Ungetüme in der Provinz

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Komplex, ausufernd, verschlungen: Der Fuchs von Nis-Momme Stockmann ist einer der ungewöhnlichsten Romane dieses Frühjahrs.

Außerdem ist Stockmann der einzige Autor unter vierzig, der in diesem Jahr für für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist – Grund genug, einen Blick in das 720-seitige Ungetüm zu werfen. Um Ungetüme geht es tatsächlich auch in Der Fuchs relativ oft. Die babylonische Sagenwelt um Tiamat, Abzu und Marduk, die brutal die Herrschaft um den Kosmos ausfechten, bildet den mythisch-rätselhaften Unterboden für eine Geschichte, die eigentlich hauptsächlich in der tiefsten schleswig-holsteinischen Provinz der frühen neunziger Jahre spielt. An der lässt Finn, der Erzähler, kein gutes Haar: Ein Alltag, geprägt von Gewalt und Alkoholismus, wer nicht in das vorgefertigte Bild der Spießbürger passt, wird passend gemacht oder gnadenlos ausgegrenzt. Aber plötzlich geschehen seltsame Dinge, Menschen verschwinden, ein abgetrennter Arm taucht auf, und ein seltsames, kreisförmiges Zeichen scheint irgendwie mit allem in Verbindung zu stehen. Finn, seine Clique und die geheimnisvolle Katja begeben sich auf Spurensuche. Hier ist Der Fuchs Jugendroman, Abenteuerroman, fast Stephen-King-Material in seiner epischen, sich sorgfältig ausbreitenden Erzählweise. Wäre da nicht der dritte Erzählstrang, die eigentliche Gegenwartsebene des Romans, in der es tatsächlich zu einem unerhörten Ereignis gekommen ist: Der Ort Thule, in dem Finn und seine Freunde auch mit Anfang dreißig noch hängen geblieben sind, wurde von einer alles verschlingenden Überschwemmung heimgesucht. Nichts weniger als einen Weltuntergang inszeniert Nis-Momme Stockmann (übrigens vom Fach her Dramatiker) hier, und wie Finn mit immer stärker verschwimmendem Blick auf das Geschehen versucht, die Oberhand über die komplette Auflösung aller vertrauten Zusammenhänge zu behalten, ist ihm virtuos gelungen. Der Romantext fächert sich zwischenzeitlich in bis zu sieben parallel notierte Ebenen auf, schweift ab, rückt wieder zusammen – bleibt aber immer, auch bei einem verwegenen Umfang, gut lesbar, ohne komplett auszufasern. Bei einem guten Lesetempo ist das Buch in einer Woche zu schaffen – das gilt nicht für viele Wälzer dieser Größenordnung. Ob die Jury in Leipzig sich auch so leichtgetan hat? Nächste Woche wissen wir mehr.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs. Rowohlt Verlag 2016, 720 Seiten, 24,95 €

Nis-Momme Stockmann stellt seinem Roman auf der Leipziger Buchmesse im Rahmen von „Leipzig liest“ am 18. März 2016 um 19 Uhr in den Cammerspielen Leipzig vor.

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Süßes Schlachthaus, mon amour

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Sascha Macht scheut in seinem Debüt auch die skurrilsten Einfälle nicht – ein Roman wie ein Wimmelbild.

Ein Autor schickt seinen Protagonisten auf eine Reise: Einmal quer über seine Heimatinsel muss der siebzehnjährige Bruno Hidalgo. Diese Insel ist in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach US-amerikanischen Atombombentests aus dem Meer aufgetaucht und seitdem Schauplatz utopischer Weltentwürfe aller Art. Sascha Macht hat es sichtlich genossen, seinen munter sprudelnden Ideenstrom auf diese fiktive Insel auszugießen: Es gibt Schlösser, Wälder, Canyons, Seen, Sumpfgebiete und Savannen. Generäle, Revolutionäre, Monarchisten, Hippies und Fabeltiere tummeln sich hier, in Dörfchen, Siedlungen, Großstädten.

Dass es da mitunter etwas eng werden kann, ist nicht nur Folge von Sascha Machts überbordendem Einfallsreichtum, sondern gleichzeitig Triebfeder für den Fortgang der Handlung: Bruno Hidalgo begegnet auf seiner Reise ständig Gestalten, die seine Geschicke in eine neue Richtung lenken. Ein aussätziger Preuße, ein durchtriebener Mexikaner und schließlich das südafrikanisch-nordirische Filmregisseur-Pärchen Johnny und Sylvie inklusive deren Sohn Liam. Vage erkennbar wird, dass seine Reise zeitlich mit einem Staatsstreich zusammenfällt, der die politische Ordnung auf der Insel über den Haufen wirft. Sein persönliches Ziel ist aber eigentlich der Besuch der Filmfestspiele in der Hauptstadt, was er, soviel kann man verraten, schließlich auch erreichen wird.

