Wir waren frierende Hirten

hohe-tatra

Gedichte kann man lesen, Horrorfilme schauen, über beides trefflich diskutieren. Und sonst?

Der überraschend gut funktionierenden Verschränkung von Gegegenwartslyrik und Horrorfilm hat Georg Leß in dem Band Metonymie, herausgegeben von Norbert Lange und jetzt erschienen im Verlagshaus J. Frank, einen ganz unbescheiden monomanischen Aufsatz (inkl. ca. 100 zitierter Horrorfilme) gewidmet. Aber das mit Fug und Recht:

Denn sowohl Gegenwartslyrik als auch -horrorfilm profitieren von einer vitalen, rasch produzierenden, distribuierenden und konsumierenden Szene, einer oft ungeduldigen Verbreitung ihrer Zeugenberichte. Horrorfilme als Groß-, Klein-, Direct-to-Video- und No-Budget-Produktionen, Gedichte in Groß-, Klein-, BoD- und Selbstverlagen, Zeitschriften und Anthologien und alle mittels Internet. (…) Drumherum immer neue Diskurse, Hype-Zyklen, Lesereihen, Themenhefte, Filmfeste mit einer immensen Schnittmenge von Produzenten und Konsumenten, sagte sie, vor allem im Bereich der Gegenwartslyrik, scheint es doch so bequem, Kamera und Schauspieler warten schon. Das steckt an, erfordert oft nur einen einzigen Biss und augenblicklich breiten sich Moden epidemisch aus, Wortfelder, Sprechhaltungen, Formeln. Somit bestehe die Chance, wirklich alles aus jedem erdenklichen Blickwinkel für jedermann sagen zu können. Varianten, Permutationen, Repliken, Remakes, Pastiches, Rip-offs.

Dass diese Kombination zweier auf den ersten Blick so fremder Abteilungen aber letztlich gar nicht überrascht, sollte jedem Leser von Georg Leß‘ kürzlich erschienenen Lyrikheft Schlachtgewicht schon längst klar sein: Hier wird die einsame Holzhütte im Wald zitiert, Fleisch in der Einkaufstüte transportiert und nach Knochen gegraben. Das macht aber Leß‘ Gedichte keineswegs zu Horrorlyrik oder Gedichtsplatter – diese Texte sind nicht klischeehaft oder schrill, dafür aber fein gearbeitet und auf mehreren Ebenen lesbar, so dass sowohl Lyrikpuristen als auch Programmkino-Enthusiasten ihre Freude daran haben. So etwa hier, bei dem neckisch betitelten Gedicht „If Nancy doesn’t wake up screaming, she won’t wake up at all“:

und außer Bergen? Hügel
buschig himmelwärts, bezwingbar, halber Tagesmarsch
brachte uns über alle und das war’s, wie ausgebeint

dazwischen nämlich trockneten Lemuren, hart gesonnte
nackte Stämme, Kippfiguren / die vibrierten, sich berieten
mit Föhn und meinem Schlachtgewicht

zur Schur, den Schafen wurde nichts gezahlt
zahllos bezogen sie den Landstrich frisch
vibrierten, wir waren frierende Hirten, und fuhren mit uns

aus der Haut

Lohnt sich beides sehr, hiermit also nachdrücklich zur Anschaffung empfohlen:

Norbert Lange (Hg.): Metonymie. Anthologie. Verlagshaus J. Frank Berlin, 220 Seiten, 13,90 €

Georg Leß: Schlachtgewicht. Gedichte. parasitenpresse, 14 Seiten, 6 €

Foto: Hütte in der Hohen Tatra von Adam Chrobak, via Cabin Porn

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7 Kommentare zu “Wir waren frierende Hirten

  1. Pingback: Schlachtgewicht auf allen Kanälen | parasitenpresse

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