Reading Pynchon – Das Bleeding Edge Lesetagebuch

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Es ist schon eine Meldung wert, wenn heute, fast genau ein Jahr nach der englischen Ausgabe, im Rowohlt Verlag die deutsche Übersetzung von Thomas Pynchons neuem Roman Bleeding Edge erscheint.

In diesem Blog wurde das Erscheinen der Originalausgabe mit einem Lesetagebuch begleitet, das in vier Teilen nachgelesen werden kann:

Pynchon-Tagebuch (1): Helical and slow
Pynchon-Tagebuch (2): Real ice cream
Pynchon-Tagebuch (3): Scared shitless
Pynchon-Tagebuch (4): Dick Tracy’s wrist radio

Und hier noch eine Besonderheit: Sozusagen als kostenlose Dreingabe zur Feier der deutschen Übersetzung kann das gesamte Lesetagebuch ab sofort auch als kostenloses E-Book heruntergeladen werden.

Reading Pynchon – Das Bleeding Edge Lesetagebuch (EPUB, 16 KB, ca. 20 Seiten) / Kindle-Version

Pynchon-Tagebuch (4): Dick Tracy’s wrist radio

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Eine weitere Leiche, noch mehr verbrachte Zeit im Deep Web und ein lehrreicher Vortrag über das Internet – trotzdem geht Bleeding Edge, das helical and slow begann, der real ice cream huldigte und die New Yorker im dritten Viertel scared shitless zeigte, unbefriedigend zuende. Der vierte und letzte Teil des Thomas-Pynchon-Tagebuchs bei The Daily Frown.

Lesefortschritt: 100%

Zunächst einmal fällt der trotz weiterhin verschlungener Handlung chronologisch geordnete Ablauf der Kapitel ab Nummer 34 auf, die Pynchon an die großen Familienfeste Halloween, Thanksgiving und Weihnachten knüpft. Da scheint ihm wohl etwas die Puste ausgegangen zu sein – die große Kostümparty ähnelt Festszenen aus vorangegangenen Kapiteln, das Festtagstreiben in New York ist willkommener Anlass für noch mehr Aufzählungen von Markennamen, Elektronikherstellern und Popkultur-Artefakten. Soll hier nach drei Vierteln des Romans immer noch das Mosaik der Entropie weiterbestückt werden? Oder soll vielleicht fehlende Puste mit gegenwartsgesättigtem Faktenwissen kompensiert werden, das der Autor stolz seinen Lesern vorsetzt? So richtig kommt der Roman nicht mehr in Gang, trotz eines zweiten Mordopfers und der sich langsam enger ziehenden Masche um Software-Guru Gabriel Ice. Auch die DeepArcher-Software, in die sich Maxine zeitweise so sehr vertieft, dass sie nicht mehr zwischen Spiel und Realität unterscheiden kann, fördert keine spektakulären Wendungen mehr zutage. Am stärksten formulieren die letzten Kapitel von Bleeding Edge noch einmal eine grundsätzliche Internet-Kritik, die Pynchon Maxines Vater Ernie – eventuell sogar als einer Art alter-ego-Figur? – in den Mund legt: Der Traum von freier Kommunikation und der Vernetzung mittels des World Wide Web sei schon in seinem Grundgedanken vergiftet, als Erfindung des US-Militärs für einen Ernstfall im Kalten Krieg: „Call it freedom, it’s based on control. Everybody connected together, impossible anybody should get lost, ever again.“ Das ist, im Licht der Whistleblower-Affäre und der gewonnenen Erkenntnisse über die Tätigkeiten der NSA, eine hellsichtige Beobachtung – und eine der stärksten Passagen des gesamten Romans.

Auf eine Detektivgeschichte mit Auflösung und befriedigendem Schluss darf man dagegen bei Bleeding Edge nicht hoffen. Bemerkenswert bleibt die schillernde Hommage an New York kurz vor und nach 9/11 und ein mit 76 Jahren immer noch furioser Erzähler mit einem übergenauen Blick auf die unmittelbare Gegenwart. Etwas kürzer hätte Bleeding Edge allerdings schon sein dürfen – denn mit Ermüdungserscheinungen hatte nicht nur der Leser, sondern offenbar auch der Autor vor allem im letzten Viertel deutlich zu kämpfen.

