Ich schreie in das leere Haus

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Tom Bresemanns neuer Gedichtband Wohnen und Arbeiten im Denkmal ist sarkastisch, zornig und steht in krasser Opposition zu jeglicher Idylle.

Klar, Bresemann und Berlin, das gehört zusammen. Aber wo in Berliner Fenster die Zeilen noch weitestgehend ordentlich gebunden waren, geht es nun doch nochmal eine Spur wilder zu: Das lyrische Ich stellt Fragen, die es sich im selben Atemzug beantwortet, mal kursiv hervorgehoben, mal in Klammern, mal springen die Absätze von links nach rechts, Groß- und Kleinschreibung wechseln sich ab, Durchstreichungen, Schimpfwörter sprengen den Text – man meint, dieser Autor könnte kaum an sich halten mit dem, was er zu sagen hat.

Dass das alles ein Konzept hat und sehr genau gearbeitet ist, verdeutlicht der Blick in den Anmerkungsapparat: Hier gibt Bresemann Quellen an, von Luther bis zu Angela Merkel, von Arbeiterliedern bis zu Interviewfragen an den ehemaligen NPD-Chef Holger Apfel; im Textteil liest sich das dann so („die schuld dem fleische“): „wenn die schönen wesen zur 13. stunde/erscheinen, werden sie den menschen/endlich sagen, dass sie ein nazi sind?

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Wenn es einen Wald gibt, dann auch einen Jäger

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Die dritte Einzelveröffentlichung eines G13-Mitglieds in diesem Herbst kommt nach Lea Schneider und Linus Westheuser von Rike Scheffler, die als Musikerin und Dichterin in zwei künstlerischen Fächern reüssiert. Das merkt man ihrem Band Der Rest ist Resonanz an – der leider dadurch aber auch etwas unentschieden wirkt.

Die bizarre Gestalt auf dem Umschlagposter, zusammengesetzt aus Frosch-Skelett, Hirschgeweih und Schilfrohren, legt die Fährte für die ersten Kapitel, die ganz im Zeichen der Natur stehen, freilich stets nur auf der Möglichkeitsebene. Wie wäre es, wenn man wirklich alles hinter sich lässt? An den See, ins Moos oberhalb der Baumzone zieht („angenommen, man lässt es sich gutgehen“) Man will diesem lyrischen Ich gerne folgen: Die erträumten Szenerien formen Idylle, sind aber auch dunkel-melancholische Abbilder des Wunschdenkens, vielleicht einer großstädtischen Fluchtphantasie. Rike Scheffler verleiht diesen Phantasien durch ihr musikalisches Gespür einen Drive, der eine hypnotische Wirkung entfaltet: „man beginnt sich zu zwingen, auch im innern zu klingen“; gegen Ende schleicht sich sogar klassische Metrik ein: „nie war die neigung des erdballs so herrlich, niemals die zinkweißen nächte so weiß.“

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Rike Scheffler, begleitet von Simon Bauer am Kontrabass, beim Fest zum 10. Geburtstag von Kookbooks am 14. Mai 2013 im Theaterdiscounter Berlin

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Der König im elektrischen Königreich

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Poesie als Schleudersitz: In seinem Debüt Oh Schwerkraft katapultiert Linus Westheuser seine Leser in schwindelnde Höhen. Erstaunlicherweise wird dort die Luft nur selten dünn.

Ein weiteres Debüt aus dem Lyrikkollektiv G13 bringt dieser Herbst, diesmal bei Kookbooks: Linus Westheuser, 1989 in Berlin geboren, wo er auch studiert (Soziologie), hat bereits Gedichte in BELLA triste, Belletristik, poet, sowie einigen anderen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Außerdem ist er bei Babelsprech, dem Netzwerk für junge Lyrik aktiv, wo er zusammen mit Joel Scott und Charlotte Warsen den Blog Hallo Präsident moderiert, der sich dem Themenkreis Politik und Lyrik widmet. Mit der Querverbindung zu Charlotte Warsen ist man auch direkt bei Linus Westheusers Debütband, dessen Umschlagillustration die sowohl als Malerin als auch als Dichterin aktiven Kollegin angefertigt hat – sie ist Teil einer Auseinandersetzung zwischen Poesie und bildender Kunst, die sich genauer einerseits auf Charlotte Warsens Webseite, andererseits aber auch im Linus Westheusers Band nachverfolgen lässt.

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Charlotte Warsen: „Mutti Genosse (für Linus Westheuser)“, Acryl auf Nessel, 2014, zu sehen auf charlottewarsen.de

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Der Himmel ein Exposé für Kindheiten

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Lea Schneider legt einen Debütband voller genau beobachteter und wirklichkeitsnaher Gedichte vor, die den Utopien trotzen.

Invasion Rückwärts, im Berliner Verlagshaus J. Frank erschienen, ist nach Max Czolleks Druckkammern und Tristan Marquardts das amortisiert sich nicht die dritte Einzelveröffentlichung eines Mitglieds des Lyrikkollektivs G13, das durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourte und sowohl bei luxbooks als auch im SuKuLTuR Verlag bereits kleine Werkschauen vorgelegt hat.

Der Band ist, wie alle Ausgaben der „Edition Belletristik“, illustriert, und es ist berechtigt, auf diesen Umstand noch einmal erneut hinzuweisen: Der grafische Anteil steht bei dieser Buchreihe gleichberechtigt neben dem Textanteil. Der Künstler Andreas Chwatal ging in diesem Fall sogar soweit, Textfragmente in seine Illustrationen einzubauen, abzuwandeln und neu zusammenzustellen. Daraus ergibt sich im Zusammenspiel mit Lea Schneiders Gedichten ein anregender Austausch, der über die Grenzen der Kunstformen hinausweist.

