Die Würstchen der Wahrheit

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Es gibt gewiss einige, vielleicht sogar viele Dinge, die Wolfram Lotz nicht kann. Über mangelnde Produktivität muss man sich bei ihm jedenfalls nicht beschweren. Jetzt liegt sein erstes Buch vor, und es passt sich, obwohl klein und unscheinbar, in das schon respektabel angewachsene Gesamtwerk dieses jungen Autors ein.

Verfolgt man Wolfram Lotz’ literarische Spuren der letzten Jahre zurück, fällt zuerst eine Tatsache ins Auge: Dieser Autor versteht es, völlig ungezwungen zwischen den Disziplinen hin- und herzuspringen. Eine Erzählung hier, ein Hörspiel da, dann eine Theateraufführung in Leipzig und mehrere – sämtlich aus dem Theaterbereich stammende – Preise und Stipendien. Anders gesagt: Wolfram Lotz ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein junger Autor produktiv und originell arbeiten kann, und dabei die festgefügten Konventionen des Literaturbetriebs weitestgehend links liegen lässt. Lotz schreibt, und das offenbar ohne Pause, Theaterstücke, Erzählungen, Listenpoesie, Hörspiele; ein ausklappbares, höchst heikles Bildertableau über die Verkettung wichtiger Persönlichkeiten des Kulturbetriebs, eingeheftet in die BELLA triste 31 und gestaltet von Frank Höhne (Titel: „Großer Gesang“) war wohl der bisherige Höhepunkt der Gattungs-Ausflüge. Verstreut finden sich weitere kurze Veröffentlichungen in Zeitungen oder Kleinstverlagen wie der Kölner parasitenpresse. Offenbar konnte Wolfram Lotz sich bislang erfolgreich dem Drang entziehen, einen Roman oder Erzählband zu liefern, qua natura im Reigen des Literaturbetriebs die Eintrittsbilletts in den exquisiten Club der jungen Gegenwartsliteratur. Sein erstes Buch ist stattdessen im Leipziger Kunst-, Architektur- und Theorieverlag Spector Books erschienen, hat Westentaschenformat und versammelt fünf, an verschiedenen Orten inszenierte, Monologe, also Theaterstücke für eine Person.

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14 Poeten sollt ihr sein

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Verglichen mit den genaugenommen gar nicht mehr so jungen Literaturmagazinen BELLA triste und Edit ist er ein echter Jungspund – doch auch der 2006 gegründete poet kann inzwischen schon auf die stattliche Anzahl von vierzehn Ausgaben zurückblicken; umso bedeutender, als jede Nummer in großzügiger Klappenbroschur eher einem Taschenbuch als einer Zeitschrift gleicht und auch an Umfang seit der Gründung kontinuierlich gewachsen ist.

Lange nicht nur Poesie, auch Prosa, Reportagen und Gespräche sind Gegenstand des poet, dem (auch das eher ungewöhnlich) mit dem poetenladen eine Internetplattform vorausging, die als Forum für neue Literatur, Kritik und Lexikon relevanter Gegenwartsautoren einer der Eckpfeiler der jungen Literatur im Netz ist.

In den Ausgaben seit Herbst 2010 (problemlos lieferbar und keinesfalls out of date) besonders bemerkenswerte Lieblingstexte seien hier einfach streng selektiv-subjektiv zum Erscheinen der 14. Ausgabe noch einmal hervorgehoben.

Da wäre Dorothee Elmigers Prosatraum „Als elf Schneekraniche über die Alpen flogen“, der ein fantastisch fragiles Gegenstück zu ihrem Roman Einladung an die Waghalsigen bildet, dann Peter Kurzeck im Gespräch mit Walter Fabian Schmid („Man findet nie genau dasselbe wieder“), junge Lyrik von Max Czollek (sommerloch) und Kathrin Bach (geografie), noch mehr Lyrik aus Brasilien (Pro-Tipp: Buchmesse-Gastland Frankfurt 2013!), sowie der Miniaturen-Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe, besonders zu empfehlen Josef Maruan Paschens Sammlung „Von den alten Helltikken“ – eine Lesung daraus kann man sich bei Kabeljau & Dorsch anhören.

Neben Zeitschrift und Webseite ist der Poetenladen natürlich auch noch ein klassischer Buchverlag: Die Einzelpublikationen, etwa von Katharina Hartwell, die gerade landauf, landab Lorbeeren für ihren Debütroman einsammelt, oder Constantin Göttfert, der gerade an seinem zweiten Roman für den C.H. Beck Verlag arbeitet, sind, gerade für den eher spontanen Thalia- oder Hugendubel-Buchkäufer, vielleicht noch ein kleiner Geheimtipp. Aber nun genug des namedroppings, alle streng-selektiv-subjektiven Tipps in Ehren: Entdecken kann man ja selbst immer noch am besten, und dafür eignet sich der Poetenladen bestens.

