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Das STILL Magazin hat große Pläne: Zusätzlich zur Print-Ausgabe des Foto- und Literaturmagazins soll als nächstes eine digitale Plattform entstehen, die den Magazingedanken ins Netz trägt. Marc Holzenbecher, einer der Herausgeber von STILL, erzählt, was genau der Plan ist.

Was wird bei einem digitalen STILL Magazin anders werden? Wird es z.B. Beiträge geben, die nur digital denkbar sind?

Ja, natürlich eröffnet uns das die Möglichkeit, andere Beiträge zu publizieren als in Print. Audioformate, digitale Literatur, Bewegtbilder in der Fotografie. Aber vielmehr wird es das Magazin selbst werden, das digital gedacht wird. „We are constantly evolving our format. In the future we want to open up the structure even more, future issues—same as some works in it—may not be completed or ‚closed‘ at the time of publication. What we are looking for is a format that enables us to rearrange and continue completing issues after their release.“ Statt einer Kopie der Printausgabe in Form eines E-Books oder einer statischen PDF wird das digitale STILL ein flexibles Archiv und Labor zugleich, ein Format, das den Arbeiten vergangener Ausgaben ein Weiterleben und eine Weiterentwicklung erlaubt. Ein lebendiges, anpassungsfähiges Magazin, das—weniger endgültig als in Tinte auf Papier—auch work in progress abbilden kann.

Es ist eine STILL-Drama-Ausgabe in Planung. Soll es, wenn es nach euch geht, weitere Bücher geben?

Die Resonanz auf unser erstes Buch, an dem wir gerade arbeiten, ist herausragend. STILL Drama ist als Beginn einer Serie gedacht und sofern es uns (finanziell) möglich ist, wird es weitere Ausgaben geben!

Was habt ihr in den letzten drei Jahren über das Magazin-Machen gelernt?

Zuzuhören, wach zu sein. Gutes braucht Zeit und Geduld.

Um die Pläne für ein digitales STILL-Magazin in die Wirklichkeit umzusetzen, haben die Herausgeber eine Kickstarter-Kampagne ins Leben gerufen, die gerade auf den letzten Metern ist. Hier kann noch gespendet werden.

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Hallo, weißes Blatt

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Alan Mills ist ein guatemaltekischer Schriftsteller, der nach eigener Aussage das Gedichteschreiben eingestellt hat, nachdem er Twitter entdeckte.

Bei mikrotext sind jetzt, als seine erste deutsche Veröffentlichung überhaupt, gesammelte Tweets von Alan Mills unter dem Titel Die Subkultur der Träume erschienen – ein minimalistisches Mammutwerk von über 700 Seiten. Alan Mills‘ Tweets sind komisch, seltsam und von einer geheimnisvollen Schönheit. Zum Jahreswechsel hier eine Auswahl.

Ich möchte auf eine Party gehen, wo mich niemand kennt. Etwas Spaß haben. Gehen, ohne dass jemand weiß, ob er mich gesehen oder nur geträumt hat.

Vielleicht wollte Kafka nur „La Cucaracha“ tanzen.

Wir sind alle das Monster unter dem Bett von jemand anderem.

Hallo weißes Blatt, ich glaube, ich habe hier etwas für dich.

Es reicht aus, einen Leser zu haben. Erfinde ihn.

Meine Schiffe verbrennen nicht, weil sie aus Feuer sind.

Die weiße Seite ist rassistisch.

Ein Gedicht muss so künstlich wirken wie eine Rose aus Kristall. Aber es muss sich so lebendig anfühlen wie ein warmes Schweineherz.

Wenn ihr genau darauf achtet, seid ihr gerade inmitten des Buches.

Träumen die Schafe von elektrischen Schriftstellern?

Seien wir Hyperrealisten, versuchen wir das Unsichtbare.

Mein Plan B ist genauso wie Plan A, bloß mit gerösteten Maiskolben.

Dies sind meine Hirngespinste. Wenn sie euch nicht gefallen, habe ich andere.

Die weiße Seite ist ein Entwurf für eine Wolke.

Träumen die Haushaltsgeräte von Schriftstellern, die bügeln können?

Könnten alle, die nicht Borges sind, bitte mal die Hand heben?

Das Leben ist das, was passiert, während man nicht den Ulysses liest.

Jeder Tweet ist autobiografisch für den Leser.

Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an den Berg.

Als ich einen Zirkus gründete, rasierte sich die Frau mit Bart.

Ich habe ein Leben wie im Film, aber es ist eine Raubkopie.

Ich habe die Negative meines Gehirns entwickelt: Es ist eine weiße Seite geworden.

Was die Wolke dichtet

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„Es wird wehtun“; „es wird nicht ganz zu kontrollieren sein“: Eingangs Warnungen, wie sich selbst zugesprochen, wussten doch weder Andreas Bülhoff, Martina Hefter, Georg Leß, Katharina Schultens noch Charlotte Warsen so ganz genau, worauf sie sich mit diesem Projekt einließen.

