Cthulhu 2.0 – das kosmische Grauen im Social Web

Wie es zu T-Shirts mit dem Aufdruck „Cthulhu for President“ kam, was ein „Evil Kosmos Flipchart“ ist und worum es sich bei der Formulierung „Im in ur dreams maken u krayzee“ handelt.

Doch fürchtete Lovecraft auch das Fremde von draußen, die Mischlingsbevölkerung der Einwanderer, die untergraben hatte, was er für seinen rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft hielt. Neu-England war ein heiliges Gebiet, das allmählich von diesen fremden Horden „italo-semitisch-mongoloider“ Auswüchse überlaufen wurde: „affenähnlichen“ Portugiesen, „hämisch grinsenden gelben“ Orientalen, „brabbelnden“ Französisch-Kanadiern, „unsäglichen“ Süditalienern und „rattengesichtigen“ Juden. Das Ungeziefer befindet sich innerhalb und außerhalb der gebrechlichen Mauern seines geschwächten Yankee-Bewußtseins; die Belagerung hatte viele Seiten und war unaufhaltsam. (St. Armand 1979)

1. Einführung

Das Internet wurde schon seit Beginn der Massennutzung in den neunziger Jahren mal zur chaotischen Daten-Müllhalde, mal zum gigantischen Menschheits-Archiv erklärt. Das Schlagwort Web 2.0, das auch im Titel dieses Beitrages anklingt, steht für einen Bedeutungswandel des Internets. Zuvor war die Hinterlegung von Inhalten auf Webseiten einem zumindest teilweise technisch versierten Nutzerkreis vorbehalten und mit der Einrichtung von Servern auch mit Kostenaufwand verbunden. Um das Jahr 2003 herum wurde unter der einem Wechsel der Versionsnummer nachempfundenen Losung „Web 2.0“ ein Zuwachs entscheidender nutzerorientierter Veränderungen beobachtet. In Blogs, deren Bedienung durch Dienste wie Livejournal oder WordPress stark vereinfacht wurde, sowie neuen „Communities“, also Online-Foren, entwickelt sich seitdem eine Netzkultur, die von elitären Hacker-Netzwerken zu einer Massenbewegung ausgeweitet wurde – nicht zuletzt auch aufgrund von immer günstiger werdenden Netzgebühren, wie etwa die mittlerweile fast uneingeschränkt verbreiteten Flatrates.

Am 15. März 2007 jährte sich der Todestag des amerikanischen Horrorschriftstellers Howard Phillips Lovecraft zum 70. Mal. Zum ersten Mal konnte seitdem eine offene Verehrung durch Horror-Fans, die sich im Netz Gehör verschaffen, beobachtet werden. Diese neuartige Fan-Bewegung, die, gerade mit Mitteln des Web 2.0 selbst kreativ tätig wird,soll im Folgenden zumindest im Ansatz dokumentiert werden.

2. Cthulhu For President oder: Wahlkampf mit Tentakeln

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Zur US-Präsidentschaftswahl 2008 wurde auf der Internetseite spreadshirt.com ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Cthulhu for President“, Untertitel „Why choose the lesser evil?“ angeboten. Es zeigte ein vor der amerikanischen Flagge posierendes anthropomorphes Geschöpf mit Tentakelkopf und Drachenflügeln, die leicht als Lovecrafts literarische Kreation „Cthulhu“ identifiziert wird (The Call of Cthulhu, 1928). Die Arme dagegen sind in typischer Nixon-Pose zum Victory-Zeichen in die Höhe gereckt.

Das Motiv spitzt das noch deutlich von George W. Bush geprägte negative Republikaner-Bild auf ein Extrem zu. Wurde dem ehemaligen US-Präsidenten in anderen Kontexten von Web-Satirikern der Ring Saurons, des Herrschers von Mordor aus den The Lord of the Rings-Filmen an den Finger montiert, ist es nunmehr mit John McCain das kaum vorstellbare Böse des mythischen Cthulhu, das offenbar von der Erinnerung an die bedrohliche Atmosphäre der zweiten Bush-Ära geprägt ist. Im Gegensatz zum „kleineren Übel“ ist es hier das ultimative Böse, für das scherzhaft als Präsidentenkandidat geworben wird. Ein Bezug zum tatsächlich gewählten Präsidenten Barack Obama, der mit durchweg positiven Botschaften („Hope“, „Change“) auftrat, kann hier nicht festgestellt werden – es sei denn in der diametralen Entgegensetzung der Hoffnungsversprechen mit einer zutiefst „evil presidency“.

3. Evil Flowcharts – The Rise of Evil als Bürosatire

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Die Satire-Webseite cracked.com schreibt in regelmäßigen Abständen so genannte „Photoshop Contests“ aus, in denen die Nutzer aufgefordert werden, bestimmte Motive grafisch zu manipulieren oder zu persiflieren.

Das Motiv der Erweckung des schlafenden Cthulhu wurde unter dem Motto „20 Insane Supervillain Schemes In Flowchart Form“ satirisch in ein Ablaufdiagramm umformuliert. Auffällig ist hier vor allem, dass eine äußerst komplexe Figur aus der Horrorliteratur neben Erzbösewichte aus dem Comic- und Mangabereich gestellt wird. Das vielzitierte ultimative Grauen der Lovecraft’schen Götterwelt scheint in der Endkonsequenz aller Wegpfeile auf: das apokalyptische „Devour the World and Consume the Souls of the Living“. Aus den verschiedenen „Entscheidungswegen“ des Diagramms lassen sich Bezüge zu Elementen aus Lovecrafts Cthulhu-Erzählungen herstellen, etwa dem Wahnsinn verfallende Künstler (Pickman’s Model, The Music of Erich Zann) und astronomische Gesetzmäßigkeiten, die Einfluss auf die Macht der „Großen Alten“ haben. Anzitiert wird ebenfalls das Couplet „That is not dead which can eternal lie/And with strange aeons even death may die”, das in mehreren Erzählungen eine Rolle spielt als Zitat aus dem sagenumwobenen Necronomicon. In die Diagrammstruktur übertragen wird daraus eine logische Abfolge: „Strange Eons?“ – „Has Death Died?“ – tritt dies ein, so folgt Cthulhus „Arise from R’lyeh“ (der untergegangenen Stadt im Pazifik, Cthulhus Ruhestätte) und die daran sich anschließende Auslöschung der Menschheit.