Parabeln aus der Portokasse

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In Europe Central stellt sich William T. Vollmann random-mäßig alle möglichen Fragen über das Erzählen zwischen kabbalistischer Mystik und sozialistischem Realismus. Eine davon liest sich so:

And doesn’t the parable possess greater integrity, greater righteousness we might almost say, than any other literary form? For its many conventions weave a holy covenant between the reader, who gets the mystification he craves in a bonbon-sized dose, and the writer, whose absence renders him divine.

Abgesehen von dem schnöden Bonbon-Bild überrascht an dieser Stelle der pathetische Tonfall: Meint der das wirklich ernst? Und wenn ja, Herr Keuner, schön Sie zu sehen, ach ja, hallo Kafka-Franz, habe die Ehre! Alles in allem recht durchgeknallt-sympathisch. Genaueres zur Tonfall-Frage und zu Europe Central an sich, das ungefähr zehn Jahre lang ins Deutsche übersetzt wurde und jetzt endlich erschienen ist (wenigstens waren die Übersetzer nicht in irgendwelchen Bunkern eingesperrt), hat neben den erwartbaren Lobgesängen im Feuilleton Gregor Keuschnig in einem klugen, kritisch abwiegenden und in seiner Länge auch keine Kompromisse eingehenden Essay bei Glanz & Elend aufgeschrieben: Bilder und Interpretationsstürme, die erstaunen. Er klopft dort unerschrocken die Edda und Quentin Tarantino auf Vergleiche ab und schraubt Vollmanns „hochmoralisches Erzählpathos“ auf Augenhöhe herunter, indem er historische Fakten geraderückt; trotz aller kleinen und großen Verfehlungen, die er dem Roman vorwirft, ist diese Kritik allerdings nie hitzköpfig und höchst angenehm zu lesen, eine Kombination, die so nur selten gelingt. Und wer jetzt neugierig geworden ist, aber gerade ausnahmsweise keine 39,95 € für den Ziegelstein im schwarzen Leinen in der Portokasse hat, kann sich mit der extra günstigen Taschenbuchausgabe von Afghanistan Picture Show trösten – oder Filmchen gucken.

Wo kommen all die jungen Autoren her?

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In diesem Herbst legen eine ganze Reihe von Autoren ihre Major-Label-Debüts vor.

Die Metapher aus dem Musikmarkt bietet sich an: Viele jüngere Autoren veröffentlichen zuerst in kleinen Independent-Verlagen, um dann mit dem zweiten Buch zum größeren Verlag (mit dem größeren Vorschuss) zu wechseln. Wie große Verlage sich die Autoren aus kleineren Häusern herauspicken und in den einschlägigen jungen Literaturzeitschriften scouten (von Literaturwettbewerben wie den Bachmann-Tagen und dem Open Mike ganz abgesehen), kann man auch in den aktuellen Herbst-Programmen wieder sehr gut beobachten. Eine Auswahl:

Roman Ehrlich: Das kalte Jahr in der DuMont Verlagsgruppe. Veröffentlichte 2012 das Hörspiel „Die Seekuh Tiffany“ in der Edit 59 und in der Tippgemeinschaft des Deutschen Literaturinstituts Leipzig sowie der Anthologie Kein Hügel für die wilden Pferde der Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Er ist dieses Jahr für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert.

Roman Graf: Niedergang, bei Knaus (Verlagsgruppe Random House). Sein erstes Buch Herr Blanc erschien 2011 im Zürcher Limmat Verlag, anschließend der Gedichtband Zur Irrfahrt verführt. Die Taschenbuchausgabe von Herr Blanc brachte dtv bereits 2012 heraus.

Katharina Hartwell: Das fremde Meer, im Berlin Verlag (Bonnier Verlagsgruppe). Ihr Erzählband Im Eisluftballon erschien 2011 im Poetenladen, außerdem war sie im poet vertreten.

Stefanie de Velasco: Tigermilch, bei Kiepenheuer & Witsch (Verlagsgruppe Georg Holtzbrinck). Ein Auszug daraus ist ebenfalls in der Edit 59 zu finden, ein weiterer Prosatext („Der blaue Mann“) im dieses Jahr erstmals erschienenen STILL Magazin.

On a side note: Die hier beschriebenen Zusammenhänge sollen an dieser Stelle nicht („großer vs. kleiner Verlag“) bewertet werden, sondern stellen einen kleinen, vielleicht repräsentativen und möglicherweise erhellenden Beitrag zu der Frage dar, auf welchen Wegen neue Autoren Teil des vielbeschworenen Debütantenkreisels werden: Kein Autor kommt aus dem Nichts.

