Servus aus München

Der hochroth Verlag hat sich ein ganz eigenes Konzept überlegt, um als unabhängiger Lyrik-Verlag auf sich aufmerksam zu machen: Statt einem zentralen Verlagssitz gibt es sogenannte „Dependancen“, die sich mittlerweile schon bis Paris erstreckt haben.

Ganz neu in der Familie ist jetzt hochroth München. Die Dependance tritt mit zwei Bänden an: Felix Schiller, der in „regionale konflikte“ Körper und Geografie verschaltet („wo im großen körper ruht unruhe im kleinen?“) sowie Daniel Bayerstorfer, dessen „Gegenklaviere“ zwischen Shanghai und Venedig dem Klassischen nachspüren. Toll die Gestaltung der in Handmanufaktur hergestellten und nummerierten Bände: Ist es bei Felix Schiller eine Landkarte, die analog den Gedichten die Orte des Geschehens mitliefert, zieht sich bei Daniel Bayerstorfer eine Schallwelle durch das Buch, mal dichter, mal weitläufiger, die den musikalischen Gestus bildlich einfängt.

Beide Bände sind unter hochroth.eu zu bestellen und kosten 8 €

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Im Autoscooter der Geschichte

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In der kleinen, feinen Volte-Reihe aus dem Hause Spector Books liegt jetzt der vierte Band vor: Francis Neniks Doppelte Biografieführung fügt sich auf ganz eigene Weise in das Konzept der Herausgeber ein.

Dem Volte-Konzept liegt, wie gleich beim ersten Band, Wolfram Lotz‘ Monologen (hier besprochen), ins Auge sprang, folgendes Vorhaben zugrunde: Texte zu veröffentlichen, die sich keinem eindeutigen Genre zuordnen lassen, etwas Neues probieren und dabei eine ziemliche Portion Eigensinn mitbringen. Sehr gelobt wurde Heike Geißlers Prosa-Reportage Saisonarbeit über die Arbeitsbedingungen beim Internetgiganten Amazon; für begeisterte Reaktionen sorgte die Print-Ausgabe von Lebensgroßer Newsticker aus der Feder von mikrotext-Erfolgsautor Aboud Saeed.

Nun Francis Nenik: Der Band, der nun erschienen ist, versammelt Geschichten von vergessenen Schriftstellern, wobei die ersten beiden Episoden (über Nicholas Moore, Ivan Blatný und Edward Vincent Swart) zwangsläufig zu Fingerübungen verblassen, wenn die raumgreifende Biografie des DDR-Schriftstellers Hasso Grabner beginnt. Hier legt Nenik ein atemberaubendes erzählerisches Talent an den Tag und schickt seine Hauptfigur durch die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Schelmenroman en miniature? Könnte sein – wenn nicht alles wahr wäre, wie die Danksagungen am Ende des Bandes belegen. Grabner erhält in frühen Jahren seine kommunistische Prägung, agitiert Arbeiter in Leipzig, gerät in den Wirren des Zweiten Weltkriegs auf die griechische Insel Korfu, wird mehr oder weniger unfreiwillig mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, hilft nach seiner Befreiung aus dem KZ dem Aufbau des neuen Deutschland in der sowjetisch besetzten Zone, während er nebenbei ein Fernstudium am Leipziger Literaturinstitut absolviert. Dabei eckt er aber immer wieder an, wird strafversetzt, muss von vorne anfangen und bleibt doch seinen kommunistischen Wurzeln bis ans Ende treu.

Nenik erzählt diese wundersame Irrfahrt durch die Geschichte, bei der man sich bisweilen wie im Autoscooter hin- und hergeworfen fühlt, mit einer unerhörten Spritzigkeit: Mal führt er einen fiktiven Dialog mit der personifizierten Geschichte, dann tritt „Frau Futur“ auf oder seine Figuren beschimpfen sich in einem bestechend heutigen Deutsch gegenseitig als „Ärsche“.

