Literatur als Herausforderung

David Foster Wallace Reader, erschienen bei Little, Brown & Co.

Ein Beispiel für Literaturkritik, auf die ich persönlich verzichten kann: Christiane Frohmanns Generalabrechnung mit David Foster Wallace anlässlich seines zehnten Todestages gestern.

Ein Gastbeitrag von Paul Brodowsky

Die Idee, dass im Namen und unter Hochhalten von „DFW“ eine Menge von jungshaftem Literaturdistinktionsquatsch betrieben wird, hat mich schon vor eineinhalb Jahren über amerikanische feministische Bloggerinnen erreicht – das konnte ich damals nachvollziehen und kann ich auch heute noch. Ähnlich wie beispielsweise Deirdre Coyle macht sich Frohmann für einen anderen Kanon, für Bücher von diversifizierteren, weiblicheren Schreibenden stark. Etwas daran ist tatsächlich überfällig, und Kritik an Lit-Bros würde ich immer teilen (z.B. auch in der Spielart von „Dirk“ in einem Text von Maren Kames).

Aber anders als bei Coyle, die sich mit Wallace differenziert auseinandersetzt und deren Einschätzungen ich nachvollziehen kann (wenngleich ich sie nicht alle unterschreiben würde), gibt es bei Frohmann eigentlich keine Argumente gegen die Texte von Wallace außer dem einen, den Autor von dem Rezeptions- und Distinktionsverhalten seiner dümmsten Leser her zu bewerten. (In dem Sinne will ich sogar Murakami vor Frohmanns Lesart schützen, der so viel mehr kann, als nur schöne, einfache Sätze fürs „Team Muramaki“ schreiben.)

Das anderthalbte, mit dem ersten verwandte Argument, Wallaces Sätze seien zu kompliziert, weil sie Leser und Leserinnen außen vor halten, finde ich eigentlich noch ärgerlicher: Aufgabe von Literatur (oder Kunst) ist meiner Meinung nach nicht, zugänglich zu sein. (Eine Autorin/ein Autor kann sich selbstredend für Zugänglichkeit entscheiden, das Gegenteil muss aber auch immer möglich sein, zumindest dann, wenn die komplexe Form den Gegenstand adäquat abbildet, was ich bei David Foster Wallace durchgängig so beschreiben würde.) Ich glaube an Literatur als Herausforderung, nicht an Texte, die uns seicht beschallen.

David Foster Wallace hat zu kurz gedacht, er hat nicht bedacht, dass man primär nicht denken, sondern umsehen lernen muss. Nicht nur sich vorstellen lernen, dass etwas auch anders sein könnte, sondern dass man sich manches gar nicht vorstellen kann, weil man nicht gelernt hat, es wahrzunehmen.

Wallace vorzuhalten, er habe zu viel gedacht, streift für meine Begriffe schon das unfreiwillig Komische. Und der Vorwurf des unsensiblen, selbstbezogenen Autors führt bei David Foster Wallace fundamental am Gegenstand vorbei: Ich kenne wenige Schreibende der letzten hundert Jahre, die über mehr Empathie verfügen, (und zudem selbst-reflexiver und -kritischer vorgegangen sind). Freilich wird diese Empathie (gepaart mit einer modernen Oberflächenkälte) in jede Richtung funktionabel gemacht, auch für die auftretenden Sexisten, rassistischen Arschlöcher, idiotischen Präsidenten etc. Aus dieser entlarvenden und immer auch dekonstruierten Rollenprosa in oberflächlicher Lesart dem Autor einen Strick drehen zu wollen finde ich mindestens unterkomplex. Empathie ist nicht nur der Glutkern von David Foster Wallaces Prosa, sondern auch sein erklärtes Programm (etwa in „This Is Water“).

Vor allem aber tappt Frohmann selbst in die Lit-Bro-Falle: Literaturkritik als Distinktion, in dem Fall unter Hochhalten von ein paar Ikonen feministischer Literatur. Don’t get me wrong: Ich finde auch, man sollte bei jeder Gelegenheit auf gute Autorinnen aufmerksam machen, sie werden leider immer noch viel zu wenig rezipiert. Klar kann man sich zehn Jahre nach dem Tod des Autors hinstellen und sagen: Von heute aus gesehen fehlen mir da ein paar eindeutig feministische Markierungen in dem Werk von David Foster Wallace. Aber drive-by-Kritik nach Oberflächenmarkern und wechselseitiges Sich-Abklatschen unter diskursiv Einverstandenen anstelle von Auseinandersetzung finde ich wenig hilfreich.

Paul Brodowsky wurde 1980 in Kiel geboren. Sein Erzählband Die blinde Fotografin erschien 2007 im Suhrkamp Verlag. Neben Prosa schreibt er auch Theaterstücke, zuletzt waren Regen in Neukölln an der Berliner Schaubühne und Intensivtäter am Theater Freiburg zu sehen.

Der Tod kam vorbei

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Das beste Argument für E-Books ist ja, dass sie Projekte möglich machen, die anders nur schwer realisierbar wären.

Ein solches Projekt ist das E-Book Tausend Tode schreiben aus dem Frohmann Verlag, mit dem Herausgeberin Christiane Frohmann die Rede vom „tausend Tode sterben“ wörtlich nimmt und tausend Autoren um Texte über den Tod gebeten hat. Teil eins der für März 2015 anvisierten Komplettedition ist gestern erschienen und versammelt biographische, essayistische, literarische und poetische Texte, Erinnerungen, Tagebucheinträge, Briefe zum Stichwortthema. Sie führen in Bestattungsinstitute, die sich an neuen Werbekampagnen probieren („Bei uns liegen Sie richtig“), Sterbehospize („Holzengel an der Tür bedeutet: tot“), zum Ground Zero, zum Permadeath in Videospielen, natürlich auf echte Friedhöfe und zu der Frage nach dem digitalen Nachlass, in die Kindheit zurück oder zu einem gerade erlebten Tod. Genau die richtige Lektüre für die dunkle Jahreszeit – und eine lebensrettende Maßnahme für viele tausend Bäume, die nicht für den Druck gefällt werden mussten!

