Mein Miniaturterror

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Vorwarnung: Dieses Buch ist wirklich dick. Sehr dick. 818 Seiten, mit Personenregister, um genau zu sein. Es lohnt sich aber trotzdem.

Lange gab es schon kein Buch mehr mit einem so faszinierend schön-barocken Titel wie Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Selten, vielleicht noch gar nicht, wurde so detailreich aus den Nachkriegsjahren der Bundesrepublik erzählt, wohlgemerkt mit dem Blick von 2015: Frank Witzel hat, scheint es, gerade den richtigen Moment für die Veröffentlichung seines Romans gefunden, auf die sich sein Verlag Matthes & Seitz dann auch mutig eingelassen hat.

Und so steckt hier irgendwie alles drin: RAF-Terror und Beat-Club, Beichte und Dorfmief, Liebe, Paranoia und Selbstkasteiung. In loser Verwandtschaft mit obsessiven Chronisten wie Andreas Maier, der sich auf die literarische Kartografierung seiner Heimatgegend verlegt hat, lässt Witzel hessische Dorfverhältnisse der späten sechziger Jahre wiederauferstehen, in die man eintaucht, als sei es gestern gewesen. Wie ein verlorener Sohn von Oskar Matzerath füllt sein manischer Erzähler Seite um Seite mit Erinnerungen an die Jahre danach, wobei er immer wieder bewusst oder unbewusst die Kontrolle verliert und abschweift, zu Figuren wie Judas Ischariot, dem Säureattentäter Hans-Joachim Bohlmann oder eben der RAF, seinem Lieblingsthema.

Das ist ziemlich harter Stoff – aber auch auf irrwitzige Weise komisch. Witzel, der als Autor reichlich Erfahrungen mit Verschwörungstheorien, Popkultur und dem Grotesken hat (verwiesen sei etwa auf den Roman Revolution und Heimarbeit aus dem Jahr 2003), wurde nicht zu Unrecht für sein Manuskript mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet. Und so lesen sich Stellen wie die Beschreibung einer Stadtrundfahrt im Rahmen der (wohlgemerkt: fiktiven) „Hamburger-RAF-Tage“ dann folgendermaßen:

…machen wir Halt im Café Funk-Eck in der Rothenbaumchaussee (…), wo Ulrike Meinhof (…) 1958 Marcel Reich-Ranicki traf und über das Warschauer Ghetto befragte. Zu empfehlen ist der warme Butterkuchen, den wir leider zu dieser Jahreszeit nicht mehr auf der großzügigen Terrasse genießen können. Nachdem wir uns ausgiebig gestärkt haben, geht unser Ausflug weiter in Richtung Bahrenfeld, wo wir das Haus in der Friedenstraße 39 besuchen, aus dem sich Stefan Aust im September 1970 feigerweise über den Hinterhof verdrückte, als Andreas und Horst bei ihm schellten…

Für Freunde des unzuverlässigen, ja, um nicht zu sagen, paranoid-schizophrenen Erzählens ein großer Spaß – Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 ist das Buch zur Messe!

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Matthes & Seitz Berlin, 818 Seiten, 29,90 €

Dieser Artikel erscheint live zur Leipziger Buchmesse 2015. Frank Witzel stellt seinen Roman im Rahmen von „Leipzig liest“ an folgenden Terminen vor:

Donnerstag, 12. März, 12.30 Uhr: Die Unabhängigen, Halle 5, Stand E309

Donnerstag, 12. März, 19 Uhr: Café Puschkin, Karl-Liebknecht-Straße 74, 04275 Leipzig

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Ein Spaziergang durch den Zoo

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Zur Entdeckung der Lyrik für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015: Ein Gastkommentar von Christoph Szalay.

Gestern wurden die diesjährigen Kandidaten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 bekanntgegeben. Darunter befindet sich mit Jan Wagner zum ersten Mal seit dem mittlerweile zehnjährigen Bestehen des mit insgesamt 60.000 Euro dotierten Preises (für die drei Kategorien Belletristik, Sachuch/Essayistik und Übersetzung) ein Lyriker. Der erste Lyrikband auf der Shortlist nach zehn Jahren. Darüber ließe sich bereits vieles sagen. Zunächst vor allem bzw. jedoch, dass das ein Tatbestand ist, der freut. Dass es scheinbar doch möglich ist, sich der Maxime folgend, jedes einzelne Wort, jeden einzelnen Satz geltend zu machen, für einen solchen Preis zu empfehlen. Das ist jedoch auch bereits der Punkt, an dem die Freude aufhört.

„Ein Lyriker für den Buchpreis – warum nicht!?“, so in etwa ließe sich Richard Kämmerlings Kommentar zu Wagners Nominierung in der WELT tradieren. Ja, warum nicht? Warum nicht mehr davon und warum nicht selbstverständlich und warum braucht es den Hinweis auf eine Überraschung, „sicher die größte (Überraschung) – und doch vollkommen plausibel.“ Plausibel vielleicht, weil sich das, was sich in den „letzten zehn, fünfzehn Jahren in Deutschland getan hat, endlich einmal eine Würdigung auf großer Bühne“ verdient hat, vielleicht aber auch, weil „die richtig großen Namen in der Belletristik fehlen.“

Literatur ist ein Markt, wie jeder andere auch, das ist eine alte Geschichte, ebenso die Tatsache, dass er auch denselben Mechanismen, zu dem auch Preise, wie jener der Leipziger Buchmesse zählen, folgt. Die Tatsache, dass es zehn Jahre gedauert hat, einen Gedichtband auf die Shortlist zu setzen, unterstreicht nur einmal mehr, wie dieser Markt denkt. Prämiert wird, was lesbar, was zeigbar, was verkraftbar ist. Für Lyrik scheint all das nach wie vor nicht zu gelten. Passierte es nun aber doch, schickte sie sich nun doch einmal an, auf die Shortlist zu kommen, die Lyrik, so müsse sie „gleichermaßen form- und traditionsbewusst und in unverwechselbar-originellem Stil“ sein. Der Raum also, innerhalb dessen sich Lyrik bewegen kann und darf, sollte sie auf die große Bühne gehievt werden, ist demnach ebenso vorgegeben, wie die allgemeine Meinung, dass sie dort eigentlich nicht wirklich hingehört. Literatur also als Domestizierung, als Exotismus, als feiner und netter nachmittäglicher Spaziergang durch den Zoo.

