Westwärts, dachte ich, westwärts!

Matthias Nawrat durchleuchtet in Reise nach Maine ein nicht ganz einfaches Mutter-Sohn-Verhältnis.

Nach dem stilistisch hochavancierten Roman Unternehmer und den erzählerisch so detailverliebten wie verspielten Geschichten in Die vielen Tode unseres Opas Jurek hat Matthias Nawrat zur Ich-Erzählung gefunden. So war Der traurige Gast ein, wie es zumindest den Anschein hatte, autobiografisch gehaltener Erzähltext über einen Schriftsteller in Berlin, der auf verschiedene Personen trifft und deren Lebensgeschichten aufschreibt. Fehlte in diesem Roman mitunter ein wenig der rote Faden, ist der nun hier ganz klar gegeben: In Reise nach Maine fliegt eben dieser Schriftsteller mit seiner Mutter für zwei Wochen in die USA, um erst New York und dann die Landschaft an der Ostküste zu erkunden. Dann bringen jedoch gleich zu Beginn zwei Ereignisse die Planung durcheinander: Die Mutter kündigt an, statt über die zweite Hälfte des Urlaubs Bekannte zu besuchen, die gesamte Zeit mit dem Erzähler zu verbringen, was nicht zu dessen Vergnügen beiträgt. Dann stürzt sie auch noch unglücklich und verknackst sich die Nase.

Ansonsten verläuft die Reise aber eher ereignislos: In New York ist es unerträglich heiß, in Maine eingetroffen, kommt das Mutter-Sohn-Paar bei einer Cousine ihres New Yorker Nachbarn unter, der ihnen spontan den Kontakt vermittelt hat.

Die Stärke in Matthias Nawrats Erzählen besteht in der präzisen, beinahe unerbittlichen Beobachtung von Alltagsdetails, etwa der hochbürokratischen Abläufe im Krankenhaus, denen die Patienten mit einer fatalistischen Ergebenheit gegenübertreten. Auch die Differenzen zwischen Mutter und Sohn hält er genau fest: Sie, die ursprünglich zur Lehrerin ausgebildet wurde, hat sich nach der Übersiedelung nach Deutschland zur Physiotherapeutin weitergebildet und betont, wie wichtig es ist, Geld zurückzulegen und genug für die Rente zu sparen. Er, der Sohn, will die Ratschläge der Mutter nicht hören und ist auch sonst oft von einer brodelnden Wut erfasst, die er nur schwer in Zaum halten kann. Dann wieder ist er erschlagen von den Eindrücken und ertappt sich angesichts der Wolkenkratzer („Westwärts, dachte ich, westwärts!“) bei plötzlichen Gefühlsausbrüchen.

Amerikanischer Traum oder die USA als Sehnsuchtsort spielen aber insgesamt keine so große Rolle in diesem Roman – und wenn doch, dann eher on ihrer kaputten und desolaten Version. Interessant ist da auch der Zusammenhang, den die Mutter gleich zu Beginn zwischen der Wohngegend der beiden in New York und den Urlaubserfahrungen in ihrer Jugend herstellt: 

Meine Mutter hatte in ihrer Jugend, dachte ich nun, durch diese periphere Gegend in Brooklyn gehend, Reisen nach Rumänien unternommen, ans Schwarze Meer, in der Hoffnung auf einen Hauch von Luxus und Wohlstand an jenem exotischen Ende der ihr damals zugänglichen Welt. Der Dreck, die zerfallenden Gebäude, die nur einen Schritt hinter der touristischen Hauptstraße beginnenden deprimierenden Wohnviertel von Konstanza waren alles andere als schön gewesen. Sie waren arm und heruntergekommen gewesen, vom narzisstischen Wahn Ceauşescus ausgelaugte, ungepflegte, kaputte und nie reparierte Siedlungen, deren mittellose Bewohner von den Einkünften aus dem Tourismus nichts abbekamen, weil immer jemand aus der Verwaltung schneller war, schon seine Tasche aufgemacht, sich das Seine genommen hatte. Und nun hatte ich meine Mutter hierhergeschleppt, in dieses Viertel von Brooklyn. Sie lag mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken. Lag für eine ewig andauernde Sekunde so da und bewegte sich nicht. Dann hob sie die Hände zum Gesicht und sagte: Au.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine, Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 22 €