Bachmannpreis 2016: Miesmuscheln und Super Mario’s Mushroom Kingdom

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Klagenfurt macht sich warm: Kurz vor dem Start des Jubiläums-Bewerbs eine kleine Linkrundschau zu den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur.

Stefanie Sargnagel, die Kandidatin, von der zur Zeit alle sprechen, hat bereits Anfang Juni in der taz das definitive Bachmannpreis-Interview gegeben: 49 Fragen mit Antworten wie „Ich kann nicht mehr“, „Diese Frage allein macht mich psychisch fertig“, aber auch schon einem kleinen Ausblick darauf, was man bei ihrer Lesung erwarten darf:

Es ist ein Fließtext, den ich zwei Nächte vor der Abgabe geschrieben hab. Er ist ganz anders als Statusmeldungen, weil dazwischen immer: „Dann hab ich das gemacht. Dann bin ich da hingegangen. Der Himmel war grau.“ und sowas kommt.

Als eigentliche Sensation dieses Jahr muss allerdings gelten, dass es der Bachmann-Preis nun endlich auf Facebook und Twitter geschafft hat. Hier wurde die geneigte Crowd bisher vor allem mit bunten Texttafeln angefüttert, die ein Best-Of (oder, je nach Geschmack, Worst-Of) aus 40 Jahren Kritikerbegründungen sammelten. Schönstes Material findet sich da natürlich bei Daniela Strigl, etwa diese meisterhaft lapidare Spitze:

Ansonsten kann man sich durch die Bücherregale der Kandidatinnen und Kandidaten klicken (eher mäßig spannend: Bei Astrid Sozio steht ein SZ-Edition-Band verkehrt herum im Regal, Kandidat Tomer Gardi macht beinahe ein Selfie, Bastian Schneider ist Bibliothek-Suhrkamp-Fan, Sascha Macht besitzt ein lustiges Sparschwein) und, ganz aktuell, Stimmen zur Einschätzung des Wettbewerbs nachlesen („Was war Ihr Impuls, sich für das Wettlesen um den Bachmannpreis zu bewerben?“). Hier räumt Sascha Macht ganz klar ab: Seine glänzende Beschreibung des Wettlesens als „Super Mario’s Mushroom Kingdom der deutschsprachigen Literatur“ hat schon jetzt das Zeug, den von Valerie Fritsch und Ronja von Rönne im letzten Jahr geprägten, viel zitierten Spruch von den „Hunger Games des Literaturbetriebs“ abzulösen.

Autorinnen und Autoren bewerben sich auf Preise und Wettbewerbe aller Art, denn das ist ihre Natur. Wer jedoch zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur eingeladen ist, der weiß, dass er ins Fernsehen kommen wird – und das Fernsehen übt seit jeher eine besondere, nämlich ganz und gar unerklärliche und völlig irrsinnige Faszination auf Autorinnen und Autoren aus. Man könnte aber auch jenen berühmten Satz paraphrasieren, den Peter Hacks einst an Ronald M. Schernikau schrieb: „Falls Sie vorhaben, ein großer Dichter zu werden, müssen Sie nach Klagenfurt; es allein stellt Ihnen – auf seine entsetzliche Weise – die Fragen des Jahrhunderts.“ (Dass Hacks dabei in Wahrheit die DDR meinte, sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden – jedoch spricht ja heutzutage nichts dagegen, dass sich so ein starker Satz durchaus auch für andere Bedeutungszusammenhänge eignet.) Wie zwanghaft man es auch dreht und wendet: Klagenfurt ist und bleibt das Super Mario’s Mushroom Kingdom der deutschsprachigen Literatur. Wir müssen immer dorthin gehen, wo wir nie gewesen sind, wo wir niemals hin wollen oder wo wir schon einmal waren, aber uns nicht mehr daran erinnern können.

Was bleibt sonst noch zu sagen? Anlässlich des 90. Geburtstags von Ingeborg Bachmann und eines immer noch in Teilen recht käsfüßigen Literaturbetriebs vielleicht noch, dass die Werke des „Literaturstars“ aus Klagenfurt (Pressemeldung) nun auch digital im Piper Verlag erscheinen werden. Und Twitterer, aufgepasst: FM4 lobt dieses Jahr erstmals einen Preis für die besten Tweets aus – den „Bacherlmannpreis“ kann gewinnen, wer im Bewerbszeitraum mit dem richtigen Hashtag (#tddl oder #tddl16) in 140 Zeichen kommentiert, Preis sind zwei Eintrittskarten für das Frequency-Festival.

Ein Schweizer Wetter

Michael Fehr

Michael Fehrs Simeliberg ist ein sprödes Stück Literatur aus einem nicht ganz so idyllischen Fleck der Schweiz, das in seiner gekonnt-sperrigen Konstruktion überzeugt. Trotzdem hätte Fehr noch mehr daraus machen können.

