Hier ist Österreich

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Ein Paar, das sich trennt, weil, kurz bevor die gemeinsame Tochter geboren wird, die Geister der Vergangenheit wieder zurückkehren, im Zentrum Steiner, der übermächtige Großvater, der einst mit der Familie aus den Karpathen nach Österreich floh: Das ist der neue Roman von Constantin Göttfert, der jetzt im Verlag C.H. Beck erschienen ist.

Im Erzählband In dieser Wildnis waren es noch kurze, brutale Geschichten, nicht selten mit tödlichem Ausgang; dann ging es mit dem ersten Roman nach Finnland, schwarze Katzen strichen umher und jede Menge Alkohol floss. Nach einer Zwischenstation in Detroit, wohin ein Roadtrip unter Brüdern führte, kehrt Constantin Göttfert nun nach Österreich zurück.

Es ist eine bedrückende Geschichte, die er hier erzählt: Über eine Familie, in der die Gewalt regiert, den Schulalltag, in dem Schüler ihre Lehrer terrorisieren und ein Land, in Furcht vor dem Fremden erstarrt.

Das Marchfeld blieb alles schuldig, dachte ich. Riesige Plakatwände flankierten immer noch die Bundesstraßen. Ein Parteichef im weißen Hemd stand mit verschränkten Armen vor einem herabgelassenen Schlagbaum. Hier ist Österreich, hieß dieser Blick, hier kommt keiner rein!

Dass Constantin Göttfert, der schon immer einen Blick für die düsteren Seiten der menschlichen Seele, schwierige Familienkonstellationen und das groteske Detail hatte, nun in seinem neuen Buch den ganz großen Bogen von der österreichischen Nachkriegsgeschichte bis heute schlägt, verwundert nicht. Steiners Geschichte ist kein Buch für schwache Nerven, aber eines, das sehr genau und unerbittlich entschlüsselt, wie die ungelösten Konflikte der Vergangenheit ein unbeschwertes Leben in der Gegenwart verhindern. Also tief Luft holen und loslesen!

Constantin Göttfert: Steiners Geschichte. C.H. Beck Verlag, 479 Seiten, 19,90 €

14 Poeten sollt ihr sein

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Verglichen mit den genaugenommen gar nicht mehr so jungen Literaturmagazinen BELLA triste und Edit ist er ein echter Jungspund – doch auch der 2006 gegründete poet kann inzwischen schon auf die stattliche Anzahl von vierzehn Ausgaben zurückblicken; umso bedeutender, als jede Nummer in großzügiger Klappenbroschur eher einem Taschenbuch als einer Zeitschrift gleicht und auch an Umfang seit der Gründung kontinuierlich gewachsen ist.

Lange nicht nur Poesie, auch Prosa, Reportagen und Gespräche sind Gegenstand des poet, dem (auch das eher ungewöhnlich) mit dem poetenladen eine Internetplattform vorausging, die als Forum für neue Literatur, Kritik und Lexikon relevanter Gegenwartsautoren einer der Eckpfeiler der jungen Literatur im Netz ist.

In den Ausgaben seit Herbst 2010 (problemlos lieferbar und keinesfalls out of date) besonders bemerkenswerte Lieblingstexte seien hier einfach streng selektiv-subjektiv zum Erscheinen der 14. Ausgabe noch einmal hervorgehoben.

Da wäre Dorothee Elmigers Prosatraum „Als elf Schneekraniche über die Alpen flogen“, der ein fantastisch fragiles Gegenstück zu ihrem Roman Einladung an die Waghalsigen bildet, dann Peter Kurzeck im Gespräch mit Walter Fabian Schmid („Man findet nie genau dasselbe wieder“), junge Lyrik von Max Czollek (sommerloch) und Kathrin Bach (geografie), noch mehr Lyrik aus Brasilien (Pro-Tipp: Buchmesse-Gastland Frankfurt 2013!), sowie der Miniaturen-Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe, besonders zu empfehlen Josef Maruan Paschens Sammlung „Von den alten Helltikken“ – eine Lesung daraus kann man sich bei Kabeljau & Dorsch anhören.

Neben Zeitschrift und Webseite ist der Poetenladen natürlich auch noch ein klassischer Buchverlag: Die Einzelpublikationen, etwa von Katharina Hartwell, die gerade landauf, landab Lorbeeren für ihren Debütroman einsammelt, oder Constantin Göttfert, der gerade an seinem zweiten Roman für den C.H. Beck Verlag arbeitet, sind, gerade für den eher spontanen Thalia- oder Hugendubel-Buchkäufer, vielleicht noch ein kleiner Geheimtipp. Aber nun genug des namedroppings, alle streng-selektiv-subjektiven Tipps in Ehren: Entdecken kann man ja selbst immer noch am besten, und dafür eignet sich der Poetenladen bestens.