Vom Erdboden verschwunden

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Was macht man, wenn eine Freundin auf einmal verschwindet? Die Erzählerin in Nina Bußmanns Roman Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen geht auf Spurensuche.

Sie ist überzeugt: „Wer verschwindet, will gesucht werden“. So reist sie nach Nicaragua, wo Nelly, die verschwundene Freundin, einen Forschungsaufenthalt als Geophysikerin hatte, ihren Auftrag aber mehr und mehr aus den Augen verlor und scheinbar ziellos durch die Straßen von Managua zog. Aber auch in den kleinen Ort bei Frankfurt, wo Nelly aufwuchs und ihre Mutter vielleicht Aufschluss über ihr zunehmend erratisches Verhalten geben kann.

So entsteht nach und nach das Bild einer Frau, die voller Widersprüche steckt: Ehrgeizig im Studium, mit einem kaltblütigen, wissenschaftlich-rationalen Blick, wenigen persönlichen Bindungen und zuletzt doch einer vielversprechenden Beziehung zu dem Architekten Jakob. Wenig erfährt man dagegen über die Erzählerin selbst: Sie war eine Zeitlang Nellys Mitbewohnerin, zwischenzeitlich haben sich die beiden Freundinnen aus den Augen verloren, und doch steckt sie eine unwahrscheinliche Energie in die Suche nach Hinweisen auf Nellys Verschwinden. Sie nimmt, wie eine Doppelgängerin, ihren Platz in der Hausgemeinschaft in San Dionisio ein und folgt den Routen, die auch Nelly durch die verschlungenen Straßen genommen hat.

Nina Bußmann baut eine große Spannung auf, die um die verschwundene Hauptfigur kreist, eine Leerstelle, die von der Erzählerin in detektivischer Kleinarbeit mit immer mehr Puzzlestücken aufgefüllt wird. Außerdem zeichnet sie in ihrer klaren, kühlen Sprache ein differenziertes Bild von Nicaragua, das seit den siebziger Jahren ein Projektionsort idealistischer westlicher Entwicklungshelfer war. Ziel von Nellys geophysikalischen Forschungen ist die bessere Vorhersage von Vulkanausbrüchen und Erdbeben, um Naturkatastrophen zu verhindern. Nina Bußmann veranschaulicht diese Arbeit in faszinierend detailreichen Exkursen, die auf Naturkatastrophen und seismologische Grundlagenforschung eingehen. Der Grund für Nellys Verschwinden freilich lässt sich durch kein Messinstrument feststellen – sie verschwindet einfach vom Radar.

Nina Bußmann: Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen. Suhrkamp Verlag, 329 Seiten, 22 €

Dieser Artikel erscheint zur Leipziger Buchmesse 2017. Nina Bußmann stellt Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen an folgenden Terminen vor:

Donnerstag, 25. März, 15:00 – 15:30 Uhr, AusbildBar, Halle 5, Stand E 507

Donnerstag, 25. März, 23 Uhr, Lange Leipziger Lesenacht, Moritzbastei, Universitätsstraße 9

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