Dunkle Zahlen – Das Lesetagebuch (4/4)

Die nun folgenden Kapitel verweisen noch einmal deutlich auf die dem Roman zugrundeliegende Funktion, nämlich dass er selbst Produkt einer gigantischen Rechenoperation ist: Ein Witzearchiv, eine Sammlung verworfener Motti, ein Abkürzungsschlüssel sowie ein Personenverzeichnis markieren den Übergang zum letzten Viertel von Dunkle Zahlen. Dann wird es wagemutig: In noch einer weiteren Handlungsebene, die im Paris des Jahres 1987 spielt, wird der belgische Geheimagent Dupont eingeführt, der zum Schein für die Softwarefirma IBM arbeitet. Leonid Ptuschkow dagegen, inzwischen schon ein alter Bekannter, begegnet uns wieder im Jahr 1974: Erneut ist er fasziniert von der poetisch durchdrungenen Idee, das universelle Computerprogramm, mit dem sich die Geschichte der Menschheit vorhersehen lässt, zu schreiben (Verweis auf den Dichter Teterewkin!). Auf der Programmierer-Spartakiade im Jahr 1985 wird zunächst zu Geheimdienstlerin Jewhenija Swetljatschenko geschwenkt, die, wie nun klar wird, das Computerprogramm aus dem verschollenen Gepäck des kubanischen Jugendtrainers Eduardo Piñero an sich gebracht hat, dessen ausgefeilte Analysemethoden für die Arbeit der Staatssicherheit enorm hilfreich sind. Dupont, der belgische Geheimagent, ist inzwischen in Moskau angekommen, wo er geheime Bänder, getarnt als Kassetten mit russischer Volksmusik, sowie eine geheimnisvolle rote Kladde durch verschiedene Stationen (darunter eine Spielzeugfabrik) transportiert, bis er unversehens einen Schlag gegen die Schläfe erhält. Leonids Erzählstrang bewegt sich nun zielstrebig auf das Jahr 1985 zu: Wir treffen 1981 am Grab seiner Eltern wieder, er ist schon Trainer der russischen Programmiererauswahl und soll für Erfolge bei der ersten Spartakiade sorgen. Doch wie geht es eigentlich mit der abenteuerlichen Mission von Mireya Fuentes weiter? Nachdem sie sich (unter Drogeneinfluss?) auf der Party in der kubanischen Botschaft in ein Vogelwesen (!) verwandelt und einen Rundflug über Moskau unternommen hat, ist sie in das Badezimmer der Botschaft zurückgekehrt, wo sie in der Badewanne zwar wieder in ihre menschliche Form zurückfindet, gleich aber die nächste fantastische Reise antritt, die sie diesmal in die Kanalisation führt. In einer Säulenhalle trifft sie auf ein Kind und einen liebestollen Zwerg, wird dekontaminiert und angewiesen, Schutzkleidung anzulegen – Schnitt! Die Programmierer-Spartakiade dauert an, das sowjetische Team muss herbe Verluste einstecken, der Ausgang des Trainerwettkampfs ist wegen Mireyas Abwesenheit offen. Mehrere kurze Kapitel aus auf wildeste zusammengewürfelten Zeiten (1989, 1996, 2019-2021) greifen nun noch einmal die wichtigsten Motive des Romans auf und variieren diese in bester Zufallsgeneratoren-Manier, bevor es zum großen Finale kommt: In einer Art Graphic Novel ohne Bilder, also mit leeren grauen Rechtecken, wird Mireyas Geschichte ausschließlich über Fußnoten zu Ende erzählt. Sie befindet sich nach ihrer Dekontamination in einem weiß gekachelten Laborraum, wo ihr eine Apparatur mittels Linsen und Spiegeln wundersame Bilder zeigt. Der Schluss: Ein Zoom auf ihre geweitete Pupille, in der sich der Himmel spiegelt.

