Die unsichtbare Kirche überragt die sichtbare bei weitem

Jakob Noltes neuer Roman ist eine kuriose Angelegenheit: Tolldreist und todtraurig erzählt er die aberwitzige Geschichte einer Erweckung.

Der Titel trügt zunächst nicht. Tatsächlich ist der nach Alff und Schreckliche Gewalten dritte, jetzt bei Suhrkamp vorliegende Roman dieses gerne zwischen den Formen springenden Autoren, der auch im Bereich Theater und Hörspiel zahlreiche Arbeiten vorgelegt hat, sehr kurzweilig geworden und locker an einem Wochenende abgehandelt. Trotzdem hat er es in sich.

Zunächst einmal haben wir es hier verwirrenderweise mit zwei Figuren zu tun, die beide Tobias heißen und, zumindest zeitweise, ein Pärchen sind. Wir erfahren, aber das ist aufgrund ebendieser Dopplung nicht immer ganz sicher, hauptsächlich aus dem Leben eines der beiden: Wie er nach dem Abitur in einer Kunstgalerie in Potsdam jobbt, kreatives Schreiben in Hildesheim studiert, einen ersten, ausgesprochen positiv aufgenommenen Roman veröffentlicht, sich dann aber mit dem Literaturbetrieb über Kreuz legt; wie er Reisen zu Grabmälern sozialistischer Herrscher unternimmt und, in Belgrad dann, ein religiöses Erweckungserlebnis hat. Wir verfolgen Tobias schätzungsweise bis in seine Vierziger: Er ist Tele-Evangelist geworden und ein erfolgreicher YouTube-Star, bis ihn eine Steuernachzahlung von einem Tag auf den anderen in die Obachlosigkeit katapultiert. In einem Zelt in der Hasenheide beginnt das letzte Kapitel seines Lebens.

So oder so ähnlich könnte man die Handlung des Romans wiedergeben. Was nach einer stringenten Erzählung klingt, bietet Jakob Nolte denn aber als der gewitzte Erzähler, der er ist, munter nicht-chronologisch, in Bruchstücken und unterschiedlichen Varianten dar. Das beinhaltet Genre-Ausflüge wie eine Kostprobe aus dem Schreiben von Tobias, einen platten japanischen Manga-Roman, fragmentarische Prosaskizzen, ausführliche Briefwechsel und eine mysteriöse historische Episode gegen Ende des Romans, in der eine Glocke für einen Kirchturm gegossen wird.

Das ist ein tolldreister Spaß, der Mal um Mal etwas über das Ziel hinausschießt und den einen und anderen Seitenhieb auf die Abgründe des Literaturbetriebs bereithält; seine wahren Stärken entfaltet dieser Roman aber in zahlreichen Passagen von einer rätselhaften Schönheit: Da geht es etwa um Menschen, die in Hasen verwandelt werden, Kinder, die auf Waldkronen klettern, Hubschrauber, die um die Wipfel kreisen, religiöse Verzückung, und immer wieder: Tischtennis. Schließlich ist das Kurze Buch über Tobias, nach eigener Aussage ja immerhin nichts weniger als eine moderne Heiligengeschichte, auch – bei allem Spaß – eine todtraurige Angelegenheit, denn hinter der kuriosen urchristlich-inspierten Fassade kann man Züge einer ernsthaften, verzweifelten Sinnsuche erkennen. Und für Tobias, der mit dem Wahlspruch „Die unsichtbare Kirche überragt die sichtbare um ein Vielfaches“ auszieht, auf seinem kurvenreichen Weg durchaus Sympathie empfinden.

Jakob Note: Kurzes Buch über Tobias. Suhrkamp Verlag, 231 Seiten, 22 €

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