Etüden für zwei Finger und ein Garn

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Die Auflösung und Wiederherstellung des Buchs am Beispiel von Uljana Wolfs Gedichtbänden: Eine Oberflächenästhetik anlässlich ihres neuesten Bands meine schönste lengevitch.

Lyrikbände sind oft eher schmal und lassen, je nach Autor, dem Gestalter viel Raum für die ästhetische Inszenierung. An den Büchern von Uljana Wolf kann man wie nebenbei auch eine Geschichte von kookbooks ablesen, einem Verlag, der wie kaum ein anderer die Ästhetik der Bücher gleichrangig mit den sie enthaltenden Texten behandelt.

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kochanie ich habe brot gekauft ist ein repräsentatives Beispiel für die Arbeit des Gestalters Andreas Töpfer, der geometrische Spielereien mit satten Farbflächen kombiniert; innen gewinnt der Band an fragilem Eindruck durch mehrere eingefügte Transparentbögen.

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Weg von „dem“ einen Buch, wie als Signal für die Heterogenität des Programms, legte der Verlag dann Uljana Wolfs zweiten Band falsche freunde in grün, pink und blau gefasstem Umschlag auf – wer diesen Band über das Internet bestellte, durfte sich überraschen lassen, welche Ausgabe im Briefkasten landete.

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Die Abgrenzung vom starren, gebundenen Buch trieb die Übertragung der Barrett-Browning-Sonette SONNE FROM ORT weiter, deren Gestaltung sich auch am ursprünglichen Insel-Büchlein orientierte – allerdings mit ausfaltbarem Umschlag, der genausogut Poster sein könnte (wie es auch bei Steffen Popp der Fall ist). Das eigentliche Buch darunter begnügt sich mit schlichtem Weiß.

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Die schönste lengevitch nun, Uljana Wolf jüngster kookbooks-Band, erscheint wieder in klassischer Broschur mit großzügigen Klappen; das Spiel mit den Erwartungen ist dieses Mal subtil: In Textur einem Pappkarton nachempfunden, ist das Umschlagpapier von solider Festigkeit, der schmale rote Buchrücken lässt zunächst an eine Leinenbindung denken, ist aber ebenfalls Teil der Broschur und wird farblich in der karmesinroten Umschlaginnenseite wieder aufgegriffen.

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Ein Schulheft? Ein Notizbuch? Mehrere Assoziationen stellen sich ein. Begreift man Uljana Wolfs neueste Gedichte, die sich ganz konkret mit der Sprache auseinandersetzen und sich bis zum einzelnen Wort daran abarbeiten, als Etüden, könnte vielleicht Ersteres am ehesten zutreffen: Etüden für zwei Finger und ein Garn.

Irgendwo singt ein Vogel, voll laut

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Hurra, junge Literatur! Stefanie de Velasco (Foto: Joachim Gern)

Wo kommt die junge Literatur her, wo geht sie hin? Was ist das überhaupt, „junge Literatur“? Leidige Fragen, die sich die Redaktionen Jahr für Jahr stellen (schlimmstenfalls kommt so etwas oder so etwas dabei heraus), und die man auch trefflich an Stefanie de Velascos Tigermilch herunterdeklinieren könnte.

Eine junge Autorin! Na gut, 1978 geboren, auch schon Mitte dreißig, aber immer noch: vergleichsweise jung! Außerdem ein Debüt! Entdecken wir hier also ein neues Talent, bestenfalls die Hoffnung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur? Und: junge Protagonistinnen, die so etwas wie Jugendsprache reden! Jung, jung, jung. Dass der Klappentext mit einem Zitat von Jan Brandt wirbt, der Tigermilch als „Tschicks on Speed“ ausruft: geschenkt.