Im letzten Viertel will, so scheint es, Dunkle Zahlen noch einmal alles an Einfallsreichtum und fantastischen Ideen aufbieten, auch in formaler Hinsicht: Zwischen die Kapitel gestreut ist ein Programmcode und ein Kreuzworträtsel, auch das Schlusskapitel, das quasi nur aus Fußnoten besteht, ist eine gelungene Irritation der Lesegewohnheiten. Viele Fragen bleiben aber doch offen, auch scheint sich der Strom der verschiedenen Handlungsstränge doch etwas zu verheddern und um eine Auflösung verlegen. Wer eine linear erzählte Mystery-Story erwartet hat, wird diesen Roman ohnehin schnell beiseite gelegt haben, das ist klar. Doch auch dem von komplex und ambitioniert angelegten Romanen begeisterten Leser wird es zeitweise etwas zu haarsträubend und verschachtelt. Hier liegen die Stärken vor allem in der ersten Hälfte des Romans, die durch liebevolle Figurenzeichnung und die originelle Setzung des gesamten Themas überzeugt. Gesamtfazit also: Ein abenteuerliches Leseerlebnis, das am Ende ein wenig zu viel Geduld verlangt!

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen, Matthes & Seitz Berlin, 488 Seiten, 24 €

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Dunkle Zahlen – Das Lesetagebuch (3/4)

Aufgabe der Meschpoweff, für die Dmitri Sowakow inzwischen arbeitet, ist die Effektivitätssteigerung der gesellschaftlichen Produktionsprozesse mittels neuartiger Rechenapparate – was nicht überall auf Gegenliebe stößt. So ist man sich im Strömungsmaschinenkombinat Krschischanowski (ein herrlicher Zungenbrecher!) über den versprochenen Fortschritt durch Effektivität nicht so sicher und befürchtet eher Mehrkosten durch die Anschaffung der Computersysteme.

Schnitt ins Jahr 1999: Die Zwillinge Sjarhej und Palina Aljaksejewna Morschakin, Ex-Teilnehmer der Programmierer-Spartakiade, sind inzwischen Inhaber der Softwarefirma CSM. Ihr Hobby: Das Sammeln seltener Spielautomaten und historischer Rechner. Ein mysteriöser Schweizer hat ein ganz besonderes Objekt für sie: Eine echte GLM! Im Gegenzug verlangt er eine Hacker-Operation, „eine minimal-invasive Maßnahme, eine langfristige Geschäftsperspektive, sozusagen“…

Auf knapp zwei Seiten wird nun wieder eine Episode aus der Zeit des mysteriösen fiktiven Dichters Teterewkin eingeflochten – Alexander Puschkin und ein gewisser Leo Sorokin, verabreden sich zum Duell, das dann aber doch nicht stattfindet, dafür dichten sie gemeinsam ein Sonett unter dem Pseudonym Teterewkin – worauf es wieder zurück ins Jahr 1963 zu Dmitri Sowakow geht. Dieser hat sich, nachdem doch einige Pilotprojekte zur angestrebten Effektivitätssteigerung der volkseigenen Betriebe in Gang gebracht werden konnten, erst einmal eine Kur in den vielgerühmten Mineralwasserbädern des Kaukasus verdient. Dort trifft er unverhofft auf eine alte Bekannte: Jewhenija Swetljatschenko. Ebenso unverhofft macht sie sich auch wieder aus dem Staub, taucht aber schon bald ein zweites Mal wieder auf: Dmitri wurde mit einem neuen Auftrag bedacht, der ihn an einen unbekannten Ort führt (es geht durch Schächte, Minen und unterirdische Büros), wo Jewhenija ihn schon erwartet, was auch langsam etwas Licht in ihre Funktion bringt: Sie vertritt den Geheimdienst, der auf seine Arbeit aufmerksam geworden und seine Hilfe braucht, um an mathematisch erstklassig ausgebildete Mitarbeiter zu kommen.

Zeitsprung ins Jahr 1985: Ein Blick hinter die Kulissen der Programmierer-Spartakiade zeigt ein ausgefeiltes Überwachungssystem, das sämtliche Gespräche der Teilnehmer aus den Hotelzimmern mitschneidet; großes Ungemach bereitet dem Abhörspezialisten Kusmitsch dabei allerdings, dass die belauschten Gespräche größtenteils aus Belanglosigkeiten und groben Witzen bestehen. Mireya Fuentes unterdessen scheint in ihrer Mission weiterzukommen: Von ofiizieller Stelle in der kubanischen Botschaft erhält sie eine Vollmacht zur Abholung des Koffers von Trainer Eduardo, in dem die Bänder zur Teilnahme am inoffiziellen Trainerwettbewerb aufbewahrt sind. Leider hat sie, am Flughafen angekommen, wieder Pech: Das gesamte Gepäck ihrer Mannschaft sei auf Geheiß der Botschaft schon wieder auf dem Rückweg nach Kuba! Frustriert beschließt sie, um auf andere Gedanken zu kommen, den Abend auf einer Feier der Botschaft zu verbringen.