Eilmeldung: Verlage in Not

Nach dem Großbrand in einem Außenlager der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft, kurz LKG (die Branchenpresse berichtete), sind nun erste Schäden (vgl. hier, hier und nun auch hier) bekannt geworden.

Es hat sich herausgestellt: Für die betroffenen Verlage ist das nicht nur ein großes Unglück, sondern eine reelle wirtschaftliche Bedrohung, zehntausende von Büchern wurden vernichtet. In vielen Fällen wird in absehbarer Zeit wohl eine Versicherung zur Schadensbegrenzung einspringen, fest steht aber: Um den Verlust der Lagerbestände zu verkraften und die immensen Druckkosten für Neuauflagen zu zu stemmen, müssen die Verlage nun tief in die Tasche greifen.

Der einfachste Weg, jetzt als Leser zu helfen, ist der Buchkauf. The Daily Frown stellt daher eine Liste aller Verlage zur Verfügung, deren Bücher den Flammen zum Opfer gefallen sind, jeweils mit aktuellem Programmüberblick. Die Liste wird laufend ergänzt.

UPDATE (26.04.2012): Andreas Platthaus nimmt sich der Brandkatastrophe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an und findet deutliche Worte: „Das ist der größte Bücherverlust auf einen Schlag in Deutschland seit den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs.“ Währenddessen hat das Intro Magazin mit Vanessa Wieser vom MILENA Verlag gesprochen: „Verlag in Flammen“. Am 21. April berichtete außerdem das rbb inforadio in der Sendung Quergelesen und sprach mit Katharina Wagenbach und Heinrich von Berenberg. Danke für den Link!

UPDATE (23.04.2012): Einer aktuellen Meldung zufolge können zumindest die 60 Prozent der Verlage, die bei der LKG über die Allianz versichert sind, aufatmen: „Das Versicherungsunternehmen hat eine Deckungszusage für den Schaden gegeben, der beim Brand von Lagerhallen am 5. April in der Nähe von Leipzig entstanden war.“

NEU: ars vivendi (Cadolzburg)

AvivA Verlag (Berlin)

NEU: Berenberg Verlag (Berlin)

NEU: Eulenspiegel Verlagsgruppe (Berlin)

NEU: Folio Verlag (Bozen/Wien)

NEU: Friedenauer Presse (Berlin)

Gmeiner Verlag (Meßkirch)

Jung und Jung Verlag (Salzburg)

NEU: Lehmstedt Verlag (Leipzig)

NEU: mare verlag (Hamburg)

Milena Verlag (Wien)

NEU: Mono Verlag (Wien)

Sutton Verlag (Erfurt)

Verbrecher Verlag (Berlin)

NEU: Verlag Antje Kunstmann (München)

Hinweis: Die Liste kann über die Schaltflächen unter diesem Beitrag geteilt werden! Ergänzungen willkommen!

Wohin am Indiebookday? (1)

die-buchkoenigin

Am 23. März ist Indiebookday. The Daily Frown glüht schon mal vor und empfiehlt die besten Buchhandlungen mit unabhängigen Verlagen im Sortiment. Heute: Die Buchkönigin in Berlin-Neukölln.

Zwischen Hermannplatz und Weserstraße passt locker noch ein gutes Buch – und bei der Buchkönigin werden Hipster-Antifas ebenso glücklich wie junge Eltern. Im Schaufenster locken Flugschriften aus der Edition Nautilus, Sachbücher von orange press und auch der neue Tom Wolfe oder hübsche Kinderbücher. Das Sortiment im Laden selbst kann grob in Belletristik (kleines, aber feines Lyrik-Regal!), politisches Sachbuch, Kinderbücher und Graphic Novels unterteilt werden. Alles nah beieinander, so dass man beim Schmökern in der Kapitalismus-Kritik auch den Nachwuchs nicht aus den Augen verliert. Kleine Besonderheit: Im zweiten Raum haben die Besitzerinnen Nina Wehner und Hannah Wiesehöfer eine antiquarische Ecke eingerichtet, wo sich vergriffene Suhrkamp-Taschenbücher stapeln und auch etwas entlegenere fremdsprachige Titel der Entdeckung harren.

Lage: Hobrechtstraße 65, Nähe Hermannplatz. Im Internet unter www.buchkoenigin.de. Bestellungen per Telefon sind unter 030/224 949 00 möglich.

Kauftipp für den Indiebookday: Das Gespenst des Kapitals von Joseph Vogl aus dem diaphanes Verlag

Mehr über die Initiative des mairisch Verlags hier oder auf www.indiebookday.de