Prosanova-Prequel 2: On Photography

prosanova

Am 29. Mai beginnt in Hildesheim zum vierten Mal das deutschlandweit größte Festival für junge Literatur: PROSANOVA 2014. Zur Einstimmung erscheinen an dieser Stelle in den kommenden Wochen, willkürlich, ungeordnet und streng subjektiv, Fundstücke und Eindrücke aus den vergangenen Jahren.

Juliane Henrich hat das Bild der jungen Gegenwartsliteratur entscheidend mitgeprägt: ihre Autorenfotos von Katharina Hartwell, Thomas Pletzinger, Kevin Vennemann und zahllosen anderen sind auf Buchumschlägen und in Zeitungsporträts verewigt, die jeder schon einmal in der Hand gehabt haben müsste. In den Jahren 2008 und 2011 war Juliane Henrich auch auf dem Prosanova-Festival in Hildesheim und hat festgehalten, was sie gesehen hat. Und das ist, gerade im Rückblick, großartig anzuschauen: Die Bilder von 2008, die mit ihrem leichten Gelbstich locker noch einmal zehn Jahre älter aussehen; wie ein blutjunger Finn-Ole Heinrich seinen Teller leerschaufelt, Mara Genschel über einen winzigen Lautsprecher aus ihrem Debüt Tonbrand Schlaf liest und Ann Cotten abenteuerlustig in die Ferne schaut; und auch die Wiese in der Mackensen-Kaserne 2011, die Schreibmaschinen und die Kühlschrankpoesie scheinen auf einmal ziemlich weit weg zu sein, aufgehoben in einem fernen, guten Traum.

Mehr Literaturfotografie auf Juliane Henrichs Portfolio-Seite litpic.net

Prosanova 2011

Prosanova 2011 © Juliane Henrich

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Verwechslungen

ann-cotten

Ann Cottens japanische Serie im Suhrkamp-Logbuch geht weiter, und dieses Mal ohne wuchtige Traurigkeit (oder so ähnlich), dafür mit Gedanken über die Verbindung zwischen Fleiß und Schönheit, oder eben die fehlende Verbindung der beiden. Wohl weniger Ann Cotten als dem koreanisch-japanischen Ukiyo‑e-Meister Shoji Miyamoto ist allerdings eine ebenso winzige wie willkürliche, aber doch irgendwie interessante Handke-Assoziation zu verdanken, die aus dem abgebildeten Kunstdruck eines abgeschnittenen Fingernagels hervorgeht, der gleichzeitig auch eine Mondsichel sein könnte:

Am Haufen von Stacheldraht will ich Brombeeren essen;
mit dem Telegrafenmast will ich mir in den Zähnen stochern;
dem aufgehenden Mond komme ich mit einer Nagelschere.

Gedichtzeile zitiert nach:

Peter Handke, Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt, Suhrkamp Verlag 1969

Von Ann Cotten außerdem zuletzt noch erschienen:

Rein – ja oder nein? Slotta, Berlin 2013

Foto © Suhrkamp Verlag

Jetzt weiß ich nicht mehr wo ich bleiben soll

ann-cotten

Schwer zu sagen, warum der letzte Vers in Ann Cottens Gedicht „Eine Zeit lang bin ich früh nach Hause gegangen“ so eine melancholische Wucht entwickelt. Vielleicht ist es der scharfe Kontrast zwischen kindischem Reimen (blasser, krasser, voll, soll) und der Plötzlichkeit der Erkenntnis über eine Art Verlorenheit, die sich nicht nur aus einer Unentschiedenheit zwischen Heimgehen und Noch-in-der-Kneipe-Bleiben speist, sondern geradezu als Epiphanie im Alltag – ja, was? – eine Ortlosigkeit, Unbehaustheit, Einsamkeit als allgemeinen Zustand formuliert. Lesen kann man es jedenfalls in voller Länge (bzw. Kürze) seit gestern als Teil von einem Gruß aus Japan im Suhrkamp-Logbuch, und das ist sehr gut so.

Zuletzt von Ann Cotten erschienen:

Hauptwerk. Softsoftporn. Verlag Peter Engstler, 72 Seiten, 14 €

Der schaudernde Fächer. Suhrkamp Verlag, 251 Seiten, 21,95 €

Foto © Suhrkamp Verlag