Nach einem etwas jähen und überraschend fantastischen Ende des Kapitels finden wir uns erstmals in diesem Roman auf einer Zeitebene in der Zukunft wieder: Im Jahr 2023 hört sich ein bereits vom hohen Alter gezeichneter Leonid Ptuschkow Tonbandaufnahmen an, die seine Verbindung mit Dmitri Sowakow und Jewhenija Swetljatschenko (die nun mit dem neuen Nachnamen Arsenjewna auftritt) erhellen. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Programmierer-Spartakiadenkomitees arbeitete Dmitri mit Jewhenija zusammen, die im Auftrag des Geheimdienstes die Aufgaben der teilnehmenden Kader so gestaltete, dass komplexe Missionen wie etwa die Kalkulation von Raketenabfangmanövern von diesen unbewusst gelöst wurden. Der Trick: Durch die Zerlegung in harmlose Teilaufgaben, deren Lösungen später miteinander kombiniert wurden, schöpfte keiner der Teilnehmer Verdacht. Eine weitere Mission, für die gestiegenen Rechnerkapazitäten eingesetzt wurden, war die „Witzeabwehr“: Hier gibt das folgende Kapitel weiteren Aufschluss, dass die bereits bekannte Rechenmaschine GLM im Einsatz zeigt. Durch eine Analyse von Lochkarten, die einer Rasterfahndung gleicht, soll es ihr gelingen, den Urheber eines bestimmten in der Bevölkerung kursierenden politischen Witzes zu bestimmen. Doch noch ist der Prozess nicht hundertprozentig ausgereift…

Fortsetzung folgt! Der vierte und letzte Teil des Dunkle Zahlen Lesetagebuchs erscheint am 8. März 2018. Neuigkeiten auch auf Twitter und bei Facebook.

Dunkle Zahlen – Das Lesetagebuch (2/4)

Weiter im Text: Heute geht es unter anderem in die DDR und nach Kuba, und ein Mathematiker wird zum Dichter.

Der Ausflug in die Biografie des fiktiven Dichter-Programmierers Gavriil Efimović Teterewkin im Kapitel „Nachwort“ wird gefolgt von einer kurzen Ergänzung („Paradigmenwechsel“), die von einem Zusammentreffen des „vermeintlichen Großneffens“ Teterewkins, Rodion Woronin, mit Lenin und Maxim Gorki auf der Ferieninsel Capri berichtet. Er kündigt an, das unvollendete Werk seines Großonkels, die Erfassung der Welt in einem gigantischen Poem durch automatisierte Schreibverfahren, zu einem glorreichen Abschluss zu bringen. Seinen Zuhörern ist es aber eher an einer Partie Schach gelegen – und außerdem sei Teterewkin doch ästhetisch vornehmlich ein Produkt der Herrschaftssysteme des 19. Jahrhunderts, die der Sozialismus zu überbieten suche.

Zurück ins Jahr 1985: Mireya Fuentes gelingt es nach einer wilden Taxifahrt tatsächlich, den Fahrer zu finden, der das kubanische Spartakiaden-Team in die Quarantänestation des Chowrinskaja-Krankenhauses im Leningrader Rajon gebracht hat. Das Krankenhaus stellt sich heraus als ein gespenstischer Ort: Zu großen Teilen noch Baustelle, aber von Arbeitern keine Spur. In einem etwas versteckt liegenden Flachbau trifft Mireya dann aber endlich ihr Team, allesamt wohlauf, von schwerer Krankheit keine Spur, doch auch behandelnde Ärzte sind für keine weitere Auskunft zu erreichen. Um die Chance zu nutzen, zumindest noch beim internen Trainerwettbewerb der Spartakiade einen Erfolg zu verbuchen, bekommt Mireya nun von Teamtrainer Eduardo den Auftrag, seinen Koffer ausfindig zu machen. Die dort verwahrten Bänder mit dem Programmiercode müsse sie nur in seinem Namen zur Startzeit in einen Computer einlegen und den Startbefehl geben, um das Programm zu starten.

