Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren

Eine der spannendsten Neuerscheinungen des noch jungen Jahres kommt aus dem Verbrecher Verlag. Esther Beckers Debütroman Wie die Gorillas erzählt von der Suche nach dem Platz in der Gesellschaft.

Im Theaterbereich ist Esther Becker schon länger unterwegs. Sie ist Mitglied der Theaterformation bigNOTWENDIGKEIT, 2019 wurde sie für ihr Stück Das Leben ist ein Wunschkonzert mit dem Berliner Kindertheaterpreis ausgezeichnet. Jetzt ist ihr erster längerer Prosatext erschienen.

Irgendwann, gegen Ende des Romans, findet sich die Erzählerin auf dem verschlossenen Innenhof eines Kinos wieder. Sie war die letzte in der Spätvorstellung, auch das Personal ist schon gegangen, sie wurde zurückgelassen, vergessen. Es ist ein Wendepunkt in der Geschichte, die Esther Becker bis hierher konsequent und schonungslos erzählt hat. Ihre Erzählerin ist eine Außenseiterin, die nirgendwo ihren richtigen Platz findet. Sie fühlt sich in ihrem Körper nicht wohl: Die Augen zu engstehend, zu flache Brüste, die Angst davor, zuzunehmen. Als Aktmodell an der Kunsthochschule zu posieren, fällt ihr dagegen nicht schwer. Eine Freundin wird Schauspielerin, eine andere studiert Medizin, sie schlägt sich mit einem medienwissenschaftlichen Studienprojekt herum, das sich mit den Körpergenres im Film, Porno und Horror, beschäftigt und analysiert Filme wie Carrie, Deep Throat und Die Passion Christi: „Ich würde mich gerne mehr für Musicals interessieren, stattdessen drohe ich in einem Meer aus Sperma, Blut und Tränen zu versinken.“ Wenn sie nicht ins Kino geht, arbeitet sie in einer Bar; ihre Wohnung und ihr Äußeres vernachlässigt sie mehr und mehr.

In kurzen und genau beobachteten Kapiteln und mit viel trockenem Humor geht Esther Becker den Erlebnissen der Erzählerin und ihren Freundinnen nach. Auch sie haben es letztlich nicht besser. Svenja, die Theaterschauspielerin, erlebt den Betrieb als sexistisch. Und Olga kann ihr Medizinstudium nur aufnehmen, als sie sich von ihren streng gläubigen Eltern lossagt.

Wie die Gorillas ist aber auch ein Familienroman. Der distanzierte Vater, der sich später als schwul outet, die Mutter, die sich plötzlich, als sie in einer neuen Beziehung ist, wieder für ihre Tochter zu interessieren beginnt – die Familienverhältnisse sind alles andere als einfach, aber die Eltern sind es auch, die der Erzählerin nach der misslichen Situation im Kino helfen, auf die Beine zu kommen. Der Schluss ist versöhnlich und empowernd gleichermaßen: Für ein Videokunst-Seminar dreht sie mit ihrer Freundin Svenja einen Kurzfilm. Er ist inspiriert von Carrie.

Esther Becker: Wie die Gorillas. Verbrecher Verlag, 160 Seiten, 19 €

Buchpremiere am 3. Februar 2021 im Literaturforum im Brecht-Haus (Livestream)