Der Film des Jahres: Metalhead

metalhead

Den schwergewichtigen Titel der englischsprachigen Fassung dieses isländischen Films entkräftet schon das Poster, das eben nicht den typischen Heavy-Metal-Hünen zeigt, sondern ein junges Mädchen im Black-Metal-Look.

Überhaupt stellt Ragnar Bragason hier einige Klischees auf den Kopf und schafft es, dem scheinbar auserzählten Thema „harte Musik als Identifikationsmerkmal für Außenseiter“ eine neue Seite abzugewinnen. Wunderbar wird das Touristenidyll Island als die öde Provinz gezeigt, die es für Nicht-Touristen eben auch ist; berührend die Geschichte der Hauptfigur Hera erzählt, die nach dem Tod ihres Bruders dessen Heavy-Metal-Traum weiterlebt, auch wenn sie nur gerade so die E-Gitarre halten kann; urkomisch die Konfrontation der christlichen Gemeinde mit den neuen Klängen, als Hera ihre Band auf ein Kirchenfest mitnimmt. Metalhead schlägt als Island-, Musik- und Coming-of-age-Film drei Fliegen mit einer Klappe – unbedingt sehenswert!

 

Metalhead (OT: Málmhaus), Mystery Island 2014. Regie: Ragnar Bragason, Darsteller: Þorbjörg Helga Dýrfjörð, Ingvar E. Sigurðsson, Halldóra Geirharðsdóttir. Länge: 97 Min.

Das Album des Jahres: Twin Peaks

wildonion

Das gefühlte Durchschnittsalter der Bandmitglieder liegt bei 14, trotzdem steckt ihr Album Wild Onion voller Anspielungen auf Beach Boys, Rolling Stones, The Clash.

Ironie? Widerhaken? Gibt es hier nicht. Was diese Musik so einnehmend macht, ist das völlige Fehlen einer distanzierenden Ebene. Twin Peaks suchen sich ihre Nische irgendwo zwischen Bubblegum, Jangle-Pop und Shoegaze – heraus kommt dabei Rock & Roll im ursprünglichsten, jugendlich-sorgenfreien und spaßbetonten Sinne, der großmäulig auftritt, dabei aber stets klingt, als würde er aus der kleinsten Garage Chicagos kommen.

Vielleicht ist das die letzte Provokation, die jungen – wohlgemerkt: amerikanischen – Bands derzeit möglich ist: Einfach auf alles zu pfeifen und stattdessen das Leben als eine große Poolparty zu begreifen, alte Comichefte zu lesen und auf irgendeinem Feld Baseball zu spielen. Erfrischend zumindest an diesem Entwurf, den Twin Peaks in ihren Musikvideos demonstrieren, ist der augenscheinliche Verzicht auf tiefere Bedeutung jeglicher Art. Nein, hier geht es um Spaß, „Strawberry Smoothies“ und „Good Lovin'“.

Spaß, der vielleicht zuletzt etwas zu kurz gekommen ist bei der doch etwas zu sehr zur Schau getragenen Nachdenklichkeit des diesjährigen Seventies-Revivals, zu beobachten etwa bei Kurt Vile oder The War On Drugs. Der basale Dreisatz aus Können, Großtun und Drauflosdreschen macht Wild Onion im Vergleich dazu zur ungleich größeren Hoffnung für die eh schon zum tausendsten Mal totgesagte Rockmusik – und passt nebenbei perfekt zu dem Weg, den Bands wie Ty Segall, The Fuzz, White Fence, Thee Oh Sees, Black Lips oder die auch an dieser Stelle sehr geschätzten Courtneys bereits seit einiger Zeit einschlagen.

 
 

Twin Peaks: Wild Onion, Communion Records 2014, ca. 10 €

Wenn es einen Wald gibt, dann auch einen Jäger

scheffler-resonanz-groß

Die dritte Einzelveröffentlichung eines G13-Mitglieds in diesem Herbst kommt nach Lea Schneider und Linus Westheuser von Rike Scheffler, die als Musikerin und Dichterin in zwei künstlerischen Fächern reüssiert. Das merkt man ihrem Band Der Rest ist Resonanz an – der leider dadurch aber auch etwas unentschieden wirkt.

Die bizarre Gestalt auf dem Umschlagposter, zusammengesetzt aus Frosch-Skelett, Hirschgeweih und Schilfrohren, legt die Fährte für die ersten Kapitel, die ganz im Zeichen der Natur stehen, freilich stets nur auf der Möglichkeitsebene. Wie wäre es, wenn man wirklich alles hinter sich lässt? An den See, ins Moos oberhalb der Baumzone zieht („angenommen, man lässt es sich gutgehen“) Man will diesem lyrischen Ich gerne folgen: Die erträumten Szenerien formen Idylle, sind aber auch dunkel-melancholische Abbilder des Wunschdenkens, vielleicht einer großstädtischen Fluchtphantasie. Rike Scheffler verleiht diesen Phantasien durch ihr musikalisches Gespür einen Drive, der eine hypnotische Wirkung entfaltet: „man beginnt sich zu zwingen, auch im innern zu klingen“; gegen Ende schleicht sich sogar klassische Metrik ein: „nie war die neigung des erdballs so herrlich, niemals die zinkweißen nächte so weiß.“