Das Ergebnis mehrerer Workshops, auf dem sich Coding, Poesie und Proben für eine Performance miteinander verschränkten, konnte am 22. November im Berliner Theaterdiscounter begutachtet werden: Dichter unter Hypnose, unter einem Moskitonetz aneinandergekuschelt, dazwischen großflächig Projektionen mit Tanzszenen und Rabenflug und wie zufällig herumliegende Auberginen.

Nun steht – unter Einbeziehung der Performance im Theaterdiscounter und Beteiligung des anwesenden Publikums (so konnten etwa Audiosamples live vor Ort eingesprochen und Chats geführt werden) eine erste Version von Cloudpoesie – Dichtung für die vernetzte Gesellschaft als hybrides E-Book bereit, das gemeinsam vom KOOK-Verein und dem Digitalverlag mikrotext herausgegeben wird.

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Animation: Andreas Töpfer

Und das ist eine echte Augen- und Ohrenweide. Wunderbar verspielte Kurzgedichte („protagon, verzeih“), repetitive experimentelle Textmassen wechseln sich ab mit gewitzten GIF-Animationen aus der digitalen Feder Andreas Töpfers; im Zentrum des Ganzen ein Musical mit Ungeheuern, in dem Gartenroboter Gesänge zu der Frage anstimmen, „warum das Ungeheuer sie schlägt“ – ein derart lustvoller kreativer Overkill kann einem schon einmal die Sprache rauben. Und das klingt dann so: „Wentkräff deren und warkellenener Loger und rene Pass oden A.M., nobote nichteräte anch satundere nach zu inforgume Gras weln sch zu hen S. Menachen von bren Icht den 9 unges kom”)“. Wer will, kann mit Audiosamples das Medium wechseln oder sich durch behutsam gesetzte Hyperlinks gleich wieder in das große Referenzsystem des Internets katapultieren lassen, wo etwa Diagramme zur Theorie des Uncanny Valley lauern. Die Textsorten changieren währenddessen fröhlich vom Kinderreim zur Spielanleitung mit Safeword und mittelalterlichen Rezeptanweisungen, die auf Plinius verweisen; eine Form, ein äußeres Raster scheint immer wieder durch (etwa begonnene Aufzählungen), um aber gleich darauf wieder lustvoll verworfen zu werden.

Ein hemmungsloser, anarchischer Spaß ist hier gelungen, der das Zeug hat, das Feld der Gegenwartslyrik um eine ganze Wagenladung neuer Impulse zu bereichern. Übrigens: Das E-Book war in seiner ersten Version, soviel Geheimniskrämerei muss sein, nur am Abend der Performance erhältlich. Eine bearbeitete Version soll aber in Kürze auf einschlägigem Wege erhältlich sein.

Der Clemens-Setz-Referenzencheck

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Und was hat Halldór Laxness mit alldem zu tun?

Aus welchem Buch stammte nochmal der kryptische Begriff FNORD? Gibt es den Autoren Charles Victor Eglantine wirklich? Und was zum Himmel sind BLISS-Symbole?

Clemens J. Setz‘ neuester Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre ist nicht nur über 1.000 Seiten dick, sondern steckt darüber hinaus auch noch voller Anspielungen aus den Bereichen Literatur, Musik und obskures Wissen. Unter frau-und-gitarre.de, hoffnungsvoll als „Blog für betreutes Lesen“ untertitelt, kann man deshalb neben vielen anderen Beiträgen in diesen Tagen einen vierteiligen Clemens-Setz-Referenzcheck nachverfolgen und sich damit durch die Untiefen des Romans navigieren. Die einzelnen Beiträge werden nach Erscheinen an dieser Stelle dokumentiert.

Übrigens: Dank einer Kooperation mit Sobooks sind die aufgeführten Zitate im jeweiligen Beitrag klickbar und führen direkt in die Materie, sprich, das zugehörige E-Book!

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Bereits veröffentlicht:

Line By Line: Emily Dickinson In The Box

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Lyrik im E-Book – da trauen sich derzeit noch nicht so viele Verlage heran, zu orchideenhaft-winzig scheint der digitale Markt, um auch noch die Orchideenabteilung der Literatur dort heimisch zu machen.

Auch technisch steht der optimalen Präsentation des Genres, wie die New York Times weiß, noch einiges entgegen – auch wenn sich das langsam ändert: Line by Line, E-Books Turn Poet-Friendly, so hieß ein schöner Artikel im vergangenen Herbst.

Gerade der ehrwürdige Hanser Verlag, eine der letzten unabhängigen Bastionen der guten alten Verlagskultur, hat sich nun herangewagt an ein E-Book mit Gedichten: Die Hanser Box Emily Dickinson und der Wind präsentiert 33 Gedichte, eingeleitet und (schön!) einzeln kommentiert von Gunhild Kübler. Siehe da – geht doch! Und sieht sogar ganz gut aus (was man zu einem Teil aber auch Dickinsons elegantem Zeilenschwung zu verdanken hat).