Damit kehrt Mireya zum Austragungsort zurück – und nun kommt es zur ersten Verknüpfung der Erzählstränge: der sowjetische Trainer, den Mireya kurze Zeit später während einer Versammlung im Untergeschoss des Hotels „Kosmos“, wo die Programmier-Spartakiade stattfindet, zusammen mit den anderen kennen lernt, ist niemand anders als Leonid Ptuschkow, der im bisherigen Romanverlauf erst als junger Mann auftrat! Auf diesen richtet sich nun auch wieder die Aufmerksamkeit: In seiner Zeit im Krankenhaus hat er die schöne Nadeschda kennen gelernt, mit der er bald nach seiner Entlassung nach Moskau zurückkehrt. Er versucht, sein Studium der Angewandten Mathematik wieder aufzunehmen, doch das fällt ihm sichtlich schwer. Konzentrationsschwierigkeiten und Kopfweh machen ihm zu schaffen, er wirkt abgelenkt, und beginnt stattdessen aus einem plötzlich aufkommenden inneren Impuls heraus, Gedichte zu schreiben: „Statt Binären und Programmierbefehlen spukten ihm rhythmisierte Wortgruppen durch den Kopf“. Mit der Zeit kehrt die Konzentration zurück, doch Leonid macht sich Gedanken: War er nicht in einer ähnlichen Stimmung, damals, als er Sergei Alexejewitsch sein Notizheft mit mathematischen Versuchen präsentierte? Auf der Suche nach Antworten kehrt er in seinen Heimatort Feofania zurück, hat dort eine Epiphanie und macht sich an die Abfassung eines Traktakts über die „Automatisierte Ermittlung der Leistungsfähigkeit Künstlicher Intelligenzen“. Er wird eingeladen, die neue Forschungseinheit OMEM zu unterstützen, wo er zum zum ersten Mal in Kontakt mit der ominösen Rechenmaschine GLM und einer großen Menge Lochkarten kommt.

Hier schwenkt die Erzählung zu einem Betriebsausflug einer Gruppe DDR-Geheimdienstler auf die Insel Warenz in den frühen sechziger Jahren. Kleinwerth, der spätere Trainer der DDR-Auswahl bei der Internationalen Programmier-Spartakiade, ist mit von der Partie, außerdem Achim Zwierer, der einen Geheimauftrag erhält, der mit der Beschaffung einer Rechenmaschine zu tun hat.

Neuer Handlungsort Kuba, im August 1961: Juri Gagarin, der erste Mann im All, besucht mit einer Entourage die Hauptstadt Havanna, darunter ein gewisser Oberst Bolaño; außerdem Personenschützer Sergei Bogosian, der es bald mit der etwas zudringlichen Plakatmalerin Aldonza Fuentes zu tun bekommt und mit ihr eine Nacht verbringt. Könnte sich hier ein Rätsel in Mireya Fuentes‘ Familiengeschichte lüften? Dmitri Sowakow indes, der schon länger nicht mehr auftrat, kehrt, im Jahr 1962, als Inspekteur der sogenannten „Meschpoweff“ zurück in die Handlung.

Es wird kompliziert: Während sich nach und nach die Bezüge der verschiedenen Handlungsebenen herausschälen, bereitet es beim Lesen mitunter Schwierigkeiten, den rasanten Zeitsprüngen zu folgen. Mit großer Hingabe ist beispielsweise die Geschichte von Leonid Ptuschkow erzählt (hier wurden beim Handlungdsprotokoll bewusst einige Auslassungen gemacht) – muss dann wirklich der in DDR-Strang hineingrätschen? Die Antwort darauf, was es nun wirklich mit der Quarantäne der kubanischen Programmierer auf sich hat, scheint sich der Erzähler absichtlich für später aufzuheben: Hier kommt es schon zu leichten Frustrationserscheinungen.

Fortsetzung folgt! Der dritte Teil des Dunkle Zahlen Lesetagebuchs erscheint am 1. März 2018. Neuigkeiten auch auf Twitter und bei Facebook.

