Kookbooks, 232 Seiten, 22 €

Die Gestaltung aller im Beitrag gezeigten Bände, auf die hier bereits gesondert eingegangen wurde, stammt von Andreas Töpfer.

Anpfiff für die Hotlist 2018

Pünktlich zum Finale der diesjährigen Fußball-WM hat sich auch das Kuratorium der Hotlist zusammengesetzt, um die besten Bücher aus Independent-Verlagen des Jahres 2018 zu ermitteln.

Das Schöne bei der Hotlist, einem Preis, der gleich den ganzen Verlag mitauszeichnet: Hier haben eigentlich schon alle gewonnen. So ist die Top 30 mit guten Bekannten und spannenden Newcomern gleichzeitig ein Reiseführer und Lesekompass durch den Neuerscheinungs-Dschungel. Auf die zehn daraus destillierten Kandidaten, die alle am 12. Oktober im Rahmen der Hotlist-Party im Literaturhaus Frankfurt vorgestellt werden, wird dann ein regelrechter Preisregen niedergehen: Der Preis der Hotlist (dotiert mit 5000 Euro), der Melusine-Huss-Preis (Qualitätsdrucken bei Theiss im Wert von 4000 Euro), neu der Dörlemann ZuSatz (Satzarbeiten im Wert von 1500 Euro bei Dörlemann) und eine Einladung zur BuchLust Hannover. Nicht nehmen lässt sich die Presseerklärung die forsche Ankündigung: „Weitere Preise sind in Vorbereitung“.

Mitvoten für die Zehner-Liste kann ab sofort auch jede*r online, aus den Publikumsstimmen werden dann drei Hotlist-Plätze fix vergeben.

Einen genaueren Blick wert sind in jedem Fall diese drei Titel: Martina Hefter mit Es könnte auch schön werden (Kookbooks), in dem der Blick in ein Altersheim als ein Sprech-Lehrstück verarbeitet wird, das vor bizarrer Schönheit glänzt; Francis Nenik mit Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert (Voland & Quist), wo Geschichte erzählt wird, wie man es wohl noch nie erlebt hat, rasant, subjektiv und witzig; Bettina Wilpert mit Nichts, was uns passiert (Verbrecher Verlag) über die Geschichte eines Verdachts, der eine ganze Uni-Clique spaltet.

Zum 10. Mal: Die Wahl zur Hotlist 2018. Preisverleihung am 12. Oktober im Literaturhaus Frankfurt. Online-Voting bis zum 20. August.

Blutjesus telefoniert mit dem BKA

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Experimentelle Lyrik hin oder her, von den derzeit erhältlichen Lyrikbänden ist Ulf Stolterfohts Neu-Jerusalem der zugänglichste: Problemlos lässt sich dieses buchlange Gedicht in einem Rutsch herunterlesen. Die Geschichte, die es erzählt, benötigt aber einige Verdauungszeit.

Zunächst einmal ist Stolterfoht seinen Cowboy-Wurzeln treu geblieben, die er zuletzt im gleichnamigen roughbooks-Bändchen zusammen mit Studenten des Leipziger Literaturinstituts beschwor. Indianer tauchen hier auf, Countrysänger Waylon Jennings und Willie Nelson streifen durch die Zeilen, und mittendrin der betrunkene Prediger Wagenblast: „was seid ihr denn für ein übler haufen heute nacht? ihr wisst genau, wie/man sich danebenbenimmt, schon mal was vom ‚anti-christ‘ gehört?/hat irgendeiner von euch schon mal vom ‚anti-christ‘ gehört?“

Wagenblast ist eine der beiden Hauptfiguren in diesem Band, neben einen gewissen Blutjesus und seiner Gemeinde von Radikalpietisten, die in Berlin-Schöneberg ihr Unwesen treiben, das sogar BND, BKA und den Verfassungsschutz auf den Plan ruft. War Michael Braun im Signaturen Magazin einigermaßen bestürzt über dieses „religiöse Buch wider Willen“, bei dem er eine „unfreiwillige Sakralisierung des poetischen Stoffs“ fürchtet und das für Stolterfoht offenbar typische Erkennungsmerkmal, die Auflösung aller festen semantischen Bindungen, vermisst, muss fairnesshalber entgegnet werden: Das wilde, anarchische und in weiten Teilen urkomische Parlando dieser Verse sucht seinesgleichen in der Gegenwartslyrik. Die Geschichte der radikalpietistischen Strömungen um 1700, Auswanderungswellen nach Amerika, und ein irritierend gegenwärtiger Blick auf Berlin überlagern sich virtuos, und vorgetragen wird das Ganze in einem wummernden Sprechgesang-Duktus, der selbst vor kalauernden Binnenreimen nicht halt macht: „(…) die/drohnen waren vom glauben beseelt, ‚dass etwas sei‘. sanft/küsst sie das fürstliche beil. und sie? behielten ihren glau-/ben bei. und wir? befinden uns im jahre 1703“.

