Der innere Gartenbau des Netzes

karawaneDie nächste Oase ist nicht weit, wenn man Alexander Kluge folgt.

Alexander Kluge denkt über das Internet nach – ein Protokoll davon gibt es jetzt im Digitalverlag mikrotext zu lesen.

Manchmal braucht es nur eine gute Idee: mikrotext-Herausgeberin Nikola Richter hat ein Telefongespräch mit dem großen Mediendenker Alexander Kluge geführt und daraus das E-Book Die Entsprechung einer Oase gemacht, das auf kleinstem Raum Weltpolitik, Internet-Theorie, Urheberrecht und überhaupt die Verfasstheit des Subjekts im digitalen Zeitalter verhandelt.

Die direkte Anrede durch Kluge in der zweiten Person Singular, für Sachtexte eigentlich eher unüblich, baut hier eine angenehme Nähe auf. Stellenweise beschleicht einen das Gefühl, Kluge beim Denken zuschauen so können, etwa wenn er zu einem seiner anschaulichen Vergleiche greift:

Lassen Sie es mich literarisch als Gleichnis beschreiben: Überall ist Silizium. In einer Wüste ist zu viel Silizium, deswegen ist in der Wüste eine Oase etwas Schönes. Das Zuviel des Naturstoffs „Information“ im Internet führt zum Bedürfnis des Gartenbaus, zur Abschottung vor „Information“. Zum inneren Gartenbau innerhalb des Netzes. Es ist also wichtig, dass es im Internet Orte gibt, an die man sich mit einem bestimmten Interesse zurückzieht.

Damit ist man bereits an einer der zentralen Botschaften, vielleicht der wichtigsten, die Alexander Kluge in diesem E-Book formuliert, angelangt: Die oft beschworene mediale Überforderung, der Informationsüberfluss, eine der ältesten Vorwürfe an die Netzkultur (Schirrmacher, ick hör dir trapsen), ficht ihn nicht an. Gleichzeitig verfällt er aber auch nicht in blinde Affirmation: Das Netz, das Kluge „faszinierend“ findet, bildet Ruhepunkte, lädt zum Atemholen ein – solange man sich darauf einlässt (besser: die Freiheit nimmt), den Blick vom Großen und Ganzen abzuwenden. Sympathisch!

Alexander Kluge: Die Entsprechung einer Oase. Essay für die digitale Generation. mikrotext Verlag, 2013, ca. 50 Seiten, 2,99 €

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3 Kommentare zu “Der innere Gartenbau des Netzes

  1. Mit gefiel besonders die Stelle, an der Kluge beschreibt, dass er eher konservativ werde angesichts des Internets in puncto Schreiben. Der öffentliche Ausdruck, „den erst das Netz ermöglicht, ist expressiv. Hier geht es um ein neuartiges Gefäß. Die Erfindung solcher Gefäße (vor allem wenn sie kollektiv und spontan stattfindet) ist das im modernen Sinne ‚Poetische‘, das heißt, es ist ‚macherisch‘.“

  2. Pingback: 11. März 2013: The Daily Frown schaut Alexander Kluge beim Denken zu — mikrotext

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