Interessant genug, dass dieser Autor bislang kaum von sich reden gemacht hat: Laut Verlagsangaben betreibt er einen Bauernhof in der Nähe von Leipzig und schreibt in seiner Freizeit. Bislang sind neben einigen wenigen Zeitschriftenbeiträgen der experimentelle Roman XO und eine Kurzgeschichtensammlung, die aus Alliterationen besteht, erschienen. Was er wohl als nächstes vorhat? Schwer zu sagen. Aber mit Sicherheit wird es eine faustdicke Überraschung.

Francis Nenik: Doppelte Biografieführung. Spector Books, 2016, 300 Seiten, 14 €

Mein Miniaturterror

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Vorwarnung: Dieses Buch ist wirklich dick. Sehr dick. 818 Seiten, mit Personenregister, um genau zu sein. Es lohnt sich aber trotzdem.

Lange gab es schon kein Buch mehr mit einem so faszinierend schön-barocken Titel wie Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Selten, vielleicht noch gar nicht, wurde so detailreich aus den Nachkriegsjahren der Bundesrepublik erzählt, wohlgemerkt mit dem Blick von 2015: Frank Witzel hat, scheint es, gerade den richtigen Moment für die Veröffentlichung seines Romans gefunden, auf die sich sein Verlag Matthes & Seitz dann auch mutig eingelassen hat.

Und so steckt hier irgendwie alles drin: RAF-Terror und Beat-Club, Beichte und Dorfmief, Liebe, Paranoia und Selbstkasteiung. In loser Verwandtschaft mit obsessiven Chronisten wie Andreas Maier, der sich auf die literarische Kartografierung seiner Heimatgegend verlegt hat, lässt Witzel hessische Dorfverhältnisse der späten sechziger Jahre wiederauferstehen, in die man eintaucht, als sei es gestern gewesen. Wie ein verlorener Sohn von Oskar Matzerath füllt sein manischer Erzähler Seite um Seite mit Erinnerungen an die Jahre danach, wobei er immer wieder bewusst oder unbewusst die Kontrolle verliert und abschweift, zu Figuren wie Judas Ischariot, dem Säureattentäter Hans-Joachim Bohlmann oder eben der RAF, seinem Lieblingsthema.

Das ist ziemlich harter Stoff – aber auch auf irrwitzige Weise komisch. Witzel, der als Autor reichlich Erfahrungen mit Verschwörungstheorien, Popkultur und dem Grotesken hat (verwiesen sei etwa auf den Roman Revolution und Heimarbeit aus dem Jahr 2003), wurde nicht zu Unrecht für sein Manuskript mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet. Und so lesen sich Stellen wie die Beschreibung einer Stadtrundfahrt im Rahmen der (wohlgemerkt: fiktiven) „Hamburger-RAF-Tage“ dann folgendermaßen:

…machen wir Halt im Café Funk-Eck in der Rothenbaumchaussee (…), wo Ulrike Meinhof (…) 1958 Marcel Reich-Ranicki traf und über das Warschauer Ghetto befragte. Zu empfehlen ist der warme Butterkuchen, den wir leider zu dieser Jahreszeit nicht mehr auf der großzügigen Terrasse genießen können. Nachdem wir uns ausgiebig gestärkt haben, geht unser Ausflug weiter in Richtung Bahrenfeld, wo wir das Haus in der Friedenstraße 39 besuchen, aus dem sich Stefan Aust im September 1970 feigerweise über den Hinterhof verdrückte, als Andreas und Horst bei ihm schellten…

Für Freunde des unzuverlässigen, ja, um nicht zu sagen, paranoid-schizophrenen Erzählens ein großer Spaß – Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 ist das Buch zur Messe!

