Mara Genschels Handy

Für alle, die es eilig haben: Lesen Sie Cute Gedanken von Mara Genschel, das Buch ist sehr gut.

Für alle anderen, eine Einleitung: Zwischen dem 20.08. und dem 02.11.2016 wäre Mara Genschel unter der Nummer +1 319 930 6339 in Iowa zu erreichen gewesen – dass die Vereinigten Staaten die +1 zur Vorwahl haben, finde ich sehr lustig –, wo sie als Stipendiatin eines von der CIA finanzierten Programms die schwere Bürde antrat, „offiziell die deutsche Literatur zu repräsentieren“. Als wäre das nicht schon schlimm genug, stellte sich ihr „sehr preiswertes amerikanisches Mobiltelefon“, genauer: seine Korrekturfunktion, in das sie anfing „Überlegungen zu notieren, in denen meine teilweise verzweifelte Situation in dilettantischer Manier zu reflektieren ich mich nicht schämen musste, da das Gerät mich um Peinlichkeit oder Dummheit übertraf“, als Endgegner heraus. Oder Koautor. Oder Sparringpartner. Oder Blackbox. Das ist schwierig zu sagen.

Feststellen lässt sich aber, dass in den 75 Texten, deren narrativer und institutioneller Rahmen der Zeitraum des Stipendiums bildet, zwei Konzepte von Sprechen, zwei Erzählinstanzen, ja, zwei Körper aufeinandertreffen. Die Stimme und der Körper des Ichs, das von sich selber behauptet, mit Vornamen Mara zu heißen, das Beobachtungen, Gedanken, und Erlebnisse festzuhalten versucht, und das Rechtschreibprogramm des Handys, das in der Art eines siebenjährigen Cousins, der so nervig wie wirkmächtig ist, nicht nur klugscheißerisch ins Sprechen hineinfunkt, sondern über die Darstellungsfunktion des Displays auch für die Form der Dreizeiler, die Gedichtförmigkeit der Texte verantwortlich ist.

Das klingt dann so: „Jeder going einzeln / an ein Mikro um such / vorzustellen. Stets klatschten // alle.“ Oder so: „I’m small talk diner / kleineren Constellation / fuel das Wort ‚poets life‘.“ Oder so: „Ist sir nicht sogar wie eine / strange Mutter?“ Oder: „Ich bin doch nur 1 hinkender, / angeschossener General (MIT / eisblaue mm Haar)“. Aber auch so: „Schreiben in einem Zustand der / Empörung über den Zustand / Ohne den Zustand zum // Gegenstand zu machen??“ Oder so: „Aber warum muss ich immer / wieder so hart und ernsthaft / zusammenbrechen?“ Oder so: „Ich bin doch nur das blöde, / von Hier zerfressene Eichhorn / das tunlichst zusehen sollte // nicht überfahren zu werden / bei seiner offensichtlich / unendlichen Nusssuche!“

Alles verwandelt sich ständig. „Sie“ wird zu einem „sir“, der zu einer „strange[n] Mutter“ wird. In „uns“ erkennt das Handy die Vereinten Nationen und macht sie zu „UN’s“, was so seltsam wie wunderschön ist, aber das Beste ist, dass es von Stellen wie diesen hunderte gibt. „Als“’e kommen als „Al’s“ vor und Autorinnen und Autoren als „Autoren I and rinnen“, dass ich beim Lesen die ganze Zeit über den Eindruck hatte, die Texte wären von gespenstähnlichen, der amerikanischen Popkultur entnommenen Wesen bevölkert, die ich nicht kenne, weil es eben amerikanische sind, welche das Handy in die Gedichte hineinpresst. Fluide Gebilde, die sich aus Fehlern zusammensetzen, die „Hallucinaton“’s „Susan men hang loser Zombie“’s sind, die sich die ganze Zeit über verschieben und morphen und ineinander verschmelzen, als sähe man einer riesigen geléeartigen Masse, von der man nicht weiß, welche Form sie als nächstes annehmen wird, beim Wabern zu. Nichts ist sicher.