Markierte Zitate:

„Around them, the City That Doesn’t Sleep is beginning to not sleep even more.“ (Link)

Ernie Tarnows desillusionierter Blick auf das Internet:

„Call it freedom, it’s based on control. Everybody connected together, impossible anybody should get lost, ever again. Take the next step, connect it to these cell phones, you’ve got a total Web of surveillance, inescapable. You remember the comics in the Daily News? Dick Tracy’s wrist radio? it’ll be everywhere, the rubes’ll all be begging to wear one, handcuffs of the future. Terrific. What they dream about at the Pentagon, worldwide martial law.“ (Link)

Pynchon-Tagebuch (3): Scared shitless

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Der unheilvolle 11. September nähert sich, und New York vibriert wie nie: Nach helical and slow und real ice cream der dritte Teil des Lesetagebuchs zu Thomas Pynchons Bleeding Edge.

Lesefortschritt: 75%

Noch mehr Cafés mit ausgefallenen Namen, verrückte Konzerte, ausufernde Partys: Je näher sich Bleeding Edge auf den 11. September zubewegt, desto höher scheint die Fieberkurve New Yorks zu steigen. Wir begegnen der Programmiererin Driscoll Padgett wieder, die auch Sängerin der Band Pringle Chip Equation ist, Maxines Freundin Heidi stürzt sich in eine kurze Affäre mit dem Geruchsexperten Conkling Speedwell, und neu auf den Spielplan treten Maxines Schwester Brooke und ihr Schwager Avi, die von einer geheimnisvollen Reise nach Israel zurückkehren. Mossad-Verbindungen? Jedenfalls hatte der undurchsichtige Detektiv Nicholas Windust sich auch schon nach Maxines Schwager erkundigt. Im Vordergrund stehen aber erst einmal seitenlange Familiendiskussionen und Geschwisterzwist. Zwischendurch kommt heraus, das Gabriel Ice, der Geschäftsführer von hashslingrz.com, Avi einen Job in seiner Firma angeboten hat. Neue Unterlagen, die ans Licht kommen, beleuchten die Geldwäschegeschäfte über hashslingrz.com, in die auch ein sogenannter Wahhabbi Transreligious Friendship (WTF) Fund verwickelt zu sein scheint. Eine beunruhigende Entdeckung, da diese Organisation als „terrorist paymaster“ gilt. Eine zweite Filmaufnahme – diesmal auf DVD – landet in Maxines Briefkasten; sie zeigt ein Raketengeschütz auf einem Hochhaus, das auf ein vorbeifliegendes Flugzeug zielt, aber im letzten Moment abgebaut wird. Maxine ist sich ziemlich sicher, dass die DVD von dem Dokumentarfilmer Reg Despard stammt, der sie ursprünglich auf hashslingrz.com aufmerksam machte, aber inzwischen abgetaucht ist. Einige Shopping-Touren, Familien-Reunions und Dotcom-Partys später dann die Nachricht: „Something bad is going on downtown.“

Bleeding Edge ist Familienroman, New-York-Roman und Verschwörungsthriller in einem. Das ist typisch Pynchon, und auch auf eine Art und Weise sehr sarkastisch: Maxine erhält eine alarmierende Filmaufnahme mit Raketenwerfern, die auf Flugzeuge zielen – und geht im nächsten Kapitel erst einmal shoppen. Die Gleichzeitigkeit von Terror, Alltag, Abendunterhaltung und Familienleben, die vielleicht auch erst seit dem 11. September zur Normalität geworden ist, wird hier in ihren Anfängen gezeigt. Aber was in den restlichen 25% noch passieren soll? Alles offen.

Markierte Zitate:

Über eine Party von hashslingerz-Gründer Gabriel Ice:

„Even though the dotcom bubble, once an eye-catching ellipsoid, now droops in vivid pink collapse over the trembling chin of the era, perhaps no more than a vestige of shallow breath left inside it, no expense tonight has been spared.“ (Link)

Der Tag nach dem 11. September und des im Fernsehen übertragenen Einsturzes der World-Trade-Center-Türme:

„A viewing population brought back to its default state, dumbstruck, undefended, scared shitless.“ (Link)

Deutsche Pressestimmen:

Pynchon-Tagebuch (2): Real ice cream

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Es geht weiter: Nach dem „helical and slow“-Auftakt des letzten Beitrags nun der zweite Teil des Lesetagebuchs zu Thomas Pynchons Bleeding Edge.