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Matthes & Seitz Berlin, 818 Seiten, 29,90 €

Dieser Artikel erscheint live zur Leipziger Buchmesse 2015. Frank Witzel stellt seinen Roman im Rahmen von „Leipzig liest“ an folgenden Terminen vor:

Donnerstag, 12. März, 12.30 Uhr: Die Unabhängigen, Halle 5, Stand E309

Donnerstag, 12. März, 19 Uhr: Café Puschkin, Karl-Liebknecht-Straße 74, 04275 Leipzig

Druck

Ist denn hier ein Schloss?

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Im Stroemfeld Verlag entsteht in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Institut für Textkritik seit 1995 die historisch-kritische Franz Kafka Ausgabe. Als neuester Supplement-Band ist nun Das Schloss in einer hochwertigen Faksimile-Ausgabe erschienen. So soll ein unverstellter Blick auf die frühe Editionsgeschichte von Kafkas Werk ermöglicht werden.

Im Vergleich zum Prozess, der im edlen Leinen, mit gelbem Oberschnitt und Schutzumschlag einer Luxus-Variante des Romans am nächsten kommt (zumal wenn das Kleingeld für eine Erstausgabe fehlen sollte), erweckt das unscheinbare, graue Softcover der Schloss-Aufmachung auf den ersten Blick den Eindruck einer Studienausgabe. Tatsächlich handelt es sich aber um die genaue Reproduktion zwar nicht der ersten gebundenen, so doch der dritten, auch damals als einfache Broschur erschienenen Ausgabe noch aus dem Jahr nach der Ersterscheinung, also 1927. Ein Grund für die Entscheidung des Verlags für diesen Weg mag die besonder Bewandtnis sein, die es mit der Vorlage für die Herstellung des Faksimiles hat: Sie stammt aus dem Privatbesitz von Kafkas letzter Lebensgefährtin Dora Diamant, die sie wiederum dem Schauspieler Herman Greid zum Geschenk machte, wie man der handschriftlichen Widmung, datiert mit „Chanukka 5688“ (=1927), entnehmen kann, die auf der ersten Seite ebenfalls minutiös reproduziert ist.

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Im Anhang informiert Roland Reuß über Entstehungsgeschichte und Editionsprozess; beigegeben sind auch Vorabdrucke aus der Frankfurter Zeitung und Anzeigen für das Börsenblatt, die die Bestrebungen des Kurt Wolff Verlags um eine starke Bewerbung des neuen Titels mithilfe von Hermann-Hesse- und Max-Brod-Blurbs („Franz Kafkas Faust-Dichtung“) dokumentieren. Frappierend, wie auch bereits beim Prozess, ist die schiere Dicke des Bandes: Die etwas mehr als 500, in einer groß gesetzten und sehr angenehm zu lesenden Garamond bedruckten Seiten wirken, auch aufgrund der Papierstärke, wie 700. Das Buch muss also in den Buchhandlungen ein echter Hingucker gewesen sein – und ist es jetzt wieder, dem Stroemfeld Verlag sei Dank.

Franz Kafka: Das Schloss. Kurt Wolff Verlag München, 1926. Faksimilenachdruck der Erstausgabe des Buchdrucks, herausgegeben und eingeleitet von Roland Reuß, Stroemfeld Verlag Frankfurt am Main und Basel 2014. 504 Seiten, 29,80 €

See Before Reading: Readux #4

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Don’t judge a book by its cover? Das Gegenteil ist der Fall: Bei der neuen Readux-Serie erzählt das Cover eine Geschichte ohne Worte.

Findig muss man sein: Readux Books, der kleine Verlag der Berlin-based Übersetzerin Amanda DeMarco, verlegt seit knapp zwei Jahren englischsprachige Bücher im Pixi-Format, günstig im Preis, dafür literarisch hochwertig. So konnten etwa Klassiker wie Franz Hessels Spaziergänge durch Berlin wieder neu in den Fokus gerückt und junge deutschsprachige Autoren wie Philipp Schönthaler erstmals einem internationalen Publikum zugänglich gemacht werden.