Hat man da überhaupt noch eine Chance, dieses Buch unbefangen und naiv einfach (oha!) zu lesen? Man sollte es versuchen, denn Nini und Jameelah, die nach der Schule zum Spaß auf den Babystrich auf der Kurfürstenstraße gehen und sich mit Müllermilch und Mariacron abfüllen, sind Hauptfiguren, die man so schnell nicht vergisst. Der Roman ist in der Erzählperspektive, trotz etwas alberner Wortspiel-Zuschreibungen („Wir sprechen O-Sprache, Geld ist Gold […]“) überzeugend direkt, ohne sich unnötig „frech“, „rotzig“ oder „schrill“ anzubiedern. Das macht Stefanie de Velasco ähnlich wie Verena Güntner, die dieses Jahr bei Bachmann-Wettbewerb für ihr Prosastück „Es bringen“ mit dem kelag-Preis ausgezeichnet wurde und die Gedankenwelt eines adoleszenten 16-jährigen nahezu perfekt zur Sprache brachte (der komplette Roman soll nächstes Jahr erscheinen).

Ganz nebenbei entwickelt sich nun, und das ist wirklich grandios, in Tigermilch so etwas wie eine spontane Poetik des Augenblicks, die in ihrer simplen Direktheit umso mehr ins Schwarze trifft: „Wir trinken abwechselnd Tigermilch, schauen in den Himmel und sagen gar nichts, lassen das Leben einfach vorbeitreiben, weil wir noch so viel Zeit haben, weil die Uhr erst auf 14 nach steht, das heißt noch fast 50 Minuten Leben, und das ist sehr lange. Irgendwo singt ein Vogel, voll laut, als ob er ganz genau wüsste, wie schön er singt.“ So findet die Erzählung mit der Zeit ihren Platz zwischen flüchtiger Schönheit und der Brüchigkeit alles Feststehenden – und spielt natürlich deswegen in den Sommerferien, den letzten Tagen der Kindheit, der großen Freundschaft, die auf die Probe gestellt wird. Bis es zu einer tatsächlichen Katastrophe kommt, die so dermaßen unvermittelt über den Leser hereinbricht, dass sie die zweite Hälfte des Romans wie in Watte gepackt erscheinen lässt.

Es gibt also genug Gründe, Tigermilch eine Chance zu geben. Aber bitte keine zu-Tode-Umarmung: Verschont Stefanie de Velasco davon, die junge deutsche Literatur retten zu müssen! Vielleicht schreibt sie ja als nächstes einen Science-Fiction- oder Fantasy-Roman und gewinnt damit den Deutschen Buchpreis. Das würde beiden nicht schaden.

Stefanie de Velasco: Tigermilch. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 288 Seiten, 16,99 €

Babelogue

Im südtirolischen Lana kommen im September 29 Dichter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, um sich zu vernetzen und vielleicht gemeinsam eine neue Poetik der Gegenwart zu entwickeln.

Initiator des Projekts Babelsprech sind die Literaturwerkstatt Berlin und das Literaturhaus Wien, als Organisator ist neben Robert Prosser (Österreich) und Michael Fehr (Schweiz) der Lyriker Max Czollek, Autor des Bands Druckkammern (siehe hier) und Mitglied der Berliner Lyrikgruppe G13, dabei.

babelsprech

Er selbst beschreibt das Projekt so: „Bei Babelsprech geht es uns darum, an eine Diskussion unter jungen Lyrikerinnen und Lyrikern anzuknüpfen, die an unterschiedlichen Orten bereits geführt wird. Die Frage der Selbstverortung und des Verhältnisses zu einer gegebenen ‚Szene‘ steht dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit. Wie wir uns historisch, sozial, geographisch und kulturell selbst verorten, bestimmt unser Verhältnis zur ‚Szene‘ mit. Gleichzeitig wirkt dieses Verhältnis auf unser Schreiben, setzt uns unter Druck und kommuniziert normative Vorgaben über ‚gutes Schreiben‘. Weil wir der Überzeugung sind, dass diese Verortungen und Verhältnisse in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr unterschiedlich ausfallen, und weil wir glauben, dass diese Unterschiede außerordentlich produktiv werden können, umfasst das Projekt den gesamten deutschsprachigen Raum. Nicht zuletzt verweist Babelsprech ja auf zweierlei: Einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht – und sich dabei immer wieder misszuverstehen, obwohl wir denken, wir sprechen dieselbe Sprache.“