Es ist nicht klar, wann und warum das Programm auf gewisse Sätze oder Worte zugreift, während es andere unberührt stehen lässt. Es tut es einfach. Und sowenig Zugriff die Sprecherin auf die Situation hat, in der sie sich befindet – „Ever / kommt es me r am 10. Tag so / vor, Al’s sei ich in ein System / geraten, an dem nur es / Ausführende beteiligt sind“ –, so wenig Zugriff hat sie auf ihr Schreibgerät, das zu tun scheint, was es will. Ist es also richtig, diese Texte als Kampf zu lesen? Zwischen Institution und ich? Zwischen Schreibender und Schreibgerät? Zwischen Schreiben und den Rahmenbedingungen, in dem es stattfindet – diesen „gleißend ästhetischen / Momente[n], von denen man Tail / zu sein glaubt, und such / deshalb MIT hineinmontiert, nicht?“ Oh mein Gott, Schreiben, das heißt „schre I Ben“, wer hat diese Texte denn jetzt überhaupt verfasst? Mara Genschel? Ein billiges amerikanisches Mobiltelefon? Die CIA? Das International Writing Program (IWP) in Iowa? Oder ist es eine Koproduktion aller, die Kooperation der Autorin und ihres Handys, die sich im Zusammenspiel in eine dichtende Terminatrice verwandeln? Keine Ahnung.

Ein Schweiß lag über der
Stadt. Die Studentinnen
kauerten mit fettigen oder

geduschten Haaren über ihren
facebook und drückten sich
Pickel aus während die

Vokalbeln lernten. Jeder
Innenraum war sehr kalt und
still bus auf die, die

ungezogen husteten.

Das Tolle an diesen Texten ist, dass es so viele Brüche in ihnen gibt, so viele Fehler und Seltsamkeiten, die beabsichtigt nicht hätten hergestellt werden können, während sie sich gleichzeitig auf so viele verschiedene Arten lesen lassen: als Code oder Übersetzung, als Institutionskritik, als Reisetagebuch, als Kampf zwischen den Geräten und denjenigen, die sie benutzen, als Konzept, als Experiment, als Kooperation, als automatisches Schreiben im Wortsinn, als Texte, die zerfließen, in denen Wirklichkeiten miteinander kollidieren und darüber neue, hyperreale entstehen. Ein bisschen so, als stoße man in einem Videospiel auf einen Fehler, der die Spielerin oder den Spieler, die Leserin oder den Leser, durch Wände gehen lässt. Vielleicht also: Texte wie Glitches. So blöd und so klug und so schön und so witzig und so traurig und das alles gleichzeitig. So hyperreal irgendwie. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass ich zu viel Zeit im Internet verbringe. Das kann auch sein. Lesen Sie das Buch bitte trotzdem. Es ist sehr gut.

Mara Genschel: Cute Gedanken. roughbooks, 96 Seiten, 10 €

Benjamin Quaderer studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und Wien, und liest gern.

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SOUVERÄNITÄT AM ARSCH

Einmal im Jahr geben die Studierenden des Studiengangs für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus der Universität Hildesheim eine Anthologie unter dem Titel Landpartie heraus. In diesem Jahr wurde Maren Kames, eine Absolventin des Studiengangs, gebeten, ein Vorwort zu schreiben. Entgegen der Absicht der Herausgeber konnte der Text nicht wie geplant erscheinen. Daher soll er an dieser Stelle dokumentiert und zugänglich gemacht werden. Ein Grundsatztext über das Schreiben, Schreibschulen, was man in Schreibschulen lernt – und was nicht.

 

SOUVERÄNITÄT AM ARSCH

 

Der Dirk, der Dirk der Dirk der Dirk, der hat so viel erlebt!
Der sollte schreiben.