Außerdem, wo findet man schon in einem Literaturverzeichnis Bob Dylans Songtexte neben Francis Bacons Neu-Atlantis? Eben.

Ulf Stolterfoht: Neu-Jerusalem. Kookbooks, 104 Seiten, 19,90 €

Wenn es einen Wald gibt, dann auch einen Jäger

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Die dritte Einzelveröffentlichung eines G13-Mitglieds in diesem Herbst kommt nach Lea Schneider und Linus Westheuser von Rike Scheffler, die als Musikerin und Dichterin in zwei künstlerischen Fächern reüssiert. Das merkt man ihrem Band Der Rest ist Resonanz an – der leider dadurch aber auch etwas unentschieden wirkt.

Die bizarre Gestalt auf dem Umschlagposter, zusammengesetzt aus Frosch-Skelett, Hirschgeweih und Schilfrohren, legt die Fährte für die ersten Kapitel, die ganz im Zeichen der Natur stehen, freilich stets nur auf der Möglichkeitsebene. Wie wäre es, wenn man wirklich alles hinter sich lässt? An den See, ins Moos oberhalb der Baumzone zieht („angenommen, man lässt es sich gutgehen“) Man will diesem lyrischen Ich gerne folgen: Die erträumten Szenerien formen Idylle, sind aber auch dunkel-melancholische Abbilder des Wunschdenkens, vielleicht einer großstädtischen Fluchtphantasie. Rike Scheffler verleiht diesen Phantasien durch ihr musikalisches Gespür einen Drive, der eine hypnotische Wirkung entfaltet: „man beginnt sich zu zwingen, auch im innern zu klingen“; gegen Ende schleicht sich sogar klassische Metrik ein: „nie war die neigung des erdballs so herrlich, niemals die zinkweißen nächte so weiß.“

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Rike Scheffler, begleitet von Simon Bauer am Kontrabass, beim Fest zum 10. Geburtstag von Kookbooks am 14. Mai 2013 im Theaterdiscounter Berlin

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Der König im elektrischen Königreich

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Poesie als Schleudersitz: In seinem Debüt Oh Schwerkraft katapultiert Linus Westheuser seine Leser in schwindelnde Höhen. Erstaunlicherweise wird dort die Luft nur selten dünn.

Ein weiteres Debüt aus dem Lyrikkollektiv G13 bringt dieser Herbst, diesmal bei Kookbooks: Linus Westheuser, 1989 in Berlin geboren, wo er auch studiert (Soziologie), hat bereits Gedichte in BELLA triste, Belletristik, poet, sowie einigen anderen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Außerdem ist er bei Babelsprech, dem Netzwerk für junge Lyrik aktiv, wo er zusammen mit Joel Scott und Charlotte Warsen den Blog Hallo Präsident moderiert, der sich dem Themenkreis Politik und Lyrik widmet. Mit der Querverbindung zu Charlotte Warsen ist man auch direkt bei Linus Westheusers Debütband, dessen Umschlagillustration die sowohl als Malerin als auch als Dichterin aktiven Kollegin angefertigt hat – sie ist Teil einer Auseinandersetzung zwischen Poesie und bildender Kunst, die sich genauer einerseits auf Charlotte Warsens Webseite, andererseits aber auch im Linus Westheusers Band nachverfolgen lässt.

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Charlotte Warsen: „Mutti Genosse (für Linus Westheuser)“, Acryl auf Nessel, 2014, zu sehen auf charlottewarsen.de

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Lauer Sommerabend mit Apokalypse

Ein angenehm apokalyptischer Abend: Georg Leß las von Haushaltsunfällen und Glühwürmchen, Sonja vom Brocke führte in die Intimität plastischer Phantasiewelten, Yevgeniy Breyger machte einen Ausflug ins politische Theater und Daniela Seel brachte ganz neue Gedichte aus Island mit.

In der Berliner Galerie oqbo läutete das Viererteam die neue Reihe KOOK.Lyrik@oqbo ein, bei der in unregelmäßiger Folge zwei- bis dreimal im Jahr neue Stimmen der Gegenwartslyrik zu hören sein werden. Das Thema „Apokalypse“, auf den sich alle Lesenden scheinbar zufällig bezogen, spiegelte sich in den eigens für den Abend gehängten Bildern von Mark Booth wider, der auf Wasserfarben-Basis geometrische Formen mit fragmentarischen Textstellen kombinierte.