Schweiz schwarz-weiß: Dass Schweizer Literatur mehr kann als Kuhglocken-Idylle, hat zuletzt wieder einmal Pedro Lenz in seiner Junkie-Ballade Der Keeper bin ich bewiesen, wo die Bauern sich ein Zubrot als ländliche Entzugsstationen verdienen, keiner dem anderen über dem Weg traut und sich selbst im letzten Winkel des Emmentals Ganoven und Kleinkriminelle die Klinke in die Hand geben. Michael Fehr stößt in dieselbe Richtung und räumt in seinem neuen Text Simeliberg mit dem romantischen Topos der Waldeinsamkeit auf. Statt Idylle gibt es hier jede Menge Dreck, Paranoia und militante Landjugend, auf deren Bekanntschaft man lieber verzichten würde.

Fehr hat bei einem eindrucksvollen Mundart-Vortrag im Rahmen des letztjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettlesens schon einen kleinen Einblick in sein neues Projekt gegeben, ausgezeichnet wurde er dafür mit dem Kelag-Preis. 1982 geboren, mit Ausbildung am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und an der Hochschule der Künste in Bern, ist er neben seiner Autorentätigkeit – Simeliberg ist nach Kurz vor der Erlösung seine zweite Buchpublikation im Verlag Der gesunde Menschenversand – auch Literaturvermittler, kuratiert das Lyrik-Netzwerk Babelsprech und kümmert sich um die Schweizer Seite des Open-Mike-Wettbewerbs.

Die abgehackte, radikal zerlegende, szenische Sprache des Vorgängerbandes findet sich auch in Simeliberg wieder. Das macht das Lesen erst anstrengend – fehlende Satzzeichen, scheinbar willkürliche Umbrüche – bringt dann aber nach einer gewissen Umstellungszeit den Lesefluss in ein gehöriges Tempo, eine Atemlosigkeit, die der unerhörten Geschichte, die hier wiedergegeben wird, sehr gut eignet.

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Klagenfurt Kollekte

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Der Countdown läuft am Wörthersee: Nur noch wenige Tage bis zur 38. Austragung der Tage der deutschsprachigen Literatur, kurz: Bachmannpreis, ganz kurz: #tddl. Ein paar vorbereitende Links und ein Aufruf.

Der Hashtag zur diesjährigen Veranstaltung lautet #tddl. Das ist dieses Jahr umso wichtiger, da der konkurrierende Hashtag #tddl14 mit dem Tag des digitalen Lernens belegt ist. Oh, sweet Kontingenz!

Neuer Juror 2014 ist Arno Dusini, der ab diesem Jahr Paul Jandl ablöst. Nie wieder stählerne Blicke und messerscharfe Kommentare? Dafür geballte Grillparzer-Kompetenz? Wir werden sehen.

Der Programmablauf bleibt ansonsten gleich: von 3.-5. Juli wird gelesen und live übertragen, dann Preise. Der heimliche Hauptpreis, derjenige der Automatischen Literaturkritik der Riesenmaschine nämlich, soll dieses Jahr noch größer werden: Mit schicker Crowdfundingseite und attraktiven Angeboten. So kann bei der Spendensumme von 1.000 € der Geldgeber den Preis nach sich benennen lassen. The Daily Frown meint: sehr gut!

Zu den 38. Tagen der deutschsprachigen Literatur, den Teilnehmern und dem diesjährigen Literaturkurs auf bachmannpreis.eu

Der Apfel im Rucksack

37. TDDL 2013

Eben noch in Klagenfurt, jetzt im Buchhandel: Das kalte Jahr (Foto: bachmannpreis.eu)

Roman Ehrlich nimmt sich in seinem Debütroman Das kalte Jahr viel vor, scheitert aber an einem grundsätzlichen Problem: Das Buch ist zu langweilig.

Man sollte nicht den Fehler machen, dieses Buch an einem heißen Sommertag zu lesen. Ein Umstand, den der Autor am wenigsten beeinflussen kann, ist natürlich der Veröffentlichungszeitpunkt seines Buches. Titel werden verschoben, vorgezogen, oder einfach für einen bestimmten Termin eingeplant. Bei Roman Ehrlich war es die Woche nach seiner Lesung um den Ingeborg-Bachmann-Preis, und die könnte dem Wetter zutrotz öffentlichkeitswirksamer nicht gewählt gewesen sein – auch wenn außer dem Riesenmaschine-Preis der Automatischen Literaturkritik kein Pokal aus Klagenfurt an den Autoren von Das kalte Jahr ging.

Aber stimmt die eingangs ausgesprochene Warnung wirklich? Oder ist auch das nicht wieder viel zu sehr Klischee, ein Buch, in dem es durch eine eine karge, nebelumhüllte Landschaft geht, auch nur an bewölkten Herbsttagen zu lesen? Anders gesagt: Wie sehr prägen eigentlich äußere Umstände die Lektüre, oder sollte ein wirklich gutes Buch nicht einen Sog entwickeln, bei dem es schlicht egal ist, wann, wo, und bei welchem Wetter man es liest?