Einher damit geht stets auch eine ausgesuchte Gestaltung: Da Amanda für jede Reihe ein eigenes Coverkonzept verfolgt, unterscheiden sich die Readux-Büchlein äußerlich sehr stark voneinander: Wuselig in der ersten Reihe, geometrisch-klar in der zweiten und pop-collagenartig in der dritten Reihe.

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Für die vierte Serie, in der die Gewinnertexte des in diesem Jahr erstmals ausgeschriebenen New German Fiction Preises, Judith Keller und Inga Machel und, ganz am Rand, neue Texte des großen Eliot Weinberger erscheinen, durften André Gottschalk und Susanne Stahl ihr Konzept See Before Reading zur Anwendung bringen – und das ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert: Wirken diese Cover auf den ersten Blick chaotisch wie das Innere eines Kaleidoskops, entschlüsselt sich auf den zweiten Blick mittels eines beigefügten Codes Schicht um Schicht die Komposition der abstrakten, kräftig leuchtenden Bildflächen:

See Before Reading (…) uses visual codes to make texts comparable to each other, and potentially to help readers select among texts by making their structural characteristics visible. See Before Reading translates content into three levels of symbols: the first level indicates the genre, the second level reflects the atmosphere of the novel and the third level provides information about the narrative structure. A small legend helps readers ‘decipher’ the beautiful and seemingly abstract visual code.

Also visuelle Reize, die schon vor dem Lesen für die richtige Stimmung sorgen? Klingt märchenhaft – zumindest aber nach einem Konzept, das tatsächlich neue Wege geht und den Begriff des Covers einmal anders definiert. Besonders im Hinblick auf neue Gestaltungswege beim E-Book (Gruß an Charlotte!) könnte da vielleicht der ein oder andere hellhörig werden.

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Einen Blick in die visuellen Schlüssel kann man hier werfen.

Readux Books #4 wird heute Abend in Leipzig im Café bau bau und morgen Abend im Babylon Kino in Berlin-Mitte vorgestellt. Eintritt frei!

Erich Mühsam (1878-1934): Ein Überblick für Einsteiger

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„Ob sich in 80 oder 100 Jahren mal jemand findet, der meine Tagebücher der öffentlichen Mitteilung für wert halten und herausgeben wird, kann ich nicht wissen.“
 
Auf den Tag genau vor achtzig Jahren ist der Dichter, Dramatiker, Herausgeber und emsig Tagebuch schreibende Anarchist Erich Mühsam gestorben, von der Wachmannschaft im KZ Oranienburg erschlagen.

Seine Schriften sind lebendig wie nie. Der Verbrecher Verlag, der vor zwei Jahren mit der Herausgabe von Mühsams umfangreichen Tagebüchern begann, erfreut sich anhaltend guter Presse, die jeden der bis jetzt herausgekommenen Bände mit Begeisterung aufgenommen hat. Und das hat viele Gründe: Erich Mühsam war nie nur politischer Denker und Agitator, sondern immer auch im Literatur- und Bohemebetrieb seiner Zeit engagiert und bekannt als lebenslustiger Mensch, wie in den frühen Tagebuchaufzeichnungen deutlich erkennbar ist.

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Eintrag vom 3. Oktober 2011 (Quelle: muehsam-tagebuch.de)

Zum Mühsam-Jahr gibt es nun auch ein im Softcover produziertes Mühsam-Lesebuch, das in einer entlang der Biografie getroffenen Auswahl Lieder und Texte außerhalb des Tagebuch-Korpos umfasst. Außerdem entstand aus dem Umkreis der Herausgeber des Lesebuchs, in der Formation Der singende Tresen, die schöne Idee, eine CD mit Mühsams Liedern zu produzieren. Diese wurde erfolgreich ins Crowdfunding gegeben und erscheint diese Woche unter dem Titel Mühsam Blues.