Daniela Seel brachte im anschließenden Gespräch noch einmal die ganz großen Fragen nach der Inspiration, dem Schreiben und Lebensentwürfen zwischen Literatur und beruflichem Alltag auf den Tisch, tatsächlich wirkte diese Abschlussrunde aber, vielleicht auch bedingt durch den lauen Sommerabend, wie eine lockere Küchenplauderei unter Freunden.

Die Galerie oqbo begeht gerade übrigens ihre Festwochen, die am 14. Juni mit einer kleinen Party einschließlich Kunst-Tombola zu Ende gehen. Über die nächsten KOOK-Termine kann man sich auf oqbo.de und kookbooks.de informieren.

Wenn wir plötzlich Orangensaft trinken, zusammenhanglos

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Farhad Showghi erlebt man bei Lesungen höchst konzentriert, ruhig, „bei sich“. Sein neuer, bei kookbooks erschienener Gedichtband In verbrachter Zeit bestätigt diesen Eindruck – wirft aber auch einige neue Fragen zu Ordnung, Komposition und Ausgestaltung von Lyrik auf.

Nach jüngsten Einzelveröffentlichungen in den Zeitschriften STILL und Edit reüssiert Showghi, dessen Gedichte bereits in so unterschiedlichen Häusern wie Urs Engeler, Wallstein und dem Hamburger Rospo Verlag erschienen, nun bei kookbooks. Das ist ein schönes Zusammentreffen, gibt sich doch Gestalter Andreas Töpfer seit einiger Zeit die besondere Mühe, die von Daniela Seel herausgegebenen Bände mit passenden großformatigen Postern auszustatten, die gefaltet gleichzeitig die Funktion des Buchumschlag übernehmen. Schön deshalb, weil Töpfer sich für die Poster-/Umschlaggestaltung von In verbrachter Zeit mit mehreckigen Fliesen, den so genannten Girih-Kacheln, beschäftigt hat, die im islamischen Kulturkreis Bauwerke und Gärten zieren. Jetzt zieren sie also auch Farhard Showghis Buch – und das darf keineswegs als ein vorgreifender Orientalismus verstanden werden, denn gleich im ersten Kapitel von In verbrachter Zeit geht es genau dorthin, wo die Girih-Kacheln Alltag sind: Nach Mahmoudabad, nach Meybod, durch Straßen, die nach Dr. Hossein Fatemi benannt sind, und wo Honigtöpfe, Nüsse, Waben und Granatapfelbäume zu finden sind.

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Prosanova-Prequel 1: Behördengang mit Parschtschikow

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Am 29. Mai beginnt in Hildesheim zum vierten Mal das deutschlandweit größte Festival für junge Literatur: PROSANOVA 2014. Zur Einstimmung erscheinen an dieser Stelle in den kommenden Wochen, willkürlich, ungeordnet und streng subjektiv, Fundstücke und Eindrücke aus den vergangenen Jahren.

Der Prosanova-Freitag 2011, 12.30 Uhr. Noch etwas scheu und zaghaft versammeln sich Neugierige in dem einer Amtsstube nachempfundenen Wartesaal irgendwo auf dem Festivalgelände, es werden Nummern ausgegeben, eine strenge Dame im Kostüm bellt Ordnungsrufe und weist übereifrige Fotografen zurecht. Dann wird man (schnell, schnell, das ist hier schließlich kein Kaffekränzchen) mit vielleicht zehn anderen Personen in einen kahlen Raum mit Betonwänden bugsiert, mittendrin ein riesenhafter, geradezu ätzenden Gestank verströmender Ölkanister. Hendrik Jackson tritt an das Lesepult. Liest, erst in dröhnendem Russisch, dann auf deutsch aus Alexej Parschtschikows Erdöl-Gedichten. Und alles passt zusammen.

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Lesung via Soundcloud anhören – Dank an litradio!

Weltverzauberung vor Ort

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Martha, Martha: Ob den Namen zu schreiben auch Unglück bringt? Aussprechen sollte man ihn jedenfalls nicht laut in dem kleinen Viertel zwischen Alt-Moabit und Lessingbrücke, wenn man Annika Scheffel und Friederike Kenneweg folgt.

Das Folgen kann in diesem Fall ganz wörtlich genommen werden: Im Rahmen eines neuen Literaturformats, das kookbooks-Verlegerin Daniela Seel auf der Litfutur-Tagung in Hildesheim bereits angedeutet hatte, waren von 17. August bis zum 7. September sechs Autoren mit vier unterschiedlichen Programmen in Berlin unterwegs. Eine dieser mobilen Lesungen, kurz kookwalks, führte eben nach Moabit – und zeigte einen zu Unrecht unterschätzten Stadtteil als geheimnisvoll-verwunschenes Gebiet.