Einen Gedichtband auf die Shortlist eines der wichtigsten deutschsprachigen Preise zu setzen, zeugt also weder von Mut, noch von Weitsicht noch von sonst etwas anderem, sondern schlicht und einfach von der Arroganz, sich, wie in diesem Fall, seit einem Jahrzehnt nicht mit dem, was zeitgenössische deutschsprachige Lyrik kann und macht und ist, auseinanderzusetzen.

Christoph Szalay wurde 1987 in Graz geboren. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband Asbury Park, NJ im Luftschacht Verlag.

Wie von Sinnen lag ich da

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Schlafwandler kreuz und quer durch Europa: Wer wissen will, was Literatur jenseits von Familien- und Beziehungsdramen vermag, für den führt in diesem Frühjahr an Dorothee Elmigers neuem Roman Schlafgänger kein Weg vorbei.

Wobei – wie schon beim letzten Buch – wieder spätestens nach der zweiten Seite die lästige (weil eigentlich völlig unnötige) Frage auftauchen mag: Ist das überhaupt noch ein Roman? Antwort: Egal! Geht doch diese Prosa ohnehin ihrer ganz eigenen Wege, so kühn und experimentell montiert, noch ein ganzes Stück experimenteller als in Einladung an die Waghalsigen, ist dieser neue Text, der gleich fünf Hauptpersonen hat, die abwechselnd ihre Geschichten erzählen, bruckstückhaft, fragmentarisch, man kann sich nicht einmal sicher sein, ob diese Personen sich beim Sprechen im selben Raum befinden, also wer wem gerade genau erzählt, so oft kommt es zu Überschneidungen, Wiederholungen und unvermittelt wechselnden Perspektiven auf ein und dasselbe Geschehen.

Dieses Geschehen, das flüchtige, oszillierende Thema des Romans, lässt sich vielleicht am besten mit einem stetigen Kommen und Gehen umreißen: Es geht um afrikanische Flüchtlinge in einer Grenzstadt nahe Basel, die hinein wollen, dann aber wieder um die Bewegung fort, aus der Schweiz, diesem „nur scheinbar geschlossenen Ganzen“, an die Grenzen Europas, nach Portugal zum Beispiel. Ein guter Teil des Romans spielt aber auch in Los Angeles, der Stadt, die auf „tausend kleinen Erhebungen“ (eine kleine Reminiszenz an den glühenden Flöz in der Einladung an die Waghalsigen) erbaut wurde. Ähnlich auch zum Vorgängerroman – freilich aber viel genauer herausgearbeitet und formuliert – die Atmosphäre: In allem, was die Hauptfiguren, im Übrigen anscheinend ein willkürlich zusammengeworfener Haufen, ein „Logistiker“ ist darunter, eine Schriftstellerin, eine Übersetzerin, ein Musiker und eine Frau, die nur mit ihrem Namen A.L. Erika vorgestellt wird, in allem, was diese Figuren also berichten, schwingt eine bedrohliche, beunruhigend-ruhelose Stimmung mit: Gewalt, Unterdrückung oder schlicht, und das ganz ohne Witz, eine Angst vor dem bevorstehenden Weltuntergang.

Im Schlaf, sagte die Übersetzerin, sah ich einmal das ganze europäische Gebirge zusammenbrechen, wie von Sinnen lag ich da, aber still, hörte auch Geräusche in diesem Zusammenhang, die Gipfel zerbrachen vor meinen Augen, alles stürzte langsam ein und kam mir als Geröll entgegen, Gestein wurde durch die Luft geschleudert, ich sah, wie die Flanken in Bewegung gerieten, in Stücke zerfielen, alles kam auf mich zu. Später wachte ich auf, der Raum war leer, die Heizung auf höchster Stufe eingestellt. Unverändert lag die Landschaft vor den Fenstern, das ganze nächtliche Panorama, das aufgefaltete, das gestapelte Gestein.

Dass das immanent politische Literatur ist, die ohne Zeigefinger, vielmehr im Auffangen einer Stimmung viel über eine Zeit aussagt, der nahezu alle Sicherheiten abhanden gekommen sind, dass sie das aber auch in einer Sprache vermag, die vor Schönheit fast zerbirst, ohne je pathetisch oder gekünstelt zu wirken, das ist eine Kombination, die nur in absoluten Glücksfällen, wie dies zweifellos einer ist, gelingt.

Dorothee Elmiger: Schlafgänger. DuMont Verlag, 160 Seiten, 18 €

Dieser Artikel erscheint live von der Leipziger Buchmesse 2014. Dorothee Elmiger stellt ihren Roman Schlafgänger im Rahmen von „Leipzig liest“ an folgenden Terminen vor:

Donnerstag, 13. März, 21 Uhr: Lange Leipziger Lesenacht

Samstag, 15. März, 18 Uhr: «Auftritt Schweiz» (Schauspielhaus)

Sonntag, 16. März, 16 Uhr: Schweizer Forum (Glashalle)

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