Was die Wolke dichtet

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„Es wird wehtun“; „es wird nicht ganz zu kontrollieren sein“: Eingangs Warnungen, wie sich selbst zugesprochen, wussten doch weder Andreas Bülhoff, Martina Hefter, Georg Leß, Katharina Schultens noch Charlotte Warsen so ganz genau, worauf sie sich mit diesem Projekt einließen.

Das Ergebnis mehrerer Workshops, auf dem sich Coding, Poesie und Proben für eine Performance miteinander verschränkten, konnte am 22. November im Berliner Theaterdiscounter begutachtet werden: Dichter unter Hypnose, unter einem Moskitonetz aneinandergekuschelt, dazwischen großflächig Projektionen mit Tanzszenen und Rabenflug und wie zufällig herumliegende Auberginen.

Nun steht – unter Einbeziehung der Performance im Theaterdiscounter und Beteiligung des anwesenden Publikums (so konnten etwa Audiosamples live vor Ort eingesprochen und Chats geführt werden) eine erste Version von Cloudpoesie – Dichtung für die vernetzte Gesellschaft als hybrides E-Book bereit, das gemeinsam vom KOOK-Verein und dem Digitalverlag mikrotext herausgegeben wird.

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Animation: Andreas Töpfer

Und das ist eine echte Augen- und Ohrenweide. Wunderbar verspielte Kurzgedichte („protagon, verzeih“), repetitive experimentelle Textmassen wechseln sich ab mit gewitzten GIF-Animationen aus der digitalen Feder Andreas Töpfers; im Zentrum des Ganzen ein Musical mit Ungeheuern, in dem Gartenroboter Gesänge zu der Frage anstimmen, „warum das Ungeheuer sie schlägt“ – ein derart lustvoller kreativer Overkill kann einem schon einmal die Sprache rauben. Und das klingt dann so: „Wentkräff deren und warkellenener Loger und rene Pass oden A.M., nobote nichteräte anch satundere nach zu inforgume Gras weln sch zu hen S. Menachen von bren Icht den 9 unges kom”)“. Wer will, kann mit Audiosamples das Medium wechseln oder sich durch behutsam gesetzte Hyperlinks gleich wieder in das große Referenzsystem des Internets katapultieren lassen, wo etwa Diagramme zur Theorie des Uncanny Valley lauern. Die Textsorten changieren währenddessen fröhlich vom Kinderreim zur Spielanleitung mit Safeword und mittelalterlichen Rezeptanweisungen, die auf Plinius verweisen; eine Form, ein äußeres Raster scheint immer wieder durch (etwa begonnene Aufzählungen), um aber gleich darauf wieder lustvoll verworfen zu werden.

Ein hemmungsloser, anarchischer Spaß ist hier gelungen, der das Zeug hat, das Feld der Gegenwartslyrik um eine ganze Wagenladung neuer Impulse zu bereichern. Übrigens: Das E-Book war in seiner ersten Version, soviel Geheimniskrämerei muss sein, nur am Abend der Performance erhältlich. Eine bearbeitete Version soll aber in Kürze auf einschlägigem Wege erhältlich sein.

Der Tod kam vorbei

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Das beste Argument für E-Books ist ja, dass sie Projekte möglich machen, die anders nur schwer realisierbar wären.

Ein solches Projekt ist das E-Book Tausend Tode schreiben aus dem Frohmann Verlag, mit dem Herausgeberin Christiane Frohmann die Rede vom „tausend Tode sterben“ wörtlich nimmt und tausend Autoren um Texte über den Tod gebeten hat. Teil eins der für März 2015 anvisierten Komplettedition ist gestern erschienen und versammelt biographische, essayistische, literarische und poetische Texte, Erinnerungen, Tagebucheinträge, Briefe zum Stichwortthema. Sie führen in Bestattungsinstitute, die sich an neuen Werbekampagnen probieren („Bei uns liegen Sie richtig“), Sterbehospize („Holzengel an der Tür bedeutet: tot“), zum Ground Zero, zum Permadeath in Videospielen, natürlich auf echte Friedhöfe und zu der Frage nach dem digitalen Nachlass, in die Kindheit zurück oder zu einem gerade erlebten Tod. Genau die richtige Lektüre für die dunkle Jahreszeit – und eine lebensrettende Maßnahme für viele tausend Bäume, die nicht für den Druck gefällt werden mussten!

Der Tod kam vorbei
wir haben uns unterhalten
bis er wieder ging

David Wagner

Christiane Frohmann (Hg.): Tausend Tode schreiben. Version 1/4, Frohmann Verlag 2014, 4,99 €

Und hier noch ein Hinweis in eigener Sache: Der Herausgeber wird in der nächsten Ausgabe von Tausend Tode schreiben mit einem Beitrag zum Thema „Musik, Tod Alltag“ vertreten sein.

Reading Pynchon – Das Bleeding Edge Lesetagebuch

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Es ist schon eine Meldung wert, wenn heute, fast genau ein Jahr nach der englischen Ausgabe, im Rowohlt Verlag die deutsche Übersetzung von Thomas Pynchons neuem Roman Bleeding Edge erscheint.

In diesem Blog wurde das Erscheinen der Originalausgabe mit einem Lesetagebuch begleitet, das in vier Teilen nachgelesen werden kann:

Pynchon-Tagebuch (1): Helical and slow
Pynchon-Tagebuch (2): Real ice cream
Pynchon-Tagebuch (3): Scared shitless
Pynchon-Tagebuch (4): Dick Tracy’s wrist radio

Und hier noch eine Besonderheit: Sozusagen als kostenlose Dreingabe zur Feier der deutschen Übersetzung kann das gesamte Lesetagebuch ab sofort auch als kostenloses E-Book heruntergeladen werden.

Reading Pynchon – Das Bleeding Edge Lesetagebuch (EPUB, 16 KB, ca. 20 Seiten) / Kindle-Version

Ratlos im Beisl

in-der-zukunft-sind-wir-alle-tot

Stefanie Sargnagel heißt eigentlich Stefanie Fröhlich. „In der Zukunft sind wir alle tot“, ihre jetzt bei mikrotext erschienene Anthologie gesammelter Statusmeldungen, passt aber nicht nur dem Titel wegen gut zu ihrem morbiden Künstlernamen.

Die Anthologie ist, wie angedeutet, nichts anderes als das: Eine quasi tagesgenaue Chronik, ein Tagebuch aller Statusmeldungen, die Stefanie Fröhlich zwischen dem 16. September 2013 und dem 6. Februar 2014 gepostet hat. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Denn festgehalten werden muss, so schade es auch ist: Statusmeldungen allein, zumindest hier, machen noch keine Literatur. Diese zwischen Callcenter-Tristesse und Lebenskünstlerinnen-Alltag ins Social Network geposteten Notizen sind oft vor allem eins: so kunstlos wie möglich hingeworfen, dabei aber meist banal, und im schlimmsten Fall auf billigem Kalauer-Niveau.

Dass Stefanie Fröhlich durchaus schreiben kann und ein Händchen für die Kunst der leidenschaftlichen Schmäh hat, zeigt sie gerade in den längeren Texten, die für das auf Kurzlebigkeit angelegte Twitter- und Facebook-Format eigentlich unüblich sind.

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