IMG_20130514_232815

Rike Scheffler, begleitet von Simon Bauer am Kontrabass, beim Fest zum 10. Geburtstag von Kookbooks am 14. Mai 2013 im Theaterdiscounter Berlin

Den kompletten Artikel lesen auf fixpoetry.com ➝

fixpoetry

Hörtest: Yoofs, Girlpool, Bored Nothing

Girlpool-pic-by-Alice-Baxey-one-heap-wonder-829x400

Kakao, Apfelstrudel, Kaminfeuer: Man kann viel machen, wenn die Tage wieder kälter werden. The Daily Frown hat die Kopfhörer aufgesetzt, sich durch die Blogs gehört und mitgeschrieben: Drei Bands, die man ruhig einmal im Auge behalten sollte.

Yoofs kommen aus Bournemouth, einem Seebad im Südwesten Englands. Vermisst Three Beams etwas den flirrenden Sixties-Vibe, muss man auf der neuen Single „Can’t Think“ doch klar die Harmonien herausstellen, die diesem Jahrzehnt mindestens ebenso stark verpflichtet sind.

 

Girlpool reihen sich ein in eine immer grandioser werdende Liste von weiblichen Gitarrenformationen wie Bleached, Beaches und, zuletzt an dieser Stelle genannt, natürlich die unvergleichlichen Courtneys. Der Track „Blah Blah Blah“ überzeugt gleichermaßen durch die skeletthafte Instrumentierung und die klare Botschaft an den männlichen Adressaten.

 

Was bei Fergus Miller, der unter dem Namen Bored Nothing auftritt, genau „Musik aus den 90er Jahren mit einer super modernen Denke“ sein soll, wie der Pressetext einem weismachen will, ist schwer zu sagen. Spät-grungiges-Getüftel? Kurt-Vile-Innerlichkeit? Die Single „Ice-Cream Dreams“ bleibt jedenfalls mit ihrem vertrackten Rhythmus gut im Ohr hängen, und das Musikvideo gibt dann durch Windows-95-Programme im Hintergrund auch die zitierte 90er-Jahre-Referenz zu erkennen.

 

Zur ganzen Playlist, u.a. mit Purling Hiss, Dirt Dress und den grandiosen Dead Ships geht es hier.

Yoofs touren gerade durch England. Die erste EP von Girlpool erscheint im November. Some Songs, das zweite Album von Bored Nothing, ist heute erschienen.

Erich Mühsam (1878-1934): Ein Überblick für Einsteiger

erich-muehsam

„Ob sich in 80 oder 100 Jahren mal jemand findet, der meine Tagebücher der öffentlichen Mitteilung für wert halten und herausgeben wird, kann ich nicht wissen.“
 
Auf den Tag genau vor achtzig Jahren ist der Dichter, Dramatiker, Herausgeber und emsig Tagebuch schreibende Anarchist Erich Mühsam gestorben, von der Wachmannschaft im KZ Oranienburg erschlagen.

Seine Schriften sind lebendig wie nie. Der Verbrecher Verlag, der vor zwei Jahren mit der Herausgabe von Mühsams umfangreichen Tagebüchern begann, erfreut sich anhaltend guter Presse, die jeden der bis jetzt herausgekommenen Bände mit Begeisterung aufgenommen hat. Und das hat viele Gründe: Erich Mühsam war nie nur politischer Denker und Agitator, sondern immer auch im Literatur- und Bohemebetrieb seiner Zeit engagiert und bekannt als lebenslustiger Mensch, wie in den frühen Tagebuchaufzeichnungen deutlich erkennbar ist.

blatt048

Eintrag vom 3. Oktober 2011 (Quelle: muehsam-tagebuch.de)

Zum Mühsam-Jahr gibt es nun auch ein im Softcover produziertes Mühsam-Lesebuch, das in einer entlang der Biografie getroffenen Auswahl Lieder und Texte außerhalb des Tagebuch-Korpos umfasst. Außerdem entstand aus dem Umkreis der Herausgeber des Lesebuchs, in der Formation Der singende Tresen, die schöne Idee, eine CD mit Mühsams Liedern zu produzieren. Diese wurde erfolgreich ins Crowdfunding gegeben und erscheint diese Woche unter dem Titel Mühsam Blues.