Die Anlagen für eine Sogwirkung sind da, soviel kann man sagen. Das kalte Jahr ist ein Roman, der versucht, eine eigene, beunruhigende Welt zu erschaffen. Der Ich-Erzähler wandert durch Gegenden, die Züge einer nicht weiter bestimmbaren europäischen Provinz haben; zusätzlich ist diese Landschaft mit militärisch-industriellen Elementen ausgestaltet: Eine schnurgerade Autobahn dient als Orientierungspunkt; das heimische Elternhaus, Ziel der Wanderung, liegt nah an einem verlassenen Militärstützpunkt an der Küste, wo Gefechtstürme und Patrouillenboote ein latentes Gefühl der Bedrohung erzeugen.

Was der Roman dagegen nicht schafft, ist die Übertragung dieser Bedrohungslage auf die sprachliche Ebene: Ehrlich experimentiert mit verschiedenen Schreibstilen, zitiert aus historischem Material über Naturkatastrophen, fügt sogar Bilder ein, die den Text durchbrechen – leider aber scheitert er bei dem Versuch, einen eigenen Ton für das aus der Sicht des Ich-Erzählers erlebnisartig Aufgezeichnete wiederzugeben. Knapp, kühl und lakonisch kleidet sich, was sich bei genauerer Sicht als banal herausstellt: Ist es wirklich wichtig, wieviele Äpfel der Erzähler im Rucksack hat? Wie oft er seine Wasserflasche auffüllt? Wie er sich (auch wenn dies ein gutes Bild ist) nachts unruhig in seine Laken „schraubt“? Unter dieser Problematik leidet der gesamte Romanaufbau, denn was sich über kurz oder lang einstellt ob der ganzen Kargheit, Lakonie und postzivilisatorischem Survival-Denken, ist schlicht Langeweile. Eine riskante Angelegenheit, die zu Ungunsten einer gut angelegten Idee ausgeht.

Roman Ehrlich: Das kalte Jahr. DuMont Verlag, Köln, 240 Seiten, 19,99 €

Klagenfurt kompiliert: Eine Collage

Zur Eröffnung der 37. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt und deren Hauptattraktion, dem Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis, eine kleine Sammlung der besten Klagenfurt-Beiträge bei The Daily Frown.

Die Berichterstattung beginnt direkt mit einem Scoop; nämlich wie sich Kathrin Passig, bis dahin (und auch danach) zumindest als erzählende Autorin eher unauffällig, aus dem Stand heraus 2006 den Preis in die Tasche steckte. Ihr Text Sie befinden sich hier ist eine nach wie vor lohnende Irrfahrt in Eis und Schnee.

Das magische Jahr 1983 natürlich, die Stirnschlitzer-Lesung von Rainald Goetz, schon so oft weitererzählt und mythisch umwoben, dass die Original-Aufzeichnung einmal mehr der erneuten Betrachtung lohnt, musste auch zumindest einmal erwähnt sein:

Als Lieblingszitat griff The Daily Frown 2007 diese Stelle heraus:

Ich brauche keinen Frieden, weil ich habe den Krieg in mir. Am wenigsten brauche ich die Natur. Ich wohne doch in der Stadt, die wo eh viel schöner ist. Schaut euch lieber das Fernsehen an. Wir brauchen noch mehr Reize, noch viel mehr Werbung Tempo Autos Modehedonismen Pop und nochmal Pop.

Gewonnen hat im Jahr 2007 aber ein ganz anderer Stirnschlitzer, eher so mental: Lutz Seiler mit Turksib.

Dann hatte die Riesenmaschine einige Jahre lang Glanzzeiten mit der provokativ sachlichen und auf genauer Arithmetik beruhenden automatischen Literaturkritik. The Daily Frown schrieb:

Einige Glanzpunkte aus den Bewertungskriterien seien trotzdem schnell genannt: so z.B. „Dialoge wie von Außerirdischen erdacht“, „Autor ist kein junges Mädchen“ und, ganz besonders schön: „Vorkommen von Nagetieren“.

Freilich:

Für die diesjährigen Bachmannpreis-Teilnehmer war das Ergebnis erschütternd: Fast alle Texte erhielten negative Punktzahlen, der „echte“ Preisträger Peter Wawerzinek sogar „-8“.

Zur diesjährigen Austragung kann man in der Aufwärmphase noch einmal den Beitrag Wo kommen eigentlich all die jungen Autoren her? lesen, in dem sich vielleicht schon zukünftige Gewinnerinnen und Gewinner des Wettlesens verstecken.

Am Donnerstag geht es los. Und weil es vielleicht das allerletzte Mal ist, wird es diesmal etwas ganz Besonders geben: Zusammen mit love german books und mit der Unterstützung von Glas+Bild ruft The Daily Frown zur Bachmann Twitterparty auf, a party to dance on the volcano sozusagen. Let’s go!