Was nach dem Aufschlagen sofort auffällt, ist die große Intensität, mit der diese Texte dem Leser entgegen treten, der Form nach dem Prosagedicht nahestehend – einheitliche, in Blocksatz gefasste Absätze – und so einen dichten, dringlichen Sound entwickelnd: „wie möchten nicht drängeln, aber unser interesse an diesem film nimmt ab.“

Blick ins Buch:

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Love me tonight for I may never see you again

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Christoph Szalay beschwört in seinem neuen Band Asbury Park, NJ in stimmungsvollen Bildern die verschwundene Topographie der amerikanischen Ostküste herauf.

Gut liegt er in der Hand, der beim Wiener Luftschacht Verlag erschienene Band. Es ist der dritte des Grazers und Wahlberliners, der zuvor zwei Gedichtbände bei Leykam vorlegte. Gerade studiert Christoph Szalay an der Universität der Künste in Berlin, beschäftigt sich mit Tanz und Fotografie. Einige Fotos finden sich auch in Asbury Park, NJ, zwischen den kurzen Texten, die nicht richtig Lyrik, aber auch nicht richtig Prosa sind: Manchmal bestehen sie nur aus einzelnen Sätzen, wie Notizen oder flüchtig hingeworfene Skizzen („stay strong jersey steht auf schildern vor den haeusern und. man weiss, dass sich hier an nichts andere, wenn nicht ans gute, glauben laesst.“).

Was diese Texte auszeichnet, ist zunächst einmal ein genauer Blick auf Details, der dann assoziativ weiterwandert: Entlang der Avenues bahnt sich Christoph Szalay seinen Weg zum titelgebenden Asbury Park, NJ, das natürlich gleichzeitig das Asbury Park aus Bruce Springsteens berühmten Debütalbum Greetings from Asbury Park, N.J. ist. Hier finden also zwei Annäherungen statt, namentlich die an einen geographischen Ort, sturmumtost, Urlaubsziel für gestresste New Yorker an der Ostküste der USA, und an den Ort, wo die wildromantischen, sehnsuchtsgeladenen Songs von Bruce Springsteen spielen.

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Autorenporträt: © Clara Wildberger

Protect me, oh, from what I want

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Judith Zander ist eine Meisterin der Form mit einem Auge fürs sprachliche Detail. Ihr neuer Gedichtband manual numerale verbindet auf spielerische Weise Anspruch mit Leichtigkeit, geht der Melodie der Worte auf den Grund und erschließt sich einen ganz neuen lyrischen Wortschatz.

Manual numerale knüpft an das 2011 bereits ebenfalls schon bei dtv erschienene Debüt oder tau an. Dazwischen fielen einige Übersetzungsarbeiten, darunter für den Wiesbadener Luxbooks Verlag, der sich an eine Neuausgabe von Sylvia Plaths Ariel gemacht hat.

Das schmale lyrische Werk von Judith Zander steht auf den ersten Blick in einem starken Kontrast zu ihrem wortreichen Roman Dinge die wir heute sagten. Auf den zweiten Blick aber auch wieder nicht: Die spröden Figuren aus der Gegend um Anklam, deren plattdeutscher Gesprächsfluss durch die Seiten des Romans strömt, umkreisen gewissermaßen die Leerstellen, die dann in den Gedichten besetzt werden: So spielte oder tau oft in den nebligen Gebieten der Region, weit draußen im Wald, wo nur noch selten Menschen anzutreffen sind.

Kühl, elegant und mit sprachlicher Brillanz ragte dieser Gedichtband aus den Neuerscheinungen des Jahres 2009 heraus; mit manual numerale, im Umfang ungefähr gleich, steht dem Vorgängerband nun ein experimentelles poetisches Projekt gegenüber. Im Musikjournalismus würde man von einem Konzeptalbum sprechen, hat doch Judith Zander ähnlich wie bei einem Tagebuch sämtliche Gedichte in manual numerale mit einem Datum versehen, von Januar bis Dezember, mal einige pro Monat, mal nur eines.

Blick ins Buch:

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Autorenporträt: © dtv/Heike Bogenberger

Lauer Sommerabend mit Apokalypse

Ein angenehm apokalyptischer Abend: Georg Leß las von Haushaltsunfällen und Glühwürmchen, Sonja vom Brocke führte in die Intimität plastischer Phantasiewelten, Yevgeniy Breyger machte einen Ausflug ins politische Theater und Daniela Seel brachte ganz neue Gedichte aus Island mit.

In der Berliner Galerie oqbo läutete das Viererteam die neue Reihe KOOK.Lyrik@oqbo ein, bei der in unregelmäßiger Folge zwei- bis dreimal im Jahr neue Stimmen der Gegenwartslyrik zu hören sein werden. Das Thema „Apokalypse“, auf den sich alle Lesenden scheinbar zufällig bezogen, spiegelte sich in den eigens für den Abend gehängten Bildern von Mark Booth wider, der auf Wasserfarben-Basis geometrische Formen mit fragmentarischen Textstellen kombinierte.

Daniela Seel brachte im anschließenden Gespräch noch einmal die ganz großen Fragen nach der Inspiration, dem Schreiben und Lebensentwürfen zwischen Literatur und beruflichem Alltag auf den Tisch, tatsächlich wirkte diese Abschlussrunde aber, vielleicht auch bedingt durch den lauen Sommerabend, wie eine lockere Küchenplauderei unter Freunden.

Die Galerie oqbo begeht gerade übrigens ihre Festwochen, die am 14. Juni mit einer kleinen Party einschließlich Kunst-Tombola zu Ende gehen. Über die nächsten KOOK-Termine kann man sich auf oqbo.de und kookbooks.de informieren.