Wie ein schlafender Mauersegler klingt

paschen-kai

Sandwichmaschinen sind etwas Praktisches. Man sollte aber gut auf sie aufpassen.

Im „Schloss”, dem Internat, wo Maruan Paschens Roman Kai spielt, sind sie sogar verboten und müssen deshalb in den Zimmern versteckt werden. Das ist aber noch nicht das Seltsamste an diesem Debüt, das in diesem an spannenden Neuerscheinungen nicht gerade armen Bücherherbst mit irisierender Bizzarerie hervorsticht.

Kai, die titelgebende Person, lernt man zuerst einmal nicht kennen. Der Ich-Erzähler ist damit beschäftigt, in seiner neuen Bleibe anzukommen. Aber das hier irgendetwas im Argen ist, fällt schnell auf: Die kurzen, in Miniaturform abgefassten Beobachtungen, die er tätigt, zeugen von einer verzerrten, auf eklatante Weise verschobenen Wahrnehmung, die andauernd Nebensächlichkeiten in den Fokus rückt, wichtige Zusammenhänge ignoriert und immer genau dann abschweift, wenn es spannend wird. So funkelt diese Erzählung wie ein geschliffener Edelstein: Nie bekommt man genau in den Blick, was abläuft, ja, mehr noch, jeder Leser wird dieses Buch anders lesen, andere Details hervorheben, andere Beobachtungen machen.

Man kennt diesen unzuverlässigen Erzähler von so unterschiedlichen weltliterarischen Vorgängern wie William Faulkner oder Joseph Roth, nicht zufällig ist besonders die klassische Moderne eine Epoche, die dieses Mittel gerne zur Anwendung brachte: Krise des Erzählens, Vertrauensverlust der Sprache, entnervtes Subjekt.

Umso erstaunlicher ist es, dass Maruan Paschen diese Referenzen leichtfüßig in sein Schreiben übernimmt und mit einem eigenen, dem kurzen Format zugewandten und damit sehr poetischen Stil verbindet, der, nebenbei gesagt, auch die üblichen Internatsroman-Sujets weit hinter sich lässt:

Ich übe kurz Gitarrespielen, bin aber abgelenkt von einem Mauersegler, der vor meinem Fenster schwirrt. D-Moll, das sieht aus wie ein schlafender Mauersegler klingt. Danach kann ich vermutlich besser Gitarre spielen, vielleicht aber auch nicht.

Damit begibt er sich nicht nur in eine große Tradition, sondern führt auch ein ganz eigenes, hochspannendes Schreibexperiment durch, das in der jüngeren Autorengeneration ohne Beispiel ist. Lesen!

Maruan Paschen: Kai. Eine Internatsgeschichte. Matthes & Seitz Berlin, 101 Seiten, drei Abbildungen, 16,90 €

Dieser Artikel erscheint live zur Frankfurter Buchmesse. Maruan Paschen stellt seinen Roman Kai an folgenden Terminen vor:

Mittwoch, 8. Oktober, 18:30 Uhr: Frankfurter Kunstverein

Maruan Paschen, Jan Hoffmann, Markus Sehl und Marlon del Mestre im Gesprächh zur »Tippgemeinschaft« des Deutschen Literaturinstituts Leipzig

Freitag, 10 Oktober, 17:00 Uhr: Frankfurter Kunstvererein

Lesung aus Kai. Eine Internatgeschichte

frankfurter-buchmesse

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