Der Verlag zieht nach mit einer Einzelheft-Edition als E-Book, die die ohnehin schon vorbildlich edierte kritische Ausgabe aus muehsam-tagebuch.de glänzend ergänzt. Zum Abschluss ein kurzer Auszug aus dem Lesebuch „Das seid ihr Hunde wert“, der Erich Mühsams Einstellung zu seinem eigenen Schaffen sehr treffend charakterisiert und gerade vor dem Hintergrund seiner brutalen Ermordung durch die Nationalsozialisten einen herben Beigeschmack bekommt – aus dem autobiographischen Text „Auf zwei Gäulen“ von 1924:

Die Arena des politischen Kampfes, des Meinungskampfes, hat mich bisher nicht freigegeben, wird mich auch nie freigeben, solange nicht Ziele erreicht sind, die nicht die Ziele der Leser diese Bekenntnisse sind. Politische Memoiren gedenke ich somit in absehbarer Zeit nicht zu schreiben. Vielleicht werde ich einmal im Rollstühlchen sitzen, müde, runzlig und resigniert – dann mag meinetwegen auch auf dem Gebiet des sozialen Geschehens der erzählende Schriftsteller den Agitator, Propagandisten und auf öffentliches Wirken bedachten Menschen ablösen. Die Frage erhebt sich: Lässt sich Leben und Schicksal eines in verschiedenen Bezirken geistiger Regsamkeit tätigen Individuums im Ausschnitt betrachten? Kann ich den Teil meiner Daseinsbemühungen, der um Wandlung von Welt und Gesellschaft geht, herausnehmen aus meinen Erinnerungen und Rückschau halten nur auf Begebenheiten, die außerhalb des politischen Kampfplatzes geschahen? Ich glaube, das wird möglich sein. Gerade meine Vergangenheit lief viele Jahre auf zwei getrennten Geleisen, und wenn die Schienen auch manchmal einander eng berührten oder selbst schnitten, so war ich doch streng bedacht, die Züge, deren einen ich als Passagier benutzte, deren anderem ich die Weichen zu stellen strebte, nicht aneinanderfahren zu lassen.

Mühsam für Einsteiger – Vorsicht Suchtfaktor!

Erich Mühsam: Die Tagebücher (bereits erschienen: Band 1-6)
Online-Variante der Tagebücher mit Fußnoten
Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert. Ein Lesebuch
Der singende Tresen: Erich Mühsam Blues
Erich Mühsam: Die Tagebücher in Einzelheften (E-Book)

Und ein Tipp für alle Berliner: Am 12. Juli findet am Ostkreuz ein großes Erich-Mühsam-Fest statt, mit Musik, Lesungen und Gesprächen!

Fotonachweis: Bundesarchiv / Wikimedia Commons

Geschichten aus dem deformierten Schreiben

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„Fuck Leipzig!“ Wenn eine Podiumsdiskussion im ehrwürdigen Roten Salon der Berliner Volksbühne Teilnehmern solche Statements entlocken konnte, war sie vielleicht doch nicht ganz überflüssig.

Zum Thema „Ästhetik 2.014“ lud Conférencière Christiane Frohmann zur neuesten Ausgabe des Katersalons, einer Veranstaltungsreihe, in der bereits über die Themenkomplexe Berlin Unschick, Cat Content und die neue Twitter-Literatur gesprochen und performt wurde. Diesmal sollte es um die Gegenwartsliteratur gehen, der mal Langeweile, mangelnde Introspektion, Erfahrungsarmut oder fehlende Ernsthaftigkeit bescheinigt wird. Diese Diskussion, die gerade im Frühjahr anhand des vielzitierten ZEIT-Artikels von Hildesheim-Absolvent Florian Kessler wieder entbrannt, aber keineswegs neu ist, sollte nun noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden – erklärtes Ziel von Christiane Frohmann, die selbst auch E-Book-Verlegerin ist, war zudem die Frage zu klären, ob im Internet, bei Twitter und auf Facebook nicht mittlerweile eine neue Literatur stattfinde, die jenseits von Feuilletondiskussionen schon ein reges Eigenleben führt.