Der Verlag zieht nach mit einer Einzelheft-Edition als E-Book, die die ohnehin schon vorbildlich edierte kritische Ausgabe aus muehsam-tagebuch.de glänzend ergänzt. Zum Abschluss ein kurzer Auszug aus dem Lesebuch „Das seid ihr Hunde wert“, der Erich Mühsams Einstellung zu seinem eigenen Schaffen sehr treffend charakterisiert und gerade vor dem Hintergrund seiner brutalen Ermordung durch die Nationalsozialisten einen herben Beigeschmack bekommt – aus dem autobiographischen Text „Auf zwei Gäulen“ von 1924:

Die Arena des politischen Kampfes, des Meinungskampfes, hat mich bisher nicht freigegeben, wird mich auch nie freigeben, solange nicht Ziele erreicht sind, die nicht die Ziele der Leser diese Bekenntnisse sind. Politische Memoiren gedenke ich somit in absehbarer Zeit nicht zu schreiben. Vielleicht werde ich einmal im Rollstühlchen sitzen, müde, runzlig und resigniert – dann mag meinetwegen auch auf dem Gebiet des sozialen Geschehens der erzählende Schriftsteller den Agitator, Propagandisten und auf öffentliches Wirken bedachten Menschen ablösen. Die Frage erhebt sich: Lässt sich Leben und Schicksal eines in verschiedenen Bezirken geistiger Regsamkeit tätigen Individuums im Ausschnitt betrachten? Kann ich den Teil meiner Daseinsbemühungen, der um Wandlung von Welt und Gesellschaft geht, herausnehmen aus meinen Erinnerungen und Rückschau halten nur auf Begebenheiten, die außerhalb des politischen Kampfplatzes geschahen? Ich glaube, das wird möglich sein. Gerade meine Vergangenheit lief viele Jahre auf zwei getrennten Geleisen, und wenn die Schienen auch manchmal einander eng berührten oder selbst schnitten, so war ich doch streng bedacht, die Züge, deren einen ich als Passagier benutzte, deren anderem ich die Weichen zu stellen strebte, nicht aneinanderfahren zu lassen.

Mühsam für Einsteiger – Vorsicht Suchtfaktor!

Erich Mühsam: Die Tagebücher (bereits erschienen: Band 1-6)
Online-Variante der Tagebücher mit Fußnoten
Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert. Ein Lesebuch
Der singende Tresen: Erich Mühsam Blues
Erich Mühsam: Die Tagebücher in Einzelheften (E-Book)

Und ein Tipp für alle Berliner: Am 12. Juli findet am Ostkreuz ein großes Erich-Mühsam-Fest statt, mit Musik, Lesungen und Gesprächen!

Fotonachweis: Bundesarchiv / Wikimedia Commons

Luftballon verloren

tweedy-summer-noon

Wilco haben kein neues Album gemacht. Dafür hat Frontmann Jeff Tweedy mit seinem ersten Soloalbum ernst. Das erste Teaser-Video kann allerdings nur als Witz gemeint sein.

In Summer Noon schwebt ein CGI-animierter rosa Luftballon durch eine sterile See- und Küstenlandschaft; auch diese besteht aus großflächigen Polygonen. Das soll vermutlich, so wie das recht eingängige Stück Musik dazu, für Leichtigkeit, Sommerstimmung und allgemeines Entspannen stehen. Leider wirkt es vielmehr wie die Rache eines drittklassigen Computerspiele-Entwicklers.

 

Wie ungleich liebevoller und schöner ist das doch Wilco zuletzt mit dem nostalgischen Zeichentrickfilm zur Single „Dawned On Me“ vom Album The Whole Love gelungen (trotz klar nervtötender Intromusik), die das ganze Popeye-Ensemble am fiktiven Hafensteg versammelte. Better luck next time!

 

Das Soloalbum von Jeff Tweedy heißt Sukirae und erscheint im September, mehr dazu auf wilcoworld.net.

Vampire Teenage Boyfriend

TheCourtneys_AndrewVolk3

Mit Stonewashed-Jeans und Batik-T-Shirts evozieren sie die achtziger Jahre in Reinkultur, dabei sind sie selbst gerade mal um die zwanzig: Die Courtneys aus Kanada versprühen wie kaum eine andere Band zur Zeit eine charmante Anziehungskraft, die aber gar nicht so einfach zu erklären ist.

Riot Grrl? Viel zu politisch! Grunge? Viel zu depri! Surfrock? Viel zu altbacken! Alle Versuche der Einordnung sind hier zum Scheitern verurteilt. Besser einfach treiben lassen mit den perfekt sitzenden Gitarrenriffs, eintauchen in die gerade so nicht zu viel und nicht zu wenig verwaschene VHS-Optik der Musikvideos und mitfiebern mit dem opulenten neuen Song „Lost Boys“, der die dürre Produktion der Debüt-EP durch einen satten Klang ersetzt und große Lust auf mehr macht.

Debüt-EP "The Courtneys" (Hockey Dad Records 2013)
Debüt-EP „The Courtneys“ (Hockey Dad Records 2013)

Sympathischerweise ist gerade der bestproduzierte Track in der Single-Variante auf einer billigen Musikkassette erschienen – und da ist er, der irrwitzige Gedanke, dass es vielleicht genau das ist, was die Faszination an einer Band wie den Courtneys ausmacht: Der alte Traum von der authentischen, nicht marketing-dirigierten Rockmusik, ausgelebt von drei Musikerinnen, die Spaß an ihrer Sache haben. C.O.U.R.T.N.E.Y.S.!

Aktuelles Musikvideo: „Lost Boys“:

 

Musikvideos „90210“ und „Social Anxiety“:

 
 

„Lost Boys“ ist erhältlich als MC via burgerrecords.com. Mehr Hörproben bei Bandcamp, Termine auf Facebook.