Überhaupt sind die Filme, spezieller: Horrorfilme, denen Bruno Hidalgo sich voll und ganz verschrieben hat, ein schönes Leitmotiv in diesem sämtliche Grenzen sprengenden Roman. Über zwanzig – natürlich fiktive – Regisseure und deren Oeuvre hat Sascha Macht eingebaut, teilweise mit elaborierten Lebensläufen und herrlichen Filmtiteln wie Kontrabassisten – Ledermenschen – Fleischhauer, Bulbin der Zetrümmerer, Schöne Körper, rote Nächte, blinde Würmer oder Süßes Schlachthaus, mon amour.

Sascha Macht: Der Krieg im Garten des Königs der Toten. DuMont Buchverlag, 272 Seiten, 19,99 €

Sascha Macht hat auf der Leipziger Buchmesse geradezu einen Lesemarathon vor sich: Am 17.3. in der Moritzbastei, am 18.3. zweimal auf der Buchmesse und abends im Deutschen Literaturinstitut sowie am 20.3. noch einmal auf der Buchmesse.

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Wie ein schlafender Mauersegler klingt

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Sandwichmaschinen sind etwas Praktisches. Man sollte aber gut auf sie aufpassen.

Im „Schloss”, dem Internat, wo Maruan Paschens Roman Kai spielt, sind sie sogar verboten und müssen deshalb in den Zimmern versteckt werden. Das ist aber noch nicht das Seltsamste an diesem Debüt, das in diesem an spannenden Neuerscheinungen nicht gerade armen Bücherherbst mit irisierender Bizzarerie hervorsticht.

Kai, die titelgebende Person, lernt man zuerst einmal nicht kennen. Der Ich-Erzähler ist damit beschäftigt, in seiner neuen Bleibe anzukommen. Aber das hier irgendetwas im Argen ist, fällt schnell auf: Die kurzen, in Miniaturform abgefassten Beobachtungen, die er tätigt, zeugen von einer verzerrten, auf eklatante Weise verschobenen Wahrnehmung, die andauernd Nebensächlichkeiten in den Fokus rückt, wichtige Zusammenhänge ignoriert und immer genau dann abschweift, wenn es spannend wird. So funkelt diese Erzählung wie ein geschliffener Edelstein: Nie bekommt man genau in den Blick, was abläuft, ja, mehr noch, jeder Leser wird dieses Buch anders lesen, andere Details hervorheben, andere Beobachtungen machen.

Man kennt diesen unzuverlässigen Erzähler von so unterschiedlichen weltliterarischen Vorgängern wie William Faulkner oder Joseph Roth, nicht zufällig ist besonders die klassische Moderne eine Epoche, die dieses Mittel gerne zur Anwendung brachte: Krise des Erzählens, Vertrauensverlust der Sprache, entnervtes Subjekt.

Umso erstaunlicher ist es, dass Maruan Paschen diese Referenzen leichtfüßig in sein Schreiben übernimmt und mit einem eigenen, dem kurzen Format zugewandten und damit sehr poetischen Stil verbindet, der, nebenbei gesagt, auch die üblichen Internatsroman-Sujets weit hinter sich lässt:

Ich übe kurz Gitarrespielen, bin aber abgelenkt von einem Mauersegler, der vor meinem Fenster schwirrt. D-Moll, das sieht aus wie ein schlafender Mauersegler klingt. Danach kann ich vermutlich besser Gitarre spielen, vielleicht aber auch nicht.

Damit begibt er sich nicht nur in eine große Tradition, sondern führt auch ein ganz eigenes, hochspannendes Schreibexperiment durch, das in der jüngeren Autorengeneration ohne Beispiel ist. Lesen!

Maruan Paschen: Kai. Eine Internatsgeschichte. Matthes & Seitz Berlin, 101 Seiten, drei Abbildungen, 16,90 €

Dieser Artikel erscheint live zur Frankfurter Buchmesse. Maruan Paschen stellt seinen Roman Kai an folgenden Terminen vor:

Mittwoch, 8. Oktober, 18:30 Uhr: Frankfurter Kunstverein

Maruan Paschen, Jan Hoffmann, Markus Sehl und Marlon del Mestre im Gesprächh zur »Tippgemeinschaft« des Deutschen Literaturinstituts Leipzig

Freitag, 10 Oktober, 17:00 Uhr: Frankfurter Kunstvererein

Lesung aus Kai. Eine Internatgeschichte

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