Der Tod kam vorbei
wir haben uns unterhalten
bis er wieder ging

David Wagner

Christiane Frohmann (Hg.): Tausend Tode schreiben. Version 1/4, Frohmann Verlag 2014, 4,99 €

Und hier noch ein Hinweis in eigener Sache: Der Herausgeber wird in der nächsten Ausgabe von Tausend Tode schreiben mit einem Beitrag zum Thema „Musik, Tod Alltag“ vertreten sein.

Wandmedien, Handmedien: Willkommen im Insektenstaat

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Ein Brief Kaiser Hadrians an die Pergamener (137 n. Chr.), Pergamon-Museum Berlin

Die Buchpreis-, Sexismus- und Literaturbetriebs-Debatten ließen die E-Book-Debatte zuletzt etwas in den Hintergrund geraten. Zu Unrecht! Gibt doch der Wallstein Verlag dem lodernden Feuer neuen Zunder, in Form eines Broschürleins, das sich namentlich der „Ästhetik des Buches“ widmet. Das ist ein wahrscheinlich zufällig, aber doch auf eine bezeichnende Weise direkt mit den Anstrengungen der Macher der Electric Book Fair und ihrer Ästhetik des E-Books korrespondierender Untertitel; freilich unter umgekehrten Vorzeichen, nimmt doch Autor Uwe Jochum gewissermaßen die Rolle Friedrich Forssmans ein und setzt fort, was dieser in einer wahren Litanei im Logbuch Suhrkamp gegenüber dem digitalen Lesen vorgebracht hatte: Seien doch die E-Books nichts weniger als ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang. So urteilte der renommierte Typograf und Buchgestalter im Februar diesen Jahres nicht gerade zimperlich und machte damit den Anfang in einer recht lebhaft geführten Debatte, an der sich, neben einigen anderen, die Verleger Christiane Frohmann, Zoë Beck und Volker Oppmann beteiligten.

In der beim Wallstein Verlag erscheinenden Reihe zur Ästhetik des Buches hat Jochum nun etwa sechzig Seiten Raum, um seine Ansichten über den digitalen Wandel darzulegen. Diesen nimmt er sich zunächst für eine grundlegende Rekapitulation der menschlichen Kulturgeschichte seit 7500 v. Chr. Hut ab, möchte man fast zu dieser historischen Fleißarbeit sagen, wäre da nicht stets die Stoßrichtung zu spüren, die Jochum antreibt: Tausende Jahre von Kulturgeschichte, von den Höhlenmalereien (=Wandmedien) zum Buch (=Handmedien) stehen mit dem digitalen Wandel vor der Auslöschung. Durch den Hypertext droht jedem Inhalt das Plagiat durch den anonymen Schwarm. Geräte wie iPad und Kindle: Gehäuse unheimlicher „Technikparks“, in denen Wissen nicht mehr lokalisiert werde kann und ohnehin nicht ernstzunehmen, da in kürzester Zeit Elektroschrott. Das alles könnte man zu einem gewissen Grad getrost als technologiekritisches Mahnen eines etwas kauzigen, aber im Grunde harmlosen Bibliothekars abtun, wäre da nicht der zunehmend ätzende Tonfall, den Jochum auf den finalen Seiten seiner Broschüre anschlägt:

Dieser vor rund 5000 Jahren sich herausbildende handmediale Raum wird von den Digitalia zerstört, in deren Reich die Namen verfallen und das Eigentum kollektiviert wird. Damit bleibt buchstäblich kein Raum mehr für Personen, die nun ersetzt werden durch Schwärme und Herden, für die nicht mehr die Frage des Bewußtseins und der Reflexion von Interesse ist, sondern nur noch die des agitierten Bewegungsballets, das sich mit ausgefeilter Biotechnik nachbauen läßt. Am Ende aber, wenn der lebendige Mensch mit seinem Wissen digital nachgebaut wird, steht kein Reich der Freiheit, sondern der von Algorithmen gesteuerte insektenhafte Plan- und Überwachungsstaat.

Dass die von Konzernen gesteuerte digitale Wirklichkeit durchaus kritisiert werden darf, bezweifelt wohl kaum ein denkender Mensch – Autoren wie Dave Eggers und, ja, immer noch, Thomas Pynchon äußern diese sogar auf literarisch höchstem Nivau. Themen wie Schwarmintelligenz, Digitalisierung und Buchkultur zu einem Brei zu verrühren und dabei in die letzten Fächer der Metaphern-Mottenkiste (Stichwort „Insektenstaat“) zu greifen, dürfte dagegen wohl eher zu einer noch größeren Entfremdung und Lagerbildung zwischen Analog- und Digitalkultur führen. Womit niemandem geholfen wäre.

Uwe Jochum: Medienkörper. Wandmedien, Handmedien, Digitalia. Wallstein Verlag, 64 Seiten, 14,90 € (=Ästhetik des Buches, Band 5)

Disclaimer: Der Autor ist Teil des Organisationsteams der Electric Book Fair und Mitherausgeber der Publikation zur Ästhetik des E-Books.