Irgendwo singt ein Vogel, voll laut

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Hurra, junge Literatur! Stefanie de Velasco (Foto: Joachim Gern)

Wo kommt die junge Literatur her, wo geht sie hin? Was ist das überhaupt, „junge Literatur“? Leidige Fragen, die sich die Redaktionen Jahr für Jahr stellen (schlimmstenfalls kommt so etwas oder so etwas dabei heraus), und die man auch trefflich an Stefanie de Velascos Tigermilch herunterdeklinieren könnte.

Eine junge Autorin! Na gut, 1978 geboren, auch schon Mitte dreißig, aber immer noch: vergleichsweise jung! Außerdem ein Debüt! Entdecken wir hier also ein neues Talent, bestenfalls die Hoffnung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur? Und: junge Protagonistinnen, die so etwas wie Jugendsprache reden! Jung, jung, jung. Dass der Klappentext mit einem Zitat von Jan Brandt wirbt, der Tigermilch als „Tschicks on Speed“ ausruft: geschenkt.

Hat man da überhaupt noch eine Chance, dieses Buch unbefangen und naiv einfach (oha!) zu lesen? Man sollte es versuchen, denn Nini und Jameelah, die nach der Schule zum Spaß auf den Babystrich auf der Kurfürstenstraße gehen und sich mit Müllermilch und Mariacron abfüllen, sind Hauptfiguren, die man so schnell nicht vergisst. Der Roman ist in der Erzählperspektive, trotz etwas alberner Wortspiel-Zuschreibungen („Wir sprechen O-Sprache, Geld ist Gold […]“) überzeugend direkt, ohne sich unnötig „frech“, „rotzig“ oder „schrill“ anzubiedern. Das macht Stefanie de Velasco ähnlich wie Verena Güntner, die dieses Jahr bei Bachmann-Wettbewerb für ihr Prosastück „Es bringen“ mit dem kelag-Preis ausgezeichnet wurde und die Gedankenwelt eines adoleszenten 16-jährigen nahezu perfekt zur Sprache brachte (der komplette Roman soll nächstes Jahr erscheinen).

Ganz nebenbei entwickelt sich nun, und das ist wirklich grandios, in Tigermilch so etwas wie eine spontane Poetik des Augenblicks, die in ihrer simplen Direktheit umso mehr ins Schwarze trifft: „Wir trinken abwechselnd Tigermilch, schauen in den Himmel und sagen gar nichts, lassen das Leben einfach vorbeitreiben, weil wir noch so viel Zeit haben, weil die Uhr erst auf 14 nach steht, das heißt noch fast 50 Minuten Leben, und das ist sehr lange. Irgendwo singt ein Vogel, voll laut, als ob er ganz genau wüsste, wie schön er singt.“ So findet die Erzählung mit der Zeit ihren Platz zwischen flüchtiger Schönheit und der Brüchigkeit alles Feststehenden – und spielt natürlich deswegen in den Sommerferien, den letzten Tagen der Kindheit, der großen Freundschaft, die auf die Probe gestellt wird. Bis es zu einer tatsächlichen Katastrophe kommt, die so dermaßen unvermittelt über den Leser hereinbricht, dass sie die zweite Hälfte des Romans wie in Watte gepackt erscheinen lässt.

Es gibt also genug Gründe, Tigermilch eine Chance zu geben. Aber bitte keine zu-Tode-Umarmung: Verschont Stefanie de Velasco davon, die junge deutsche Literatur retten zu müssen! Vielleicht schreibt sie ja als nächstes einen Science-Fiction- oder Fantasy-Roman und gewinnt damit den Deutschen Buchpreis. Das würde beiden nicht schaden.

Stefanie de Velasco: Tigermilch. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 288 Seiten, 16,99 €

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2 Kommentare zu “Irgendwo singt ein Vogel, voll laut

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