4. 4chan Cthulhu: „Im in ur dreams, maken u krayzee“

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Hinter dem Internet-Buzzword 4chan verbirgt sich eine besondere Variante eines Forums, dessen Nutzer ausschließlich Bild-Dateien posten, die in einem eigenen Slang kommentiert oder mit ähnlichen Bildern beantwortet werden. Kennzeichnend ist dabei die technisch äußerst reduzierte Funktionalität des Forums: technisch wie optisch ist die Seite 4chan.org veraltet; die Nutzer haben darüber hinaus keine Möglichkeit, persönliche Profile anzulegen. Dies resultiert in einer homogenen Gruppe von „Anonymus“-Nutzern, die jedwede Art von Inhalten posten. Eine Moderation der oft grenzwertig profanen bis offen pornographischen Inhalte existiert nicht, nur illegale Inhalte wie z.B. Kinderpornographie werden nach Möglichkeit entfernt. Veraltete Postings verschwinden in regelmäßigen Abständen aus der Liste, ein Archiv existiert nicht. Ziel ist es, mit möglichst witzigen oder schockierenden Inhalten Reaktionen der anderen Nutzer zu provozieren.

Bei den Beiträgen wird ein Slang gepflegt, der schnelles und grammatikalisch beliebiges Schreiben imitiert. Eine gute Beherrschung dieses Slangs bedeutet eine Aufwertung der eigenen Beiträge. Beliebt ist das Posten von einem beliebigen Bild mit einer hinzu montierten Textzeile, die eine positive Reaktion (ausgedrückt durch verschriftlichtes Gelächter wie „lol“ oder „lulz“) hervorrufen soll.

Im Fall von Lovecraft-Inhalten, die auf 4chan-Beiträge übertragen werden, spielt vor allem das Zurschaustellen von (zumindest rudimentären) Kenntnissen über den Cthulhu-Kosmos eine Rolle. Werden diese Kenntnisse gekonnt in einem Bild mit Textzeile verarbeitet, honoriert die Community den Beitrag. So existieren z.B. Bilder mit der Textzeile „Innsmouth Family Photo“ (Meeresforscher halten Seesterne ins Bild) oder „Metallica gitz mai name wrong“ (als Anspielung auf den tatsächlich in falscher Schreibweise betitelten Song „The Call of Ktulu“ der Heavy-Metal-Band Metallica).

5. Zusammenfassung

In der Zusammenschau wird deutlich, dass die partizipatorischen Neuerungen des world wide web auch nicht-professionellen Nutzern die Möglichkeit geben, sich durch schnelle und ohne Anspruch auf längere Halbwertszeit angelegte Artefakte Gehör zu verschaffen. Die hochkomplex angelegte und einer zutiefst pessimistischen Weltsicht unterworfene Mythologie von H. P. Lovecraft wird dabei in bis ins extremer Vereinfachung und bewusst bruchstückhaft oder verallgemeinernd verwendet.

Im selben Atemzug wird sie den Mechanismen einer neuen Populärkultur unterworfen, deren Prinzip die rasante Vervielfältigung und spontane Modifikation von Artefakten ist, die Material und Ausstellungsstücke zugleich sind. Die kosmologische Ebene von Lovecrafts Werk wird so unzweifelhaft lediglich als Fundus für vereinzelte Versatzstücke verwendet, die neu kontextualisiert ein Eigenleben als Do-it-yourself Web 2.0-Artefakte entwickeln.

In letzter Konsequenz sind die drei als repräsentativ ausgewählten Beispiele auch Belege für die äußerst breite Popularität des Cthulhu-Kosmos in nicht-fachlichen oder Fankreisen. Lovecraft selbst, der, wie das Eingangszitat unterstreicht, eine äußerst elitäre Weltsicht pflegte und von einem bis ins Rassistische bzw. Antisemitische umschlagenden Überlegenheitsgefühl geprägt war, das er für sich als Vertreter der angelsächsischen weißen Oberschicht beanspruchte, hat so paradoxerweise seinen Einfluss auf ein Medium ausgedehnt, das in jeglicher Hinsicht anti-elitär funktioniert. Die verhackstückelte, aber auch massenhafte Verbreitung von Cthulhus Kosmologie wird – über Lovecrafts 70. Todestag hinaus – im Web 2.0 nach neuen Gesetzmäßigkeiten andauern.

Dieser Artikel ist erstmals in dem von Jörg van Bebber herausgegebenen Sammelband Dawn of an Evil Millennium – Horror/Kultur im neuen Jahrtausend erschienen. Weiterführende Literatur: St. Armand, Barton Levi (1979): „H.P. Lovecraft: Anhänger der Dekadenz aus Neu-England“; in: Franz Rottensteiner (Hrsg.): Lovecraft Lesebuch. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1987 (= Phantastische Bibliothek, Band 184), S. 321-438.

Ein Kommentar zu “Cthulhu 2.0 – das kosmische Grauen im Social Web

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