Dunkle Zahlen – Das Lesetagebuch (1/4)

Eine „wilde und manchmal fantastische Erzählung“, ein „schillerndes Mosaik“, ein Roman „so unberechenbar wie die Geschichte selbst“: So wurde Matthias Senkels neuer Roman Dunkle Zahlen in der Frühjahrsvorschau des Verlags Matthes & Seitz Berlin beworben. In Leipzig war man angetan: „Eine anarchische Hommage an den Unernst“ befand die Jury und setzte das Buch auf Nominierungsliste für den Preis der Buchmesse. Für Lothar Müller war in der Süddeutschen Zeitung der Fall klar: Dunkle Zahlen sei nichts weniger als „eines der witzigsten, übermütigsten Experimente in der Gegenwartsliteratur“.

Grund genug, genauer hinzuschauen. Und da Dunkle Zahlen mit etwas unter 500 Seiten ein durchaus ausladender Roman ist, soll dies in den kommenden Wochen in der Form eines Lesetagebuchs geschehen, einer Form, die schon einmal Anwendung fand bei Thomas Pynchons komplexem Cyberspace-Roman Bleeding Edge. Angelegt ist das Lesetagebuch auf vier Teile, der erste Teil behandelt die Seiten 1-113.

Zack, Zack, gebe ich ihre Zahlen ein und tippe, zack, zack noch ein paar dazu, dann läuft die GLM heißer – so viel verstehe ich immerhin von den wundersamen Werken unserer Altvorderen.

Weißer Umschlag, schwarzer Titel, keine Autorenangabe: Kryptisch, „wie ein Rebus“ (Lothar Müller) präsentiert sich die äußere Aufmachung von Dunkle Zahlen. Allein die Rückseite verzeichnet Autor und Verlag, liefert einen kurzen Klappentext sowie einen Blurb von Olga Martynova: „Eine Parabel, die auch vor der Zukunft warnt“. Parabel? Schon ein erster Wink zur möglichen Rezeption? Aber erst einmal das Buch aufgeschlagen – und da folgt auch schon die zweite Irritation: Unvermittelt beginnt ein Textabsatz, in dem ein gewisser Motja von zwei Annuschkas darum gebeten wird, Teewasser für eine größere Gesellschaft aufzusetzen – was er auch prompt tut, indem er in eine nicht genauer definierte Maschine mit dem Namen GLM zwei Zahlen eingibt, worauf diese heißzulaufen beginnt. Die nächste Seite zeigt einen schwarzen Bildschirm mit ein paar Zeilen russischem Programmcode und der Erklärung, dass es sich hier um den Startbildschirm der Literaturmaschine GLM-3 handelt, die quasi auf Knopfdruck „das unvollendete Poem Dunkle Zahlen“ ausspuckt. Und wirklich: Jetzt erst folgen Titelseite, Verlagsangabe sowie der Vermerk „Deutsch von Matthias Senkel“, weiters ein Inhaltsverzeichnis in der Anmutung eines Schaltkreises, und das erste Kapitel „MSMP#01“, das in Moskau am 27. Mai 1985 einsetzt.