Lesefortschritt: 48%

Was sich im ersten Teil noch angenehm spinnert las, wird nun durch zahlreiche neue Figuren und Schauplätze ernsthaft kompliziert, was zwar bei Pynchon nicht gerade überrascht, aber zwischenzeitlich doch etwas zu Lasten der Aufmerksamkeit geht. Es treten auf: March Kelleher, eine ehemalige Nachbarin von Maxine, die einen Alumni-Vortrag an der Otto Kugelblitz School hält. Sie ist die Schwiegermutter von Gabriel Ice, dem Geschäftsführer der obskuren Firma hashslingrz, die immer noch im Fokus von Maxines Ermittlungen steht. Auf ihrem Weblog tabloidofthedamned.com prangert sie dessen Geschäftspraktiken an – was Maxine ihr erzählt, liefert ihr noch mehr Stoff zum Rundumschlag gegen den ungeliebten Schwiegersohn. Im Gegenzug gibt sie wiederum Maxine den Hinweis, dass sich Gabriel Ice ausgiebig mit dem Montauk-Projekt beschäftigt, einer geheimen Studie der US-Regierung über neuartige Technologien (und eine beliebte Verschwörungstheorie) und bittet sie, Grüße an Tochter Tallis zu übermitteln, die schon vor längerer Zeit den Kontakt abgebrochen hat. Tallis ist nicht nur die Ehefrau von Gabriel Ice, sondern auch Controllerin für hashslingerz und scheint über mehr Bescheid zu wissen, als sie von sich preisgibt. Rocky Slagiatt macht Maxine außerdem mit dem Geschäftsmann Igor Dashkov bekannt, der sie bittet, einige Transaktionen von Bernie Madoff zu überprüfen und sie mit russischer Eiscreme versorgt. Mehr ungeklärte Zahlungen tauchen auf, unter anderem an die Fiberglas-Firma Darklinear Solutions, eine Observation ergibt, dass Tallis Kelleher Ice dort offenbar private Interessen verfolgt. Auf einer koreanischen Karaokeparty berichtet der ehemalige Inhaber von hwgaawgh.com, Lester Traipse, noch einmal über die ungewöhnlich großen finanziellen Zuwendungen von Gabriel Ice an seine Firma; später stellt sich heraus, dass Lester für sich selbst eine Ader aus dem Geldstrom abgezweigt hat. Nun taucht auch die erste Leiche auf, Maxine macht eine Bootstour mit Maxine Kelleher und ihrem Mann Sid und bekommt eine Videokassette zugespielt, die sie veranlasst, nach Montauk zu fahren, wo Gabriel Ice ein großzügiges Ferienhaus mit gesichertem Kellerabteil unterhält, ganz in der Nähe des Radargeräts AN/FPS-35, das in direkter Verbindung mit dem Montauk-Projekt steht. Weitere Nebenfiguren sind der Geruchsexperte („professional nose“) Conkling Speedwell, der mit seinen Fähigkeiten bei der Aufklärung hilft, sowie der Webentwickler und Fußfetischist Eric Jeffrey Outfield.

Der chaotische, durch zahlreiche Abschweifungen immer schwerer zu verfolgende Handlungsfaden ist im zweiten Viertel von Bleeding Edge stark durch Maxine Tarnows rasante Ermittlungsarbeit gekennzeichnet, die sie mal mehr, mal weniger zielgerichtet zu Land und zu Wasser bis in die ländliche Umgebung New Yorks verschlägt. Über das Deep Web erfährt man vorerst weniger, es wird lediglich angedeutet, dass sich auf der Defcon-Messe für Hacker und Internet-Experten in Las Vegas ein großer Pool an Interessenten für die DeepArcher-Software gebildet hat.

Markierte Zitate:

Maxine Tarnow zu Gabriel Ice über March Kellehers Weblog tabloidofthedamned.com:

„She’s got you that worried? Come on, it’s only a Weblog, how many people even read it?“ (Link)

Während der koreanischen Karaoke-Party:

„Drowning out even the piped-in karaoke music, the row ostensibly has to do with tables versus CSS, a controversial issue of the time, which has always, given its level of passion, struck Maxine as somehow religious.“ (Link)

Igor Kashkov über die Unterschiede zwischen amerikanischer und russischer Eiscreme:

„‚No, no, it’s real ice cream,‘ Igor explains. ‚Russian ice cream. Not this Euromarket food-police shit.‘ ‚High butterfat content,‘ March translates. ‚Soviet-era nostalgia, basically.‘ ‚Fucking Nestlé,‘ Igor rooting through the freezer. ‚Fucking unsaturated vegetable oils. Hippie shit. Corrupting entire generation. I have arrangements, fly this in once a month on refrigerator plane to Kennedy. OK, so we got Ice-Fili here, Ramzai, also Inmarko, from Novosibirsk, very awesome morozhenoye, Metelitsa, Talosto … today, for you, on special, hazelnut, chocolate chips, vishnya, which is sour cherry …‘ (Link)

