Zeitreisen in Weißensee

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Natürlich weiß ich, wo ich mich an diesem Sonntagabend befinde: In der Brotfabrik Weißensee, an der Kreuzung Ostseestraße/Prenzlauer Allee, genauer: Caligariplatz 1, noch genauer: Roter Salon.

Aber doch bin ich an diesem Abend an so vielen Orten und zu so vielen Zeiten zugleich, dass mir fast schwindelig wird: Rom, 1920. Paris, 1941. In einem Antiquariat, einem Orangenhain. Sieben Jahre nach dem Ende des dritten Weltkriegs.

Alexander Graeff hat für die zweite Ausgabe seiner Lesereihe „Literatur in Weißensee“ die Autorin Anja Kümmel eingeladen. Größer könnte der Kontrast zum Abend mit dem Lyriker Mikael Vogel nicht sein. Mikael Vogels Gedichte kommen mitunter mit zwei Zeilen aus. Anja Kümmel schreibt Romane, die sich über drei Jahrtausende erstrecken. Aus einem, Träume digitaler Schläfer, liest sie heute abend vor, und der Abend beginnt mit Science Fiction: Ashur, ein geschlechtsloser Mensch der Zukunft, stolpert voller trügerischer Erinnerungen durch den mit Abstand am wenigsten aufgeräumtesten Cyberspace, während draußen die Mindsnatcher kreisen: „Offen bleiben ist Selbstmord“, so die Devise in dieser rätselhaften Welt, die ein bedrohlicher Schnappschuss bleibt.

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Gastgeber Alexander Graeff pariert nun – getreu dem dialogischen Prinzip der Veranstaltung – mit dem nicht minder mysteriösen inneren Monolog eines Zauberkünstlers, der sich, von Selbstzweifel geplagt, in bessere Zeiten hinwegträumt, das Rom und Paris der zwanziger Jahre, und irgendwie schwingt auch etwas vom Zauberberg mit, wenn die experimentelle Geisterfotografie ins Spiel kommt; man würde sich nicht wundern, Hans Castorp mit dem Röntgenbild seiner Hand durch die Szenerie spazieren zu sehen.

Das Thema für den Abend ist gesetzt: Denn nun kennt auch das Raum-Zeit-Gefüge von Anja Kümmel kein Halten mehr. Ohne Vorwarnung – merke: wir befinden uns immer noch im selben Roman – setzt ihr zweiter Textauszug im Paris zur Zeit des Zweiten Weltkriegs an, wo eine junge Amerikanerin mit großen Augen die Literaten- und Künstlerszene betritt – Gertrude Stein, F. Scott Fitzgerald und Djuna Barnes grüßen aus der Ferne. Müßig zu erwähnen, dass, wie ich nach der Lesung erfahre, das nur die zweite von insgesamt drei Zeitebenen in Träume digitaler Schläfer war, so mühelos springt Anja Kümmel von einer Welt zur nächsten.

cafe-de-floreFür einen kurzen Moment spielte der Abend auch im Café de Flore

Ein kurzes Innehalten mit einer Miniatur zur „Theorie des Erinnerns“ von Alexander Graeff, wo die Orangenhaine duften und die Zeit noch einmal ganz anders riecht, dann: Finale, gelesen in verteilten Rollen, ein Auszug aus Anja Kümmels neuem Projekt The long way home, gleichsam Rückkehr in die Gegenwart: Eine Autofahrt, ein Unfall, eine tote Schwester, ein verschwundener Vater und die immer langsamer vergehende Zeit, Sinnbild für traumatische Ereignisse, die hier nur gestreift werden. Der turbulente Abend endet mit einer Leerstelle.

Auf dem Rückweg von der Brotfabrik verliere ich doch kurz die Orientierung und steige beinahe in die Straßenbahn zum Virchow-Klinikum. Dann wechsle ich noch rechtzeitig zur richtigen Haltestelle auf der anderen Straßenseite. Willkommen zurück in Berlin.

Literatur in Weißensee findet jeden 3. Sonntag im Monat statt. The Daily Frown berichtet als Medienpartner über die Lesungen.

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