Pynchon-Tagebuch (3): Scared shitless

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Der unheilvolle 11. September nähert sich, und New York vibriert wie nie: Nach helical and slow und real ice cream der dritte Teil des Lesetagebuchs zu Thomas Pynchons Bleeding Edge.

Lesefortschritt: 75%

Noch mehr Cafés mit ausgefallenen Namen, verrückte Konzerte, ausufernde Partys: Je näher sich Bleeding Edge auf den 11. September zubewegt, desto höher scheint die Fieberkurve New Yorks zu steigen. Wir begegnen der Programmiererin Driscoll Padgett wieder, die auch Sängerin der Band Pringle Chip Equation ist, Maxines Freundin Heidi stürzt sich in eine kurze Affäre mit dem Geruchsexperten Conkling Speedwell, und neu auf den Spielplan treten Maxines Schwester Brooke und ihr Schwager Avi, die von einer geheimnisvollen Reise nach Israel zurückkehren. Mossad-Verbindungen? Jedenfalls hatte der undurchsichtige Detektiv Nicholas Windust sich auch schon nach Maxines Schwager erkundigt. Im Vordergrund stehen aber erst einmal seitenlange Familiendiskussionen und Geschwisterzwist. Zwischendurch kommt heraus, das Gabriel Ice, der Geschäftsführer von hashslingrz.com, Avi einen Job in seiner Firma angeboten hat. Neue Unterlagen, die ans Licht kommen, beleuchten die Geldwäschegeschäfte über hashslingrz.com, in die auch ein sogenannter Wahhabbi Transreligious Friendship (WTF) Fund verwickelt zu sein scheint. Eine beunruhigende Entdeckung, da diese Organisation als „terrorist paymaster“ gilt. Eine zweite Filmaufnahme – diesmal auf DVD – landet in Maxines Briefkasten; sie zeigt ein Raketengeschütz auf einem Hochhaus, das auf ein vorbeifliegendes Flugzeug zielt, aber im letzten Moment abgebaut wird. Maxine ist sich ziemlich sicher, dass die DVD von dem Dokumentarfilmer Reg Despard stammt, der sie ursprünglich auf hashslingrz.com aufmerksam machte, aber inzwischen abgetaucht ist. Einige Shopping-Touren, Familien-Reunions und Dotcom-Partys später dann die Nachricht: „Something bad is going on downtown.“

Bleeding Edge ist Familienroman, New-York-Roman und Verschwörungsthriller in einem. Das ist typisch Pynchon, und auch auf eine Art und Weise sehr sarkastisch: Maxine erhält eine alarmierende Filmaufnahme mit Raketenwerfern, die auf Flugzeuge zielen – und geht im nächsten Kapitel erst einmal shoppen. Die Gleichzeitigkeit von Terror, Alltag, Abendunterhaltung und Familienleben, die vielleicht auch erst seit dem 11. September zur Normalität geworden ist, wird hier in ihren Anfängen gezeigt. Aber was in den restlichen 25% noch passieren soll? Alles offen.

Markierte Zitate:

Über eine Party von hashslingerz-Gründer Gabriel Ice:

„Even though the dotcom bubble, once an eye-catching ellipsoid, now droops in vivid pink collapse over the trembling chin of the era, perhaps no more than a vestige of shallow breath left inside it, no expense tonight has been spared.“ (Link)

Der Tag nach dem 11. September und des im Fernsehen übertragenen Einsturzes der World-Trade-Center-Türme:

„A viewing population brought back to its default state, dumbstruck, undefended, scared shitless.“ (Link)

Deutsche Pressestimmen:

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