Maxine nach der Bootstour mit March und Sid:

„(…) she feels free—at least at the edge of possibilities, like whatever the Europeans who first sailed up the Passaic River must have felt, before the long parable of corporate sins and corruption that overtook it, before the dioxins and the highway debris and unmourned acts of waste.“ (Link)

Deutsche Pressestimmen:

Pynchon-Tagebuch (1): Helical and slow

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An dieser Stelle erscheinen in voraussichtlich vier Beiträgen Notizen zu Thomas Pynchons achtem Roman Bleeding Edge, der am 17. September bei Penguin USA erschienen ist. Ergänzt werden die Notizen mit Zitaten aus der Kindle-Version.

Lesefortschritt: 25%

Frühjahr 2001. Nachdem Maxine Tarnow ihre Söhne Otis und Ziggy in die Schule („Otto Kugelblitz School“) gebracht hat, bekommt sie in ihrer Firma zur Untersuchung von Wirtschaftskriminalität („Tail ‚Em and Nail ‚Em“) den Auftrag von Dokumentarfilmer Reg Despard (den sie auf einer Schiffstour der American Borderline Personality Disorder Association, kurz AMBOPEDIA, kennengelernt hat), das Sicherheitsunternehmen hashslingerz zu überprüfen und beschäftigt sich in dieser Angelegenheit unter anderem mit dem Internet-Startup hwgaahwgh.com („Hey, We’ve Got Awesome And Hip Web Graphix, Here“). Über ihre Freundin Vyrva McElmo wird sie außerdem in die Software DeepArcher eingeführt, einer Art Einstieg in das Deep Web, geht mit dem Risikokapitalgeber Rockwell „Rocky“ Slagiatt italienisch essen (wo dieser eine Diskussion über die richtige Bezeichnung von pasta e fagioli vom Zaun bricht) und wird von dem mysteriösen Nicholas Windust kontaktiert, der eine Verstrickung von hashlingerz in zwielichtige Geschäfte im Mittleren Osten andeutet. Nebenbei berichtet Maxines Ex-Mann Horst Loeffler, dass er Büroräume in den oberen Etagen des World Trade Center angemietet hat.

Das Deep Web scheint als eine Art Leitmotiv eine große Rolle in Bleeding Edge zu spielen, wie zuletzt auch Evgeny Morov in der FAZ betonte („For Pynchon, the ‚Deep Web‘, in its early years at least, is what Baudelairean Paris was for Walter Benjamin: a nostalgic celebration of what once was, set against the painful realization of what it has become and the still lingering [but rapidly fading away] utopian vision of what it might still be.“). Allerdings scheint der Begriff des Deep Web als literarisches Motiv hier sehr stark überhöht – inwieweit sich das mit der Wirklichkeit deckt, wird noch zu klären sein.

Übrigens verweisen weder die Seiten hashslingrz.com noch hwgaahwgh.com auf die offizielle Verlagsseite – da hat Penguin eine clevere Marketing-Chance verpasst. Zumindest um hashslingrz.com haben sich aber schon die Thomas-Pynchon-Fans gekümmert.

Markierte Zitate:

Der Arbeitsplatz von Maxine Tarnow:

„(…) an old bank building, entered by way of a lobby whose ceiling is so high that back before smoking was outlawed sometimes you couldn’t even see it.“ (Link)

Reg Despard über investigativen Journalismus im Web 1.0:

„Cause see, if all you want’s an asset search, you don’t need a forensic person really, just go on the Internet, LexisNexis, HotBot, AltaVista, if you can keep a trade secret, don’t rule out the Yellow Pages—“ (Link)

Driscoll Padgett, Webdesignerin und ehemalige Freelancerin für hwgaahwgh.com:

„Don’t get me started, ‘window.open,’ most pernicious piece of Javascript ever written, pop-ups are the li’l goombas of Web design, need to be stomped back down to where they came from, boring duty but somebody’s got to.“ (Link)

Maxine zu Reg über die Redewendung moving to Seattle:

„Ah, Reg. Sorry. In the old soap operas, ‘transferred to Seattle’ was code for written out of the script. I used to think Amazon, Microsoft, and them were started up by fictional soap-opera rejects.“ (Link)

Über die Entwickler von DeepArcher:

„They’d heard this rumor that back east content was king, not just something to be stolen and developed into a movie script.“ (Link)

Und kurz vor dem Einschlafen (wie das wohl übersetzt werden wird?):

„Tonight’s descent into sleep is helical and slow.“ (Link)