Diese Frage blieb freilich weitgehend als These im Raum, denn das ordentlich gefüllte Podium (zwei Verleger, drei Journalisten, drei Autoren, eine Kulturwissenschaftlerin) hatte sich auch so schon viel zu sagen. Da ging es um den Wunsch nach der „drängenden Erfahrung“, den Michael Angele (der Freitag) und Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) nahezu unisono formulierten; hinzu kam von Seiten Angeles noch eine dezidierte Kritik an ironielastigem, zu sehr ins Witzelnde geratendem Schreiben, das eine Pose zeige, aber keine Inhalte – die Popliteratur sei da ein gutes, weil abschreckendes Beispiel. Passen dazu würde ein immer oberflächlicherer Journalismus, ergänzte Jörg Sundermeier weiter, der – aufgrund von massivem Einsparzwang und immer weniger Rückgriff auf freie Schreiber – bereits einen Großteil seines Niveaus eingebüßt habe und nur noch „Homestorys“ zu fabrizieren imstande sei.

Harter Tobak für die anwesenden Vertreter der jungen Autorengeneration, allesamt mit Schreibschulhintergrund Hildesheim: Stefan Mesch etwa machte in einem eindrücklichen Statement klar, wie schwer es überhaupt sei, so weit zu kommen und sich selbst zuzutrauen, den Stoff, den man für sich irgendwann einmal gefunden habe, auch ernst zu nehmen und weiterzuverfolgen – selbst wenn es nicht um die großen, existenziellen Themen, sondern um Liebeskummer in der Kleinstadt und Einsamkeit an der Bushaltestelle gehe. Das Argument der „Deformation“ war von Jan Fischers Seite noch eine willkommene Ergänzung, die das oft monierte Gleichförmige der Schreibschul-Prosa versuchte, zu entkräften: Gerade wenn man merke, dass alle im Seminar dasselbe Handwerkszeug erlernen, um ihre Geschichte zu bauen, sei es wichtig, einen Weg zu finden, wie man sich wiederum absetzen, aber trotzdem interessant bleiben könne. Martin Spieß, der als unangekündigter Gast den Schreibschüler-Block erweiterte, hatte noch anzumerken, dass er harte, B-Movie- oder Breaking-Bad-artige Geschichten „von unten“ vermisse, und man konnte heraushören, dass er damit auch seine eigene Situation beschrieb, die ganz offenbar von einer gewissen Frustration geprägt war, mit diesen Stories nicht das große Publikum erreichen zu können – und das eigene Schreiben stattdessen einem Brotjob, in diesem Fall als Comedian, zu opfern.

Jörg Sundermeier, der die Diskussion mit scharfen, aber auch unterhaltsamen Wortbeiträgen gehörig würzte, konnte damit wenig anfangen: Fernsehserien wie Breaking Bad seien doch schon längst im Feuilleton angekommen, die gar zu inbrünstige Klage darüber, dass man nicht vom Schreiben leben könne, verstehe er nicht – habe doch nicht einmal Kafka seine Literatur in bare Münze verwandeln können, die prekäre Schriftsteller-Existenz sei also nichts Neues.

Lösungsvorschläge für die zahlreich angesprochenen Dilemmata und Problematiken mit dem Journalismus, dem Leben als Schriftsteller und der Situation der nach wie vor stark bürgerlich geprägten Gegenwartsliteratur konnten an diesem Abend nicht geliefert werden. In manchen Momenten wurde auch deutlich, warum: Diese Fragestellungen, die auch aufgrund der teils hitzigen Wortgefechte immer nur fragmentarisch angerissen werden konnten, müssten zusammengenommen eigentlich aufs gesamte Gesellschaftssystem bezogen werden – und dafür war der Rote Salon an diesem Abend dann doch nicht der richtige Ort.

Leseempfehlung: Die von Jan Fischer herausgegebene Anthologie „Irgendwas mit Schreiben – Diplomautoren im Beruf“, erschienen als E-Book bei mikrotext (ca. 350 Seiten, 1,99 €)