Das 2,99 € billige Schmankerl fungiert gleichsam als Kostprobe und Appetitanreger für die prächtige Gesamtausgabe sämtlicher Dickinson-Gedichte, die der Verlag dieses Jahr voller stolz in Original und Übersetzung auftischt. Für den wirklichen Fan lohnen sich aber freilich beide Anschaffungen – der kenntnisreiche Küblersche Kommentar findet sich nämlich nur in the box!

Voller Empfang: New German Fiction

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Der Literaturwettbewerb New German Fiction geht ins zweite Jahr – und hat sich noch einmal runderneuert: Die Altersbegrenzung bis 30 fällt weg, außerdem winkt den Gewinnern neben Readux-Abdruck und Edit-Veröffentlichung jetzt auch ein E-Book beim Verlag Matthes & Seitz Berlin.

Richard Stoiber, der die Kooperation von Matthes & Seitz und New German Fiction betreut, sagt dazu: „Wir freuen uns sehr, uns als Partnerverlag an New German Fiction zu beteiligen. Der Wettbewerb und unsere E-Book-Reihe MSeB ergänzen sich wunderbar: Der Wettbewerb bietet Autorinnen und Autoren die Möglichkeit, sich ihre erste Leserschaft zu erschließen. Die Reihe MSeB ist offen für neue, kürzere Texte, lässt Experimente zu, die in anderen Formaten nicht realisierbar wären – die ideale Plattform für Gegenwartsliteratur. In das Projekt eingestiegen sind wir, weil uns die Texte der letztjährigen Preisträgerinnen Inga Machel und Judith Keller sofort überzeugt haben, wir wollten sie unbedingt in unser Programm aufnehmen; beide Texte erscheinen in diesem Monat. Die Jury, die aus Kolleginnen und Kollegen aus der Literaturbranche besteht, hat im letzten Jahr tolle Arbeit geleistet, wir blicken der diesjährigen Auswahl deswegen mit großer Vorfreude entgegen.“

Wie im letzten Jahr werden die Gewinnertexte sowohl auf Deutsch als auch in englischer Übersetzung publiziert. Der eingereichte Text sollte zwischen 25.000 und 50.000 Zeichen lang sein, Einsendeschluss ist der 31. Mai 2015. Teilnahmeberechtigt ist, wer bislang noch keine eigenständige Publikation veröffentlicht hat.

Direkt zum Einsendeformular geht es hier. Viel Glück!

In den Fakten planschen

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Jakob Nolte erzählt in seinem Roman Alff mit archivarischem Furor und irritierender Genauigkeit – eine Zumutung im besten Sinne.

Wer ist dieser Jakob Nolte? Selbst der Name seiner Heimatstadt, Barsinghausen am Deister, klingt wie ausgedacht. Wer ist dieser Jakob Nolte, der eine Hälfte des Autorenduos Nolte/Decar bildet, die auf dem PROSANOVA-Festival in Hildesheim 2014 ein Talkshow-Format präsentierten, das mit der eigenen Langeweile kokettierte, und Stücke schreiben, in denen allein die Variationen des Titels vier Seiten in Anspruch nehmen (Helmut Kohl läuft durch Bonn, UA 2014 ebendort)?

Zu Beginn sei vorgewarnt, dass auch dieser Artikel wenig Licht in das Mysterium der Autorenfigur Jakob Nolte bringen wird, der seinen Texten gerne Motti von Alternative-Bands wie den Silver Jews voranstellt, sich einen ganzen Aufsatz lang der Neil-Young-Ballade „Cortez The Killer“ widmet (in: Neue Rundschau 125/1) oder auf die wichtige Unterscheidung zwischen Skateboarding und der Skateboarding-Szene hinweist („Sanft wie die untere Haut am Schwanz“, in: BELLA triste 39). Zu den verlässlichen Fakten: Jakob Nolte wurde 1988 in Barsinghausen am Deister geboren, studierte szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin, in der Spielzeit 12/13 wurde am Landestheater Salzburg sein Stück Agnes uraufgeführt, im Herbst letzten Jahres feierte eine Bearbeitung der Christoph-Willibald-Gluck-Oper Die Pilger von Mekka am selben Ort Premiere. In diesem wenig bekannten Singspiel, einer Art Urversion von Mozarts Entführung aus dem Serail, begibt sich ein Aristokrat auf die Suche nach seiner Verlobten, die von Piraten entführt wurde. Am Hof des Sultans findet er sie wieder, die Flucht der beiden scheitert, doch der Sultan erkennt schließlich die Unverletzlichkeit der Liebe und lässt sie frei. Die Salzburger Nachrichten schrieben von einer „buffonesken Umtriebigkeit“, mit der sich die Schauspieler in das „ziemlich sinn- und zweckfreie Treiben auf der Bühne“ fügten.

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