Die Mikrowelle leuchtet gnostisch

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Ein schöner kleiner böser Gedichtband in diesem an tollen Gedichtbänden nicht gerade armen Jahr ist Jan Skudlareks Elektrosmog.

Zwischen Hochhäusern, am Waldrand und zum FKK-Strand weht dieser bad wind und verpestet die Idylle: Innige Stadt- oder Naturbilder sucht man hier vergebens. In die Stadt entleert sich eine Zombie-Apokalypse aus aufgeblähten Schiffsbäuchen, im Wald bezieht die Armee Stellung und am Strand träumt einer von einem halben Dutzend Arme, das ihn schlafend ins Meer trägt.

Skudlarek spielt virtuos auf der Klaviatur der Verstörung; dazu passen die gelegentlich eingestreuten Horrorfilm-Zitate. Er entwickelt in seinen Gedichten aber außerdem eine Sprache, in der sich wie ein Computervirus ein maschinenhafter Slang ausbreitet und nonchalant mit Erwartungshaltungen bricht: Wo bei Hölderlin die kalte Fahne klirrt, wehen hier Systemadministratoren im Wind, die Sprecher lesen in den „Quellcodes ihrer Kindheit“ und stellen fest: „Diese ganze Gegend muss neu gebootet werden“. Die Frage drängt sich auf: Ist hier noch ein Autor am Werk? Oder hat HAL 9000, der Supercomputer aus 2001: Odyssee im Weltraum, das Schreiben übernommen?

Die kühle Lakonie, von der dieser Band umgeben ist, gerät immer wieder in Gefahr, zur selbstgefälligen Lässigkeit zu mutieren, etwa durch ein cool hinterhergeschobenes „z.B.“, eine Mikrowelle, die (wie auch immer) „gnostisch leuchtet“ oder allzu naheliegende Wortspiele; beim dritten oder vierten Durchlesen fallen auch stilistische Unschönheiten wie die Häufung von Menschentrauben und Aggregatzuständen auf.

Am besten gelingen Skudlarek dagegen die Gedichte, in denen ein Stilmittel pointiert eingesetzt und effektvoll ausgespielt wird, wie etwa bei fehlermeldungen, wir sammeln sie samt handschuhen, das neben der Verschmelzung von Bildschirm und Himmel auf sprachliche Kunststückchen verzichtet und gerade dadurch eine umso beklemmendere Stimmung erzeugt:

und ein blue screen über der stadt, der neustart

steht bevor. vor torschlusspanik finden wir

unsre finger kaum, der wintermorgen hat sie

taubgefroren. nachmittags ziehen wolken bild-

schirmschonend vorbei, schnee. beim verlassen

des cafés ein aufbäumen gegen die witterung,

leergefegt sind die alleen. so traumlose gebilde,

taumelnd. unsere beine lotsen uns ins trostlose,

wir tosen.

Jan Skudlarek: Elektrosmog. Gedichte. Illustriert von Simone Kornappel. Luxbooks, Wiesbaden, 100 Seiten, 19,80 €

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2 Kommentare zu “Die Mikrowelle leuchtet gnostisch

  1. Pingback: 44. Elektrosmog | Lyrikzeitung & Poetry News

  2. Pingback: Atari Breakout zu Pferde | The Daily Frown

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