Rainald Grebe

 

Es werden Angeber nie gute Texte schreiben.

Ich habe noch nicht mal jemals verstanden, wie einer vollends überzeugt und vorsätzlich Autor werden wollen kann. Ich weiß im Schreiben überhaupt nichts, ich muss ständig immer alles von vorne herausfinden. Oft findet sich nichts. Oder es bricht wieder weg, usw.

Ich habe in Hildesheim übers Schreiben nichts gelernt.
Was in Hildesheim funktioniert, ist sich für einen überschaubaren, also erträglichen Zeitraum Zuständen auszusetzen, modellmäßig und auf Probe, die so ein zukünftiges Autorenleben fingieren, und eine Ahnung dazu zu entwickeln, ob man das aushält.

Was außer dem vielleicht herauskommt, ist ein im Kollektivgehuddel fanatischer Textbeschäftigung und bekloppt hingebungsvoller Zettelwirtschaft herausgebildetes Sensorium für Textqualität oder deren Abwesenheit. Wir haben das Shit Detector genannt. Der wird in Hildesheim schon zu einem überdimensionierten Muskel hochtrainiert. Trotzdem liegt es in der Natur dieses Sensoriums, dass es instabil, nervös und offen ist. Muss es bleiben, bitte, sonst geht’s kaputt. Jenseits von Sensorium und Ahnung ist mit nachweisbaren Serviceleistungen seitens der Schule nicht zu rechnen.

(Nichts vom Bisherigen spricht gegen die Schule.)

Ich habe außerhalb der Schule einen Mann getroffen, dem ernsthaft diese Story von den acht bis zehn Romanideen in der Schublade aus seinem Mund gepladdert ist. Nachgeschossen eine perfide Mischkalkulation zur Unterteilung dieser acht bis zehn Ideen in marktgängige, bekömmliche, die sich schnell runter schreiben und gut verkaufen, sowie einige ambitionierte, wagemutige, bahnbrechende, die richtig Schweiß brauchen und ihm den Ruf als ernstzunehmender Autor, literarisches Spitzenbrain oder was sichern. Dahinter der Ausruf, es müsse halt nur mal einer her, der’s druckt, in der Sache hätte er, der Mann, aber also und insofern jetzt schon ausgesorgt.

Alter. Ausgesorgt.

Ich freue mich jedes Mal wie ein Biest, wenn der Mann nölt, er habe sich schon wieder im Vorstadium seines ersten Hauptwerks verheddert. (Ich nenne ihn der Dirk.)

Wenn ich sage, ich wisse nichts im Schreiben, es finde sich oft Nichts und selten Stabiles, meine ich das nicht weinerlich, sondern nüchtern. Ehrlich, im besten Fall menschlich. Der Natur der Sache zugehörig. Ich hab das gelernt, dass es nicht sicher ist. Ich versuche, es auszuhalten, auch das immer wieder von vorne. Ich wollte unter keinen Umständen pädagogisch werden, es gelingt mir nicht, ich werde es jetzt werden:

Werdet niemals großkotzig, nicht im Schreiben. Kultiviert eure Neurosen, Befindlichkeiten, Sperenzchen. Aber werdet nicht affig. Bitte so wenig wie möglich Posen. Brecht lieber zusammen. Text ist ein Ort, an dem das geht, ohne gefeuert zu werden. Seid zärtlich, zweifelt. Hildesheim ist im besten Fall ein Antisouveränitätsbootcamp, eine Arschlochverhinderungsanstalt. Bleibt redlich.

Hier noch was Fröhliches.

Herzlich,
Kames

Maren Kames wurde 1984 in Überlingen am Bodensee geboren. Ihr Debüt Halb Taube halb Pfau ist im September 2016 im Secession Verlag für Literatur erschienen.

Die Landpartie 2017 ist in der Edition Pächterhaus erschienen.