lyrik-von-jetzt

Hier soll also etwas beginnen, was man ohne Übertreibung als eine neue Lagebesprechung der jungen Gegenwartslyrik bezeichnen kann. Lesetouren, Veranstaltungskonzepte und die Einrichtung einer eigenen Webseite sollen folgen. Eine schöne Ankündigung am Rande: Der Wallstein Verlag aus Göttingen hat schon bestätigt, 2015 (!) eine Anthologie mit dem Titel Lyrik von Jetzt 3 herauszubringen. Kenner werden aufhorchen: Er tritt damit in die Fußstapfen der renommiertesten jungen Lyrikanthologien der letzten Jahre, die bei DuMont (leider vergriffen und nicht mehr auf der Verlags-Webseite verzeichnet) respektive im Berlin Verlag erschienen waren.

Bald mehr auf babelsprech.org, bis dahin kann man sich auf der Seite der Literaturwerkstatt Berlin informieren.

14 Poeten sollt ihr sein

poetenladen

Verglichen mit den genaugenommen gar nicht mehr so jungen Literaturmagazinen BELLA triste und Edit ist er ein echter Jungspund – doch auch der 2006 gegründete poet kann inzwischen schon auf die stattliche Anzahl von vierzehn Ausgaben zurückblicken; umso bedeutender, als jede Nummer in großzügiger Klappenbroschur eher einem Taschenbuch als einer Zeitschrift gleicht und auch an Umfang seit der Gründung kontinuierlich gewachsen ist.

Lange nicht nur Poesie, auch Prosa, Reportagen und Gespräche sind Gegenstand des poet, dem (auch das eher ungewöhnlich) mit dem poetenladen eine Internetplattform vorausging, die als Forum für neue Literatur, Kritik und Lexikon relevanter Gegenwartsautoren einer der Eckpfeiler der jungen Literatur im Netz ist.

In den Ausgaben seit Herbst 2010 (problemlos lieferbar und keinesfalls out of date) besonders bemerkenswerte Lieblingstexte seien hier einfach streng selektiv-subjektiv zum Erscheinen der 14. Ausgabe noch einmal hervorgehoben.

Da wäre Dorothee Elmigers Prosatraum „Als elf Schneekraniche über die Alpen flogen“, der ein fantastisch fragiles Gegenstück zu ihrem Roman Einladung an die Waghalsigen bildet, dann Peter Kurzeck im Gespräch mit Walter Fabian Schmid („Man findet nie genau dasselbe wieder“), junge Lyrik von Max Czollek (sommerloch) und Kathrin Bach (geografie), noch mehr Lyrik aus Brasilien (Pro-Tipp: Buchmesse-Gastland Frankfurt 2013!), sowie der Miniaturen-Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe, besonders zu empfehlen Josef Maruan Paschens Sammlung „Von den alten Helltikken“ – eine Lesung daraus kann man sich bei Kabeljau & Dorsch anhören.

Neben Zeitschrift und Webseite ist der Poetenladen natürlich auch noch ein klassischer Buchverlag: Die Einzelpublikationen, etwa von Katharina Hartwell, die gerade landauf, landab Lorbeeren für ihren Debütroman einsammelt, oder Constantin Göttfert, der gerade an seinem zweiten Roman für den C.H. Beck Verlag arbeitet, sind, gerade für den eher spontanen Thalia- oder Hugendubel-Buchkäufer, vielleicht noch ein kleiner Geheimtipp. Aber nun genug des namedroppings, alle streng-selektiv-subjektiven Tipps in Ehren: Entdecken kann man ja selbst immer noch am besten, und dafür eignet sich der Poetenladen bestens.