Die metafiktionalen Zeichen sind gesetzt: Wir sollen es hier also mit einem computergenerierten Roman in russischer Sprache zu tun haben, der von Matthias Senkel lediglich ins Deutsche übertragen wurde. Eine ziemliche Volte zur Eröffnung! Dafür ist man im ersten Kapitel gleich mitten im Geschehen: Es sind sieben Stunden bis zur Eröffnung der zweiten Internationalen Spartakiade der jungen Programmierer in Moskau, und der Vorsitzende Dmitri Sowakow muss sich mit der unangenehmen Geheimdienstlerin Jewhenija Swetljatschenko herumschlagen, die eine nicht so ganz saubere Abhöraktion zu planen scheint. Ein kurzes Stimmungsbild – dann ist das Kapitel schon wieder zu Ende und wir springen ins Leningrad des Jahres 1948. Hier treffen wir auf den jungen Leonid Ptuschkow, einen wissbegierigen Schüler, der in seinem Notizheft mathematische Operationen improvisiert. Diese lassen Sergei Alexejewitsch Lebedew, Leiter eines örtlichen Labors, aufhorchen und alle Hebel in Bewegung setzen: Dieser Junge braucht einen Studienplatz in Moskau! Zurück im Jahr 1985 muss Mireya Fuentes, die Dolmetscherin des kubanischen Teams der Programmierer-Spartakiade feststellen, dass die Kader-Auswahl zwar in Moskau gelandet, aber aus unbekannten Gründen mit sofortiger Wirkung unter Quarantäne gestellt wurde. Da aufgrund der Zeitverschiebung niemand in Kuba zu erreichen ist und die Zeit drängt, beginnt sie, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Eingeschoben wird nun ein erneuter Rückblick in die Jugend der Geheimdienst-Majorin Jewhenija Swetljatschenko, die sich in einer vorerst nicht näher bezeichneten „nordrussischen Industriesiedlung“ ihre Sporen verdient, nachdem sie schon in ihrer Kindheit ausgeprägten detektivischen Spürsinn bei der Klärung von Nachbarschaftsstreitigkeiten an den Tag gelegt hat. Von Dmitri Sowakow erfahren wir ebenfalls mehr: Dieser arbeitet, bevor er Vorsitzender der Programmier-Spartakiade wurde, an experimentellen Stadtentwicklungsmodellen, die der herrschenden Parteilinie aber zu progressiv erscheinen. In der Konsequenz sieht sich auch Dmitri in die Provinz verschlagen, namentlich einem Arbeitslager, in dem im Akkord Rechenoperationen „für Forschung, Produktion und Verwaltung“ des Landes durchgeführt werden. Dmitris Aufgabe ist es, diese Prozesse zu optimieren und das Lager auf eine bevorstehende Automatisierung der Rechenleistung vorzubereiten. Nach einem enzyklopädieartigen Einschub über den Begriff der „dunklen Zahlen“ und ihre Bedeutungen richtet sich der Fokus wieder auf Leonid Ptuschkow, der mittlerweile am Institut für Angewandte Mathematik in Moskau studiert, wo er sämtliche Komilitoninnen und Komilitonen mit seinem Können überflügelt. Aus dem bequemen Studentenleben reißt ihn jäh ein Einberufungsbescheid – er muss fortan seine mathematische Begabung der Armee zur Verfügung stellen. Kurz bevor er sich zum unfreiwilligen Dauereinsatz verpflichtet sieht, wird er jedoch durch einen Unfall, der ihn für einige Zeit ans Krankenbett fesselt, aus dem Spiel genommen.

Die Hauptfiguren scheinen gesetzt: So ist zumindest zu hoffen, denn schon jetzt fällt es schwer, den Überblick über die verschiedenen Handlungsebenen zu behalten, die Matthias Senkel einführt. Ob und wie diese zusammengeführt werden, ist zu diesem Punkt völlig offen. Die Sowjetunion der fünfziger und achtziger Jahre schildert Senkel mit einem Auge fürs Detail, das intensive Recherche vermuten lässt. Voraussetzungsreich ist sein Schreiben allerdings auch – Begriffe wie „Komsomol“ oder Anspielungen auf das zeithistorische Alltagsgeschehen werden nicht näher erklärt oder kommentiert. Hinzu kommt, dass man Matthias Senkel als Erzähler auch nicht trauen kann: Unversehens montiert er nach Leonid Ptuschkows Studentenjahren nämlich nun das Kapitel „Nachwort“ ein, mitnichten ein Nachwort des Romans, sondern der Schluss einer Biografie über die auf genialische Weise ausgedachte Dichterfigur Gavriil Efimovič Teterevkin (1812-1841), dessen unollendetes Hauptwerk eine Art früher Quellcode für einen Proto-Computer ist, ein „eiserner Golem“, der, so der Plan des Dichters, auf Knopfdruck die gesamte Welt erzählen soll…

Fortsetzung folgt! Der zweite Teil des Dunkle Zahlen Lesetagebuchs erscheint am 22. Februar 2018. Neuigkeiten auch auf Twitter und bei Facebook.

Ungetüme in der Provinz

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Komplex, ausufernd, verschlungen: Der Fuchs von Nis-Momme Stockmann ist einer der ungewöhnlichsten Romane dieses Frühjahrs.