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Allein das würde schon genügen, die kookwalks als Institution für das Berliner Stadtmarketing einzurichten. Aber darum soll es hier nicht gehen, würde es doch die künstlerische Darbietung von Annika Scheffel und Friederike Kenneweg schmälern, die sich alle Mühe gegeben haben, ihren poetischen Spaziergang multimedial auszugestalten. Und wirklich: Jeder, der sich jemals über eine allzu trockene Wasserglas-Lesung mokiert hat, konnte hier das genaue Gegenteil des verstaubten Klischees erleben. Ausgehend vom alten, geschlossenen Hansa-Theater, dem Geburtsort der mysteriösen Hauptfigur, um die es in der kommenden Stunde gehen sollte, führte der walk durch Hinterhöfe, treppauf, treppab die Spree entlang, vor einen alten Trödelladen und unter modrige Brücken. Die Lesepassagen von Annika Scheffel unterstützte Friederike Kenneweg mit einem Fotoalbum, das sie als Beweismaterial für die unerhörten Ereignisse herumreichte. An ausgewählten Stellen kam eine Boombox zum Einsatz, die Zeugenaussagen über das immer gespenstischer anmutende Wesen, um das die Erzählung kreiste, sammelte. Audiodateien, vorher per E-Mail verteilt und auf den MP3-Player geladen, formten den Soundtrack für die Wege von Leseort zu Leseort.

Im Zusammenspiel gelang so tatsächlich etwas, was eine der größten Leistungen von Kunst sein kann: Die Weltverzauberung – vor Ort. Jeder Pflasterstein, jedes dahingeworfene Stück Müll auf der Straße war auf einmal potentiell wichtig, Teil der Geschichte. Und Moabit für kurze Zeit um eine literarische Figur reicher: Martha, Martha.

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Ebenfalls an den kookwalks beteiligt waren die Autorinnen und Autoren Martina Hefter, Simone Kornappel, Peter Weber und Lale Yavas. Bilder und Neuigkeiten auf kookberlin.wordpress.com.

Etüden für zwei Finger und ein Garn

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Die Auflösung und Wiederherstellung des Buchs am Beispiel von Uljana Wolfs Gedichtbänden: Eine Oberflächenästhetik anlässlich ihres neuesten Bands meine schönste lengevitch.

Lyrikbände sind oft eher schmal und lassen, je nach Autor, dem Gestalter viel Raum für die ästhetische Inszenierung. An den Büchern von Uljana Wolf kann man wie nebenbei auch eine Geschichte von kookbooks ablesen, einem Verlag, der wie kaum ein anderer die Ästhetik der Bücher gleichrangig mit den sie enthaltenden Texten behandelt.

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kochanie ich habe brot gekauft ist ein repräsentatives Beispiel für die Arbeit des Gestalters Andreas Töpfer, der geometrische Spielereien mit satten Farbflächen kombiniert; innen gewinnt der Band an fragilem Eindruck durch mehrere eingefügte Transparentbögen.

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Weg von „dem“ einen Buch, wie als Signal für die Heterogenität des Programms, legte der Verlag dann Uljana Wolfs zweiten Band falsche freunde in grün, pink und blau gefasstem Umschlag auf – wer diesen Band über das Internet bestellte, durfte sich überraschen lassen, welche Ausgabe im Briefkasten landete.

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Die Abgrenzung vom starren, gebundenen Buch trieb die Übertragung der Barrett-Browning-Sonette SONNE FROM ORT weiter, deren Gestaltung sich auch am ursprünglichen Insel-Büchlein orientierte – allerdings mit ausfaltbarem Umschlag, der genausogut Poster sein könnte (wie es auch bei Steffen Popp der Fall ist). Das eigentliche Buch darunter begnügt sich mit schlichtem Weiß.

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Die schönste lengevitch nun, Uljana Wolf jüngster kookbooks-Band, erscheint wieder in klassischer Broschur mit großzügigen Klappen; das Spiel mit den Erwartungen ist dieses Mal subtil: In Textur einem Pappkarton nachempfunden, ist das Umschlagpapier von solider Festigkeit, der schmale rote Buchrücken lässt zunächst an eine Leinenbindung denken, ist aber ebenfalls Teil der Broschur und wird farblich in der karmesinroten Umschlaginnenseite wieder aufgegriffen.

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Ein Schulheft? Ein Notizbuch? Mehrere Assoziationen stellen sich ein. Begreift man Uljana Wolfs neueste Gedichte, die sich ganz konkret mit der Sprache auseinandersetzen und sich bis zum einzelnen Wort daran abarbeiten, als Etüden, könnte vielleicht Ersteres am ehesten zutreffen: Etüden für zwei Finger und ein Garn.