Außerdem ist Stockmann der einzige Autor unter vierzig, der in diesem Jahr für für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist – Grund genug, einen Blick in das 720-seitige Ungetüm zu werfen. Um Ungetüme geht es tatsächlich auch in Der Fuchs relativ oft. Die babylonische Sagenwelt um Tiamat, Abzu und Marduk, die brutal die Herrschaft um den Kosmos ausfechten, bildet den mythisch-rätselhaften Unterboden für eine Geschichte, die eigentlich hauptsächlich in der tiefsten schleswig-holsteinischen Provinz der frühen neunziger Jahre spielt. An der lässt Finn, der Erzähler, kein gutes Haar: Ein Alltag, geprägt von Gewalt und Alkoholismus, wer nicht in das vorgefertigte Bild der Spießbürger passt, wird passend gemacht oder gnadenlos ausgegrenzt. Aber plötzlich geschehen seltsame Dinge, Menschen verschwinden, ein abgetrennter Arm taucht auf, und ein seltsames, kreisförmiges Zeichen scheint irgendwie mit allem in Verbindung zu stehen. Finn, seine Clique und die geheimnisvolle Katja begeben sich auf Spurensuche. Hier ist Der Fuchs Jugendroman, Abenteuerroman, fast Stephen-King-Material in seiner epischen, sich sorgfältig ausbreitenden Erzählweise. Wäre da nicht der dritte Erzählstrang, die eigentliche Gegenwartsebene des Romans, in der es tatsächlich zu einem unerhörten Ereignis gekommen ist: Der Ort Thule, in dem Finn und seine Freunde auch mit Anfang dreißig noch hängen geblieben sind, wurde von einer alles verschlingenden Überschwemmung heimgesucht. Nichts weniger als einen Weltuntergang inszeniert Nis-Momme Stockmann (übrigens vom Fach her Dramatiker) hier, und wie Finn mit immer stärker verschwimmendem Blick auf das Geschehen versucht, die Oberhand über die komplette Auflösung aller vertrauten Zusammenhänge zu behalten, ist ihm virtuos gelungen. Der Romantext fächert sich zwischenzeitlich in bis zu sieben parallel notierte Ebenen auf, schweift ab, rückt wieder zusammen – bleibt aber immer, auch bei einem verwegenen Umfang, gut lesbar, ohne komplett auszufasern. Bei einem guten Lesetempo ist das Buch in einer Woche zu schaffen – das gilt nicht für viele Wälzer dieser Größenordnung. Ob die Jury in Leipzig sich auch so leichtgetan hat? Nächste Woche wissen wir mehr.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs. Rowohlt Verlag 2016, 720 Seiten, 24,95 €

Nis-Momme Stockmann stellt seinem Roman auf der Leipziger Buchmesse im Rahmen von „Leipzig liest“ am 18. März 2016 um 19 Uhr in den Cammerspielen Leipzig vor.

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Süßes Schlachthaus, mon amour

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Sascha Macht scheut in seinem Debüt auch die skurrilsten Einfälle nicht – ein Roman wie ein Wimmelbild.

Ein Autor schickt seinen Protagonisten auf eine Reise: Einmal quer über seine Heimatinsel muss der siebzehnjährige Bruno Hidalgo. Diese Insel ist in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach US-amerikanischen Atombombentests aus dem Meer aufgetaucht und seitdem Schauplatz utopischer Weltentwürfe aller Art. Sascha Macht hat es sichtlich genossen, seinen munter sprudelnden Ideenstrom auf diese fiktive Insel auszugießen: Es gibt Schlösser, Wälder, Canyons, Seen, Sumpfgebiete und Savannen. Generäle, Revolutionäre, Monarchisten, Hippies und Fabeltiere tummeln sich hier, in Dörfchen, Siedlungen, Großstädten.

Dass es da mitunter etwas eng werden kann, ist nicht nur Folge von Sascha Machts überbordendem Einfallsreichtum, sondern gleichzeitig Triebfeder für den Fortgang der Handlung: Bruno Hidalgo begegnet auf seiner Reise ständig Gestalten, die seine Geschicke in eine neue Richtung lenken. Ein aussätziger Preuße, ein durchtriebener Mexikaner und schließlich das südafrikanisch-nordirische Filmregisseur-Pärchen Johnny und Sylvie inklusive deren Sohn Liam. Vage erkennbar wird, dass seine Reise zeitlich mit einem Staatsstreich zusammenfällt, der die politische Ordnung auf der Insel über den Haufen wirft. Sein persönliches Ziel ist aber eigentlich der Besuch der Filmfestspiele in der Hauptstadt, was er, soviel kann man verraten, schließlich auch erreichen wird.

Überhaupt sind die Filme, spezieller: Horrorfilme, denen Bruno Hidalgo sich voll und ganz verschrieben hat, ein schönes Leitmotiv in diesem sämtliche Grenzen sprengenden Roman. Über zwanzig – natürlich fiktive – Regisseure und deren Oeuvre hat Sascha Macht eingebaut, teilweise mit elaborierten Lebensläufen und herrlichen Filmtiteln wie Kontrabassisten – Ledermenschen – Fleischhauer, Bulbin der Zetrümmerer, Schöne Körper, rote Nächte, blinde Würmer oder Süßes Schlachthaus, mon amour.

Sascha Macht: Der Krieg im Garten des Königs der Toten. DuMont Buchverlag, 272 Seiten, 19,99 €

Sascha Macht hat auf der Leipziger Buchmesse geradezu einen Lesemarathon vor sich: Am 17.3. in der Moritzbastei, am 18.3. zweimal auf der Buchmesse und abends im Deutschen Literaturinstitut sowie am 20.3. noch einmal auf der Buchmesse.

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Mein Miniaturterror

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Vorwarnung: Dieses Buch ist wirklich dick. Sehr dick. 818 Seiten, mit Personenregister, um genau zu sein. Es lohnt sich aber trotzdem.

Lange gab es schon kein Buch mehr mit einem so faszinierend schön-barocken Titel wie Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Selten, vielleicht noch gar nicht, wurde so detailreich aus den Nachkriegsjahren der Bundesrepublik erzählt, wohlgemerkt mit dem Blick von 2015: Frank Witzel hat, scheint es, gerade den richtigen Moment für die Veröffentlichung seines Romans gefunden, auf die sich sein Verlag Matthes & Seitz dann auch mutig eingelassen hat.

Und so steckt hier irgendwie alles drin: RAF-Terror und Beat-Club, Beichte und Dorfmief, Liebe, Paranoia und Selbstkasteiung. In loser Verwandtschaft mit obsessiven Chronisten wie Andreas Maier, der sich auf die literarische Kartografierung seiner Heimatgegend verlegt hat, lässt Witzel hessische Dorfverhältnisse der späten sechziger Jahre wiederauferstehen, in die man eintaucht, als sei es gestern gewesen. Wie ein verlorener Sohn von Oskar Matzerath füllt sein manischer Erzähler Seite um Seite mit Erinnerungen an die Jahre danach, wobei er immer wieder bewusst oder unbewusst die Kontrolle verliert und abschweift, zu Figuren wie Judas Ischariot, dem Säureattentäter Hans-Joachim Bohlmann oder eben der RAF, seinem Lieblingsthema.

Das ist ziemlich harter Stoff – aber auch auf irrwitzige Weise komisch. Witzel, der als Autor reichlich Erfahrungen mit Verschwörungstheorien, Popkultur und dem Grotesken hat (verwiesen sei etwa auf den Roman Revolution und Heimarbeit aus dem Jahr 2003), wurde nicht zu Unrecht für sein Manuskript mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet. Und so lesen sich Stellen wie die Beschreibung einer Stadtrundfahrt im Rahmen der (wohlgemerkt: fiktiven) „Hamburger-RAF-Tage“ dann folgendermaßen:

…machen wir Halt im Café Funk-Eck in der Rothenbaumchaussee (…), wo Ulrike Meinhof (…) 1958 Marcel Reich-Ranicki traf und über das Warschauer Ghetto befragte. Zu empfehlen ist der warme Butterkuchen, den wir leider zu dieser Jahreszeit nicht mehr auf der großzügigen Terrasse genießen können. Nachdem wir uns ausgiebig gestärkt haben, geht unser Ausflug weiter in Richtung Bahrenfeld, wo wir das Haus in der Friedenstraße 39 besuchen, aus dem sich Stefan Aust im September 1970 feigerweise über den Hinterhof verdrückte, als Andreas und Horst bei ihm schellten…

Für Freunde des unzuverlässigen, ja, um nicht zu sagen, paranoid-schizophrenen Erzählens ein großer Spaß – Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 ist das Buch zur Messe!

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Matthes & Seitz Berlin, 818 Seiten, 29,90 €

Dieser Artikel erscheint live zur Leipziger Buchmesse 2015. Frank Witzel stellt seinen Roman im Rahmen von „Leipzig liest“ an folgenden Terminen vor:

Donnerstag, 12. März, 12.30 Uhr: Die Unabhängigen, Halle 5, Stand E309

Donnerstag, 12. März, 19 Uhr: Café Puschkin, Karl-Liebknecht-Straße 74, 04275 Leipzig

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